Als Dawson Moretti zum ersten Mal eine Waffe auf mich richtete, wirkte er angsterfüllter als ich. Das hätte meine Warnung sein müssen.
Nicht der Eiskübel, den ich ihm während eines Geschäftsessens über den Kopf geschüttet hatte. Nicht die zehntausend Dollar pro Woche, die er mir plötzlich für meine Arbeit als persönliche Assistentin zahlte. Und auch nicht die Tatsache, dass Chicagos gefürchtetste Familie ausgerechnet eine Kellnerin mit überfälliger Miete und einem Vater voller Spielschulden in ihre Villa geholt hatte.
Die Warnung war sein Blick.
Für einen einzigen Moment hatte Dawson Moretti nicht arrogant oder gefährlich ausgesehen, sondern wie ein Mann, der vor etwas davonlief. Und Menschen wie Dawson fürchteten nur Dinge, die sie zerstören konnten.
Drei Wochen später glaubte die halbe Stadt, ich würde mit ihm schlafen. Die andere Hälfte war überzeugt, dass ich längst tot sei. Beide Seiten lagen nicht völlig falsch.
Jeden Morgen fand Dawson eine neue Möglichkeit, meine Geduld zu testen.
„Du kannst keinen Mann in den Michigansee werfen, nur weil er deine Schuhe beleidigt hat“, sagte ich eines Tages.
„Er hat meine Mutter beleidigt.“
„Er sagte, sie sei elegant.“
„Er sagte, sie kleide sich wie eine pensionierte Mafiwitwe.“
Ich starrte ihn an.
Dawson starrte zurück. Dann sah er tatsächlich enttäuscht aus, als ich ihm das Messer aus der Hand nahm.
„Na gut“, murmelte er.
Eigentlich hätte ich mich über diesen kleinen Sieg freuen müssen. Stattdessen fühlte er sich gefährlich an. Denn Dawson hörte mir jeden Tag schneller zu. Er beobachtete mich länger. Und ich begann zu verstehen, dass niemand in dieser Familie ihn wirklich kannte. Nicht einmal sein Vater Vittorio.
An einem regnerischen Donnerstag brachte ich vergessene Unterlagen zur Villa zurück. Im Flur vor Vittorios Arbeitszimmer hörte ich Stimmen.
„Sie kommt der Wahrheit zu nahe“, sagte Dawson.
„Welche Wahrheit?“, fragte Vittorio leise.
„Sie erinnert sich an Einzelheiten.“
„Einzelheiten reichen nicht.“
Dann entstand eine Stille, die schwerer war als jedes gesprochene Wort.
„Was passiert, wenn sie alles erfährt?“, fragte Dawson.
Vittorio antwortete erst nach einer langen Pause.
„Dann verlieren wir sie für immer.“
Ich wich zurück, ohne entdeckt zu werden. Zwei Tage später lag vor meiner Wohnung ein grauer, versiegelter Umschlag ohne Absender. Darin befanden sich alte Fotografien: eine junge Frau mit meinen Augen, Vittorio neben ihr und ein Baby in ihren Armen.
Auf der Rückseite des letzten Bildes standen drei Worte.
Frag Vittorio.
Am nächsten Morgen stürmte ich mit der Schachtel in die Villa. Dawson sprang auf, als er mein Gesicht sah.
„Sienna, was ist passiert?“
Ich schleuderte die Bilder auf den Tisch. Sein Gesicht wurde grau.
„Du wusstest es“, sagte ich.
„Lass mich erklären.“
„Wer war diese Frau?“
In diesem Moment erschien Vittorio im Türrahmen. Sein silberner Stock klopfte einmal, zweimal auf den Marmor. Dann griff er nach dem obersten Foto und sagte…
TEIL 2
„Diese Frau hieß Elena Brooks“, sagte Vittorio.
Mein Atem stockte.
„Meine Mutter?“
„Ja.“
„Warum war sie mit dir zusammen auf diesen Bildern?“
Vittorio ließ das Foto sinken. Zum ersten Mal sah ich nicht den gefürchteten Mann, dessen Name in Chicago nur hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen wurde. Ich sah einen alten, erschöpften Menschen.
„Weil sie mir vor fünfundzwanzig Jahren das Leben gerettet hat.“
Er erzählte von einem Überfall, einer Kugel in seiner Schulter und einer jungen Frau, die ihn trotz seiner blutigen Hände in ihr kleines Auto gezerrt hatte. Elena hatte ihn in eine verlassene Klinik gebracht und geschwiegen, als die Polizei Fragen stellte.
„Sie war die einzige Person, die mich wie einen Menschen behandelte“, sagte Vittorio. „Und sie war die einzige, die mir später ins Gesicht sagte, dass sie das Monster in mir sah.“
„Das erklärt die Bilder nicht.“
„Nein“, sagte er. „Das Schlimmste kommt erst.“
Da heulten draußen die Alarmsirenen auf.
Fenster barsten. Schüsse peitschten durch den Garten. Dawson riss mich hinter einen schweren Schreibtisch, während seine Männer ihre Waffen zogen. Ein roter Lichtpunkt glitt über die Wand und blieb auf meiner Brust stehen.
