Mein Freund verlangte plötzlich zwei Duschen täglich, doch beim ersten Besuch bei seiner Mutter erstarrte sein Gesicht

Als ich die Wohnung von Jacobs Eltern betrat, sagte seine Mutter mit einem Lächeln, ich solle mich sofort frisch machen, und Jacob wurde kreidebleich.

Es war kurz nach vier an einem Samstagnachmittag. Draußen peitschte Regen gegen die Fenster, drinnen roch es nach Zitronenreiniger und warmem Hefekuchen. Ich hielt Jacobs Hand, doch seine Finger waren kalt und feucht.

Seine Mutter Ingrid musterte mich von den Schuhen bis zu den Haaren. Mein kleiner goldener Stern, eine alte Haarspange meiner Großmutter, glitzerte an meiner Schläfe.

– Lena, Liebes, der lange Weg war bestimmt anstrengend – sagte Ingrid. – Geh doch kurz ins Bad und mach dich frisch.

Ich sah Jacob an.

– Jetzt? Ich habe doch heute Morgen geduscht.

Sein Daumen drückte hart gegen meine Handfläche.

– Mach einfach, bitte.

Diese zwei Worte trafen mich schlimmer als jede Beleidigung. Seit Wochen verlangte er, dass ich morgens und abends duschte. Nicht als Wunsch. Als Pflicht.

Ich ging den schmalen Flur entlang. Unter meinen Schuhen knarrten die Dielen, und an der Wand hingen Familienfotos in identischen schwarzen Rahmen. Auf jedem Bild lächelte Jacob. Neben ihm stand immer Ingrid. Sein Vater fehlte überall.

Im Bad schloss ich die Tür und lehnte mich dagegen. Der Spiegel war vom Alter an den Rändern dunkel geworden. Auf dem Waschbecken lag ein weißes Handtuch, sorgfältig zu einem Rechteck gefaltet. Daneben stand ein neuer Lufterfrischer mit dem Duft nach grünen Äpfeln.

Ich spritzte mir Wasser ins Gesicht und versuchte, nicht zu weinen.

Was stimmte mit mir nicht?

Ich hatte Waschmittel gewechselt, drei neue Seifen gekauft und sogar einen Hautarzt aufgesucht. Die Ärztin hatte mich verwirrt angesehen.

– Ihre Haut ist gesund, Frau Keller. Sie müssen nichts behandeln.

Aber Jacob hatte nur den Kopf geschüttelt.

– Du merkst es selbst nicht, Lena. Meine Mutter wird es sofort merken.

Ich blickte auf meine Hände. Die Finger zitterten. Unter dem Waschbecken entdeckte ich einen schmalen Korb, den ich vorher nicht gesehen hatte. Darin lagen mehrere kleine Plastikflaschen, alle mit handgeschriebenen Etiketten. Datum. Uhrzeit. Ein einzelnes Wort: morgens, abends, Besuch.

Mein Herz begann zu rasen.

Ich zog eine Flasche heraus. Auf dem Etikett stand mein Name.

Nicht Jacobs Name. Meiner.

Hinter dem Spiegel knackte etwas. Ein leises, elektrisches Geräusch, kaum lauter als ein Atemzug. Ich hob den Kopf und sah genauer hin. Zwischen der Lampe und dem Rahmen war ein winziger schwarzer Punkt.

Eine Linse.

Mir wurde schlagartig übel. Ich trat zurück und stieß mit der Hüfte gegen das Waschbecken. Der goldene Stern rutschte aus meinem Haar und fiel klirrend in die Keramik.

Draußen im Flur bewegte sich jemand.

– Lena? – rief Jacob. – Bist du fertig?

Ich hob die Haarspange auf und schloss meine Faust darum. Dann sah ich unter dem Handtuch einen dünnen braunen Ordner hervorragen. Auf dem Deckel klebte ein Etikett mit meinem Namen und dem Datum unseres ersten Treffens.

Der Türgriff begann sich zu drehen. Gleichzeitig griff ich nach dem Ordner, zog ihn aus dem Versteck und schlug die erste Seite auf…

TEIL 2

…Auf der ersten Seite stand nicht etwa ein medizinischer Befund, sondern eine Tabelle. Links waren Namen eingetragen, rechts Uhrzeiten, Duschgänge und Bemerkungen.

„Mara – zu selbstbewusst. Sophie – hat widersprochen. Nadine – hat nach drei Wochen aufgegeben.“

Unter meinem Namen stand: „Lena – noch nicht vollständig angepasst.“

Ich hörte Jacobs Atem direkt hinter der Tür.

– Lena, öffne bitte.

– Einen Moment.

Meine Stimme klang fremd. Ich steckte den Ordner unter meinen Pullover und nahm den Stern in die Hand. Dann zog ich den Riegel zurück.

Jacob stand im Flur. Sein Gesicht war angespannt, Ingrid wartete hinter ihm mit einem Tablett in den Händen. Darauf standen drei Tassen und ein Glas Wasser, obwohl niemand darum gebeten hatte.

– Warum hast du so lange gebraucht? – fragte Ingrid.

– Ich habe etwas gesucht.

Ihr Blick glitt zu meiner Faust.

– Du bist nervös. Das macht einen schlechten Eindruck.

Jacob trat näher.

– Lena, geh bitte zurück und dusch noch einmal.

Ich musste lachen. Es kam kein fröhliches Geräusch heraus, eher ein kurzer, kaputter Laut.

– Du hast mich vor deiner Mutter ins Bad geschickt. Im Bad ist eine Kamera.

Das Tablett in Ingrids Händen klirrte. Eine Tasse rutschte zur Seite.

– Was für ein Unsinn – sagte sie.

– Dann komm mit und zeig mir, dass ich mich irre.

Jacob packte meinen Arm. Nicht fest genug, um einen blauen Fleck zu hinterlassen, aber fest genug, um mir zu sagen, dass er die Kontrolle behalten wollte.

– Nicht hier. Wir reden später.

– Nein. Wir reden jetzt.

Im Wohnzimmer tickte eine große Standuhr. Es war 16.23 Uhr. Jeder Schlag fühlte sich an wie ein Urteil.

Ingrid stellte das Tablett ab.

– Du hast Jacob von Anfang an unter Druck gesetzt. Er wollte nur eine ordentliche Frau.

– Eine ordentliche Frau duscht nicht nach einer Tabelle.

Jacobs Augen schossen zu meinem Pullover.

– Was hast du genommen?

Ich antwortete nicht.

Er wurde blass.

In diesem Moment wusste ich, dass der Ordner wichtiger war als die Kamera.

Ich ging zur Haustür, doch Jacob stellte sich davor. Hinter ihm hing ein Schlüsselbrett, an dem sieben gleiche Messingschlüssel baumelten. Einer davon schwang noch, weil er ihn offenbar kurz zuvor berührt hatte.

– Du gehst nirgendwohin, bevor du mir den Ordner gibst – sagte er.

– Sonst?

– Sonst rufe ich die Polizei und sage, du hast private Unterlagen gestohlen.

Ingrid lächelte wieder, aber ihre Lippen zitterten.

– Wir wollten dir helfen, Lena. Du bist empfindlich. Du riechst Dinge, die niemand sonst riecht.

Da verstand ich den wahren Zweck der Duschen noch nicht, aber ich spürte, dass sie mich seit Wochen in eine Rolle gedrängt hatten. In die Rolle der Frau, die sich schämt, zweifelt und schließlich alles glaubt.

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Mein Telefon vibrierte in der Tasche. Eine Nachricht von meiner Freundin Nora: „Bist du angekommen? Ruf mich sofort an.“

Ich drückte heimlich auf die Aufnahmefunktion und ließ das Telefon zwischen meinem Schal und der Bluse hängen.

– Jacob – sagte ich ruhig –, wie viele Frauen stehen in diesem Ordner?

Er sah zu Ingrid.

Sie nickte kaum merklich.

– Nur diejenigen, die nicht verstanden haben, wie eine Familie funktioniert.

Ich öffnete den Ordner unter meinem Pullover und schlug die nächste Seite auf. Dort war ein Foto befestigt. Eine Frau saß weinend im selben Badezimmer. Unter dem Bild stand ein Satz, der mir den Atem nahm.

Jacob beugte sich vor, um mir das Blatt aus der Hand zu reißen, doch bevor er es berühren konnte, klingelte es an der Haustür. Drei kurze, harte Schläge.

Ingrid blickte zum Fenster.

– Das kann nicht sein.

Jacob flüsterte: – Sie haben uns gefunden…

Dann wurde der Schlüssel im Schloss von außen gedreht…

TEIL 3

…Die Tür sprang auf, und Nora trat herein, hinter ihr ein Mann mit dunkelblauer Jacke und einem Ausweis in der Hand.

– Lena, stell dich hinter mich – sagte Nora.

Der Mann zeigte seinen Ausweis.

– Kriminalhauptkommissar Weber. Wir haben eine richterliche Anordnung zur Sicherung elektronischer Geräte und Unterlagen.

Jacob wich zurück. Der Messingschlüssel am Brett schwang erneut.

– Das ist ein Missverständnis – sagte er. – Meine Freundin ist hysterisch.

– Ihre Freundin hat uns vor zwölf Minuten eine Sprachnachricht geschickt – erwiderte Weber. – Darin ist Ihre Stimme deutlich zu hören.

Nora sah mich an.

– Ich habe alles bekommen, was du aufgenommen hast.

Ich zog den Ordner hervor. Meine Hände waren noch immer kalt, aber ich zitterte nicht mehr.

Weber legte eine durchsichtige Schutzhülle auf den Wohnzimmertisch.

– Frau Keller, bitte erklären Sie, was Sie gefunden haben.

Ich zeigte auf die Kamera im Bad, die inzwischen ausgebaut worden war. Der winzige schwarze Punkt lag neben einem Schraubenzieher.

– Jacob verlangte von mir, zweimal täglich zu duschen. Er sagte, ich würde unangenehm riechen. Im Bad wurde ich aufgenommen. Im Ordner stehen Namen, Duschzeiten und Bewertungen anderer Frauen.

Ingrid schlug die Hand vor den Mund.

– Die Kameras waren nur für die Sicherheit im Haus.

– Im Badezimmer? – Nora fuhr herum. – Bei geschlossener Tür?

Jacob starrte mich an.

– Ich wollte dich nicht verletzen.

– Du hast mir gesagt, ich sei schmutzig.

– Ich wollte, dass du zu meiner Mutter passt.

– Und die anderen Frauen?

Er schwieg.

Weber legte ein Tablet auf den Tisch. Darauf erschien eine Aufnahme aus dem Badezimmer. Das Bild war körnig, aber der Ton klar. Ich sah mich selbst, wie ich vor dem Spiegel weinte. Dann hörte ich Jacobs Stimme aus einem Lautsprecher:

– Wenn du mich liebst, duschst du noch einmal.

Mein Magen verkrampfte sich. Ingrid schloss die Augen.

Eine zweite Aufnahme zeigte sie, wie sie im Wohnzimmer mit einer früheren Freundin Jacobs sprach.

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– Wer in diese Familie will, muss lernen, sich zu unterwerfen – sagte Ingrid.

Jacob wurde grau.

– Mutter, du hast gesagt, die Aufnahmen würden gelöscht.

– Ich habe sie verwaltet. Für dich.

Damit war die Wahrheit ausgesprochen. Jacob hatte die Frauen nicht wegen ihrer Hygiene kontrolliert. Er hatte sie mit Scham gefügig gemacht, und Ingrid hatte jede Reaktion gesammelt, um sie später zu erpressen oder zum Schweigen zu bringen. Zwei der Frauen hatten bereits Anzeige erstattet.

Weber nahm den Ordner an sich.

– Sie beide kommen mit zur Dienststelle. Es geht um unbefugte Aufnahmen, Nötigung und Erpressungsversuche.

Jacob sah mich an.

– Lena, bitte. Du liebst mich doch.

Ich dachte an all die Abende unter der Dusche, an meine wundgeriebene Haut und die Tränen auf dem Kissen.

– Ich habe dich geliebt. Aber ich werde mich nicht mehr für deine Grausamkeit bestrafen.

Nora legte den Arm um mich. Ich glaubte, es sei vorbei.

Dann vibrierte Webers Telefon. Er las die Nachricht, und sein Gesicht veränderte sich.

– Frau Keller, wir müssen über Jacobs Firma sprechen. Die Kamera war offenbar nicht der einzige Weg, wie er Menschen kontrolliert hat. Und gerade ist ein Dokument aufgetaucht, das beweist, dass jemand Ihre Unterschrift benutzt hat…

Er drehte das Telefon zu mir.

Auf dem Bildschirm sah ich meinen Namen unter einem Vertrag, den ich nie unterschrieben hatte…

LETZTER TEIL

Dann hörte Jacob seine eigenen Worte aus dem Lautsprecher…

Ich dachte, die Kamera wäre die schlimmste Entdeckung gewesen. Doch danach kam die Wahrheit ans Licht, die mein ganzes Leben hätte zerstören können.

Später sagte ich ihm nur einen Satz:
„Ich komme nicht zurück.“
Zum ersten Mal antwortete er nicht.

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