Fünf Wölfe standen bei Tagesanbruch vor meinem Tor, und als ich einen Schritt auf sie zuging, wich das ganze Dorf zurück

Als fünf Wölfe bei Tagesanbruch vor meinem Tor standen, wich das ganze Dorf zurück, als wäre ich selbst eine Gefahr geworden.

Es war kurz nach fünf Uhr morgens. Schnee knirschte unter den Stiefeln, Fensterläden klappten auf, und hinter jedem Glas erschien ein bleiches Gesicht. Ich hatte nur meine alte braune Jacke über das Hemd gezogen, als mein Nachbar Pjotr über den Zaun rief:

— Iwan, komm nicht näher! Bleib stehen!

Ich trat auf die Veranda und blieb stehen. Auf der weißen Straße standen fünf graue Wölfe. Sie knurrten nicht. Sie fletschten nicht die Zähne. Sie sahen mich nur an.

Vorne stand die Wölfin, die ich am Abend zuvor im Wald gefunden hatte. Eine eiserne Falle hatte sich um ihre linke Pfote geschlossen. Blut war in den Schnee getropft, und während ich das Metall mit einer Zange aufgebrochen hatte, war ein Stück meiner Jacke gerissen. Ein dünner blauer Faden hing noch immer in ihrem Fell.

Neben ihr versteckte sich ein Jungtier. Es lugte hinter ihrem Körper hervor und stieß ein leises Winseln aus.

— Was hast du getan? — fragte Vater Michail. Er stand am Brunnen und hielt ein hölzernes Kreuz so fest, dass seine Finger weiß wurden.

— Ich habe sie nicht sterben lassen.

— Du hast wilde Tiere in unser Dorf gelockt!

— Sie ist nicht gekommen, um anzugreifen.

— Woher willst du das wissen?

Ich wusste es nicht. Mein Herz schlug bis in den Hals, und trotzdem konnte ich mich nicht bewegen. Die Wölfin machte einen Schritt auf mich zu. Hinter mir hob jemand eine Schaufel. Eine Tür schlug zu.

— Nicht! — rief ich. — Niemand bewegt sich!

Die Wölfin blieb direkt vor meinem Tor stehen. Dann senkte sie den Kopf und setzte sich in den Schnee. Das Jungtier kam vorsichtig hervor. Seine Augen waren hell und aufmerksam, und plötzlich erinnerte ich mich an den Moment, in dem es am Vorabend aus dem Gebüsch geschaut hatte, während ich die Wunde verband.

— Sie erkennt dich, — flüsterte Pjotr.

— Tiere vergessen keine Hände, die ihnen geholfen haben.

Die Wölfin drehte sich um. Die vier anderen Tiere folgten ihr lautlos in Richtung Wald. Nur die tiefen Pfotenabdrücke blieben zurück.

Ich stand noch lange am Tor. In mir wuchs kein Stolz, sondern eine unbequeme Angst. Warum waren sie gekommen? Und warum hatte die Wölfin mich angesehen, als wollte sie mir etwas zeigen?

Am Abend, gegen sieben Uhr, verdunkelte sich der Himmel. Der Wind riss an den Dächern, als wolle er die Häuser aus der Erde ziehen. Da stürzte Marta, die Mutter des Holzfällers Artur, über den Dorfplatz.

— Meine Jungen sind nicht zurück! Artur und Sascha sind seit dem Morgen im Wald!

Pjotr packte seine Laterne.

— Bei diesem Sturm suchen wir niemanden.

— Wenn sie verletzt sind, schon, — sagte ich und zog meine Jacke an.

AUCH LESEN:  TEIL 4 — Ich unterschrieb die Scheidung, doch als mein Ex-Mann zusammenbrach, verschwand das Lächeln seiner jungen Geliebten

Vater Michail versperrte mir die Tür.

— Iwan, der Wald verschluckt heute jeden, der ihn betritt.

Ich sah hinaus. Vor meiner Schwelle lagen frische Wolfsspuren. Sie führten geradewegs in die Dunkelheit. Ich nahm das Seil, die Laterne und meine alte Jacke. Dann öffnete ich die Tür, und hinter mir rief jemand meinen Namen, während draußen bereits eine Gestalt zwischen den Schneeflocken auftauchte…

TEIL 2

…Die Gestalt blieb wenige Schritte vor meiner Tür stehen. Es war die Wölfin. Ihr Fell war mit Eiskristallen bedeckt, und der blaue Faden aus meiner Jacke hing noch immer an ihrer Halsseite.

