TEIL 4 — Ich verweigerte dem Sohn eines mächtigen Funktionärs die Freilassung – und sah, wie sein Vater im Gerichtssaal plötzlich erbleichte

TEIL 4

Und hinter dem Bild steckte ein Name, den ich bisher noch nie gehört hatte.

Ich drehte das Foto um.

Auf der Rückseite stand in verblasster Tinte: Alexej Woronin.

Korsakow kannte den Namen.

— Stellvertretender Leiter der Abteilung für Wohnungsverwaltung, sagte er. — Und enger Freund von Tarchows Vater.

— Der leibliche Vater meiner Tochter?

— Das müssen wir beweisen.

Um sechs Uhr morgens fuhren wir zum Krankenhaus. Der Arzt, der Nadeschdas Geburt beurkundet hatte, lag im dritten Stock hinter einer Glasscheibe. Sein Gesicht war gelblich, die Hände lagen wie dünne Zweige auf der Decke.

— Woronin und Tarchow haben damals die Kinder vertauscht, flüsterte er. — Woronin wollte verhindern, dass seine Frau von der Schwangerschaft erfährt. Tarchows Frau hatte ein krankes Mädchen geboren. Sie wollten ein gesundes Kind für ihre Familie.

— Und Sie haben mitgemacht?

Er schloss die Augen.

— Ich hatte Schulden. Sie versprachen mir eine Stelle, wenn ich schweige.

— Sie haben neunzehn Jahre geschwiegen.

— Bis dieses Mädchen starb.

Er zog einen Schlüssel aus der Tasche seines Schlafanzugs. Der Schlüssel hing an einem Stück rotem Wollfaden.

— Im Archiv liegt das Originalbuch. Fach zwölf. Hinter den alten Impfregistern.

Noch bevor wir den Schlüssel nehmen konnten, klingelte das Telefon auf dem Flur. Korsakow hob ab.

— Ja?

Sein Gesicht veränderte sich.

— Woronin ist auf dem Weg zur Grenze. Er hat versucht, mit einem Diplomatenwagen die Stadt zu verlassen.

Roman hatte geglaubt, sein Vater könne alles richten. Jetzt versuchte der Vater, sich selbst zu retten.

Im Präsidium herrschte an diesem Morgen völlige Unordnung. Telefone schrillten. Schreibmaschinen klapperten. Ein Bote rannte mit einem Stapel beschlagnahmter Unterlagen durch den Korridor.

Romans Verteidiger kam kurz nach neun Uhr.

— Ich lege mein Mandat nieder, sagte er. — Sein Vater hat mich angewiesen, die Tonaufnahme zu vernichten.

Roman sprang auf.

— Sie bleiben hier!

— Nein. Ich bleibe nicht bei einem Mann, der mir befiehlt, Beweise zu fälschen.

— Sie wissen nicht, wer hinter mir steht.

— Jetzt weiß ich es, antwortete der Anwalt. — Und gerade deshalb gehe ich.

Roman sah ihm nach, als hätte man ihm zum ersten Mal eine Tür vor der Nase zugeschlagen.

Am Nachmittag wurde die Tonaufnahme im Beisein aller Beteiligten erneut abgespielt. Diesmal saßen Roman, sein Vater, Woronin und Lida im selben Raum. Die Aufnahme begann mit dem Klirren eines Glases.

Dann hörten wir Romans Stimme.

— Du bist hier, weil du nichts wert bist. Niemand wird dir glauben.

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Roman presste die Hände auf die Tischkante.

— Das habe ich nicht gesagt.

Korsakow drückte die Wiedergabe zurück.

Die Worte erklangen erneut.

— Du bist hier, weil du nichts wert bist. Niemand wird dir glauben.

Roman starrte auf das Gerät. Sein eigener Mund bewegte sich nicht, aber seine Stimme war im Raum. Er hörte sich selbst von außen. Sein Gesicht zerfiel förmlich.

— Ich war betrunken, murmelte er.

— Betrunken waren Sie vielleicht, sagte ich. — Aber nicht bewusstlos.

Die Aufnahme lief weiter. Man hörte Nadeschda weinen, Lida gegen eine Tür schlagen, Boris lachen und Witali sagen, dass niemand die Polizei rufen werde.

Dann Romans Stimme:

— Wenn sie noch einmal schreit, machen wir das Fenster auf.

Lida begann zu weinen. Ich nahm ihre Hand. Ihre Finger waren eiskalt.

Romans Vater stand auf.

— Ich habe nichts davon gewusst.

Korsakow drehte sich zu ihm.

— Sie haben die Wohnung bezahlt, die Flaschen geliefert und heute Nacht versucht, Ihren Sohn aus der Stadt zu bringen.

— Ich wollte ihn schützen.

— Genau das ist das Problem.

Am Abend lag das Originalbuch aus dem Archiv auf meinem Tisch. Die Seite war an den Rändern brüchig. Neben dem Eintrag über meine Geburt stand ein roter Vermerk. Daneben: Kind weiblich, gesund, Mutter Anna Sokolowa. Der Name des Vaters war durchgestrichen. An seiner Stelle stand Alexej Woronin.

Ich musste mich setzen.

Nadeschda war mein Kind gewesen. Sergej hatte es nie erfahren. Und Nadeschda hatte ihr ganzes Leben geglaubt, sie sei die Tochter einer anderen Familie.

In den folgenden Tagen versuchten mehrere Menschen, die Wahrheit wieder zuzudecken. Ein Beamter bot mir eine Versetzung an. Ein anderer legte einen Umschlag auf meinen Schreibtisch und sagte, ich könne damit die Ausbildung meiner Tochter finanzieren.

