Ich stand im Flughafen Scheremetjewo, als der kanadische Tourist vor mir lächelte – und plötzlich den Mann erkannte, der mich dreißig Jahre zuvor im Lager Janowsky zum Erschießungstrupp geführt hatte.
Mein Name ist Iwan Petrow. Zumindest ist das der Name, den ich seit dem Krieg trage. Damals war ich einundzwanzig, ausgemergelt, barfuß und überzeugt, dass ich den nächsten Morgen nicht erleben würde. Im Sommer 1944 brachte man uns in eine Baracke bei Lwiw. Die Männer, die uns bewachten, trugen deutsche Uniformen, aber einer von ihnen sprach Russisch mit kaukasischem Akzent.
Georgi Zinaridse.
Er stand nicht selbst am Abzug. Das wäre zu wenig gewesen. Er ging an den Reihen entlang, prüfte die Gewehre und gab mit zwei Fingern das Zeichen zum Feuern. An seinem Ärmel hing ein silberner Knopf mit einem dunklen Kratzer. Ich erinnere mich daran, weil meine Augen genau darauf starrten, als die Kugeln über meinen Kopf hinwegschlugen.
Ich überlebte durch Zufall. Eine Leiche fiel auf mich, und ich blieb unter ihr liegen, bis es dunkel wurde.
Nun, dreißig Jahre später, stand derselbe Mann wenige Schritte entfernt. Gepflegter grauer Anzug, cremefarbene Krawatte, Ledertasche. In seiner Hand hielt er einen kanadischen Reisepass auf den Namen David Geldiaschwili. Er sah aus wie ein pensionierter Geschäftsmann, der sich auf einen warmen Urlaub am Schwarzen Meer freute.
Ich konnte nicht atmen.
„Herr Petrow, was ist los?“, fragte meine Frau, die neben mir stand.
Ich zeigte auf den Mann. „Das ist er.“
„Bist du sicher?“
„Ich würde dieses Gesicht aus einem brennenden Haus ziehen.“
Der Mann drehte sich um. Für einen Sekundenbruchteil trafen sich unsere Blicke. Sein Lächeln blieb, doch seine rechte Hand schloss sich um den Griff der Ledertasche. Darin befanden sich offenbar seine Papiere, sein Geld und ein kleines Foto, das später eine viel größere Bedeutung bekommen sollte.
Ich ging nicht auf ihn zu. Ich lief stattdessen zum nächsten Telefon und wählte mit zitternden Fingern eine Nummer, die ich seit Jahren kannte. Wenige Minuten später beobachteten Männer in grauen Mänteln den Reisenden, ohne ihn anzusprechen.
Sie ließen ihn passieren.
Denn David Geldiaschwili sollte weiterreisen – nach Batumi, zu seiner früheren Frau und seinen Kindern, die glaubten, ihr erfolgreicher Verwandter komme aus Kanada zurück. Ich wusste nur: Wenn er diese Familie erreichte, würde er vielleicht wieder verschwinden.
Am Abend lag in meiner Wohnung ein grauer, versiegelter Umschlag. Ein fremder Mann legte ihn auf den Tisch und sagte:
„Morgen fahren Sie nach Batumi. Aber bevor Sie abreisen, müssen Sie uns zeigen, woran Sie sich noch erinnern…
TEIL 2
Ich starrte auf den grauen Umschlag, während draußen der Regen gegen die Fensterscheiben schlug. Auf dem Papier klebte kein Absender. Nur mein Name stand darauf – mit einer blauen Schreibmaschine getippt.
„Was ist darin?“, fragte ich.
Der Mann im grauen Mantel nahm seine Mütze ab. „Beweise. Aber wir müssen wissen, ob Sie den Mann wirklich identifizieren können.“
„Ich habe ihn bereits identifiziert.“
„Vor Gericht reicht Erinnerung allein nicht.“
Er schob mir ein altes Foto über den Tisch. Darauf standen zwölf Männer vor einer Baracke. Manche trugen deutsche Uniformen, andere die Abzeichen einer ausländischen Hilfstruppe. In der Mitte stand Georgi Zinaridse, jünger, breitschultrig und mit demselben kalten Lächeln.
Meine Finger begannen zu zittern.
„Das Foto wurde 1944 bei Lwiw aufgenommen“, sagte der Beamte. „Wir haben es aus einem Archiv in Prag erhalten. Aber wir brauchen Ihre Aussage zu jedem Detail.“
Ich zeigte auf die dritte Person von links. „Dieser Mann hieß Miron. Er schoss auf die Kranken.“ Dann auf einen anderen. „Und der dort öffnete die Baracken, wenn Kinder herauskamen.“
Der Beamte sagte nichts. Er schrieb alles auf.
Am nächsten Morgen flog ich nach Batumi. Wir beobachteten Zinaridse vom Flughafen bis zum Haus seiner ehemaligen Frau. Er stieg aus einem Wagen, strich seine Jacke glatt und setzte ein Lächeln auf, als hätte er nie einen anderen Namen getragen.
