TEIL 4 — Sechs deutsche Soldaten nahmen mich im Wald gefangen, doch als ich nur eine Frage stellte, verstummte ihr Anführer

TEIL 4

…Ich wusste, dass die Stimme log.

Aber sie kannte Elsas Namen.

Das war schlimmer.

Es war kurz nach sechs Uhr, als Iwan das Funkgerät ausschaltete. Der Keller zitterte unter den Schritten deutscher Verstärkung. Staub rieselte aus den Fugen, landete auf dem Messingfingerhut in meiner Hand und blieb in den drei eingeritzten Linien hängen.

— Du gehst nicht zur Mühle, — sagte Iwan.

— Doch.

— Das ist eine Falle.

— Natürlich ist es eine Falle.

— Dann gehst du erst recht nicht.

Ich sah ihn an. Sein Tuch am Hals war inzwischen dunkelrot.

— Wenn die Stimme unseren geheimen Namen kennt, hat jemand den alten Funkspruch gefunden. Wenn sie meinen Bruder erwähnt, hat jemand Zugriff auf Elsas Aufzeichnungen.

— Oder jemand weiß, wie man dich bricht.

— Das versucht man seit drei Jahren.

Der junge deutsche Soldat hob den Kopf.

— Der Mann in der Mühle ist kein Deutscher, — sagte er.

Iwan richtete die Pistole auf ihn.

— Woher willst du das wissen?

— Weil die Deutschen Ihre Schwester nicht kannten. Nicht so. Der Name Elsa Wernicke stand nur in den Unterlagen des Sonderkommandos. Unser Leutnant hat sie erst heute ausgesprochen.

Der Leutnant lag noch immer an der Wand. Sein Gesicht war grau geworden.

— Er hat recht, — sagte er. — Die Stimme gehört zu einem unserer alten Funksprüche. Aber die Antwort kam aus einem sowjetischen Gerät.

Ich kniete mich vor ihn.

— Wie heißt der Mann, der die Meldungen verkauft?

Er schwieg.

— Sie wissen es.

— Wenn ich es sage, sterben Männer, die nichts damit zu tun haben.

— Wenn Sie schweigen, sterben sie ebenfalls.

Er sah auf den Fingerhut.

— Oberleutnant Pawel Saranow.

Iwan wich zurück, als hätte man ihn geschlagen.

— Unser Verbindungsoffizier?

— Er arbeitet seit dem vergangenen Winter für die Deutschen. Er hat den Angriff auf das Dorf am Fluss ermöglicht. Ihre Schwester hatte seinen Namen notiert, aber sie konnte die Nachricht nicht mehr übermitteln.

Ich schloss die Hand um den Fingerhut.

Elsa hatte gewusst, wer er war.

Und sie hatte gewusst, dass ich irgendwann kommen würde.

Eine Stunde später verließen Iwan und ich die Försterei durch einen unterirdischen Abfluss. Den jungen Deutschen ließen wir mit einer geladenen Pistole und dem Weg zur Front zurück. Der Leutnant blieb bei ihm. Bevor ich ging, rief er mich noch einmal.

— Anna!

Ich drehte mich um.

— Wenn Sie Saranow finden, fragen Sie ihn nach dem roten Kinderwagen.

— Was bedeutet das?

— Das weiß nur er.

Die alte Mühle lag am Rand eines gefrorenen Teiches. Es war kurz nach acht Uhr. Schnee begann zu fallen, obwohl der Winter noch nicht begonnen hatte. Zwischen den schwarzen Balken bewegte sich eine Gestalt.

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— Allein, — rief die Stimme.

Ich trat in den Hof.

Pawel Saranow kam aus dem Schatten. Er trug unseren grauen Mantel, den er aus dem Hauptquartier gestohlen hatte, und hielt ein kleines Tonbandgerät in der Hand. Auf dem Band befand sich die Stimme eines Jungen.

Mein Bruder.