Ich schob den Umschlag zurück.

— Meine Tochter ist tot.

Der Mann senkte den Blick.

— Dann tun Sie es wenigstens für sich.

— Nein. Ich tue es, damit niemand mehr sagen kann, sie sei selbst schuld gewesen.

Der Prozess begann im November. Vor dem Gerichtsgebäude drängten sich Journalisten, Arbeiter, Studenten und Frauen, die Blumen in Zeitungspapier gewickelt hatten. Viele kannten Nadeschda nicht. Trotzdem wollten sie dabei sein.

Lida sagte aus. Ihre Stimme zitterte, aber sie wich keinem Blick aus.

— Wir wurden in die Wohnung gebracht, weil man uns versprach, dort ein Fest zu feiern. Als wir gehen wollten, schloss man die Tür ab.

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Boris und Witali beschuldigten Roman. Roman beschuldigte seinen Vater. Der Vater beschuldigte Woronin. Woronin beschuldigte den Arzt.

Doch die Tonaufnahme blieb.

Und die Liste blieb.

Und Nadeschdas zerbrochene Haarspange blieb in der Beweismittelmappe.

Im Januar verkündete das Gericht das Urteil. Roman erhielt eine lange Haftstrafe wegen Freiheitsberaubung, schwerer Misshandlung und Beteiligung an Nadeschdas Tod. Boris und Witali wurden ebenfalls verurteilt. Der Arzt bekam eine Strafe wegen Urkundenfälschung. Woronin und Tarchows Vater verloren ihre Ämter und wurden wegen Bestechung und Vertuschung angeklagt.

Ich empfand keine Freude.

Nur Erschöpfung.

Nach der Sitzung blieb Lida im leeren Saal stehen.

— Haben wir gewonnen? fragte sie.

Ich sah auf die Reihen der Zuschauer, die sich langsam leerten.

— Nadeschda kommt nicht zurück.

— Das weiß ich.

— Aber jetzt kann niemand mehr ihre Geschichte verändern.

Lida nickte und weinte lautlos.

Drei Monate später räumte ich mein Büro. Die Akte war abgeschlossen, doch ich konnte sie nicht weggeben. Ich legte Nadeschdas Foto in eine kleine Schachtel und dazu den roten Haarspangenkäfer.

Dann schrieb ich auf einen Zettel: Ihr Name war Nadeschda Petrowa. Sie war meine Tochter. Sie war nicht schuld.

Ich zog in eine kleinere Wohnung am Rand von Moskau. Dort begann ich, junge Richterinnen auszubilden. Jeden Morgen stellte ich die Schachtel auf den Tisch, bevor ich zur Arbeit ging.

Im Frühling besuchte mich Lida. Sie hatte eine Stelle in einer Bibliothek gefunden. Auf dem Weg zu mir brachte sie ein Kinderbuch mit.

— Für wen ist das? fragte ich.

— Für Ihre Enkelkinder, sagte sie vorsichtig.

Ich musste lächeln.

— Ich habe keine.

— Vielleicht eines Tages.

Wochen später nahm ich ein Pflegekind bei mir auf, einen stillen Jungen namens Michail. Er sprach kaum und versteckte Bleistifte unter seinem Kissen. Nach und nach begann er, mir Bilder zu zeichnen: Häuser, Bäume, Menschen mit viel zu großen Händen.

Am ersten Schneetag stellte er einen roten Papierkäfer auf meinen Schreibtisch.

— Der soll aufpassen, sagte er.

— Worauf?

— Dass niemand wieder verschwindet.

Ich antwortete nicht sofort. Dann strich ich über seinen Kopf.

— Das verspreche ich dir.

Ein Jahr später kam der letzte Brief von Roman. Er schrieb, sein Vater habe ihn vergessen, seine Mutter sei krank, und er selbst habe nun verstanden, was er getan habe.

Am Ende stand: Ich brauche nur eine Unterschrift von Ihnen. Dann kann ich früher entlassen werden.

Ich las den Brief zweimal. Danach faltete ich ihn sauber zusammen und schickte ihn zurück.

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Ohne Antwort.

Einige Wochen später stand Roman tatsächlich vor dem Gerichtsgebäude. Er war dünner geworden. Die goldene Hirsch­nadel trug er nicht mehr.

— Anna Sokolowa, sagte er. — Bitte hören Sie mich an.

— Ich habe Sie gehört.

— Ich war nicht der Einzige.

— Das stimmt.

— Warum helfen Sie mir dann nicht?

Ich sah ihn lange an. Er erwartete Wut, vielleicht Tränen, vielleicht die alte Bereitschaft, einen anderen vor den Folgen seiner Entscheidungen zu retten.

Aber in mir war nur Ruhe.

— Weil Hilfe nicht bedeutet, dass ich Ihre Schuld für Sie trage.

Er senkte den Kopf.

— Sie war wirklich Ihre Tochter?

— Ja.

— Ich wusste es nicht.

— Das macht Ihren Schmerz nicht größer als ihren.

Er ging, ohne noch etwas zu sagen.

Ich blieb vor dem Gebäude stehen. Der Schnee lag auf den Stufen und dämpfte jedes Geräusch. In meiner Tasche lag die kleine Schachtel. Darin der zerbrochene rote Haarspangenkäfer, der einmal einem Mädchen gehört hatte, dessen Name man auslöschen wollte.

Zu Hause stellte ich ihn neben Michails Papierbild. Ein roter Käfer auf weißem Grund.

Dann schloss ich die Schublade.

Zum ersten Mal war es keine Truhe für Trauer.

Es war ein Ort für Erinnerung.

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