TEIL 4
…Ich hielt das Telefon fester an mein Ohr.
— Wer sind Sie?
— Mein Name ist Martin Keller. Ich war der Makler, den Ihr Mann beauftragt hat.
Igor fuhr hoch.
— Leg auf!
Ich sah ihn an und blieb in der Leitung.
— Welcher Vertrag?
— Ein Kaufvorvertrag. Mit einer Firma, die Ihrem Schwiegervater gehört. Der Preis liegt weit unter dem tatsächlichen Wert des Hauses.
Nora nahm mir vorsichtig das Telefon ab und stellte es auf Lautsprecher.
— Herr Keller, haben Sie eine Kopie dieses Vertrages?
— Ja. Ich schicke sie Ihnen sofort. Und ich möchte klarstellen: Ich wusste nicht, dass die Eigentümerin nicht zugestimmt hatte.
Igor ging zum Fenster. Der hölzerne Fisch an seinem Schlüsselbund schlug gegen die Scheibe.
— Das ist eine Lüge! — rief er. — Der Makler wusste alles.
Martin schwieg kurz.
— Ihre Worte wurden bei unserem Treffen aufgezeichnet, Herr Petrow. Sie sagten, Ihre Frau sei „nur eine Unterschrift vom Verschwinden entfernt“.
Igor erstarrte.
Ich hatte ihn oft sagen hören, er wisse genau, was er tue.
Jetzt hörte er seine eigenen Worte aus dem Mund eines Fremden.
Seine Schultern sanken.
— Das habe ich nicht so gemeint.
Nora schaltete den Lautsprecher aus.
— Sie sollten ab jetzt gar nichts mehr erklären.
— Aber ich muss mit ihr sprechen!
— Nein. Sie müssen mit Ihrem Anwalt sprechen.
— Mein Anwalt wird das klären.
Nora nahm ihr Telefon heraus und wählte eine Nummer. Nach wenigen Sekunden sagte sie:
— Guten Abend, Herr Dr. Weber. Ich muss Sie informieren, dass Ihr Mandant Ihnen wesentliche Vermögensbewegungen verschwiegen hat. Falls Sie ihn weiterhin vertreten, brauchen Sie zunächst die vollständige Buchhaltung der Firma seines Vaters.
Sie hörte zu und legte auf.
— Er legt das Mandat nieder.
Igor starrte sie an.
— Er kann mich nicht einfach verlassen.
— Doch. Besonders, wenn Sie ihm nicht die Wahrheit gesagt haben.
Seine Eltern saßen noch immer am Tisch. Die Kiste mit den eingelegten Gurken stand zwischen ihnen und mir. Der Deckel war beim Streit aufgesprungen, und Essig tropfte langsam auf die Tischdecke.
Ich wischte ihn nicht weg.
— Sie müssen heute gehen — sagte ich.
Seine Mutter sah mich fassungslos an.
— Wohin sollen wir denn?
— In Ihre Wohnung. Oder zu Ihrer Firma. Aber nicht mehr hierher.
— Wir sind Familie.
— Familie bedeutet nicht, dass einer alles bezahlt und alle anderen entscheiden.
Igor kam auf mich zu.
— Dascha, bitte. Wir können das zurückdrehen.
Ich betrachtete sein Gesicht. Früher hätte ich in diesem Moment nach seiner Hand gegriffen. Ich hätte ihn beruhigt, seine Eltern entschuldigt und einen neuen Kompromiss angeboten.
Diesmal tat ich nichts.
— Du hast drei Jahre lang entschieden, ohne mich zu fragen. Jetzt entscheide ich ohne dich.
Am nächsten Vormittag kam die Polizei nicht mit Blaulicht, sondern mit zwei ruhigen Ermittlern und einem Ordner voller Fragen. Igor versuchte, ihnen entgegenzugehen.
— Das ist ein Missverständnis.
— Das können Sie später erklären — sagte eine Ermittlerin. — Zuerst brauchen wir die Zugangsdaten zu den Geschäftskonten.
Sein Vater wurde laut.
— Sie behandeln uns wie Verbrecher!
— Wir prüfen einen Verdacht — antwortete sie. — Wenn Sie unschuldig sind, wird sich das zeigen.
Igor drehte sich zu mir.
— Du hast sie alle gegen mich aufgebracht.
— Nein. Ich habe aufgehört, dich vor den Folgen deiner Entscheidungen zu schützen.
