Ich erwachte mit den Lippen an der Kehle des gefährlichsten Mannes der Stadt und wusste nicht einmal, wie ich in sein Bett gekommen war.
Das Morgenlicht fiel durch die hohen Fenster und glitt über schwarze Seide, zerwühlte Laken und Lucian Morettis halb geöffnetes Hemd. Neben meiner Hand lag ein abgerissener Knopf. Unter seinem Kiefer zeichnete sich eine rote Spur ab. Sein Arm lag um meine Taille, als hätte er mich die ganze Nacht festgehalten.
Ich riss mich los.
Lucians Augen öffneten sich sofort. Er war siebenundfünfzig, mächtig, gefürchtet und mein Arbeitgeber. Kein Dienstmädchen durfte die private Etage betreten. Ich hatte in seinem Haus erst seit drei Wochen gearbeitet.
— Wie bin ich hierhergekommen? Meine Stimme zitterte.
Er sah nicht überrascht aus. Eher so, als hätte er auf genau diese Frage gewartet.
— Du bist hereingekommen.
Mein Blick fiel auf sein Hemd.
— Warum fehlt der Knopf?
Seine grauen Augen wanderten zu meinen Lippen.
— Weil du mich nicht loslassen wolltest.
Hitze schoss mir ins Gesicht, gleichzeitig wurde mein Magen eiskalt. Ein Bild flackerte in meinem Kopf auf: seine Hand an meiner Taille, meine Finger in seinem Kragen, sein Mund ganz nah an meinem. Dann war alles wieder schwarz.
— Hast du mich geküsst?
Für einen langen Augenblick sagte er nichts.
— Du hast mich zuerst geküsst.
Meine Hand flog zu meinem Mund.
— Und du hast mich zurückgeküsst?
Sein Kiefer spannte sich an.
— Nur für einen Moment. Dann merkte ich, dass du nicht klar warst.
Ich starrte auf das zerwühlte Bett.
— Wie weit ist es gegangen?
Lucian setzte sich auf. Unter dem offenen Hemd bewegten sich harte Muskeln, doch seine Stimme blieb ruhig.
— Weiter, als es hätte gehen dürfen. Nicht so weit, wie du befürchtest.
Das beantwortete gar nichts. Ich zog mein weißes Nachthemd über die Knie und bemerkte dabei den kleinen Messingschlüssel, den ich seit Jahren in den Saum eingenäht trug. An seiner Spitze klebte noch der rote Lackpunkt meines Vaters. Ich berührte ihn immer, wenn ich Angst hatte.
Lucian bemerkte die Bewegung.
— Du kamst weinend in mein Zimmer, Emma. Du hast mich angefleht, deinen Koffer nicht vor die Tür zu stellen.
Ich erstarrte.
Zwei Tage zuvor hatte mein Bruder Daniel genau das getan. Mein dunkelblauer Koffer hatte im Regen vor unserem Elternhaus gestanden, daneben zwei Kartons mit den Büchern meines Vaters, einem angeschlagenen Kaffeebecher und seinem alten Wollschal. Daniel hatte die Schlösser ausgetauscht.
— Er sagte, ich sei eine Diebin, flüsterte ich. — Ich hatte nichts genommen.
— Das glaube ich dir.
— Warum?
Lucian griff nach einem Glas Wasser auf dem Nachttisch. Seine Finger waren ruhig, aber die Kristallkante klirrte gegen den Untersetzer.
— Weil Diebe nicht um Hilfe bitten. Sie kommen vorbereitet.
Ich wollte aufstehen, doch der Boden schwankte. Ein bitterer Geschmack lag auf meiner Zunge. Lucian sprang aus dem Bett und hielt mich am Ellbogen fest.
— Fass mich nicht an!
Er ließ mich sofort los.
— In Ordnung.
Gerade diese sofortige Bewegung machte mir mehr Angst als Widerstand. Er hätte mich zwingen können. Jeder in diesem Haus wusste das.
Im Flur schlug eine Tür. Schritte näherten sich. Lucian zog sein Hemd über, während ich den Schlüssel im Saum umklammerte.
— Wer ist da?
