Ich wurde im Anwesen des gelähmten Mafia-Chefs öffentlich gedemütigt, doch als ich neben ihm einschlief, verschwand sein spöttisches Lächeln

 

Als ich im Anwesen des gefürchtetsten Mannes von Hafenstadt zusammenbrach, hielt ich noch den Putzlappen in der Hand – und jemand begann im Flur zu lachen.

Es war kurz nach Mitternacht. Regen peitschte gegen die kugelsicheren Fenster, während ich seit einundzwanzig Stunden auf den Beinen war. Mein rechtes Knie pochte unter der billigen schwarzen Hose, und meine Finger rochen nach Zitronenreiniger.

Ich hatte in einem Café gearbeitet, danach Büros gereinigt und war schließlich mit zwei Bussen zum Anwesen der Kanes gefahren. Zweiunddreißig Euro pro Stunde versprach die Vermittlungsagentur. Für mich war das kein Lohn, sondern die letzte Möglichkeit, die Pflege meiner Mutter zu bezahlen.

Im Obergeschoss stand Dominic Kane vor dem Kamin. Genauer gesagt: Sein Rollstuhl stand dort. Dominic saß darin, breit gebaut, mit vernarbten Händen und einem Blick, der selbst bewaffnete Männer verstummen ließ. Seit einer Kugel in den Rücken vor zwei Jahren konnte er seine Beine nicht mehr bewegen.

Ich hatte gehört, dass er Krankenschwestern angeschrien, Therapeuten entlassen und einmal eine schwere Uhr nach einem Arzt geworfen hatte.

Trotzdem kniete ich vor der weißen Fußleiste und schrubbte einen dunklen Streifen weg.

— Wer hat Ihnen erlaubt, dort zu arbeiten? fragte er.

— Niemand. Ich wurde dafür eingestellt.

— Ich habe niemanden eingestellt.

— Dann beschweren Sie sich bei Frau Caldwell. Aber bitte erst, wenn ich fertig bin.

Sein Rollstuhl summte näher. Ein Metallanhänger an meinem Schlüsselbund schlug gegen den Eimer und klirrte in der Stille. Es war ein kleiner, zerkratzter Messingstern, den meine Mutter mir als Kind geschenkt hatte. Ich trug ihn immer bei mir, weil sie an guten Tagen behauptete, er bringe Glück.

Dominic sah auf den Anhänger.

— Sie haben keine Angst vor mir?

— Doch. Aber Angst macht den Fleck nicht sauber.

Sein Gesicht wurde hart.

— Sie sind neu.

— Das haben Sie bereits herausgefunden.

Hinter mir blieb jemand stehen. Ethan Ward, sein ältester Vertrauter, kam mit einem Tablet in der Hand aus dem Arbeitszimmer. Er war elegant, ruhig und so höflich, dass mir seine Kälte erst auffiel, als er lächelte.

— Ich würde an Ihrer Stelle vorsichtiger sein, sagte Ethan.

— Ich bin an meiner Stelle, erwiderte ich. Und die ist gerade auf dem Boden.

Ethan lachte leise. Dominic tat es nicht.

— Gehen Sie, sagte Dominic.

— Wohin?

— Aus meinem Haus.

Ich legte den Schwamm in den Eimer und stand langsam auf. Mein Knie gab nach, aber ich fing mich am Fensterbrett ab. Draußen flackerte eine Sicherheitslampe, und für einen Moment sah ich mein eigenes müdes Gesicht in der Scheibe.

— Wenn Sie mich entlassen wollen, müssen Sie Frau Caldwell anrufen. Sie hat den Vertrag.

— Sie widersprechen mir?

— Nein. Ich erkläre Ihnen, wie man mich entlässt.

Ethan hörte auf zu lächeln.

Später, gegen zwei Uhr morgens, fand ich Dominic wieder im Wohnzimmer. Er saß vor dem Feuer und starrte auf seine reglosen Beine. Auf dem Tisch stand ein Glas Wasser, unberührt. Seine Knöchel waren weiß vor Anspannung.