Er wollte antworten, doch sein Blick fiel auf die Tasse mit der Mohnblume. Sie stand noch immer neben dem Rekorder. Ein dünner Kaffeefleck zog sich über den Unterteller.
— Du wirfst mich wirklich raus? — fragte er leise.
— Ich bitte dich zu gehen.
Das war alles.
Am Abend war das Haus still. Seine Eltern hatten ihre Taschen genommen. Der Schlüsselbund lag auf dem Küchentisch, ohne den kleinen hölzernen Fisch. Igor hatte ihn abgerissen und in die Jackentasche gesteckt.
Im Schlafzimmer war die rechte Seite des Kleiderschranks leer. Auf dem Regal stand nur noch ein gerahmtes Foto von unserer Hochzeit. Ich nahm es nicht mit. Ich stellte es mit dem Bild nach unten in eine Schublade.
Das leere Fach tat mehr weh als jeder Streit.
Zwei Wochen später unterschrieb ich die Trennungsvereinbarung. Das gemeinsame Konto blieb geschlossen, bis alle unrechtmäßigen Überweisungen geprüft waren. Meine Mutter begann ihre Behandlung, und zum ersten Mal seit langer Zeit fuhr ich jeden Dienstag mit ihr zur Klinik, ohne dabei auf das Telefon meines Mannes zu schauen.
Mein Vater reparierte den Zaun. Er arbeitete langsam, mit seinem alten gelben Regenmantel, obwohl es an diesem Tag gar nicht regnete.
— Du musst nicht immer stark sein — sagte er.
— Ich weiß.
— Aber du darfst es sein.
Im dritten Monat zog ich in die kleinere Wohnung meiner Mutter am Stadtrand. Morgens hörte ich die Straßenbahn, mittags roch die Küche nach Apfelkuchen, und abends stellte ich meine Schuhe ordentlich neben die Tür. Es waren winzige Dinge.
Aber sie gehörten wieder mir.
Meine Arbeit nahm ich in einem kleinen Buchhaltungsbüro auf. Ich prüfte Rechnungen, sortierte Belege und lächelte jedes Mal, wenn jemand sagte, Zahlen seien langweilig. Zahlen lügen nicht. Menschen schon.
An einem Samstag kam meine Nichte Leni zu Besuch. Sie malte am Küchentisch ein Haus mit einem roten Dach, einem großen Baum und drei gelben Fenstern.
— Wer wohnt dort? — fragte ich.
— Du. Und Oma. Und Opa.
— Und du?
— Ich komme immer durch die Hintertür rein.
Ich musste lachen.
— Warum durch die Hintertür?
Leni zuckte mit den Schultern.
— Weil ich einen Schlüssel habe.
Drei Monate nach der Trennung erhielt ich eine Nachricht von Igor. Er schrieb, er habe alles verloren, seine Eltern würden ihm Vorwürfe machen, und vielleicht könnten wir „noch einmal vernünftig reden“.
Ich las die Nachricht zweimal.
Dann legte ich das Telefon beiseite.
Am nächsten Morgen schrieb er erneut.
— Ich habe mich verändert. Bitte gib uns eine Chance.
Ich antwortete erst am Abend.
— Ich wünsche dir, dass du Verantwortung für dein Leben übernimmst. Aber ich werde nicht mehr in dein altes Leben zurückkehren.
Danach blockierte ich seine Nummer.
Es fühlte sich nicht wie ein Sieg an.
Es fühlte sich wie Ruhe an.
Im Winter kam der erste Schnee. Ich stand vor der Wohnungstür und schüttelte die weißen Flocken von meinem Mantel. Meine Mutter stellte die Tasse mit der kleinen Mohnblume auf den Tisch. Der Unterteller war noch immer leicht verfärbt, aber ich hatte beschlossen, ihn nicht wegzuwerfen.
An diesem Abend fand ich den hölzernen Fisch in einem Umschlag. Igor hatte ihn durch den Briefschlitz geschoben. Kein Brief lag dabei.
Ich hielt ihn lange in der Hand.
Dann legte ich ihn in eine Schachtel mit alten Schlüsseln und schloss den Deckel.
Nicht aus Hass.
Damit ich mich erinnerte, wem ich meine Tür künftig öffnete.
Draußen fiel der Schnee lautlos auf die Straße.
Und zum ersten Mal musste niemand hereinkommen, damit ich mich zu Hause fühlte.
Missed the beginning?