Oder das, was von seiner Stimme in alten Aufnahmen geblieben war.

— Du bist gekommen, Anna, — sagte Saranow.

— Du hast gelogen.

— Ich habe dir eine Wahl gegeben.

— Nein. Du hast eine Wunde gefunden und darin herumgestochert.

Er lächelte.

— Immer noch stolz.

— Immer noch feige.

Sein Lächeln verschwand.

Hinter mir knackte Eis. Iwan wartete mit drei Männern im Schilf. Saranow wusste es nicht. Er hielt das Tonbandgerät gegen seine Brust.

— Die Karten gegen deinen Bruder, — sagte er. — Du kennst den Handel.

— Mein Bruder starb 1942 in einem Lazarett.

— Dann kannst du wenigstens die Aufnahme behalten.

Er drückte auf den Knopf.

Eine junge Stimme füllte den Hof.

„Anna, wenn du das hörst, komm nach Hause.“

Meine Knie wurden weich. Nicht weil ich ihm glaubte. Sondern weil ich plötzlich wieder zwölf Jahre alt war und Elsa neben dem Küchenfenster stand, während unser kleiner Bruder unter dem Tisch mit Holzsoldaten spielte.

Saranow trat näher.

— Siehst du? Du bist nicht aus Eisen.

— Das war nie nötig.

Ich zog den Fingerhut aus meiner Tasche und hielt ihn zwischen uns.

— Elsa hat gewusst, dass du sie verraten hast.

Zum ersten Mal sah ich Angst in seinem Gesicht.

— Das ist unmöglich.

— Sie hat deinen Namen aufgeschrieben. Im Boden dieses Fingerhuts.

Er starrte auf das Messing.

— Du hattest ihn die ganze Zeit?

— Du hattest ihn mir abgenommen. Bei den Deutschen. Du hast die Männer zur Lichtung geschickt, damit sie mich fangen.

— Ich wollte dich retten.

— Du wolltest die Karten.

Hinter den Bäumen trat Iwan hervor.

— Und jetzt bekommen wir beides, — sagte er.

Saranow griff nach seiner Pistole, doch drei Gewehre zielten bereits auf ihn. Er ließ sie fallen. Das Tonbandgerät rutschte aus seiner Hand und fiel in den Schnee. Die Stimme meines Bruders lief weiter, langsam und blechern.

„Anna, wenn du das hörst, komm nach Hause.“

Saranow musste sich neben das Gerät stellen und zuhören.

— Schalten Sie es aus, — flüsterte er.

— Nein, — sagte ich.

— Bitte.

Es war das erste ehrliche Wort, das ich von ihm hörte.

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Wir brachten ihn noch am selben Tag ins Hauptquartier. Die Karten aus der Ledermappe wurden kopiert, die Namen der Verräter aufgeschrieben, und die deutsche Einheit an der Brücke verlor ihre Stellung, bevor sie den Angriff beginnen konnte. Niemand feierte. Zu viele Männer waren nicht zurückgekehrt.

Der gefangene deutsche Leutnant überlebte seine Wunde. Wochen später sagte er gegen seine eigenen Vorgesetzten aus. Der junge Soldat hieß Lukas Reiter. Er schrieb mir nach dem Krieg einmal, dass er sich an den Fingerhut erinnerte und daran, wie sicher wir alle gewesen waren, eine wehrlose Frau vor uns zu haben.

Ich antwortete ihm nicht.

Nicht aus Hass.

Ich hatte nur gelernt, dass manche Türen geschlossen bleiben müssen, damit ein Leben beginnen kann.

Saranow bekam seinen Prozess. Ich saß nicht im Saal. Ich wollte seine Stimme nicht noch einmal hören. Iwan sagte mir später, er habe jedes Leugnen aufgegeben, als man ihm die Aufnahme aus der Mühle vorspielte.

Nicht die Stimme meines Bruders.

Seine eigene.