— Herr Moretti, rief eine Männerstimme. — Die Polizei steht unten. Und Ihr Bruder hat angerufen.
Mein Herz setzte aus.
— Daniel?
Lucian sah mich an.
— Er behauptet, du hättest gestern Nacht etwas aus seinem Haus gestohlen.
Dann legte er seine Hand auf die schwarze Mappe neben dem Bett. Seine Finger schoben sich unter den Verschluss, und ich wusste plötzlich, dass in dieser Mappe etwas lag, das mein ganzes Leben verändern konnte…
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TEIL 2
Dann klickte der Verschluss der schwarzen Mappe auf.
Lucian nahm nicht die Mappe heraus, sondern stellte sich zwischen mich und die Tür. Von draußen drang das tiefe Murmeln mehrerer Männer herein. Ich hörte das Knarren der Dielen und roch den starken Kaffee, den jemand im Flur verschüttet hatte.
— Die Polizei ist wegen mir hier? fragte ich.
— Wegen einer Anzeige deines Bruders.
— Was soll ich gestohlen haben?
— Eine Ledertasche und Unterlagen deines Vaters.
Mein Nacken wurde kalt.
— Die Unterlagen meines Vaters sind seit seinem Tod verschwunden.
Lucian öffnete die Mappe nur einen Spalt. Ich sah einen silbernen Speicherstift, mehrere ausgedruckte Bilder und eine schmale Karte mit dem Wappen seines Hauses. Dann schloss er sie wieder.
— Genau deshalb darfst du jetzt nicht nach unten gehen.
— Sie werden glauben, dass ich mich verstecke.
— Sie sollen glauben, dass ich dich schütze.
— Das klingt nicht besser.
Er sah mich so direkt an, dass ich den Messingschlüssel in meinem Saum fast zerdrückte.
— Vor einer Stunde hätte ich dir zugestimmt.
Um halb neun brachte uns seine Anwältin Mara Weiss in ein kleines Arbeitszimmer im Ostflügel. Auf dem Tisch stand eine Schale mit Zitronenbonbons, deren Papier bei jeder Bewegung raschelte. Mara war eine schmale Frau mit kupferfarbenem Haar und einem roten Ordner unter dem Arm.
— Frau Carter, erinnerst du dich an irgendetwas nach Mitternacht?
— An den Regen. An meinen Koffer. Dann an Lucians Hemd.
Mara tauschte einen kurzen Blick mit ihm.
— Der Arzt hat eine Substanz in deinem Blut gefunden. Ein Beruhigungsmittel, wahrscheinlich in deinem Getränk.
Ich presste die Finger gegen meine Schläfe.
— Wer hat mir das gegeben?
— Das wissen wir noch nicht.
Lucian schob einen Ausdruck über den Tisch. Darauf war ich zu sehen, wie ich um zwei Uhr siebzehn durch den privaten Flur ging. Barfuß. Mit nassem Haar. In der Hand hielt ich meinen kleinen Schlüssel.
— Ich hatte ihn sichtbar? fragte ich.
— Du hast ihn die ganze Zeit festgehalten, sagte Lucian. — Danach hast du dreimal versucht, die Tür zu meinem Archiv zu öffnen.
— Ich wusste nicht einmal, dass es ein Archiv gibt.
— Dein Vater wusste es.
Der Name meines Vaters traf mich wie ein Schlag. Richard Carter war vor acht Jahren bei einem angeblichen Autounfall gestorben. Daniel hatte damals behauptet, Richard habe Spielschulden gehabt. Ich hatte ihm geglaubt, weil ich keine andere Erklärung besaß.
Um zehn Uhr kam Daniel ins Haus. Er trug einen tadellosen Mantel und den goldenen Ehering, den er nach dem Tod unseres Vaters nie abgenommen hatte. Er blieb im Türrahmen stehen und lächelte, als wäre ich ein peinlicher Fehler.
— Emma, komm mit mir. Du bist verwirrt.
— Du hast mich ausgesperrt.
— Weil du Dinge aus unserem Haus genommen hast.
— Welche Dinge?
Er sah zu Lucian.