Sie sah mich an, drehte sich um und ging langsam auf den Wald zu.

— Das ist Wahnsinn, — sagte Pjotr. — Du willst doch nicht ernsthaft einem Wolf folgen?

— Artur und Sascha sind dort draußen.

— Und vielleicht wartet dort jemand auf uns, der Fallen stellt.

Vater Michail trat näher. Das Holz seines Kreuzes knarrte in seiner Hand.

— Nimm wenigstens die Männer mit.

— Dann komm selbst mit.

Er schwieg. Schließlich nahm Pjotr seine Axt, und zwei weitere Dorfbewohner schlossen sich uns an. Es war kurz nach halb acht, als wir die ersten Bäume erreichten. Der Schnee peitschte uns ins Gesicht, die Laternen beschlugen, und jeder Atemzug fühlte sich an wie kaltes Glas in meiner Brust.

Wir riefen die Namen der beiden Männer. Der Sturm verschluckte unsere Stimmen. Nach einer halben Stunde kniete ich mich hin und strich den Schnee zwischen den Pfotenabdrücken beiseite. Dort lag eine kleine rote Knopf mit einem schwarzen Rand.

Artur hatte ihn am Morgen an seiner Arbeitsjacke getragen. Ich erinnerte mich genau daran, weil er beim Abschied darüber gescherzt hatte.

— Sie waren hier, — sagte ich. — Vor nicht langer Zeit.

— Dann rufen wir weiter, — erwiderte Pjotr. — Aber wir gehen nicht tiefer hinein.

Rechts von uns erklang ein kurzer Heulton. Nicht drohend. Warnend.

Auf einem verschneiten Hügel stand die Wölfin. Hinter ihr zeichneten sich vier graue Schatten ab. Das Jungtier fehlte. Die Wölfin blickte erst zu mir, dann zu einer Reihe dunkler Fichten. Als ich einen Schritt machte, verschwand sie.

— Sie will, dass wir ihr folgen, — sagte ich.

— Oder sie führt uns in den Tod.

— Wenn sie uns töten wollte, wären wir längst tot.

Wir gingen weiter. Wenige Minuten später hörte ich ein Stöhnen. Unter einer umgestürzten Fichte lag Sascha. Sein Bein war verdreht, und Schnee klebte an seinem Bart. Artur saß neben ihm und rieb seine tauben Hände.

— Wir haben uns verirrt, — flüsterte er.

— Was ist passiert?

— Die Wölfe kamen aus dem Nebel. Sie ließen uns nicht zum Abhang gehen.

— Sie haben euch angegriffen?

Sascha schüttelte den Kopf.

— Nein. Sie haben uns dort festgehalten. Als würden sie wissen, dass unter dem Schnee etwas war.

AUCH LESEN:  Ich hörte den siebten Schrei, doch der Arzt hob plötzlich die Hand – und mein Mann wurde kreidebleich

Wir zogen Sascha vorsichtig auf eine Decke. Da bemerkte ich, dass die Wölfe uns inzwischen umkreisten. Sie standen weit genug entfernt, um uns nicht zu erschrecken, aber nah genug, dass niemand den Wald verlassen konnte, ohne an ihnen vorbeizugehen.

Die Wölfin sah nur mich an. Dann ging sie zu einem alten Baumstumpf und blieb stehen.

Ich folgte ihr und schob mit dem Stiefel den Schnee beiseite. Unter Ästen ragte rostiges Metall hervor. Eine zweite Falle. Größer als die erste.

Daneben lag ein Stück blauer Stoff. Nicht aus meiner Jacke, sondern aus einem dicken Arbeitsmantel. Im Schnee entdeckte ich außerdem den frischen Abdruck eines menschlichen Stiefels. Jemand war kurz vor uns hier gewesen.

Pjotr hob die Laterne.

— Iwan, schau.

Zwischen den Zweigen lag ein halb verbrannter Papierfetzen mit einem roten Siegel. Ich hob ihn mit meiner behandschuhten Hand auf. Die Tinte war verlaufen, doch eine Zeile konnte ich lesen: Genehmigung zum Fang gefährlicher Tiere.

Das Datum lag drei Tage in der Zukunft.

— Das ist gefälscht, — sagte ich.

Hinter uns knackte ein Ast.