— Soll ich den Arzt rufen? fragte ich.

— Nein.

— Eine Krankenschwester?

— Nein.

— Dann lassen Sie wenigstens das Glas los.

Er blickte auf seine Hand, als hätte er vergessen, dass er sie um den Rand presste.

— Sie geben erstaunlich viele Befehle für eine Reinigungskraft.

— Sie bezahlen mich dafür, Dinge in Ordnung zu bringen.

Ich zog die Decke über seine Knie. Er wollte protestieren, doch sein Atem stockte plötzlich. Der Schmerz muss heftig gewesen sein. Ich sah es an der kleinen Bewegung seiner Schulter.

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— Ich brauche kein Mitleid, sagte er.

— Gut. Ich habe keines übrig.

Eine Stunde später saß ich noch immer neben ihm, weil er behauptete, ich solle auf den Arzt warten, obwohl er keinen gerufen hatte. Mein Kopf wurde schwer. Der Putzlappen glitt aus meiner Hand und fiel auf den Teppich.

Ich wollte mich nur für eine Sekunde zurücklehnen.

Als ich die Augen öffnete, stand Ethan im Türrahmen. Dominic war neben mir, vollkommen still. Und auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck, den in diesem Haus seit zwei Jahren niemand gesehen hatte.

Ein Lächeln.

Ethan wurde blass. Dann ging er zum Schreibtisch, zog eine verschlossene Mappe hervor und legte sie vor sich. Seine Hand schwebte bereits über dem Verschluss…

TEIL 2

Ethan riss den Verschluss der Mappe nicht auf. Er blieb einfach stehen, als hätte ihn Dominics Lächeln härter getroffen als jede Waffe.

Ich setzte mich auf. Mein Nacken schmerzte, und der Messingstern an meinem Schlüsselbund lag zwischen meinen Fingern.

— Was ist in der Mappe? fragte ich.

— Das geht Sie nichts an, sagte Ethan.

Dominic sah ihn an.

— Warum hast du sie mitgebracht?

Ethan schob die Mappe unter seinen Arm.

— Weil morgen früh eine Entscheidung getroffen werden muss.

— Von wem?

— Von Ihnen, wenn Sie dazu noch in der Lage sind.

Die Worte blieben im Raum hängen. Das Feuer knackte. Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog.

Dominic legte beide Hände auf die Armlehnen.

— Wiederholen Sie das.

Ethan wich nicht zurück.

— Die Männer aus dem Süden warten nicht ewig. Ihre Lieferwege stehen still, Ihre Konten werden geprüft, und Ihre Gegner wissen, dass Sie kaum noch aus diesem Haus kommen. Sie brauchen eine Nachfolgeregelung.

— Du meinst dich.

— Ich meine Stabilität.

Ich stand auf und hob den Putzlappen vom Teppich. Dabei bemerkte ich, dass die kleine rote Kontrollleuchte über der Tür nicht leuchtete. Die Kamera im Wohnzimmer war ausgeschaltet.

— Ist das normal? fragte ich.

Ethan sah zur Decke.

— Was?

— Die Kamera. Sie blinkt sonst grün.

Sein Blick glitt für den Bruchteil einer Sekunde zu meinem Gesicht.

Dominic bemerkte es ebenfalls.

— Geh, Ethan.

— Dominic—

— Sofort.

Ethan verließ den Raum. Seine Schuhe klangen auf dem Parkett wie gleichmäßige Schläge.

Am nächsten Morgen um sieben Uhr wartete Frau Caldwell in der Küche. Der Geruch von verbranntem Kaffee hing in der Luft, und ihre Hände zitterten, als sie Milch in eine Tasse goss.

— Sie hätten gestern nicht widersprechen dürfen, sagte sie.

— Wem?

— Allen.

— Das ist eine ungewöhnlich große Gruppe.

Sie blickte zur Küchentür.

— Herr Kane war früher anders.

