TEIL 4 — Ich saß beim Notar, als die Geliebte meines Mannes anrief – und seine Stimme am anderen Ende plötzlich verstummte

TEIL 4

Ich las die Nachricht zweimal.

Dann ein drittes Mal.

Meine Hände wurden kalt, aber diesmal zitterten sie nicht. Ich legte das Telefon vor den Notar.

Gleb sah das Foto und verlor jede Farbe im Gesicht.

„Das war ich nicht“, sagte er sofort.

„Du hast gesagt, du holst sie ab“, erwiderte ich.

„Ich habe niemanden fotografiert.“

Lika wich zur Wand zurück. Ihr Umschlag glitt aus der Hand und fiel auf den Teppich.

Der Notar nahm das Telefon nicht an sich. Er beugte sich nur darüber.

„Nicht antworten“, sagte er. „Wir sichern die Nachricht. Rufen Sie jetzt die Polizei und Ihre Anwältin.“

„Sie werden sie nicht rechtzeitig finden.“

„Ihre Tochter ist in der Schule. Dort ist sie nicht allein.“

Ich wählte die Nummer der Schule.

Die Sekretärin hob nach dem ersten Klingeln ab.

„Polina bleibt im Gebäude“, sagte ich. „Niemand darf sie mitnehmen. Niemand.“

„Wir haben bereits die Türen verriegelt“, antwortete sie. „Die Polizei ist unterwegs.“

Gleb trat auf mich zu.

„Vera, hör mir zu. Ich wollte nur mit ihr sprechen.“

„Dann hättest du mich angerufen.“

„Du stellst mich vor ihr als Monster dar.“

„Das musst du nicht. Deine Nachrichten erledigen das selbst.“

Meine Anwältin Irina kam zwanzig Minuten später. Sie roch nach nassem Wollstoff und trug einen roten Regenschirm, dessen Metallspitze gegen die Tür schlug, als sie ihn zusammenklappte.

„Hat er das Haus verlassen?“, fragte sie.

„Nein“, sagte der Notar.

Gleb wandte sich an sie.

„Sie sind ihre Anwältin. Sagen Sie ihr, dass sie die Sache übertreibt.“

Irina öffnete ihre Mappe.

„Ich bin nicht Ihre Anwältin.“

„Aber Sie kennen mich.“

„Ich kenne die Unterlagen. Das reicht.“

Sie legte den Grundbuchauszug, die Kontoauszüge und die Vollmacht nebeneinander.

„Herr Morosow, auf dem gemeinsamen Konto fehlen fast vierhunderttausend Rubel. Außerdem haben Sie versucht, mit einer gefälschten Vollmacht über die Wohnung zu verfügen.“

„Ich habe nichts gefälscht.“

„Dann erklären Sie bitte, warum das Datum Ihrer Vollmacht mit dem Tag übereinstimmt, an dem Frau Morosowa in der Schule unterschrieben hat.“

Er schwieg.

„Und erklären Sie“, fuhr Irina fort, „warum Ihre Geliebte eine Kopie dieses Dokuments besitzt und bereits Geld für die Renovierung überwiesen hat.“

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Lika begann zu weinen.

Gleb sah sie an.

„Du hast mir vertraut.“

„Ja“, sagte sie. „Das war mein Fehler.“

Die Polizei kam kurz darauf. Zwei Beamte standen im Flur, während der Notar ihnen die Aufnahme und die Nachricht zeigte. Gleb versuchte, laut zu werden.

„Das ist eine Eheangelegenheit!“

„Eine Eheangelegenheit endet dort, wo Dokumente gefälscht werden“, sagte einer der Beamten.

Gleb hob die Hände.

„Vera, sag ihnen, dass du keine Anzeige willst.“

Ich sah ihn an.

Vierzehn Jahre lang hatte ich seine Folgen getragen. Seine vergessenen Rechnungen. Seine Versprechen. Seine schlechte Laune. Seine Entschuldigungen.

Diesmal nicht.

„Ich werde nicht lügen, um dich zu retten“, sagte ich.

Er wurde nicht verhaftet. Noch nicht. Die Beamten nahmen ihn zur Befragung mit und beschlagnahmten sein Telefon. Irina beantragte noch am selben Abend eine einstweilige Schutzanordnung für Polina und mich.

Gleb rief aus dem Revier an.

Ich nahm nicht ab.

Er rief sieben weitere Male an.

Beim achten Mal ging Irina ans Telefon.

„Ihr Mandant soll keine weiteren Nachrichten senden“, sagte sie. „Jeder Kontakt wird dokumentiert.“

Am nächsten Morgen musste Gleb seine eigenen Worte hören.

Wir saßen in einem kleinen Raum der Ermittlungsbehörde. Ein Lautsprecher stand in der Mitte des Tisches. Der Beamte startete die Aufnahme.

„Wenn du dich querstellst, unterschreibst du eben später.“

Gleb saß mit gesenktem Kopf da.

„Das klingt nicht so, als hätte ich das gemeint“, murmelte er.

Der Beamte sah ihn an.

„Sie haben es gesagt.“

„Ich war wütend.“

„Sie haben es gesagt.“

Dann erklang seine Stimme ein zweites Mal.

