Meine kleine Nichte malte mein Gesicht, dann legte mein Berater einen grauen Umschlag auf den Tisch und wurde plötzlich kreidebleich

Meine dreijährige Nichte malte mein Gesicht, während ich mich schlafend stellte, doch eine Stunde später legte mein Berater einen grauen Umschlag auf den Tisch und wurde kreidebleich.

Ich lag an einem regnerischen Dienstagmorgen auf dem schwarzen Ledersofa in meiner Bibliothek und hielt die Augen geschlossen. Eine kleine Pinselspitze strich über meine Stirn. Normalerweise durfte niemand mein Gesicht berühren, ohne vorher um Erlaubnis zu bitten. Schon gar nicht in meinem Haus, in dem zwei bewaffnete Männer an jeder Tür standen.

Aber Lili war drei Jahre alt und glaubte, jeder ernste Mann habe nur vergessen, wie man lächelte.

„Noch ein bisschen, Onkel Adrian“, flüsterte sie.

Ich spürte kalte Farbe auf meiner Haut. Ein gelbes Auge auf meiner Wange, einen blauen Bogen über der Nase und etwas Rotes direkt unter meiner Augenbraue. Hinter mir bewegten sich meine Leibwächter keinen Zentimeter. Einer räusperte sich, als hätte er Angst, das Kunstwerk zu stören.

„Fertig“, sagte Lili schließlich.

Sie trat zurück, legte den Kopf schief und malte noch ein kleines rotes Herz unter mein linkes Auge.

„Jetzt bist du nicht mehr allein.“

Etwas in meiner Brust zog sich zusammen. Ich wusste nicht, wann zuletzt jemand so mit mir gesprochen hatte. Vielleicht hatte ich seit dem Tod meines Bruders überhaupt niemanden mehr an mich herangelassen.

Elenas Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Sie kam um 10.20 Uhr durch die Bibliothekstür, eine feuchte Serviette in der Hand und ihre dunklen Haare zu einem hastigen Knoten gebunden.

„Herr Romano, es tut mir leid. Ich wische das sofort weg.“

„Lassen Sie es“, sagte ich.

Elena blieb stehen. An ihrem Ärmel hing ein loser roter Faden, und ihre Finger zitterten leicht.

„Wirklich?“

„Wirklich.“

Lili kramte in ihrer alten Stofftasche und legte mir einen grauen Hasen auf den Schoß. Ein Auge fehlte, und das linke Ohr war mit blauem Garn angenäht.

„Das ist Knopf“, erklärte sie. „Er bleibt bei mutigen Menschen.“

Ich nahm das weiche, abgewetzte Tier in die Hand. Meine Finger waren es gewohnt, Waffen, Verträge und schwere Schlüssel zu halten. Kein Spielzeug.

„Brauchen mutige Menschen auch Umarmungen?“

„Manchmal mehr als andere.“

Um 10.43 Uhr schlugen die schweren Eingangstüren. Vincent Moretti, mein engster Berater, kam aus dem Regen herein. Sein Mantel tropfte auf den Marmorboden, und sein Gesicht war so blass, dass selbst die Narbe an seinem Kinn kaum sichtbar war.

„Adrian, wir haben ein Problem.“

Lilis Lachen verstummte. Ich schickte Elena mit ihr in die Küche, doch das Mädchen drehte sich zweimal um. Beim zweiten Mal drückte sie den Hasen fester an meine Brust.

„Er passt auf dich auf“, sagte sie.

Als die Tür zufiel, legte Vincent einen grauen, versiegelten Umschlag auf den Schreibtisch.

„Er wurde heute früh vor dem alten Gerichtsgebäude gefunden“, sagte er. „Wenn stimmt, was ich vermute, hat deine Familie dich all die Jahre belogen.“

Ich streckte die Hand aus. Das Papier roch nach feuchtem Staub. Doch bevor ich das Siegel brechen konnte, senkte Vincent die Stimme.

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„Auf dem Foto neben Elena steht ein Mann, der vor fünf Jahren gestorben ist.“

Meine Finger berührten den Umschlag, als draußen irgendwo eine Tür zuschlug und Vincent plötzlich nach dem Messer an seinem Gürtel griff…

TEIL 2

Meine Finger berührten den Umschlag, als aus der Küche das Klirren einer Tasse kam. Lili lachte, und dieses helle Geräusch wirkte in diesem Augenblick gefährlicher als eine Sirene.

Ich riss das Siegel auf.