Dawson sah ihn zuerst.
Er sprang auf.
Der Schuss traf ihn, bevor ich schreien konnte.
Blut spritzte über mein Gesicht, und Dawson fiel direkt vor meine Füße. Ich kniete mich neben ihn, presste meine Hände auf die Wunde und hörte Vittorio brüllen, der Arzt solle sofort kommen.
Dann klingelte eines der Telefone. Ein Wachmann nahm ab, wurde kreidebleich und reichte Vittorio das Gerät.
„Der Schütze sagt, Dawson war nicht das Ziel“, flüsterte er. „Das Ziel war sie.“
Dawson umklammerte mein Handgelenk.
„Lauf“, presste er hervor.
„Ich lasse dich nicht zurück.“
„Sienna, lauf!“
Auf jedem Telefon im Raum erschien gleichzeitig eine Nachricht. Ein Foto meiner Mutter, diesmal vor einer Entbindungsstation. Darunter stand: Du hast genommen, was niemals dir gehörte.
Dawson wurde noch in derselben Nacht operiert. Zwölf Stunden lang wusste niemand, ob er überleben würde. Ich saß vor dem Operationssaal und hielt das Foto fest, bis die Kante meine Handfläche aufriss.
Als Vittorio sich neben mich setzte, fragte ich endlich:
„Was habe ich genommen?“
Er schloss die Augen.
„Deine Mutter hatte vor dir einen Sohn.“
Mein Herz setzte aus.
„Er hieß Gabriel. Vor fünfundzwanzig Jahren verschwand er.“
„Wer hat ihn entführt?“
Vittorio antwortete nicht. Stattdessen schob er mir einen zweiten Umschlag zu. Darin lag ein aktueller Erbgutvergleich und das Foto eines jungen Mannes vor einer Kirche.
Die Wahrscheinlichkeit, dass Gabriel mein Bruder war, betrug 99,98 Prozent.
Auf der Rückseite stand nur ein Satz: Finde ihn, bevor er dich findet…
TEIL 3
Wir fanden Gabriel drei Monate später in einer verlassenen Kirche am Stadtrand. Er war nicht das Monster, das ich erwartet hatte. Er hatte die gleichen dunklen Augen wie meine Mutter und trug eine alte braune Jacke, die nach Regen und Zigarettenrauch roch.
„Du bist Sienna“, sagte er.
„Und du bist mein Bruder.“
Er lachte bitter. „Das hat man mir anders erzählt.“
Gabriel war als Kind entführt worden. Marco DeLuca, Vittorios früherer Geschäftspartner, hatte ihn an sich genommen und ihm eingeredet, Vittorio und Elena hätten ihn absichtlich verlassen. Marco hatte ihn gegen die Morettis aufgehetzt und später die Fotos und Drohungen verschickt, um einen Krieg zu entfachen.
Doch bevor Gabriel alles erzählen konnte, stürmten bewaffnete Männer durch die Kirchenfenster. Dawson, noch blass von seiner Operation, riss mich hinter eine Steinsäule. Gabriel erwiderte das Feuer. Ein sterbender Angreifer nannte schließlich den Namen, der alle Lügen verband.
Marco DeLuca.
Er war nie gestorben. Er hatte zwanzig Jahre lang im Verborgenen gewartet.
Die letzte Begegnung fand in einem verlassenen Frachtterminal am Michigansee statt. Regen trommelte auf das Blechdach. Marco hielt Vittorio mit einer Waffe in Schach und lächelte mich an.
„Du bist das Letzte, was von Elena übrig ist.“
„Nein“, sagte ich. „Ich bin das, was du ihr nicht nehmen konntest.“
Er schoss.
Gabriel sprang vor mich.
Die Kugel traf ihn, aber diesmal kam Hilfe rechtzeitig. Marco wurde festgenommen, und mit ihm verschwanden die Männer, die für seine Anschläge gearbeitet hatten. Die Ermittler fanden Aufzeichnungen, Zahlungslisten und sogar die Originalaufnahmen der Entführung. Vittorio hatte Elena nie verlassen. Er hatte Gabriel fünfundzwanzig Jahre lang gesucht.
Dawson überlebte. Gabriel auch.
Wochen später übergab mir Vittorio vor meiner Hochzeit einen letzten versiegelten Umschlag. Darin lag ein Brief meiner Mutter und ein alter Erbgutbefund.
Arthur Brooks, der Mann, der mich großgezogen hatte, war nicht mein leiblicher Vater.
Vittorio war es.
Ich sah zu Dawson. Dann zu Vittorio.
Dawson war nicht Vittorios leiblicher Sohn, sondern als Kind von ihm adoptiert worden. Er und ich waren keine Geschwister. Die Liebe, vor der ich mich gefürchtet hatte, war keine verbotene Liebe.
Vittorio hatte mich all die Jahre beschützt, weil ich seine Tochter war. Elena hatte geschwiegen, damit ich niemals in seine Welt hineingezogen wurde.
Ich nahm seine Hand.
Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte sie sich nicht wie eine Drohung an, sondern wie Zuhause.












