
Als der Arzt den Ultraschallkopf von meinem Bauch nahm und mich fragte, wie viele Ehemänner ich gehabt hätte, dachte ich zuerst, ich hätte mich verhört.
Es war kurz nach neun Uhr an einem Dienstagmorgen. Im Untersuchungszimmer der Privatklinik roch es nach Desinfektionsmittel und warmer Elektronik. Auf dem Fensterbrett lag ein kleines Messingmedaillon in Form eines Angelhakens, das ich nervös zwischen meinen Fingern gedreht hatte. Igor hatte es mir vor Jahren von einem Angelausflug mitgebracht und behauptet, es würde mich vor allem Bösen schützen.
Ich hatte es an diesem Morgen in meine Handtasche gesteckt, weil ich Angst hatte.
Seit fast drei Wochen war mir übel. Mein Unterleib zog, mein Kreislauf versagte, und selbst der Geruch von Igors Fischködern hatte mich beinahe zu Boden gehen lassen. Ich war sechsunddreißig, seit fünfzehn Jahren verheiratet und hatte mich längst damit abgefunden, dass unser Haus niemals Kinderlachen hören würde.
— Legen Sie sich bitte hin, Frau Berger — sagte der Arzt und zog den Vorhang zu. — Wir sehen uns das in Ruhe an.
— Sagen Sie mir die Wahrheit. Ist es ein Tumor?
— Noch weiß ich gar nichts. Aber Sie wissen offenbar schon alles, was das Internet zu bieten hat.
Seine Stimme war trocken, doch nicht unfreundlich. Ich legte mich auf die schmale Liege. Das Papier darunter raschelte bei jeder Bewegung. Als das kalte Gel meine Haut berührte, biss ich die Zähne zusammen.
Igor wartete draußen. Er hatte mich trotz seines geplanten Angelausflugs hergebracht und versprochen, im Flur zu bleiben. Kurz vor der Untersuchung hatte er noch auf seine neue Angelrolle gezeigt.
— Wenn der Arzt sagt, es ist harmlos, fahren wir danach an den See — hatte er gesagt. — Du brauchst frische Luft.
— Ich brauche Gewissheit, Igor.
— Du bekommst sie. Und hör auf, dir Krankheiten einzureden.
Jetzt starrte ich auf die dunkle Zimmerdecke und hörte nur das leise Summen des Geräts. Der Arzt bewegte den Schallkopf über meinen Bauch, hielt inne, veränderte die Einstellung und ging wieder zurück. Eine Minute verging. Dann zwei.
— Herr Doktor? — fragte ich.
Er antwortete nicht.
Sein Gesicht spiegelte sich im schwarzen Rand des Bildschirms. Die Stirn gerunzelt, die Lippen leicht geöffnet. Schließlich nahm er die Brille ab, wischte sie mit einem weißen Tuch ab und setzte sie wieder auf.
— Frau Berger, wie viele Ehemänner hatten Sie?
Mein Herz schlug so hart, dass mir schwindlig wurde.
— Einen. Igor. Seit fünfzehn Jahren. Warum fragen Sie das?
Der Arzt sah mich lange an.
— Und Sie sind sicher, dass es nur einer ist?
— Was soll diese Frage? Wollen Sie mir etwas unterstellen?
Draußen klopfte jemand an die Tür. Igor rief gedämpft:
— Marina, ist alles in Ordnung?
Der Arzt drehte den Bildschirm ein wenig von mir weg. Genau in diesem Moment vibrierte mein Telefon in der Tasche. Eine Nachricht von meiner Schwiegermutter Helene erschien auf dem Display: „Igor muss sofort mit dir reden. Es geht um eure Ehe.“
Ich hob den Kopf.
— Was bedeutet das?
Der Arzt öffnete eine Schublade, nahm einen Ausdruck heraus und legte ihn mit der Rückseite nach oben auf den Tisch. Dann griff er nach der Mappe mit meinen Unterlagen. Seine Finger blieben genau über dem Verschluss stehen…
TEIL 2
Seine Finger schwebten noch immer über dem Verschluss der Mappe, als die Tür aufgerissen wurde.
Igor stand im Eingang. Sein Gesicht war gerötet, und an seinem rechten Ärmel klebte ein dünner Streifen getrockneter Erde. Offenbar hatte er draußen ungeduldig vor der Tür gewartet und dabei seine Hände an den Pflanzkübeln gerieben.
— Was ist los? — fragte er. — Warum sieht meine Frau aus, als hätte man ihr den Boden weggezogen?