Das Foto war körnig und an den Ecken geknickt. Es zeigte die Stufen des Gerichtsgebäudes an einem sonnigen Nachmittag. Elena stand dort, jünger und dünner, mit einem Säugling im Arm. Neben ihr trug ein Mann eine dunkle Kappe. Sein Gesicht lag halb im Schatten, doch über seiner linken Augenbraue erkannte ich die schmale Narbe.

An seiner Hand glänzte ein Ring mit dem Wappen eines Löwen.

„Matteo“, sagte ich.

Das Wort kam kaum über meine Lippen.

Mein jüngerer Bruder war fünf Jahre zuvor bei einer Explosion ums Leben gekommen. Ich hatte die verkohlten Überreste selbst identifiziert. Ich hatte den leeren Sarg in die Erde senken lassen und danach jede Nacht den Geruch von Benzin in der Nase gehabt.

Vincent schob weitere Blätter über den Tisch. Um 11.05 Uhr zitterte das Papier unter seinen Händen.

„Das Bild wurde vor drei Jahren aufgenommen.“

„Das ist unmöglich.“

„Elena hieß damals Elena Vargas. Sie arbeitete als Assistentin eines Anwalts in Milwaukee. Nach der Geburt des Kindes verschwand sie. Wohnung geräumt, Konten geschlossen, sämtliche Unterlagen gelöscht.“

Ich blickte zur Küchentür. Dort sang Lili leise von einem mutigen Hasen.

„Und die Geburtsurkunde?“

„Auf den Namen Lili Moreno gibt es keine gültige Eintragung.“

Mir wurde kalt. Nicht wegen des Regens, sondern wegen eines Gedankens, der sich wie eine Hand um meinen Hals legte.

„Holen Sie Elena. Allein. Niemand fasst das Kind an.“

Um 11.18 Uhr betrat Elena die Bibliothek. Sie trug keine Schürze mehr. Eine feuchte Haarsträhne klebte an ihrer Wange, und als sie das Foto sah, wurde ihr Gesicht grau.

„Wo ist Lili?“

„In Sicherheit.“

„Ich will sie sehen.“

„Zuerst will ich wissen, wer du bist.“

Ihre Augen füllten sich mit Tränen, aber sie wich meinem Blick nicht aus.

„Der Mann auf dem Bild ist Matteo.“

„Er ist tot.“

„Nein.“

Das Wort traf mich härter als jede Kugel.

Elena setzte sich nicht. Sie hielt sich an der Rückenlehne des Sessels fest, dessen Holz an einer Stelle abgesplittert war.

„Er hat den Tod vorgetäuscht“, sagte sie. „Er untersuchte Geld, das aus euren Familienkonten verschwand. Richter wurden bestochen, Polizisten bezahlt. Er glaubte, der Verräter sitze direkt neben dir.“

„Warum hast du ihn nicht zu mir gebracht?“

„Weil er niemandem mehr vertraute. Nach der Explosion wurde er verfolgt. Vor zwei Jahren schickte er mich mit Lili hierher.“

Sie zog eine Kette unter ihrem Pullover hervor. Daran hing ein Löwenring mit einer tiefen Kratzspur im Metall.

„Er gab mir diesen Ring“, flüsterte sie. „Dann verschwand er.“

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„Warum ausgerechnet mein Haus?“

„Jemand legte einen Umschlag vor meine Tür. Darin waren Geld, eine Arbeitsadresse und ein Satz: Lili ist bei dem Mann sicher, der nicht weiß, dass sie seine Nichte ist.“

Um 11.27 Uhr heulte plötzlich die Alarmanlage auf. Auf den Überwachungsbildern standen zwei schwarze Wagen am Osttor. Dann wurde die Kamera im Versorgungstunnel schwarz.

„Sie sind schon im Haus“, sagte Vincent.

Ich packte Elena am Arm und rief nach Lili. Wir erreichten den unterirdischen Schutzraum, als Schritte durch den Korridor hallten. Die Stahltür schloss sich, doch aus dem Lautsprecher knackte eine heisere Stimme.

„Adrian, öffne nicht. In sechzig Sekunden strömt Gas in den Raum.“

Elena presste die Hand auf ihren Mund.

„Das ist er“, hauchte sie.

„Wer?“

Die Stimme kam wieder, näher und klarer.

„Ich bin Matteo. Und einer von euch arbeitet für den Feind.“

In diesem Moment hob einer meiner Wachmänner die Pistole und richtete sie auf Vincent…

TEIL 3

In diesem Moment hob einer meiner Wachmänner die Pistole und richtete sie auf Vincent. Ich reagierte, bevor ich denken konnte. Mein Schuss traf den Lauf, die Waffe flog gegen die Betonwand, und Elena schlug dem Mann mit einer schweren Metallkassette gegen die Schläfe.