Seine Tochter rannte ihm entgegen. Sie war vielleicht vierzig, mit einem roten Wollschal um den Hals. Hinter ihr stand seine frühere Frau, Nina, und hielt sich die Hand vor den Mund. Der alte Mann breitete die Arme aus.
„Vater!“, rief die Tochter.
Er küsste sie auf beide Wangen. „Ich bin endlich zu Hause.“
Ich saß im Wagen und sah durch das beschlagene Fenster. In diesem Augenblick hätte ich aussteigen und ihn anschreien können. Stattdessen dachte ich an die Menschen, die unter der Erde von Janowsky lagen. Sie hatten keine Stimme mehr. Ich musste ihre Stimme sein.
Zinaridse verbrachte drei Tage bei seiner Familie. Er erzählte von Montreal, von einem kleinen Geschäft und einer bevorstehenden Reise nach Europa. Niemand bemerkte, dass zwei Männer die Straße bewachten. Niemand sah, wie der sowjetische Geheimdienst nachts seine Koffer fotografierte.
Am vierten Abend legte Nina ein altes Familienalbum auf den Tisch. Zwischen vergilbten Bildern lag ein Stück Papier mit einem Siegel. Zinaridse riss es ihr aus der Hand.
„Woher hast du das?“, fragte er plötzlich.
Nina wich zurück. „Es gehörte deinem Bruder.“
In diesem Moment wusste ich, dass wir etwas gefunden hatten, von dem der alte Mörder glaubte, es längst vernichtet zu haben. Doch bevor ich erfahren konnte, was auf dem Papier stand, sprang Zinaridse auf, riss die Tür auf und griff nach seinem Koffer…
TEIL 3
Ich stürzte aus dem Wagen, noch bevor Zinaridse den Koffer öffnen konnte. Zwei Beamte packten ihn an den Armen. Er wehrte sich nicht lange. Sein Gesicht verlor jede Farbe, und zum ersten Mal sah ich nicht den selbstsicheren Kanadier, sondern den jungen Mann aus dem Krieg, der damals den Erschießungen Befehle gegeben hatte.
„Sie haben kein Recht dazu!“, schrie er. „Ich bin kanadischer Staatsbürger!“
„Ihr Pass schützt Sie nicht vor Ihrer Vergangenheit“, antwortete der Beamte.
Nina stand in der Tür und presste das alte Papier an ihre Brust. Ihre Tochter weinte, ohne zu verstehen, warum der Vater, auf den sie so stolz gewesen war, in Handschellen abgeführt wurde.
Im Koffer fanden die Ermittler mehrere gefälschte Ausweise, Briefe aus Kanada und ein kleines schwarzes Notizbuch. Auf den ersten Seiten standen harmlose Einkaufslisten. Doch weiter hinten fanden sich Namen, Orte und kurze Zahlenkolonnen. Es waren keine Erinnerungen. Es war ein verschlüsseltes Verzeichnis ehemaliger Täter und Helfer, die nach dem Krieg unter neuen Namen geflohen waren.
Das Papier aus dem Familienalbum war noch wichtiger. Es handelte sich um eine alte Bescheinigung der deutschen Besatzungsbehörden. Darauf standen Zinaridzes Name, sein Rang und seine Unterschrift unter einem Befehl zur „Sonderbehandlung“ von Gefangenen im Lager Janowsky.
Er bestritt alles.
Im September 1974 begann in Krasnodar der öffentliche Prozess. Zinaridze behauptete, er sei in der Türkei geboren worden und habe niemals in Lwiw gelebt. Dann trat ich in den Saal.
Ich zeigte auf die Narbe an meinem linken Handgelenk. „Die bekam ich, als ich unter einem Toten lag. Sie standen damals neben dem Tor. An Ihrem Ärmel fehlte ein silberner Knopf mit einem blauen Faden.“
Ein weiterer Überlebender bestätigte meine Aussage. Danach identifizierten ihn seine eigenen Verwandten. Sie erkannten den Mann, der ihnen dreißig Jahre lang als David Geldiaschwili Briefe geschickt hatte.
Das Gericht verhängte zunächst die Todesstrafe. Doch Kanada übte politischen Druck aus. Nach langen Verhandlungen wurde das Urteil in fünfzehn Jahre Haft umgewandelt. Der Mann, der auf einen ruhigen Lebensabend in Montreal gehofft hatte, verschwand hinter den Mauern einer sowjetischen Strafkolonie.
Nina besuchte mich nach dem Prozess. Sie trug noch immer den roten Wollschal.
„Warum haben Sie ihn erkannt?“, fragte sie.
Ich sah zum Fenster hinaus. „Weil die Toten sich nicht selbst verteidigen können.“
Dreißig Jahre lang hatte Zinaridze geglaubt, er könne seinen Namen wechseln und damit auch seine Schuld. Aber manche Gesichter brennen sich tiefer ins Gedächtnis als jede Narbe – und manchmal wartet die Wahrheit einfach am nächsten Flughafentor.