Auf einer Wachwalze hatte Saranow während eines früheren Gesprächs selbst gesagt: „Wenn sie den Jungen hört, wird Anna kommen.“

Er hörte den Satz dreimal.

Beim vierten Mal bat er um einen Anwalt.

Der Anwalt lehnte ab, ihn weiter zu verteidigen, als Saranow behauptete, das Gerät sei gefälscht. Die Tonspur enthielt seine eigene Stimme, sein eigenes Lachen, sogar das Knarren seines Stuhls. Man konnte vor der Wahrheit davonlaufen, aber nicht vor dem Klang, den man selbst hinterließ.

Drei Monate später kehrte ich in unser Dorf zurück.

Das Haus stand noch, aber das Dach war neu gedeckt. Im Zimmer meines Bruders fehlte das Bett. An der Wand hing nur ein heller rechteckiger Fleck, wo jahrelang sein Bild gewesen war.

Auf dem Fensterbrett lag eine einzelne Holzfigur.

Ein Soldat ohne Kopf.

Ich nahm sie in die Hand und setzte mich auf den Boden. Zum ersten Mal seit langer Zeit musste ich niemanden beobachten, keinen Fluchtweg berechnen und keine Nachricht im Saum meines Mantels verstecken.

Ich weinte leise.

Am nächsten Morgen begann ich, in einer Schule im Nachbardorf zu arbeiten. Ich zeigte Kindern, wie man Buchstaben schreibt, wie man Kartoffeln im kalten Keller lagert und warum man niemals eine fremde Nachricht laut vorliest. Iwan reparierte Radios in einem kleinen Laden. Wenn er mich besuchte, brachte er immer zu trockene Brötchen mit und behauptete, sie seien frisch.

Im Frühjahr wurde der erste Garten wieder bepflanzt.

Im Sommer lernte ein Mädchen namens Katja, meinen Fingerhut auf einem Blatt Papier zu zeichnen. Sie malte ihn viel zu groß und setzte drei rote Striche darauf.

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— Warum hat er Kratzer? — fragte sie.

— Weil er sich an etwas erinnern musste.

— An was?

Ich sah aus dem Fenster. Hinter dem Schulhof bewegten sich die Birken im Wind.

— Daran, dass kleine Dinge manchmal länger leben als große Versprechen.

Im November kam ein Brief von Saranow. Der Umschlag war an den Ecken feucht, die Schrift schief. Er schrieb, er habe verstanden, was er getan hatte. Er schrieb, er wisse nun, dass Verrat nicht mit einem Schuss beginne, sondern mit dem ersten Satz, den man sich selbst verzeihe.

Am Ende stand: „Komm zurück. Wir könnten alles erklären.“

Ich legte den Brief neben den Ofen.

Dann warf ich ihn ins Feuer.

Nicht, weil ich ihm vergeben hatte.

Sondern weil ich ihm nichts mehr schuldete.

Jahre später, an einem frühen Dezembermorgen, fand ich den Messingfingerhut in einer Schublade meines Lehrerpults. Der Rand war stumpf geworden. Die drei Kratzer waren noch da. Katja, inzwischen größer als ich, half mir, Hefte zu sortieren.

— Frau Morosowa, — sagte sie, — wollen Sie ihn nicht reparieren lassen?

Ich schüttelte den Kopf.

— Nein.

— Warum nicht?

Ich setzte den Fingerhut auf die Spitze meines Zeigefingers. Durch das Fenster fiel der erste Schnee, langsam und still, und blieb auf den kahlen Birkenzweigen liegen.

— Weil nicht alles, was verletzt ist, wieder glatt werden muss.

Katja lächelte und lief hinaus.

Ich blieb allein im Klassenzimmer zurück. Auf dem Tisch lag ihr Bild: ein kleiner Messingfingerhut mit drei roten Linien, darunter ein Wald, der endlich keine Verfolger mehr verbarg.

Ich schloss die Hand darum.

Der Fingerhut war klein.

Aber er hatte mich nach Hause geführt.

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