Der Arzt schloss die Mappe langsam.
— Ich habe Ihre Frau lediglich untersucht.
— Dann sagen Sie endlich, was Sie gefunden haben.
Ich setzte mich auf der Liege auf. Das Papier knisterte unter meinen Knien.
— Er hat mich gefragt, wie viele Männer ich hatte.
Igor blickte zuerst mich, dann den Arzt an.
— Wie bitte?
— Weil der Befund ungewöhnlich ist — erwiderte der Arzt. — Mehr kann ich Ihnen sagen, wenn ich die Untersuchung beendet habe.
— Ungewöhnlich? — Igor trat einen Schritt näher. — Sie hat Schmerzen. Ist es Krebs?
— Nein. Aber Sie sollten beide ruhig bleiben.
Diese Worte beruhigten mich nicht. Igor nahm meine Hand, doch seine Finger waren kalt. Als ich ihn ansah, wich er meinem Blick aus. Zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren sah ich in seinem Gesicht nicht nur Sorge, sondern auch etwas anderes. Furcht.
Der Arzt bat ihn hinauszugehen, setzte die Untersuchung fort und erklärte kaum etwas. Er maß, druckte Bilder aus und markierte einzelne Stellen mit einem schwarzen Stift. Das Klicken des Druckers klang in meinen Ohren wie ein Countdown.
Um halb zehn saßen wir im Wartebereich. Neben uns spielte ein kleiner Junge mit einem roten Holzauto. Bei jedem Aufprall gegen den Tisch sagte seine Mutter:
— Langsamer, Emil.
Ich konnte nicht aufhören, das Auto anzusehen. Igor hielt den Ausdruck in der Hand, den der Arzt uns mitgegeben hatte. Die Rückseite war noch immer oben.
— Dreh ihn um — sagte ich.
— Der Arzt will zuerst mit uns sprechen.
— Warum versteckst du ihn?
— Ich verstecke nichts.
— Dann dreh ihn um.
Er tat es nicht.
Um zehn Uhr rief Helene an. Igor ging drei Schritte zur Seite, doch ich hörte jedes Wort.
— Nein, Mutter, nicht jetzt.
Eine Pause.
— Du hast versprochen, dass du es ihr heute sagst?
Mein Magen krampfte sich zusammen.
— Was soll er mir sagen? — fragte ich, als er zurückkam.
— Sie ist aufgeregt. Mehr nicht.
— Deine Mutter schreibt mir, unsere Ehe sei in Gefahr, und du sagst, sie sei nur aufgeregt?
Igor strich über den Rand des Ausdrucks. Das Papier bekam unter seinem Daumen eine Falte.
— Marina, wenn der Befund etwas mit unserer Kinderlosigkeit zu tun hat, müssen wir vernünftig bleiben.
— Was meinst du damit?
— Vielleicht hat man früher etwas übersehen.
— Was hat man übersehen?
Er schwieg.
Kurz nach elf wurden wir erneut in das Zimmer gerufen. Der Arzt hatte inzwischen eine zweite Ärztin hinzugeholt, eine junge Frau namens Doktor Nele Hartmann. Auf dem Bildschirm waren mehrere Bilder geöffnet. Der ältere Arzt stand davor, die Hände auf die Tischkante gelegt.
— Frau Berger — begann er — Sie haben keine gewöhnliche Schwangerschaft.
Igor wurde blass.
— Schwangerschaft? — wiederholte ich.
Die junge Ärztin schob mir einen Stuhl hin.
— Setzen Sie sich bitte. Es gibt zwei Befunde, die wir sorgfältig voneinander trennen müssen.
— Zwei Befunde?
Der Arzt wandte den Bildschirm zu uns. Ich sah eine runde, flimmernde Form. Dann eine zweite, kleiner und weiter links.
— Das, was wir Ihnen jetzt erklären, wird zunächst unglaublich klingen — sagte er. — Und bevor Sie irgendwelche Entscheidungen treffen, müssen wir eine weitere Untersuchung durchführen. Denn wenn unsere Vermutung stimmt, betrifft sie nicht nur Ihren Körper, sondern auch die Wahrheit über Ihre Ehe…
TEIL 3
— Wenn unsere Vermutung stimmt, betrifft sie nicht nur Ihren Körper, sondern auch die Wahrheit über Ihre Ehe — wiederholte der Arzt.
Im Untersuchungszimmer war es plötzlich so still, dass ich das Ticken der Wanduhr hörte. Igor stand neben mir, den Ausdruck noch immer in der Hand. Seine Knöchel waren weiß.