— Das geht dich nichts an.
Lucian legte eine Hand auf die Mappe.
— Alles, was deine Schwester betrifft, geht mich inzwischen etwas an.
Daniel lachte kurz.
— Du weißt nicht, was sie getan hat.
— Dann erkläre es mir.
Daniel trat näher. An seinem Mantel glänzte ein einzelner Regentropfen. Ich konnte nicht aufhören, ihn anzusehen.
— Sie hat eine Tasche meines Vaters. Darin befinden sich Unterlagen, die beweisen, dass Richard Carter Lucian bestohlen hat.
Mein Atem blieb hängen.
— Das ist gelogen.
Daniel beugte sich zu mir.
— Dann sag ihm, wo der Schlüssel hinführt.
Lucians Blick fiel auf meinen Saum. Zum ersten Mal verlor sein Gesicht jede Wärme.
— Welcher Schlüssel, Emma?
Ich wich zurück. Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen.
— Ich weiß es nicht.
Daniel lächelte nicht mehr.
— Du weißt es sehr wohl. Vater hat ihn dir gegeben, bevor er starb.
Mara stand auf und schob den roten Ordner unter ihren Arm.
— Herr Carter, Sie verlassen jetzt dieses Zimmer.
— Sie können mich nicht hinauswerfen.
— Nein, sagte Lucian. — Aber ich kann es.
Daniel ging schließlich. Doch bevor sich die Tür schloss, sagte er leise:
— Wenn sie heute Nacht nicht mit mir kommt, wird jemand anderes für sie kommen.
Um Mitternacht saß ich in Lucians Bibliothek. Der Kamin knackte, und auf dem Teppich lag ein einzelner Glassplitter aus einem Bilderrahmen. Ich hatte endlich wieder einen Teil der Nacht erinnert: Daniel hatte mir in einer Bar ein Glas Wasser gereicht. Danach hatte er gesagt, ich solle mich an Lucian wenden.
— Er hat mich absichtlich zu dir geschickt, sagte ich.
— Ja.
— Warum?
Lucian schob den silbernen Speicherstift in den Computer. Ein Überwachungsvideo erschien. Daniel stand darauf vor meinem Koffer und sprach mit einem unbekannten Mann.
Dann wandte sich der Mann zur Kamera. Lucian erstarrte.
— Wer ist das? fragte ich.
Er antwortete nicht. Auf dem Bildschirm hob der Fremde die Hand und zeigte einen Ring mit einem schwarzen Stein.
Lucian nahm den Hörer ab.
— Sperrt sofort alle Ausgänge.
Mara kam herein, bleich wie das Papier in ihrer Hand.
— Zu spät. Der Mann ist bereits im Haus. Und er hat Sofia gefunden…
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TEIL 3
Sofia!
Ich sprang auf, so hastig, dass der Glassplitter unter meinem Schuh knirschte. Lucians Tochter war zwölf und lebte im Westflügel des Hauses. Ihre Mutter war vor Jahren gestorben. Seit meiner ersten Arbeitswoche hatte Sofia mir heimlich ihre Zeichnungen gezeigt.
— Wo ist sie? fragte ich.
— Im Musikzimmer, sagte Lucian.
Wir rannten durch den Korridor. Um 0 Uhr 14 flackerte das Licht, und irgendwo schlug ein Klavier eine einzelne falsche Note an. Lucian riss die Tür auf. Sofia stand am Fenster, der Fremde hinter ihr.
— Bleib stehen! rief er.
Der schwarze Ring blitzte an seiner Hand. Ich erkannte den Mann vom Video: Raffaele Valli, Lucians ehemaliger Geschäftspartner, den alle seit drei Jahren für tot hielten.
— Lass das Kind los, sagte Lucian.
— Gib mir die Mappe.
— Sie liegt nicht hier.
Raffaele drückte Sofia ein Messer an die Schulter. Ihre Lippen zitterten, aber sie weinte nicht.
— Emma hat den Schlüssel. Sie hat die Aufzeichnungen deines Vaters.
Ich griff in den Saum meines Nachthemdes. Das Messing war warm von meiner Haut.
