TEIL 4 — Meine Schwiegermutter verlangte zweihunderttausend Euro und mein Mann stellte sich gegen mich – dann verstummte plötzlich sein wütender Blick

TEIL 4

…und genau in diesem Augenblick begann Lukas wieder zu handeln, als könne er mit genügend schnellen Bewegungen die Wahrheit zurück in die Schublade stopfen.

— Das ist ein Irrtum — sagte er.

Er nahm sein Telefon, wählte eine Nummer und lief ins Wohnzimmer. Brigitte blieb neben dem Tisch stehen. Ihre Hand lag auf der Ledermappe von Frau Keller, aber sie wagte nicht, sie zu öffnen.

— Heb ab, heb endlich ab — murmelte Lukas.

Niemand hob ab.

Martin hatte sich erhoben. In seinem Gesicht lag kein Zorn mehr, nur Enttäuschung.

— Ich rufe jetzt meine Bank an.

— Du wirst nichts tun — fauchte Lukas.

— Doch. Ich werde verhindern, dass noch mehr Geld verschwindet.

Frau Keller nahm mir den Ausdruck aus der Hand.

— Die Stiftung wurde vor sechs Monaten gegründet. Als alleiniger Verfügungsberechtigter ist Herr Lukas Neumann eingetragen.

Brigitte sah ihren Sohn an.

— Du hast eine Stiftung gegründet?

— Für das Theater.

— Mit meinem Geld? — fragte ich.

— Es war nur eine Zwischenlösung.

— Eine Zwischenlösung über siebenundzwanzigtausend Euro?

Seine Antwort blieb aus.

Mein Telefon klingelte erneut. Diesmal war es die Bankberaterin.

— Frau Neumann, wir haben das Konto vorläufig gesperrt. Die Überweisung wird geprüft. Außerdem liegt uns Ihre Anzeige wegen unbefugter Zugriffe vor.

Lukas drehte sich zu mir.

— Du hast mich angezeigt?

— Ich habe mich geschützt.

— Wegen ein paar Überweisungen?

— Wegen deiner Entscheidung, sie geheim zu halten.

Brigitte trat zwischen uns.

— Anna, wir können das innerhalb der Familie lösen.

— Ihr hattet die Familie, solange sie euch nützte.

— Du zerstörst Lukas’ Leben.

— Nein. Ich nehme nur nicht länger die Verantwortung für seine Entscheidungen.

Lukas wählte nun die Nummer seines Rechtsanwalts. Der Anruf dauerte kaum eine Minute.

— Du musst sofort kommen — sagte er.

Wir hörten die Stimme am anderen Ende nicht, aber wir sahen, wie sich Lukas’ Gesicht veränderte.

— Du kannst mich nicht einfach fallen lassen.

Eine Pause.

— Aber du hast gesagt, du hättest die Zustimmung deiner Frau.

Lukas starrte auf den Boden.

— Ich dachte, sie würde später unterschreiben.

Noch eine Pause.

— Nein, ich unterschreibe nichts… Verdammt, hör mir zu!

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Er legte auf und ließ das Telefon sinken.

Frau Keller stellte den Lautsprecher auf den Tisch.

— Ihr Anwalt hat ihm offenbar gerade mitgeteilt, dass er ihn nicht weiter vertreten wird.

Lukas setzte sich. Der Kompassanhänger lag zwischen uns auf dem Holz. Zum ersten Mal seit Jahren hörte ich nicht auf das Klirren seiner Schlüssel, sondern auf meine eigene Atmung.

Um 21.04 Uhr bat Frau Keller Lukas, die Aufnahme vom Abend der angeblichen Kurforderung noch einmal anzuhören. Er wollte protestieren, doch Martin schaltete den Lautsprecher bereits ein.

Meine Stimme erklang zuerst.

— Ich bezahle diese Reise nicht.

Dann Brigitte:

— Dann bezahlst du ab heute keinen einzigen Auftritt mehr für meinen Sohn.

Und schließlich Lukas, laut und drohend:

— Du wirst sehen, was du davon hast.

Lukas hörte sich selbst zu. Sein Mund öffnete sich leicht.

— Das habe ich nicht so gemeint.

— Aber du hast es gesagt — antwortete ich.

— Ich war wütend.

— Ich war jahrelang verängstigt. Trotzdem habe ich dich nie bestohlen.

Er legte beide Hände vor sein Gesicht. Ich empfand keine Genugtuung. Nur eine tiefe Müdigkeit, die älter war als dieser Abend.

Später, kurz nach Mitternacht, verließ Brigitte die Wohnung. Sie nahm den zerknitterten Prospekt mit, ließ aber ihre goldene Kette auf dem Sofa liegen. Lukas blieb im Flur stehen, während ich seine Koffer vor die Tür stellte.

— Du wirfst mich hinaus?

— Ich beende unser gemeinsames Wohnen.

— Wohin soll ich gehen?

Ich deutete auf das Telefon in seiner Hand.

— Zu den Menschen, denen du deine Entscheidungen erklärt hast.

— Anna, bitte.

— Nein.

