TEIL 4
Die schlimmste Nachricht kam nicht aus meiner Wohnung.
Sie kam aus dem Büro seiner Mutter.
Noch in derselben Nacht klingelte bei Sergej das Telefon. Er saß auf dem Flur der Polizeiwache, ohne Mantel, mit einem zerknitterten Hemdkragen und einem roten Abdruck am Handgelenk von der zu eng sitzenden Uhr.
– Frau Doktor, Sie müssen kommen, sagte er zu seiner Anwältin. – Sofort.
Die Anwältin, die ihn am Morgen vertreten hatte, antwortete kühl:
– Ich kann erst morgen früh bei Ihnen sein.
– Sie verstehen nicht. Sie haben die falschen Unterlagen.
– Nein, Sergej. Sie haben mir die falsche Geschichte erzählt.
Er schwieg.
– Ich vertrete Sie nicht weiter, sagte sie. – Nicht, wenn Sie mir verschweigen, dass Sie versucht haben, eine fremde Immobilie zu beleihen.
Dann legte sie auf.
Sergej rief mich dreimal an.
Ich ging nicht ran.
Beim vierten Mal nahm ich ab.
– Rimma, bitte. Nur fünf Minuten.
Ich stand in Alinas Küche. Vor mir lag der kleine Messingschlüssel am roten Stoffband, den ich aus der Wohnung mitgenommen hatte. Mein Vater hatte ihn mir gegeben, als ich noch glaubte, ein Zuhause sei etwas, das niemand einem nehmen könne.
– Du hattest Monate, sagte ich.
– Ich wollte dich schützen.
– Wovor?
– Vor meiner Mutter. Vor den Schulden. Vor allem.
– Du wolltest mich dazu bringen, mein Eigentum als Sicherheit für deine Schulden einzusetzen.
Am anderen Ende wurde es still.
– Ich wusste, dass du es nicht verstehen würdest.
– Nein. Du wusstest, dass ich niemals zugestimmt hätte.
Seine Stimme brach.
– Ich liebe dich.
Ich schloss die Augen.
– Liebe verlangt nicht, dass jemand blind unterschreibt.
Dann beendete ich das Gespräch.
Am nächsten Morgen fand die erste Vernehmung statt. Ich saß in einem hellen Raum mit einem Tisch aus hellem Holz. Neben mir lag die Mappe mit der Schenkungsurkunde. Alina saß auf meiner rechten Seite. Sergej gegenüber.
Er wirkte kleiner als früher.
Der Ermittler schob ihm ein Abspielgerät hin.
– Wir werden nun eine Tonaufnahme anhören. Stimmen Sie zu?
Sergej blickte zu mir.
– Muss das sein?
– Ja, sagte ich.
Die Aufnahme begann.
„Wenn Rimma die Vollmacht unterschreibt, können wir die Wohnung beleihen.“
Sergej hörte seine eigene Stimme. Nicht die Stimme, mit der er mich um Verzeihung bat. Nicht die Stimme, die früher morgens verschlafen „Guten Tag“ gesagt hatte. Es war dieselbe Stimme. Nur ohne Maske.
Seine Lippen wurden blass.
„Danach ziehen Mama und ich in die größere Wohnung am Park.“
Nina saß einige Plätze weiter. Sie hatte darauf bestanden, ebenfalls anwesend zu sein. Bei diesem Satz schlug sie die Hand vor den Mund.
– Du hast gesagt, es ginge um eine kleine Umschuldung, flüsterte sie.
Sergej starrte auf den Tisch.
– Ich musste die Wohnung retten.
– Deine Wohnung? fragte ich.
Er hob den Kopf.
– Unsere.
Alina legte die beglaubigte Urkunde vor ihn.
– Die Immobilie wurde Rimma vor der Ehe übertragen. Sie war und ist ihr alleiniges Eigentum.
Der Ermittler öffnete eine zweite Mappe.
– Wir haben außerdem Kontoauszüge gefunden, die belegen, dass Herr Petrow Renovierungskosten als deutlich höher dargestellt hat, als sie tatsächlich waren. Die Differenz wurde an das Unternehmen von Frau Wassiljewna überwiesen.
Nina drehte sich zu ihrem Sohn.
– Du hast mir gesagt, das sei rechtmäßig.
– Mama, bitte.
– Du hast gesagt, Rimma würde nie etwas merken.
Ich sah sie an. Zum ersten Mal wirkte Nina nicht mächtig. Nur erschöpft.
– Sie wussten davon?
Sie senkte den Blick.
– Ich wusste, dass er Geld brauchte. Ich wusste nicht, dass er dich aus der Wohnung drängen wollte.
– Aber Sie sind eingezogen.
Sie strich über den Rand ihrer Handtasche.
– Ich dachte, wenn ich erst dort bin, würde er alles regeln.
Niemand sagte etwas.
Die folgenden Wochen waren ein Wirbel aus Terminen, Erklärungen und verschlossenen Türen. Die Bank löschte den Antrag. Der Notar bestätigte schriftlich, dass kein Verkauf zustande gekommen war. Die gefälschte Vollmacht wurde als Beweismittel sichergestellt.
