TEIL 4 — Meine Schwiegermutter warf uns mitten in der Nacht aus unserer Wohnung, doch als ich die Schlüssel nahm, verschwand ihr Lächeln

TEIL 4

„Welches Kind?“, fragte ich.

Am anderen Ende blieb es drei Sekunden still.

„Ich glaube, Sie sollten zu mir ins Büro kommen. Heute noch.“

Ich sah Anton an.

Sein Gesicht wurde weiß.

„Leg auf“, sagte er.

„Wer ist das?“, fragte ich.

„Niemand, Katja. Leg einfach auf.“

„Mein Name ist Rechtsanwalt König“, sagte die Stimme. „Und ich vertrete nicht Herrn Berger. Ich vertrete Larissa Sokolowa.“

Antons Knie gaben beinahe nach.

Nadjeschda Semjonowna umklammerte die Tischkante. Ihre Fingernägel kratzten über das Holz.

„Kommen Sie um zehn Uhr“, fuhr der Anwalt fort. „Bringen Sie Ihren Ausweis und die Unterlagen mit. Danach müssen Sie eine Entscheidung treffen.“

„Welche Entscheidung?“

„Ob Sie die Wahrheit noch länger für Ihren Mann tragen wollen.“

Dann legte er auf.

In der Küche hörte man nur den Regen.

Anton ging zum Fenster. Unten glitten die Scheinwerfer eines Autos über die nasse Straße.

„Ich wollte dir das erklären“, sagte er.

„Wann? Nach dem Verkauf?“

„Es ist nicht so, wie du denkst.“

„Du hast meine Unterschrift gefälscht.“

„Ich habe sie nicht gefälscht.“

„Aber du wusstest davon.“

Er schwieg.

Das Schweigen war seine Antwort.

Der Polizeibeamte nahm die Vollmacht, die Kaufunterlagen und das Tablet mit. Dr. Wendt schrieb mir seine Nummer auf die Rückseite einer Quittung. Das Papier roch nach Tinte und feuchtem Mantel.

„Wechseln Sie heute die Schlösser“, sagte er. „Und lassen Sie niemanden allein in die Wohnung.“

Nadjeschda Semjonowna sprang auf.

„Sie können mich nicht hinauswerfen! Ich bin Antons Mutter!“

„Sie sind nicht Eigentümerin“, erwiderte Dr. Wendt.

„Mein Sohn ist Eigentümer!“

„Er ist Miteigentümer. Und Ihre Vollmacht ist eine Fälschung.“

Sie wandte sich an Anton.

„Sag etwas!“

Er sah nur auf den Boden.

Um halb neun brachte ein Schlüsseldienst neue Schlösser. Der Mann trug eine rote Werkzeugtasche, auf der ein abgewetzter Aufkleber mit einer Sonne klebte. Ich stand neben ihm, während er den Zylinder aus der Wohnungstür nahm.

Nadjeschda Semjonowna hielt ihren Koffer fest.

„Du wirst dafür bezahlen“, sagte sie.

„Ich bezahle seit drei Jahren“, antwortete ich.

Sie hatte keine Antwort.

Anton wollte bleiben.

„Ich brauche Zeit.“

„Du hattest Zeit.“

„Katja, ich habe Schulden. Sehr hohe Schulden.“

„Und Larissa?“

Er schloss die Augen.

Am nächsten Vormittag saß ich in der Kanzlei von Rechtsanwalt König. Larissa war nicht dort. Stattdessen lag vor mir ein Umschlag mit einem ärztlichen Bericht, einer Vaterschaftsanerkennung und mehreren Nachrichten.

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Anton hatte Larissa seit elf Monaten getroffen. Sie war schwanger. Er hatte ihr versprochen, die Wohnung zu verkaufen, mich hinauszuwerfen und mit ihr ein neues Leben zu beginnen. Seine Mutter hatte den Verkauf organisiert, weil Anton Geld bei einem privaten Kreditgeber schuldete.

„Warum erzählen Sie mir das?“, fragte ich.

König schob mir ein weiteres Blatt hin.

„Weil Frau Sokolowa gestern beschlossen hat, die Vaterschaft nicht länger geheim zu halten. Und weil Ihr Mann auf diesem Dokument eine Erklärung abgegeben hat, die Sie betrifft.“

Ich las sie zweimal.

Anton hatte behauptet, ich hätte ihn jahrelang finanziell ausgenutzt und ihn zur Unterschrift gezwungen. Damit wollte er später vor Gericht Unterhalt und einen größeren Anteil an der Wohnung verlangen.

Ich legte das Papier zurück.

„Er hat das wirklich geschrieben?“

„Mit eigener Unterschrift.“

Am Nachmittag musste Anton seine eigenen Worte hören. König spielte im Besprechungsraum die Aufnahmen aus dem Treppenhaus ab. Jede Lüge kam aus den Lautsprechern zurück, ruhig und deutlich.

„Wenn Katja morgen unterschreibt, ist alles erledigt.“

Anton senkte den Kopf.

„Ich war verzweifelt.“

„Verzweiflung erklärt eine Tat“, sagte ich. „Sie macht sie nicht ungeschehen.“

Dann spielte König die zweite Aufnahme ab.

„Larissa bekommt den Rest nicht zu wissen.“

Larissa saß inzwischen hinter einer Glasscheibe im Nebenraum. Ich wusste nicht, wann sie gekommen war. Als sie ihren eigenen Namen hörte, nahm sie langsam den Ring von ihrem Finger und legte ihn auf den Tisch.