— Sprechen Sie aus, was Sie sehen — sagte ich. — Ich halte das aus.
Der Arzt nickte und zeigte auf die rechte Seite des Bildschirms.
— Ihre Gebärmutter ist vollständig geteilt. Zwei voneinander getrennte Hohlräume, beide mit eigener Versorgung. Das ist selten, aber medizinisch eindeutig.
Doktor Hartmann öffnete die nächste Aufnahme.
— In der rechten Hälfte liegt ein kräftiger Fötus. Das Herz schlägt regelmäßig. Die Entwicklung entspricht ungefähr der dreizehnten Schwangerschaftswoche.
Meine Hand glitt auf meinen Bauch.
— Dreizehn Wochen?
— Ja.
— Aber das ist unmöglich. Ich hatte doch erst vor acht Wochen meine Blutung.
— Genau deshalb haben wir weitergesucht — sagte die junge Ärztin. — In der linken Hälfte befindet sich ein zweiter Fötus. Seine Entwicklung entspricht etwa der neunten Woche.
Igor ließ den Ausdruck fallen.
Das Papier segelte zu Boden.
— Zwei? — flüsterte ich.
— Zwei Kinder — bestätigte der Arzt. — Mit ungefähr vier Wochen Unterschied in der Entwicklung.
Ich lachte einmal, ohne Freude. Dann kamen die Tränen.
— Sie wollen sagen, ich bin zweimal schwanger geworden?
— Nicht ganz. Der erste Embryo entstand früher. Während dieser Schwangerschaft kam es zu einem zweiten Eisprung, und die zweite Befruchtung fand später statt. Das nennt man Überschwängerung mit zeitlichem Abstand. Ein äußerst seltenes Ereignis.
— Und warum haben Sie gefragt, wie viele Ehemänner ich hatte?
Der Arzt hob hilflos die Hände.
— Weil der Abstand der Schwangerschaften viele Fragen aufwirft. Es war eine ungeschickte Formulierung. Ich entschuldige mich dafür.
Ich drehte mich zu Igor.
— Sag etwas.
Er starrte auf den Boden.
— Das kann nicht von mir sein.
Die Worte trafen mich härter als jede Diagnose.
— Was hast du gesagt?
— Marina, ich meine nur, dass ich in diesem Zeitraum kaum zu Hause war. Du weißt, wie viel ich gearbeitet habe.
— Du warst nicht kaum zu Hause. Du warst jeden Abend hier.
Doktor Hartmann sah ihn scharf an.
— Herr Berger, die zeitliche Differenz beweist gar nichts über die Vaterschaft. Beide Schwangerschaften können selbstverständlich vom selben Mann stammen.
— Aber die Ärzte werden das prüfen müssen — sagte Igor.
— Nach der Geburt, wenn es notwendig ist. Im Moment brauchen die Kinder Ruhe und Sie medizinische Betreuung.
Er griff nach seiner Jacke. In der Innentasche raschelte etwas. Ein abgerissener Kalenderzettel fiel heraus. Ich erkannte sofort das Datum. Es war der Tag, an dem Igor angeblich auf einer zweitägigen Angeltour gewesen war.
— Du warst damals nicht angeln — sagte ich.
Sein Gesicht wurde grau.
— Nicht jetzt.
— Wo warst du?
Mein Telefon klingelte. Unbekannte Nummer. Ich nahm ab.
— Frau Berger? Hier ist das Kinderwunschzentrum am Lindenplatz. Wir haben Ihre Akte aus dem Archiv geprüft. Bei uns liegt ein unterschriebenes Dokument, das Sie vor zwei Jahren nie gesehen haben.
Ich sah Igor an.
— Was für ein Dokument?
Am anderen Ende entstand eine kurze Pause.
— Eine Einverständniserklärung zu einer Behandlung, die unter Ihrem Namen abgebrochen wurde. Und die Unterschrift darauf stammt nicht von Ihnen.
Igor machte einen Schritt zurück.
— Legen Sie sofort auf — sagte er.
Doch ich hörte bereits die Stimme der Mitarbeiterin:
— Frau Berger, wir haben außerdem eine zweite Datei gefunden. Darin steht, wer damals mit Ihrem Mann bei uns war…
Dann hörte Igor seine eigenen Worte wieder…
Ich glaubte, die größte Wahrheit bereits erfahren zu haben. Doch danach begann erst der Kampf um mein eigenes Leben.
„Wir sind eine Familie. Aber nicht mehr deine Rettung.“
Danach wurde es ganz still.
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