Sergej versuchte noch einmal, Kontrolle zu gewinnen. Er schickte mir Nachrichten, in denen er von einem Missverständnis sprach. Dann von einem Fehler. Schließlich beschuldigte er mich, die Familie zu zerstören.
Ich antwortete nur einmal:
– Ich habe nichts zerstört. Ich habe aufgehört, es allein zusammenzuhalten.
Vor Gericht gab Sergej zunächst alles zu. Er erklärte, seine Mutter habe ihn unter Druck gesetzt. Nina behauptete, er habe die Entscheidungen getroffen. Beide versuchten, die Verantwortung weiterzureichen.
Doch die Überweisungen, die Nachricht auf seinem Telefon und die Aufnahme erzählten eine andere Geschichte.
Das Gericht sprach die einstweilige Verfügung dauerhaft aus. Sergej musste die Wohnung verlassen und durfte sie nur noch betreten, wenn er persönliche Gegenstände abholte. Wegen des Betrugsverfahrens gegen ihn und Nina wurde ein gesondertes Verfahren eröffnet.
Ich war bei keinem dieser Momente glücklich.
Erleichtert, ja.
Aber nicht glücklich.
Drei Tage nach der Entscheidung stand Sergej allein im Schlafzimmer, um seine Sachen zu holen. Ich begleitete ihn. Die Wände waren frisch gestrichen, und auf dem leeren Boden zeichneten sich helle Rechtecke ab, wo seine Möbel gestanden hatten.
Auf der Fensterbank lag ein gerahmtes Foto von unserer Hochzeit.
Sergej nahm es in die Hand.
– Soll ich das mitnehmen?
Ich sah auf das Bild. Wir lächelten darauf in eine Zukunft, die ich damals für selbstverständlich gehalten hatte.
– Nein.
– Warum nicht?
– Weil ich nicht mehr in dieses Bild zurückwill.
Er stellte den Rahmen wieder hin. Dann ging er.
Die Tür schloss sich leise.
Im Flur blieb nur ein kleiner Abdruck auf dem Parkett zurück, dort, wo seine Reisetasche gestanden hatte. Ich kniete mich hin und wischte mit dem Daumen darüber, bis das Holz wieder gleichmäßig aussah.
Die leere Wohnung war zunächst beängstigend. Keine fremden Cremes im Bad. Keine Stimme aus dem Wohnzimmer. Keine Pfanne, die gegen sechs Uhr morgens klapperte, weil Nina behauptet hatte, ein Mann brauche ein warmes Frühstück.
Ich hörte sogar den Kühlschrank brummen.
Dann begann ich, die Räume zurückzuerobern.
Ich stellte meinen Schreibtisch ans Fenster. Ich kaufte eine gelbe Lampe für die Küche. Ich ließ das Zusatzschloss an der Tür montieren und hängte den kleinen Messingschlüssel wieder an seinen Platz.
Vier Monate später saß ich mit meiner Nichte Lida am Küchentisch. Sie war acht Jahre alt und malte ein Haus mit zwei großen Fenstern, einem roten Dach und einer winzigen Figur im Eingang.
– Wer ist das? fragte ich.
– Du, sagte sie. – Du passt auf das Haus auf.
– Und wer ist hinter dem Fenster?
– Niemand. Da soll es ruhig sein.
Ich musste lächeln.
An diesem Nachmittag fiel der erste Schnee. Er blieb zunächst nur auf den Fensterbänken liegen und schmolz dort zu kleinen klaren Tropfen.
Ich arbeitete wieder regelmäßig. In der Personalabteilung hatte ich eine neue Stelle angenommen, in einem kleineren Unternehmen, in dem niemand meine Ehe kannte und niemand mich fragte, warum ich so still geworden war. Mittags ging ich zu Fuß am Fluss entlang. Abends las ich Bücher, die ich jahrelang ungelesen ins Regal gestellt hatte.
Mein Leben wurde nicht plötzlich großartig.
Es wurde einfach wieder meins.
Im sechsten Monat kam eine letzte Nachricht von Sergej.
„Ich habe verstanden, was ich getan habe. Bitte lass uns treffen. Nur auf einen Kaffee. Ich möchte dir zeigen, dass ich mich geändert habe.“
Ich las die Nachricht zweimal.
Dann schrieb ich:
„Ich wünsche dir, dass du dein Leben ordnest. Aber ich werde nicht mehr daran teilnehmen.“
Ich löschte die Nachricht nicht. Ich legte das Telefon beiseite.
Nicht aus Hoffnung.
Aus Frieden.
Am Abend stand ich im Flur. Die Wohnung war warm, und aus der Küche roch es nach Zimt. Lida hatte ein Bild an die Wand geklebt. Darauf war ein rotes Stoffband gezeichnet, daran ein kleiner goldener Schlüssel.
– Das soll immer dort hängen, sagte sie. – Damit du weißt, wo du hingehörst.
Ich berührte den echten Schlüssel unter dem Bild.
Draußen fiel der Schnee dichter.
Drinnen war es still.
Diesmal war die Stille mein Zuhause.
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