TEIL 4 — Ich strich die Miete für meine Schwiegermutter, nachdem sie meine kranke Großmutter beleidigt hatte – dann wurde ihr Gesicht plötzlich kreidebleich

TEIL 4

Ich legte auf, ohne Alexej anzusehen.

„Wer ist Sergej?“, fragte er.

Ich nahm meinen Mantel vom Haken.

„Das finde ich jetzt heraus.“

„Elena, warte.“

„Nein.“

Draußen vor dem Krankenhaus roch die Luft nach nassem Asphalt. Es war kurz nach halb elf, und die Leuchtreklame der Notaufnahme flackerte über dem Eingang. In meiner Tasche lag der kleine Messingschlüssel meiner Großmutter. Vera hatte ihn mir als Kind geschenkt und immer gesagt, ich solle ihn behalten, auch wenn ich noch nicht wisse, welche Tür er öffne.

Auf der Station wartete Ärztin Dr. Lenz neben Veras Bett. Meine Großmutter war blass, aber wach. An ihrem Handgelenk hing ein Plastikband, und auf dem Nachttisch stand ein Glas mit einem einzelnen Kamillenstängel.

„Du bist gekommen“, sagte Vera.

„Wer ist Sergej Sokolow?“

Sie schloss kurz die Augen.

„Alexejs Vater.“

Ich kannte diesen Namen. Alexej hatte immer behauptet, sein Vater sei vor vielen Jahren verschwunden und habe nie etwas hinterlassen. Galina Petrowna hatte jede Frage mit einem scharfen „Er war ein schlechter Mensch“ beendet.

Vera deutete auf einen braunen Umschlag, der unter dem Kissen lag.

„Ich wollte dir die Wahrheit sagen, bevor du dich endgültig von ihnen lösen musst.“

„Was ist darin?“

„Die Erklärung, die ich damals unterschrieben habe. Und ein Nachweis über das Geld.“

Meine Finger waren so kalt, dass ich den Umschlag kaum öffnen konnte.

Vera sah mich an.

„Sergej hat vor seinem Verschwinden Geld für Alexej zurückgelegt. Nicht viel, aber genug, um ihm eine Ausbildung und eine Wohnung zu ermöglichen. Galina Petrowna hat den Betrag nie erwähnt. Sie hat das Konto aufgelöst.“

Ich starrte auf die Unterlagen.

„Woher weißt du das?“

„Ich arbeitete damals im Archiv des Gerichts. Sergej kam kurz vor seinem Tod zu mir. Er wusste, dass Galina ihm nicht glaubte. Deshalb bat er mich, die Belege aufzubewahren.“

„Warum hast du mir nie davon erzählt?“

„Weil ich dachte, Alexej würde irgendwann selbst nach der Wahrheit suchen.“

Ein bitteres Lächeln glitt über ihr Gesicht.

„Menschen suchen selten nach einer Wahrheit, von der sie profitieren.“

Am selben Nachmittag meldete sich die Ermittlerin bei mir. Herr Reuter hatte die Unterlagen übergeben, Viktor seine Forderungen eingereicht, und die Bank hatte die Kontobewegungen bestätigt. Alexej wurde nicht sofort verhaftet. Er erhielt eine Vorladung und durfte seine Arbeit bis zur Klärung nicht mehr ausüben.

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Er rief mich achtzehnmal an.

Beim neunzehnten Mal ging ich ran.

„Bitte hör mir zu“, sagte er. Im Hintergrund schlug eine Tür. „Meine Mutter hat mich unter Druck gesetzt.“

„Du hast die Kontonummer geändert.“

„Sie sagte, der Vermieter würde uns ruinieren.“

„Du hast meine Unterschrift auf der Erklärung verlangt.“

„Ich war verzweifelt.“

„Du warst bequem.“

Am anderen Ende wurde es still.

„Liebst du mich überhaupt noch?“

Ich sah durch das Fenster auf den Krankenhauspark. Zwischen den kahlen Bäumen lag schmutziger Schnee.

„Ich liebe den Mann, für den ich dich gehalten habe. Aber ich kann nicht länger mit einem Bild verheiratet sein.“

„Elena…“

„Die Antwort ist nein.“

Eine Woche später musste Alexej zur Anhörung bei der Ermittlerin. Ich saß in einem kleinen Raum mit gelben Wänden, neben mir Nadja und Herr Reuter. Auf dem Tisch stand ein Aufnahmegerät.

Alexej hatte die Aufzeichnung selbst angefertigt, um mich unter Druck zu setzen. Er hatte nicht bemerkt, dass sein Telefon während des Gesprächs die Tonspur automatisch in eine Sicherung geladen hatte.

Die Ermittlerin drückte auf Wiedergabe.

Meine Stimme erklang blechern: „Warum soll ich etwas unterschreiben, das nicht stimmt?“

Dann Alexej, ganz deutlich:

„Weil du meine Frau bist.“

Ich hatte diesen Satz in der Küche gehört. Jetzt hörte ich ihn von außen.