Um 11.29 Uhr lag der Wachmann auf dem Boden. Die Kassette hatte eine tiefe Delle, und Blut tropfte auf den grauen Teppich des Schutzraums.

Ich riss ihm die Maske ab.

„Daniel Rizzo“, sagte ich.

Er hatte sieben Jahre für mich gearbeitet. Er kannte jeden Gang, jeden Schlüssel und sogar den Schrank, in dem Lili ihre Buntstifte aufbewahrte.

„Wer hat dich geschickt?“

Daniel lachte trotz der Schmerzen.

„Du suchst am falschen Ort, Adrian. Der Verräter sitzt seit fünfzehn Jahren neben dir.“

Ich drehte mich zu Vincent um. Er hielt sich die Schulter, doch auf seinem Hemd war kaum Blut. Zu wenig. Viel zu wenig.

„Er versucht, uns gegeneinander aufzubringen“, sagte Vincent ruhig.

Da verstand ich. Die Kugel hatte ihn nicht getroffen. Er hatte nur gespielt.

Auf dem Bildschirm flackerte um 11.32 Uhr das Bild des Versorgungstunnels auf. Unter dem roten Licht einer Notlampe stand ein Mann mit langen Haaren und blutiger Hand.

Matteo.

Ich vergaß zu atmen.

„Adrian, bring Elena und Lili durch den Nordgang“, sagte er. „Vincent arbeitet für unseren Vater.“

Der Name Sálvatore Romano hallte durch den Raum. Unser Vater war vor zwölf Jahren gestorben. Ich hatte selbst an seinem Grab gestanden, hatte die schwarze Erde unter den Fingernägeln gespürt und geglaubt, damit sei unsere Familie endgültig zerbrochen.

„Beweise“, sagte ich.

Matteo hob eine kleine Speicherkarte in die Kamera. Auf dem Bildschirm erschienen Aufnahmen: Sálvatore in einem abgedunkelten Zimmer, lebendig, älter, aber unverkennbar. Neben ihm saß Vincent und unterschrieb Überweisungen.

„Ich bin nicht gestorben“, sagte unser Vater auf der Aufnahme. „Ich wollte sehen, welcher meiner Söhne stark genug für das Erbe ist.“

Vincent stürzte sich auf die Schalttafel. Elena stellte sich ihm in den Weg.

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„Du hast uns drei Jahre lang benutzt!“

„Ich habe euch am Leben gehalten“, fauchte er.

„Du hast Matteo jagen lassen“, schrie ich. „Du hast Millionen gestohlen!“

Matteo erreichte den Raum durch den geheimen Tunnel. Sein Arm blutete wirklich, und an seiner alten Lederjacke hing ein abgerissener Knopf mit blauem Garn. Genau dieselbe Farbe wie an Lilis Hasen.

„Warum bist du nie zu mir gekommen?“ fragte ich.

Er sah mich lange an.

„Weil ich nicht wusste, ob du Teil des Plans bist. Aber ich lag in einem Punkt falsch.“

„In welchem?“

„Du kannst noch lieben.“

Lili rannte aus Elenas Armen direkt zu ihm.

„Papa!“

Matteo sank auf die Knie und drückte sie an sich. Ich stand daneben, mit gelber Farbe auf der Wange und dem roten Herz unter dem Auge. Zum ersten Mal fühlte ich mich nicht wie der Herr eines Hauses, sondern wie ein Onkel, der endlich seine Familie gefunden hatte.

Eine Stunde später übergaben wir die Aufnahmen den Bundesermittlern. Sálvatore und Vincent wurden in seinem Landhaus festgenommen. Daniel gestand, dass sie Elena absichtlich in mein Haus geschickt hatten, um mich zu überwachen und Matteos Beweise zu finden. Sie wussten nicht, dass meine Mutter heimlich Kopien angefertigt hatte.

Sálvatore erhielt lebenslange Haft, Vincent fünfundzwanzig Jahre. Das gestohlene Geld floss an die Familien zurück, die er ruiniert hatte. Ich löste den größten Teil seines Imperiums auf.

Eine Woche später kam meine Mutter zu uns. Als Lili sie zum ersten Mal „Großmutter“ nannte, weinte sie so heftig, dass ihre Hände zitterten.

Matteo überlebte. Elena blieb. Und jeden Morgen malt Lili mir ein gelbes Sonnenlicht ins Gesicht.

Früher wusch ich die Farbe vor dem Abendessen ab.

Heute lasse ich sie bis zum Schlafengehen dort, weil ich endlich weiß, wie sich Glück anfühlt, wenn es jeder sehen darf.

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