Ich musste mich zweimal täglich duschen, bevor ich seine Mutter traf – doch ihr erster Satz ließ Jacobs Lächeln verschwinden

Als Jacobs Mutter mich im Flur seiner Kindheit mit einem Lächeln musterte und sagte, ich solle mich sofort noch einmal duschen, spürte ich, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich.

Es war Samstag, kurz nach vierzehn Uhr, und draußen prasselte Regen gegen die hohen Fenster des Hauses. Der Eingangsbereich roch nach Bienenwachs, feuchter Wolle und einem schweren Parfüm, das mir sofort Kopfschmerzen bereitete. Ich stand mit meiner kleinen schwarzen Handtasche in der Hand da und fragte mich, ob ich gerade richtig gehört hatte.

— Entschuldigung? Was haben Sie gesagt?

Marianne legte den Kopf schief.

— Das Badezimmer ist am Ende des Flurs. Frischen Sie sich kurz auf, mein Kind.

Jacob lachte nervös und legte mir eine Hand auf den Rücken.

— Mama meint es nicht böse. Sie ist nur sehr empfindlich, was Gerüche betrifft.

Gerüche.

Dieses Wort hatte mich seit Wochen verfolgt.

— Ich habe heute Morgen geduscht, bevor wir losgefahren sind, sagte ich leise.

— Und heute Mittag auch, fügte Jacob hastig hinzu. — Anna nimmt das inzwischen sehr ernst.

Marianne lächelte, aber ihre Augen blieben kalt.

— Dann wird es ja kein Problem sein, ein drittes Mal nachzusehen.

Ich hätte in diesem Moment gehen sollen. Stattdessen zwang ich mich zu einem Lächeln, weil ich Jacob liebte und unbedingt wollte, dass seine Familie mich mochte. Seit wir uns kennengelernt hatten, war alles so leicht gewesen. Er hatte mir morgens Sprachnachrichten geschickt, sich meine Geschichten gemerkt und einmal bei eisigem Wind zwei Stunden vor meiner Arbeit gewartet, nur um mir eine Suppe zu bringen.

Dann hatte er angefangen, über meinen Körper zu sprechen.

Zuerst hatte er beim Abendessen beiläufig gesagt, ich solle öfter duschen. Später wurde daraus eine Bedingung. Zweimal am Tag, jeden Tag. Ich hatte neue Waschmittel gekauft, meine Kleidung nach jedem Tragen gewaschen und sogar einen Arzttermin vereinbart. In meinem Badezimmerschrank standen inzwischen sieben verschiedene Deodorants. Das kleine rosafarbene Fläschchen mit dem Duft nach Birnen, das ich am liebsten mochte, hatte ich weggeworfen, weil Jacob behauptete, es vermische sich unangenehm mit meinem natürlichen Geruch.

Ich war nachts aufgewacht und hatte meine Achseln kontrolliert, als wäre ich krank.

— Anna, sagte Jacob jetzt, — geh einfach kurz. Danach wird alles entspannter.

Seine Finger drückten sich in meinen Rücken. Nicht fest genug, um weh zu tun. Fest genug, um klarzumachen, dass es keine Bitte war.

Um sechzehn Uhr stand ich im Badezimmer seiner Mutter. Die Fliesen waren cremefarben, auf dem Waschbecken lag ein gefaltetes Handtuch mit gestickten Margeriten. Ich drehte den Wasserhahn auf und starrte in den ovalen Spiegel.

Mein Gesicht war blass. Mein Atem ging viel zu schnell.

Als ich nach dem Handtuch griff, bemerkte ich hinter dem Korb mit den Badesalzen einen schmalen schwarzen Spalt in der Wandverkleidung. Ich beugte mich näher heran. Darin glitzerte etwas wie eine winzige Linse.

Hinter mir klickte die Tür.

Ich fuhr herum.