Alexej saß mir gegenüber. Bei jedem Wort sank sein Gesicht ein wenig tiefer.

„Das klingt nicht so, wie es gemeint war“, murmelte er.

Die Ermittlerin hob den Blick.

„Wie war es denn gemeint?“

Er fand keine Antwort.

Galina Petrowna kam an diesem Tag nicht. Ihr Anwalt erklärte, sie sei gesundheitlich angeschlagen. Zwei Stunden später rief er mich an.

„Meine Mandantin möchte eine Vereinbarung treffen“, sagte er. „Sie würde die Tasche verkaufen und einen Teil der Summe zurückzahlen.“

„Und der Rest?“

„Sie braucht Zeit.“

„Zeit hatte sie zwei Jahre.“

„Frau Sokolowa, es wäre für alle Beteiligten besser, wenn Sie die Anzeige zurücknehmen.“

„Nein.“

„Sie riskieren damit eine langwierige Auseinandersetzung.“

„Ich riskiere nur noch, wieder gerettet werden zu müssen.“

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Ich legte auf.

Am Abend fuhr ich zu Galinas Wohnung, um meine letzten Sachen aus dem Keller zu holen. Der Flur roch nach feuchtem Teppich. An der Garderobe hing ihr seidener Schal, sorgfältig gebügelt, als wäre nichts geschehen.

Im Wohnzimmer war es ungewöhnlich leer. Die teuren Vorhänge fehlten, die Schachteln vom Juwelier waren verschwunden, und auf dem Teppich stand der helle Abdruck eines Schranks.

Auf dem Fensterbrett lag nur ein Gegenstand: die bordeauxrote Lackledertasche.

Der Verschluss war zerkratzt. Das Leder hatte an der Seite einen langen Riss.

Ich nahm sie nicht mit.

„Du kannst sie doch verkaufen“, sagte Alexej hinter mir.

Ich drehte mich um.

Er sah müde aus. Zum ersten Mal trug er keinen Mantel, keine sorgfältig gebügelte Arbeitskleidung. Nur einen Pullover mit einem ausgefransten Ärmel.

„Das ist jetzt nicht mehr meine Aufgabe.“

„Meine Mutter wird alles verlieren.“

„Sie hat selbst entschieden, wofür sie ihr Geld ausgibt.“

„Und ich?“

Ich betrachtete ihn lange.

„Du musst zum ersten Mal selbst entscheiden, wer du sein willst.“

Drei Monate später lebte ich in einer kleinen Wohnung am Stadtrand. Das Fenster im Schlafzimmer klemmte, die Heizung klopfte nachts, und die Küche hatte nur zwei Herdplatten. Trotzdem schlief ich dort besser als in unserem alten Zuhause.

Vera war wieder zu Hause. Sie ging langsam, aber jeden Morgen stellte sie mir eine Tasse Tee hin und schimpfte, wenn ich zu lange arbeitete.

Ich hatte eine neue Stelle in der Prüfungsabteilung angenommen. Ich kontrollierte nun Zahlungswege, Verträge und Unterschriften. Jede Zahl musste zu einer echten Geschichte passen.

An einem Dienstag im November kam Vera mit einem kleinen Karton aus dem Keller.

„Ich habe etwas gefunden“, sagte sie.

Darin lag der Messingschlüssel aus meiner Kindheit. Der Bart war dunkel angelaufen, doch der winzige rote Lackpunkt am Griff war noch sichtbar.

„Er öffnet das alte Schließfach“, sagte Vera. „Ich habe es heute auf deinen Namen umschreiben lassen.“

„Was ist darin?“

„Nichts, was dich retten muss.“

Sie lächelte.

„Nur Dinge, die dir gehören.“

In derselben Woche schickte Alexej mir eine Nachricht. Er schrieb, er habe verstanden, was er getan habe. Er schrieb, seine Mutter sei in eine kleinere Wohnung gezogen. Er schrieb, er vermisse meine Stimme am Morgen.

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Dann kam der Satz, auf den er offenbar am meisten hoffte: „Wir könnten noch einmal von vorn anfangen.“

Ich las die Nachricht zweimal.

Nicht, weil ich zweifelte.

Sondern weil ich endlich begriff, wie wenig sie noch in mir auslöste.

Ich antwortete: „Ich wünsche dir, dass du dein Leben ordnest. Aber ich komme nicht zurück.“

Danach löschte ich seine Nummer.

Am nächsten Tag fiel der erste richtige Schnee. Vera saß am Fenster und strickte einen grünen Schal für sich selbst. Ich stand in der Küche und packte mein Mittagessen ein.

Der Deckel meiner alten Thermoskanne klickte ein.

Dasselbe kleine Geräusch wie an jenem Morgen, an dem alles zerbrochen war.

Nur diesmal tat es nicht weh.

Ich legte den Messingschlüssel neben die Tasse, schloss die Wohnungstür und ging hinaus.

Hinter mir blieb nichts offen.

Der Schlüssel war endlich für meine eigene Tür.

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