— Das sagen alle.

— Nein. Sie verstehen nicht. Vor dem Anschlag hat er Menschen beschützt. Danach hat er begonnen, jeden zu bestrafen, der ihm nahekam.

— Und Ethan?

Der Löffel fiel in die Tasse.

— Ethan war schon vorher da.

In diesem Moment kam Dominic herein. Er trug ein weißes Hemd, dessen Manschette mit einem schwarzen Onyxknopf geschlossen war. Sein Gesicht wirkte erschöpft.

— Was war schon vorher da?

Frau Caldwell wurde blass.

— Ich habe nur von früher gesprochen.

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— Dann sprechen Sie weniger.

Er fuhr an mir vorbei, doch ich sah, wie seine Finger am Rad zitterten.

Am Nachmittag fand ich im Arbeitszimmer einen Umschlag hinter einem Bücherstapel. Kein Name stand darauf. Nur ein Datum: der Tag des Anschlags.

Ich wollte ihn zurücklegen, als Dominic hinter mir sagte:

— Legen Sie ihn hin.

Ich fuhr herum.

— Ich habe ihn nicht geöffnet.

— Das habe ich nicht gefragt.

— Warum liegt er dort?

— Weil ich noch nicht entschieden habe, ob ich die Wahrheit wissen will.

Seine Stimme war leiser als sonst. Ich legte den Umschlag auf den Tisch. Dabei rutschte mein Schlüsselbund aus der Tasche, und der Messingstern schlitterte über das Holz.

Dominic hob ihn auf.

— Woher haben Sie den?

— Von meiner Mutter.

— Wie heißt sie?

— Linda Harper.

Seine Hand erstarrte.

— Linda Harper? wiederholte er.

— Kennen Sie sie?

Dominic antwortete nicht. Er drehte den Stern um. Auf der Rückseite waren drei winzige Kerben zu sehen, die ich als Kind selbst hineingekratzt hatte.

— Wo hat sie gearbeitet? fragte er.

— In einer Kanzlei. Vor vielen Jahren. Warum?

Er drückte den Stern in meine Hand zurück.

— Weil sie vielleicht mehr über meinen Anschlag wusste, als sie mir erzählt hat.

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür. Ethan stand davor, diesmal ohne Tablet. Hinter ihm warteten zwei bewaffnete Männer.

— Herr Kane, sagte er ruhig, Sie müssen die Mappe jetzt unterschreiben.

Dominic sah zu mir.

— Emma, gehen Sie nach unten.

— Nein.

Ethan lächelte wieder.

— Das Mädchen bleibt. Sie hat bereits zu viel gehört.

Sein rechter Daumen strich über den Rand der Mappe. Dominic richtete sich auf, so weit es sein Körper erlaubte.

— Dann schließen Sie die Tür, Ethan.

Ethan tat es. Und als das Schloss einrastete, wusste ich, dass ich nicht länger nur eine erschöpfte Reinigungskraft war, die zur falschen Zeit am falschen Ort eingeschlafen war…

TEIL 3

Ethan stellte die Mappe auf den Schreibtisch. Einer der Männer verriegelte die Tür, der andere blieb neben dem Fenster stehen. Der Messingstern bohrte sich in meine Handfläche.

— Unterschreiben Sie die Übertragung, sagte Ethan. Ihre Anteile gehen vorübergehend an den Treuhänder.

Dominic sah auf die erste Seite.

— Vorübergehend.

— Bis Sie wieder gesund sind.

— Ich werde nicht gesund, wenn du mich bestiehlst.

Ethan atmete durch die Nase aus.

— Sie waren zwei Jahre lang eine Last. Für die Geschäfte, für das Haus, für jeden, der Ihnen noch die Treue hält.

Ich trat vor.

— Sie reden mit ihm, als wäre er schon tot.

Ethan wandte sich mir zu.

— Und Sie reden, als hätten Sie eine Wahl.

Dominic hob die Hand.

— Öffne den Umschlag, Emma.