Marianne stand im Türrahmen. In ihrer Hand hielt sie einen Schlüsselbund und einen dünnen braunen Ordner. Sie sah nicht auf mein Gesicht, sondern auf den Spalt neben dem Spiegel.

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— Sie haben es also bemerkt, sagte sie.

Mein Herz schlug bis in meinen Hals.

— Was ist das?

Marianne schloss die Tür hinter sich und ging langsam auf mich zu. Dann legte sie den Ordner auf den Toilettendeckel und hob ihre Hand über den Verschluss……

TEIL 2

…ihre Finger berührten gerade den Verschluss, als draußen auf dem Flur Jacobs Stimme erklang.

— Mama? Ist alles in Ordnung?

Marianne sah mich an, und für einen winzigen Augenblick verschwand ihre höfliche Maske. Darunter lag etwas Hartes, Berechnendes. Dann nahm sie den Ordner wieder an sich und flüsterte:

— Wenn Sie ihn lieben, machen Sie jetzt keinen Aufstand.

— In diesem Badezimmer ist eine Kamera.

— Leiser.

— Sie haben mich gefilmt?

Um sechzehn Uhr zwölf an diesem Samstagnachmittag fühlte sich der Boden unter meinen Füßen plötzlich weich an. Das Wasser aus dem Hahn tropfte weiter. Tropf. Tropf. Jeder Ton schien die Wände zu durchbohren.

Marianne stellte sich vor die Linse.

— Es ist keine Kamera, vor der Sie sich fürchten müssen. Es ist eine Prüfung.

— Eine Prüfung?

— Jacob bringt keine Frau in unser Haus, bevor sie nicht bewiesen hat, dass sie bleiben kann.

Die Türklinke bewegte sich.

— Mama, öffne die Tür, rief Jacob.

Marianne deutete auf den Ordner.

— Sie sollten wissen, dass Sie nicht die Erste sind.

Ich riss ihn ihr aus der Hand.

Auf dem Deckblatt stand mein Name. Darunter das Datum unseres ersten Treffens und eine Reihe handschriftlicher Notizen. Ich schlug ihn auf. Die Seiten waren gefüllt mit Fragen über mich: Wie oft ich widerspreche. Ob ich mich bei Kritik entschuldige. Wie lange ich brauche, um einer Forderung nachzukommen.

Und neben jeder Frage stand Jacobs Handschrift.

Mein Magen verkrampfte sich.

— Woher haben Sie diese Informationen?

— Er erzählt mir alles.

— Er hat mir gesagt, ich sei unhygienisch.

Marianne schwieg.

Das Schweigen war schlimmer als eine Antwort.

— Sie wussten, dass das nicht stimmt, sagte ich.

— Sauberkeit war nie der eigentliche Punkt.

Die Tür bebte unter einem Schlag.

— Anna, mach auf!

Ich wich zurück. In der Spiegelkante sah ich wieder den schwarzen Spalt. Diesmal erkannte ich eine winzige rote Leuchte. Sie blinkte langsam, als würde jemand atmen.

— Warum tun Sie das? fragte ich.

Marianne strich über den Ordner, als wäre er ein kostbares Buch.

— Weil Jacob eine Frau braucht, die nicht wegläuft, sobald es unbequem wird.

— Nein. Jacob braucht eine Frau, die sich alles gefallen lässt.

Ihre Lippen wurden schmal.

— Sie sind klüger, als er behauptet hat.

Die Tür sprang auf. Jacob stand davor, sein Gesicht gerötet, die Haare vom Regen feucht. Als er den Ordner in meinen Händen sah, blieb er stehen.

— Gib ihn her, Anna.

— Hast du mich hier filmen lassen?

— Du verstehst das nicht.

— Dann erklär es mir.

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Er trat ins Badezimmer und schloss die Tür hinter sich. Sein Blick ging zur Kamera, dann zu seiner Mutter.

— Du wolltest doch nur, dass meine Familie dich akzeptiert, sagte er. — Warum musst du jetzt alles zerstören?