„Sie braucht das Geld erst in Jahren.“

Ich hörte Polinas Namen nicht einmal. Und trotzdem war sie in jedem Wort.

Gleb presste die Lippen zusammen.

„Ich wollte zurückzahlen.“

„Wann?“, fragte ich.

Er sah mich an.

Zum ersten Mal hatte er keine Antwort, die ich glauben konnte.

Die Ermittlungen dauerten drei Monate. Die Bank fror die verdächtigen Überweisungen ein. Der Versuch, die Wohnung zu verkaufen, wurde annulliert. Die gefälschte Vollmacht wurde als Beweis aufgenommen, und ein Gutachter bestätigte, dass die Unterschrift nicht von mir stammte.

Gleb verlor seinen Arbeitsplatz, weil er dort Kundengelder über ein privates Konto umgeleitet hatte. Seine Schulden verschwanden nicht. Die Geliebte verschwand ebenfalls.

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Lika schrieb mir einmal.

„Es tut mir leid. Ich wusste nicht alles.“

Ich antwortete: „Das glaube ich. Aber jetzt weißt du genug.“

Danach löschte ich ihre Nummer.

Das Schwerste war nicht die Behörde.

Das Schwerste war Polinas Zimmer.

Eine Woche nach unserem letzten gemeinsamen Abend stand ich dort und sah auf das leere Regal. Gleb hatte seine Bücher mitgenommen, die Sporttasche, sogar die alte Kaffeemühle, die er nie benutzt hatte.

Nur ein Foto war geblieben.

Polina war darauf sechs Jahre alt und saß auf Glebs Schultern. Er lächelte in die Kamera, während sie ihm eine Papierkrone aufsetzte.

Ich nahm das Bild nicht ab.

Ich stellte es in eine Schublade.

Nicht aus Vergebung.

Damit Polina selbst entscheiden konnte, wann sie es sehen wollte.

Vier Monate später fiel der erste Schnee.

Ich arbeitete inzwischen in einer kleinen Beratungsstelle nahe dem Fluss. Ich half Frauen, ihre Unterlagen zu ordnen, wenn sie glaubten, in einem fremden Leben festzustecken. Auf meinem Schreibtisch stand eine neue Kaffeekanne, und jeden Morgen hörte ich den Wasserhahn zweimal prüfen, bevor ich das Haus verließ.

Polina kam an einem Dienstag aus der Schule und legte ein Bild auf den Küchentisch.

Darauf waren zwei Häuser zu sehen. Eines war schwarz, mit winzigen Fenstern. Das andere hatte eine gelbe Tür und einen roten Schornstein.

„In welchem wohnen wir?“, fragte ich.

„Im gelben“, sagte sie.

„Warum?“

Sie überlegte.

„Weil dort jemand das Licht anlässt.“

Ich setzte mich neben sie.

„Vermisst du deinen Vater?“

„Manchmal.“

„Du darfst ihn vermissen.“

„Und du?“

Ich strich über den Rand des Bildes.

„Ich vermisse die Person, für die ich ihn gehalten habe.“

Polina lehnte den Kopf an meine Schulter.

„Kommt er zurück?“

„Nicht in unser altes Leben.“

Sie nickte, als hätte sie genau das hören müssen.

Im fünften Monat kam eine Nachricht von Gleb. Diesmal über seine Mutter.

„Er will sich entschuldigen. Er sagt, er habe sich geändert. Er bittet dich um ein Treffen.“

Ich saß am Fenster. Auf der Scheibe schmolzen Schneeflocken und zogen klare Linien nach unten.

„Nein“, sagte ich.

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„Vera, vielleicht braucht er eine Chance.“

„Polina bekommt ihre Chance auf einen sicheren Vater. Gleb bekommt die Folgen seiner Entscheidungen.“

„Er liebt dich noch.“

Ich sah auf das Bild mit der gelben Tür.

„Liebe ist keine Vollmacht. Und eine Entschuldigung ist kein Schlüssel zurück in eine Wohnung, die man beinahe verkauft hat.“

Am Abend schrieb Gleb selbst.

„Ich stehe unten. Bitte komm nur für fünf Minuten.“

Ich löschte die Nachricht nicht sofort. Ich las sie und stellte mir vor, wie er vor dem Haus stand, mit gesenktem Kopf, vielleicht wirklich reumütig.

Dann dachte ich an die gefälschte Unterschrift.

An Polina vor dem Schultor.

An seine Stimme aus dem Lautsprecher.

Ich antwortete: „Geh nach Hause, Gleb. Wir haben bereits eines.“

Danach blockierte ich seine Nummer.

In der Küche tropfte der Hahn noch einmal.

Ich stand auf, nahm den Schraubenschlüssel und zog die Mutter fest. Das alte Geräusch verstummte.

Polina klatschte aus dem Wohnzimmer.

„Mama, es ist still!“

Ich lächelte.

Auf der Fensterbank lag ihr Bild. Die gelbe Tür leuchtete im letzten Abendlicht, und draußen fiel der Schnee lautlos auf die Stadt.

Zum ersten Mal seit vierzehn Jahren wartete ich auf niemanden.

Der Hahn schwieg. Ich auch.

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