Ethan wurde still.

— Das ist keine gute Idee, sagte er.

— Genau deshalb soll sie es tun.

Ich nahm den Umschlag vom Tisch. Das Papier war an den Kanten feucht geworden, als hätte jemand es jahrelang mit verschwitzten Händen festgehalten. Darin lag ein kleiner Speicherchip und ein gefaltetes Blatt.

— Was ist das? fragte ich.

— Die Aufnahme aus meinem Wagen, sagte Dominic.

Ethan machte einen Schritt nach vorn.

— Sie haben behauptet, die Kamera sei zerstört worden.

— Das habe ich geglaubt.

Dominic sah mich an.

— Ihre Mutter hat damals in der Kanzlei gearbeitet, die den Sicherheitsdienst meiner Fahrzeuge betreute. Sie fand den Chip in einem falschen Beweisumschlag und schickte ihn an mich. Er kam nie an.

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— Warum hat sie nichts gesagt?

— Weil sie am selben Abend angegriffen wurde. Der Schlaganfall kam drei Jahre später, aber seit dem Angriff hatte sie Angst vor jedem Mann im Anzug.

Ethan lachte plötzlich. Zu laut.

— Eine alte Aufnahme. Das ist alles?

Ich steckte den Chip in das Lesegerät am Schreibtisch. Der Bildschirm flackerte. Dann erschien das Bild aus dem Inneren des Wagens: Regen auf der Scheibe, Dominics Fahrer am Steuer, Ethan auf dem Rücksitz.

Ich hörte seine Stimme.

„Wenn der Wagen die Brücke erreicht, biegst du nicht ab. Dominic muss sterben oder verschwinden. Danach gehört alles uns.“

Im Raum wurde es vollkommen still.

Auf der Aufnahme fragte der Fahrer: „Und wenn er überlebt?“

Ethan antwortete: „Dann sorgen wir dafür, dass er niemals wieder aufsteht.“

Meine Knie wurden weich. Dominic bewegte sich nicht. Nur der Onyxknopf an seiner Manschette klapperte, weil seine Hand zitterte.

— Das bist du, sagte er.

Ethan warf einen Blick zum Bildschirm.

— Das ist manipuliert.

— Deine Stimme, sagte ich.

— Jeder kann meine Stimme nachmachen.

Dominic drückte eine Taste. Das Bild wechselte zu einer zweiten Datei. Ein Kontoauszug, mehrere Überweisungen, Zahlungen an den Schützen und an einen Arzt, der nach dem Anschlag die falsche Behandlung angeordnet hatte.

Ethan wurde grau.

— Du hast meine Genesung verhindert, sagte Dominic.

— Ich habe verhindert, dass du wieder gefährlich wirst.

— Du hast mich eingesperrt.

— Ich habe dich am Leben gelassen.

Der Mann am Fenster senkte seine Waffe. Der andere trat zurück.

Da vibrierte mein Telefon. Es war die Pflegeeinrichtung meiner Mutter. Ich nahm ab.

— Frau Harper? Ihre Mutter ist heute plötzlich aufgewacht. Sie nennt immer wieder denselben Namen. Wir glauben, sie versucht, Ihnen etwas zu sagen.

Ich sah auf Ethan.

— Welchen Namen?

Die Stimme am anderen Ende wurde leiser.

— Sie sagt: „Frag nach dem zweiten Schlüssel.“

Dominic und Ethan blickten gleichzeitig zu meinem Messingstern. In seiner Rückseite bewegte sich etwas, das dort nie zuvor bewegt hatte…

LETZTER TEIL

Als seine eigene Stimme erklang, fiel die letzte Maske…

Ich glaubte, die größte Wahrheit bereits gehört zu haben. Doch erst danach begann mein eigentliches Leben.

Dominic hörte die Aufnahme noch einmal an.
„Du hast dich jedes Mal für dich entschieden.“
Zum ersten Mal konnte Ethan seinem eigenen Spiegel nicht entkommen.

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