„Du hast gesagt, du liebst mich“, sagte sie.

Anton sprang auf.

„Larissa, bitte.“

„Nein. Jetzt hörst du zu.“

Ihre Stimme zitterte, aber sie blieb stehen.

„Du wolltest mich und mein Kind in eine Wohnung setzen, die du deiner Frau wegnehmen wolltest?“

„Ich hätte alles geregelt.“

„Du hast nichts geregelt. Du hast nur alle belogen.“

Das war der Moment, in dem Anton begriff, dass er niemanden mehr gegen den anderen ausspielen konnte.

Die Staatsanwaltschaft leitete ein Ermittlungsverfahren wegen Urkundenfälschung und Betrugsversuchs ein. Nadjeschda Semjonowna musste ihre Schlüssel abgeben und zog vorübergehend zu ihrer Schwester. Anton erhielt ein Betretungsverbot für die Wohnung, bis die Eigentums- und Schuldenfragen geklärt waren.

Er rief mich an.

Zehnmal am ersten Tag.

Dreizehnmal am zweiten.

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Ich ging nicht ran.

Eine Woche später traf ich ihn im Flur der Kanzlei. Er trug dasselbe Hemd wie in jener Nacht, aber der Span am Ärmel war verschwunden. Jemand hatte den Stoff repariert.

„Du hast mich zerstört“, sagte er.

„Nein“, antwortete ich. „Ich habe aufgehört, dich zu retten.“

„Wir können noch einmal anfangen.“

„Du meinst, du kannst noch einmal anfangen. Ich nicht.“

„Ich liebe dich.“

Ich sah ihn an. Früher hätte dieser Satz genügt, um alles andere zu überdecken. Jetzt hörte ich darin nur noch die Angst eines Menschen, der seine letzte sichere Tür verloren hatte.

„Liebe ist kein Schlüssel“, sagte ich. „Man kann damit keine verschlossene Wahrheit öffnen.“

Er blieb im Flur stehen.

Ich ging.

Drei Monate später roch meine neue Wohnung nach Holzstaub, Zitronentee und frischer Farbe. Sie war kleiner als die alte. Zwei Zimmer statt vier. Ein schmaler Balkon statt hoher Fenster. Aber jeden Morgen wachte ich auf, ohne Schritte im Gästezimmer zu hören.

Ich nahm wieder Aufträge als Innenraumgestalterin an. Zuerst arbeitete ich am Küchentisch, später mietete ich ein helles Büro nahe der Fontanka. An der Wand hing ein Kalender mit groben Bleistiftzeichnungen. Jeden Freitag malte meine Nichte Mascha eine neue dazu.

„Das ist dein Haus“, erklärte sie mir eines Nachmittags.

„Es sieht eher wie ein Schiff aus.“

„Dann bist du der Kapitän.“

Ich musste lächeln.

Im Dezember fiel der erste Schnee. Mascha kam mit roten Wangen zu Besuch und stellte ihre Stiefel neben die Heizung. Wir tranken Kakao, während sie aus Bauklötzen ein kleines Haus baute.

„Wohnt dort niemand Böses?“, fragte sie.

„Nein“, sagte ich. „Dort wohnt nur, wer bleiben darf.“

Mein Telefon vibrierte.

Eine Nachricht von Anton.

„Ich habe verstanden, was ich verloren habe. Bitte lass mich einmal mit dir reden. Nur zehn Minuten.“

Ich las die Nachricht und legte das Telefon neben die Tasse.

Mascha sah mich an.

„Wer war das?“

„Jemand aus meinem alten Leben.“

„Willst du zurück?“

Ich blickte zum Fenster. Auf dem Balkon lag eine dünne Schicht Schnee. Darunter glänzte der neue Türschlüssel, den ich morgens auf die Fensterbank gelegt hatte.

„Nein“, sagte ich. „Ich gehe weiter.“

Ich antwortete Anton erst am Abend.

„Ich wünsche dir, dass du deine Verantwortung übernimmst. Aber ich komme nicht zurück. Bitte respektiere das.“

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Er schrieb nichts mehr.

Auch Nadjeschda Semjonowna schickte mir Wochen später einen Brief. Sie behauptete, sie habe nur ihren Sohn schützen wollen. Ich las ihn bis zur Hälfte und legte ihn ungeöffnet in eine Schublade. Nicht aus Rache. Weil nicht jede Erklärung eine Antwort verdient.

Die Wohnung auf der Wassiljewski-Insel wurde schließlich verkauft, nachdem die Bank und das Gericht alle Ansprüche geprüft hatten. Mein Anteil deckte die restlichen Schulden. Der übrige Betrag reichte für das kleine Büro, eine neue Küche und einen langen Urlaub am Meer.

Anton musste die gefälschte Vollmacht verantworten. Seine Mutter musste aussagen. Larissa zog allein mit ihrer Tochter in eine andere Stadt und nahm keinen einzigen Rubel von ihm an, den sie nicht schriftlich nachvollziehen konnte.

Ich wusste nicht, wie ihr Leben weiterging.

Zum ersten Mal musste ich es auch nicht wissen.

An meinem letzten Abend vor Weihnachten hängte ich den alten roten Fuchs an den neuen Schlüsselbund. Der Filz war ausgefranst, ein Ohr war fast abgerissen. Trotzdem erkannte ich ihn sofort.

Ich legte ihn in die kleine Keramikschale neben der Tür.

Draußen begann es wieder zu schneien.

Ich schloss ab und lächelte.

Diesmal blieb ich.

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