Er sah zum Kompassanhänger auf meiner Hand.

— Du gibst mir nicht einmal den zurück?

— Der gehörte meinem Vater.

— Er war doch nur ein Schlüsselanhänger.

— Für dich vielleicht.

Ich schloss die Tür.

Am nächsten Morgen kamen zwei Beamte und eine Mitarbeiterin der Bank. Die Prüfung bestätigte, dass Lukas mein Passwort über eine alte Nachricht abgefangen und die Stiftung als Empfänger eingerichtet hatte. Brigitte hatte die Kurreise mit einer fremden Rechnung gebucht und Lukas dazu gedrängt, die fehlende Summe von meinem Konto abzuzweigen.

Es gab keine große Szene.

Nur Formulare. Unterschriften. Das leise Klicken eines Kugelschreibers.

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Drei Wochen später wurde Lukas’ Theaterprojekt eingestellt. Martin sagte vor den anderen Beteiligten aus. Die unbefugten Überweisungen wurden zurückgefordert, soweit das noch möglich war. Brigitte musste die Kurbuchung stornieren und verlor dadurch ihre Anzahlung.

Ich erfuhr davon durch eine kurze Nachricht ihrer Anwältin.

Früher hätte ich sofort angerufen und versucht, alles zu retten.

Diesmal legte ich das Telefon weg.

Die größte Veränderung zeigte sich nicht auf meinem Konto, sondern in der Wohnung.

Lukas’ Arbeitszimmer war leer. An der Wand blieben helle Rechtecke zurück, wo seine Theaterplakate gehangen hatten. Im Schrank stand nur noch eine einzelne Tasse mit einem abgesplitterten Henkel. Auf dem Schreibtisch lag ein Foto von uns beiden, das er vergessen hatte.

Ich drehte es um.

Auf der Rückseite stand: Für immer wir.

Ich steckte es nicht ein.

Ich legte es in einen Umschlag und schickte es ihm zurück.

Im November, zwei Monate später, nahm ich eine neue Stelle in einer kleineren Prüfungsgesellschaft in Bonn an. Ich arbeitete nicht mehr bis Mitternacht. Jeden Dienstag kaufte ich auf dem Markt Äpfel, obwohl ich früher behauptet hatte, ich hätte keine Zeit zum Kochen. Am Wochenende strich ich das Arbeitszimmer in einem warmen, hellen Gelb.

Meine Schwester Clara kam oft vorbei.

— Du wirkst anders — sagte sie eines Sonntags.

Ich stellte zwei Tassen auf den Tisch.

— Ich schlafe wieder.

— Das meinte ich nicht.

— Ich weiß.

Im Dezember fiel der erste Schnee. Clara brachte ihre sechsjährige Tochter Mila mit. Das Mädchen setzte sich auf den Teppich und malte mit dicken Wachsstiften ein Haus, aus dessen Fenster eine gelbe Sonne schien.

— Das bist du — erklärte Mila.

— Warum bin ich so groß?

— Weil du das Haus beschützt.

Ich musste lachen. Es war ein leises, überraschtes Lachen, als hätte ich vergessen, wie es ging.

An diesem Abend fand ich drei neue Nachrichten von Lukas.

Die erste lautete: Ich habe verstanden, dass ich Fehler gemacht habe.

Die zweite: Wir sollten wenigstens reden.

Die dritte kam kurz vor Mitternacht: Ich weiß jetzt, dass ich dich liebe.

Ich starrte lange auf den Bildschirm.

Dann schrieb ich: Ich wünsche dir, dass du lernst, mit deinen Entscheidungen zu leben. In mein Leben kommst du nicht zurück.

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Ich drückte auf Senden und löschte seine Nummer.

Ein Monat später stand Brigitte vor dem Haus. Sie trug einen neuen Mantel und hielt einen Korb mit Kuchen in der Hand.

— Ich wollte nur sehen, wie es dir geht.

Ich blieb hinter der geschlossenen Tür.

— Es geht mir gut.

— Du könntest Lukas wenigstens einmal anhören.

— Nein.

— Er ist immer noch mein Sohn.

— Und ich bin endlich wieder mein eigenes Leben.

Sie schwieg. Durch die Tür hörte ich, wie der Korb gegen ihren Mantel stieß.

— Du bist sehr kalt geworden — sagte sie.

— Nein. Ich bin nur nicht mehr verfügbar.

Als sie gegangen war, öffnete ich die Tür nicht.

Am Abend legte ich den kleinen Messingkompass auf das Fensterbrett. Ich hatte ihn reinigen lassen, doch der Kratzer an der Seite war geblieben. Früher hatte ich geglaubt, ein Kompass müsse mir zeigen, wohin ich gehen sollte.

Jetzt wusste ich es besser.

Manchmal zeigt er nur, was man nicht wieder betreten darf.

Draußen begann es erneut zu schneien. Eine Flocke blieb auf dem Glas liegen und schmolz langsam zu einem klaren Tropfen.

Ich nahm den Kompass in die Hand.

Zum ersten Mal zeigte er nach Hause.

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