Wir fuhren herum. Zwischen den schwarzen Stämmen bewegte sich ein Mensch. Er trug einen grauen Mantel und hielt etwas in der Hand. Die Wölfe starrten nicht auf ihn, sondern auf mich, als hätten sie mich bis zu diesem Augenblick geführt, damit ich nun endlich verstand, wem wir im Wald begegnet waren…

TEIL 3

…Der Mann floh, bevor wir sein Gesicht erkennen konnten. Pjotr wollte ihm nachsetzen, doch ich hielt ihn zurück.

— Nicht im Sturm. Wir haben Sascha.

Wir brachten die beiden Männer noch in derselben Nacht ins Dorf. Sascha hatte einen gebrochenen Knöchel, Artur schwere Erfrierungen an den Fingern, aber beide lebten. Marta weinte vor Erleichterung und drückte mir ihre rote Wollmütze in die Hand, weil sie nichts anderes fand, womit sie sich bedanken konnte.

Am nächsten Morgen, kurz nach neun Uhr, ging ich mit dem Papierfetzen zur Forstverwaltung. Der Leiter, Herr Brenner, legte seine Brille auf den Tisch und betrachtete das rote Siegel.

— Dieses Formular existiert nicht, — sagte er.

— Es trägt aber Ihre Behörde.

— Und ein Datum, das noch nicht eingetreten ist. Jemand wollte, dass die Fallen später offiziell aussehen.

Pjotr legte die kleine rote Knopf daneben.

— Und im Wald haben wir einen Mantel mit genau solchen Knöpfen gesehen.

Brenner wurde blass. Er öffnete einen Schrank und holte einen grauen Ordner heraus.

— In den letzten Monaten verschwanden aus dem Schutzgebiet mehrere Stämme. Immer nachts. Ich konnte es nicht beweisen.

— Die Wölfe haben die Arbeiter vertrieben, — sagte ich. — Deshalb sollten sie verschwinden.

Brenner nickte langsam.

— Sie waren die einzigen Zeugen.

Noch am selben Nachmittag überprüfte die Polizei die Kameras an der alten Forststraße. Eine Aufnahme zeigte bei Nacht einen Mann, der Fallen unter Ästen versteckte. Eine zweite zeigte, wie Lastwagen an der gesperrten Schneise hielten und frisch geschlagene Stämme abtransportierten.

AUCH LESEN:  TEIL 4 — Als meine Tochter mit ihrem Neugeborenen die Abschlussbühne betrat, lachten alle – bis der Mann hinter mir plötzlich verstummte

Der Mann war Brenners Stellvertreter, Klaus Riedel. Als die Beamten ihn am Abend im Geräteschuppen fanden, trug er den grauen Mantel mit dem fehlenden Knopf.

— Ich habe niemanden verletzt, — behauptete er.

— Sascha hätte in deiner Falle sterben können, — sagte Pjotr.

Riedel sah mich an.

— Du glaubst wirklich, diese Tiere hätten dich gerettet?

Ich legte den blauen Stofffetzen auf den Tisch.

— Nein. Ich glaube, sie haben uns gezeigt, was du verstecken wolltest.

Die Polizei nahm ihn fest. Danach fanden sie unter dem Schnee weitere Fallen, versteckte Baumstämme und die Werkzeuge, mit denen die Genehmigung gefälscht worden war. Das Dorf wurde still, als die Wahrheit bekannt wurde. Niemand nannte die Wölfe mehr Unglücksboten.

Vater Michail stellte am Waldrand ein kleines Schild auf: Schutzgebiet. Keine Fallen. Keine Gewehre.

Pjotr tat so, als würde er nur verdorbenes Fleisch entsorgen, und ließ jeden Freitag Stücke am Waldrand liegen. Einmal erwischte ich ihn dabei.

— Das ist keine Fütterung, — sagte er hastig. — Das ist Abfall.

— Natürlich.

Im Frühling sah ich die Wölfin wieder. Sie stand am Rand der Lichtung, und neben ihr saß das Jungtier, inzwischen größer und mit einem weißen Fleck auf der Brust. Ich ging nicht näher. Sie hatte mir längst gezeigt, dass Dankbarkeit keine Leine braucht.

Am nächsten Morgen lag vor meiner Tür ein einzelner blauer Faden, sauber auf den Schnee gelegt. Ich nahm ihn zwischen Daumen und Zeigefinger und spürte, wie sich etwas in meiner Brust löste.

Hinter den Bäumen erklang ein tiefer, ferner Heulton. Zum ersten Mal klang der Wald nicht mehr wie eine Drohung, sondern wie ein Versprechen, das nur ich verstehen durfte.

Rate article
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: