TEIL 4 — Nach fünfzehn kinderlosen Ehejahren stellte der Ultraschallarzt eine seltsame Frage – und plötzlich wurde mein Mann kreidebleich

TEIL 4

Die Mitteilung bestand aus einem einzigen Satz.

Bitte bringen Sie die Originalaufnahmen nicht zu Herrn Keller zurück.

Darunter stand der Name einer Rechtsanwältin, deren Kanzlei nur drei Straßen von der Klinik entfernt lag.

Ich starrte auf das Telefon.

„Wer ist das?“, fragte Igor.

„Das weißt du besser als ich“, sagte Galina.

Ihre Stimme war plötzlich nicht mehr hart. Sie war dünn geworden.

Ich öffnete die Nachricht. Es folgte ein zweiter Satz.

Ihr Mann hat gestern versucht, seine Patientenakte aus dem Kinderwunschzentrum löschen zu lassen.

Mir wurde schwindelig.

„Igor?“

Er machte einen Schritt zurück.

„Marina, ich wollte dir das erklären.“

„Du hast versucht, eine Akte löschen zu lassen?“

„Es war keine Akte. Nur alte Unterlagen.“

„Warum?“

Galina griff nach seinem Arm. „Komm. Wir reden zu Hause.“

„Nein“, sagte ich.

Das Wort kam leise heraus, aber alle hörten es.

Ich hielt die Hand über meinen Bauch. Zum ersten Mal seit Stunden hatte ich das Gefühl, nicht allein zu sein.

„Ich fahre nicht mit euch“, sagte ich. „Ich gehe zu dieser Anwältin.“

Igor stellte sich mir in den Weg.

„Du bist aufgewühlt.“

„Ich bin schwanger.“

„Du weißt nicht, was du da tust.“

„Doch. Ich höre endlich zu.“

Sein Gesicht veränderte sich. Nicht wegen der Schwangerschaft. Wegen meines ruhigen Tons.

Dr. Eduard war uns aus der Klinik gefolgt. Er legte mir die Hand auf die Schulter.

„Frau Keller, Sie sollten nicht allein gehen. Ich rufe Ihnen ein Fahrzeug.“

Igor hob beide Hände.

„Eduard, mischen Sie sich nicht in unsere Ehe ein.“

„Ich mische mich nicht ein“, sagte der Arzt. „Ich schütze meine Patientin.“

Nadja kam mit einem kleinen Umschlag aus der Eingangshalle. Darin lagen die Aufnahmen, die Dr. Eduard kurz zuvor angefertigt hatte.

„Er hat mich gebeten, sie nicht aus der Hand zu geben“, sagte sie.

Igor griff danach.

„Das sind meine Kinder!“

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„Nein“, sagte Nadja. „Das sind Marinas medizinische Unterlagen.“

Seine Hand blieb in der Luft stehen.

In der Kanzlei von Rechtsanwältin Clara Vogt roch es nach Kaffee und Papier. An der Wand hing eine Uhr, deren Sekundenzeiger viel zu laut tickte. Clara hörte sich die Sprachnachricht vollständig an, ohne Galina zu unterbrechen.

Danach legte sie das Telefon auf den Tisch.

„Ihr Mann hat nicht nur versucht, Unterlagen löschen zu lassen“, sagte sie. „Er hat vor drei Wochen einen Mietvertrag für eine Wohnung unterschrieben.“

Ich sah Igor an.

„Welche Wohnung?“

Clara schob mir eine Kopie zu. „Eine Zweizimmerwohnung in einer anderen Stadt. Bezahlt für sechs Monate im Voraus.“

„Das stimmt nicht“, sagte Igor.

„Die Unterschrift ist von Ihnen.“

„Ich wollte nur Abstand.“

„Und diese Frau?“, fragte Clara.

Sie legte ein weiteres Blatt auf den Tisch. Eine Überweisung. Monatliche Zahlungen an eine ehemalige Kollegin aus Igors Firma.

Igor rieb sich über den Metallhaken an seiner Angelweste. Er hatte ihn offenbar noch immer nicht bemerkt.

„Sie versteht mich“, sagte er.

„Sie ist schwanger“, sagte Galina plötzlich.

Der Raum wurde still.

Ich blickte von ihr zu Igor.

„Was?“

Galina schloss die Augen.

„Sie ist im dritten Monat.“

Igor flüsterte: „Mama.“

„Du wolltest Marina verlassen, bevor sie es erfährt“, fuhr Galina fort. „Du wolltest behaupten, eure Ehe sei kinderlos geblieben und du hättest ein Recht auf ein neues Leben.“

Ich spürte keinen Schmerz mehr. Nur eine erschöpfende Klarheit.

„Und jetzt hast du Angst, dass meine Kinder früher geboren werden als ihres“, sagte ich.

Igor setzte sich.

„Ich wusste nichts von deiner Schwangerschaft.“

„Aber du wusstest von ihrer.“

Er antwortete nicht.

Clara faltete die Hände. „Frau Keller, die medizinische Überraschung ist nicht das einzige Problem. Ihr Mann hat gemeinsame Rücklagen auf ein eigenes Konto verschoben. Außerdem hat er Nachrichten hinterlassen, in denen er erklärt, dass er Sie wegen angeblicher Untreue öffentlich beschuldigen wolle.“

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„Das war nur für den Notfall“, sagte Igor.

„Ein sehr vorbereiteter Notfall“, erwiderte Clara.

In diesem Moment klingelte mein Telefon. Es war die Klinik. Dr. Eduard hatte gerade die endgültige Stellungnahme geschickt: doppelte Gebärmutter, zwei Schwangerschaften mit unterschiedlichem Entwicklungsstand, keine Hinweise auf eine dritte Person. Beide Kinder waren mit hoher Wahrscheinlichkeit von Igor.

Ich las den Bericht laut vor.

Igor schloss die Augen.

Galina begann zu weinen.

„Du hättest doch einfach bei ihr bleiben können“, sagte sie.

Er öffnete die Augen. „Ich hatte Angst.“

„Nein“, sagte ich. „Du hattest einen Plan.“

Clara nahm das Telefon und steckte es in eine Schutzhülle.

„Morgen besprechen wir die Konten und die Wohnung. Heute fahren Sie zu Ihrer Schwester oder in ein Hotel. Nicht zu ihm zurück.“

„Er soll gehen“, sagte ich.

Igor stand auf. Seine Lippen bewegten sich, doch zunächst kam kein Ton.

Dann vibrierte sein eigenes Telefon.

Er las die Nachricht und verlor jede Farbe aus dem Gesicht.

„Was ist passiert?“, fragte Galina.

Igor legte das Telefon auf den Tisch.

Die Nachricht kam aus dem Kinderwunschzentrum. Eine alte Aufzeichnung war wiederhergestellt worden. Und bevor Clara den Ton einschalten konnte, las ich die erste Zeile des Protokolls…

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