— Ich weiß nicht, was er öffnet.
— Dein Bruder weiß es, sagte Lucian. — Und deshalb hat er dich unter Drogen gesetzt.
Mara kam hinter uns zum Stehen. In ihrer Hand hielt sie die schwarze Mappe.
— Nicht bewegen, sagte sie. — Die Polizei hört jedes Wort.
Raffaele lachte.
— Die Polizei? Ihr habt keine Ahnung, wie viele Männer dort auf meiner Seite stehen.
— Vielleicht nicht, sagte Mara. — Aber dieses Haus hat mehr als Kameras.
Sie drückte auf einen kleinen Schalter an ihrer Uhr. Die Lautsprecher an der Wand erwachten.
Daniels Stimme erklang.
„Wenn Emma den Schlüssel nicht freiwillig benutzt, bringt sie zu Valli. Sie wird nach dem Mittel nichts erinnern. Danach sieht es so aus, als hätte sie Lucian bestohlen.“
Sofia schloss die Augen. Raffaeles Messer sank um wenige Millimeter.
— Das ist gefälscht, zischte er.
— Nein, sagte Mara. — Es stammt aus deinem eigenen Telefon.
Lucian sah mich an.
— Dein Vater hat nicht mich bestohlen. Er hat Beweise gesammelt. Richard Carter war mein Buchhalter. Er entdeckte, dass Daniel und Raffaele Geld über Scheinfirmen abzweigten. Er versteckte die Beweise in meinem alten Archiv und gab dir den einzigen Schlüssel.
Ich starrte auf das rote Zeichen am Messing.
— Warum hat er mir nie davon erzählt?
— Weil er wusste, dass du unschuldig aussiehst. Niemand würde ein Kind durchsuchen.
— Und der Unfall?
Lucians Stimme wurde rau.
— Es war kein Unfall. Raffaele ließ ihn töten. Ich kam zu spät.
Der Raum schien kleiner zu werden. Acht Jahre lang hatte ich meinen Vater für einen feigen Schuldner gehalten. Jetzt zerbrach diese Lüge in meinem Kopf.
Daniel erschien im Türrahmen. Sein Gesicht war farblos.
— Das kann nicht sein.
— Du hast es selbst gesagt, antwortete Mara. — Und wir haben die Aufnahme, die Bilder und die Bankunterlagen.
Lucian trat einen Schritt vor.
— Leg das Messer weg, Raffaele.
Raffaele sah zuerst Sofia, dann den Lautsprecher an. Seine Hand zitterte. Schließlich ließ er das Messer fallen.
Sofia lief zu ihrem Vater. Lucian schloss die Arme um sie, ohne den Blick von mir abzuwenden.
— Emma, sagte er, — ich habe dich in dieser Nacht nicht angerührt, nachdem ich merkte, dass du betäubt warst. Du warst sicher. Das schwöre ich.
Ich glaubte ihm. Nicht, weil er mächtig war. Sondern weil er in diesem Moment zum ersten Mal aussah wie ein Mann, der Angst hatte, mir wehgetan zu haben.
Mara steckte den Schlüssel in ein kleines Schloss hinter dem Kamin. Eine verborgene Tür sprang auf. Dahinter lagen Bücher, Speicherkarten und ein Umschlag mit der Handschrift meines Vaters.
Doch bevor ich ihn berühren konnte, vibrierte Maras Telefon.
Sie nahm ab, hörte drei Sekunden zu und wurde noch blasser.
— Was ist passiert? fragte Lucian.
Mara sah mich an.
— Die Staatsanwaltschaft hat soeben einen Haftbefehl gegen Lucian Moretti beantragt. Wegen des Todes von Richard Carter…
Und dann fügte sie hinzu: — Jemand hat ihnen gerade eine zweite Aufnahme geschickt…
Dann hörte er seine eigene Stimme aus dem Lautsprecher…
Ich dachte, die Wahrheit würde mich befreien.
Doch sie stellte mich vor eine Entscheidung, die niemand für mich treffen konnte.
„Zum ersten Mal bin ich ganz sicher.“
Danach fragte er nicht mehr nach.
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