Ich musste mich am Waschbecken festhalten. Der Rand war kalt unter meinen Fingern.

— Ich habe nichts zerstört. Du hast mich wochenlang glauben lassen, ich sei widerlich.

— Ich habe dich motiviert.

— Du hast mich beschämt.

Marianne stellte sich zwischen uns.

— Genug. Jacob, hol die Aufnahme.

— Welche Aufnahme?

Seine Mutter antwortete nicht. Sie ging zum Wandschrank, nahm einen kleinen Schlüssel aus ihrem Anhänger und schloss ein verborgenes Fach auf. Darin lag ein silbernes Speichergerät und ein Umschlag mit meinem vollständigen Namen.

Jacob wurde plötzlich still.

— Mama, sagte er, — den Umschlag solltest du ihr nicht zeigen.

Marianne sah ihn an.

— Dann sag ihr selbst, warum ihr Name darauf steht.

Er machte einen Schritt zurück. Ich hörte mein eigenes Blut rauschen.

— Jacob, was ist in diesem Umschlag?

Er hob die Hand, als könnte er die Frage damit abwehren. Doch Marianne nahm den Umschlag heraus und begann, die Lasche aufzureißen……

TEIL 3

…die Lasche riss mit einem trockenen Geräusch auf, das im kleinen Badezimmer viel zu laut klang.

Marianne zog mehrere Blätter heraus. Das oberste war ein Bericht einer privaten Ermittlerin. Darunter lagen Ausdrucke von Nachrichten, Fotografien meines Hauses und eine Liste meiner monatlichen Ausgaben. Ganz unten steckte ein USB-Stick mit einem roten Aufkleber.

— Was ist das? fragte ich.

Jacob lehnte an der Tür. Sein Gesicht hatte jede Farbe verloren.

— Gib mir die Unterlagen.

— Du hast mich überwachen lassen?

— Es war nur eine Sicherheitsüberprüfung.

Marianne schob den Stick in ein kleines Gerät neben dem Waschbecken. Der Bildschirm flackerte auf. Dann erschien das Bild aus dem Spiegel. Ich sah mich selbst, wie ich vor drei Wochen in Jacobs Wohnung stand und mit zitternden Händen ein neues Deodorant öffnete.

Jacobs Stimme erklang aus der Aufnahme.

— Wenn sie heute wieder widerspricht, sag ihr, dass du den Verlobungsring zurückgibst.

Marianne antwortete:

— Sie wirkt noch nicht gebrochen genug.

Ich hörte mein eigenes Schluchzen. Ich hörte, wie ich fragte, ob ich stinke. Ich hörte Jacob sagen, dass niemand außer ihm ehrlich genug sei, mir die Wahrheit zu sagen.

Dann wechselte die Aufnahme.

— Sie hat den Arzttermin gemacht, sagte Marianne. — Die nächste Stufe kann beginnen.

— Und wenn sie sich trotzdem wehrt?

— Dann erzählst du ihr, dass du eine andere gefunden hast.

Jacob sprang vor und riss das Gerät vom Waschbecken. Es krachte auf die Fliesen. Der Bildschirm wurde schwarz.

— Das war aus dem Zusammenhang gerissen!

— Welcher Zusammenhang macht das besser? fragte ich.

Er sah mich an, und zum ersten Mal erkannte ich nicht den Mann, in den ich mich verliebt hatte. Ich sah jemanden, der genau wusste, was er tat.

— Meine Mutter wollte nur sicher sein, dass du zu uns passt.

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— Und du hast mitgemacht.

— Ich wollte dich nicht verlieren.

— Du wolltest mich besitzen.

Marianne atmete scharf ein.

— Jacob, schweig.

Aber es war zu spät. Ich hielt mein Telefon hoch. Während sie gestritten hatten, hatte ich die Notrufnummer gewählt und die Leitung offen gelassen. Eine Stimme meldete sich aus dem Lautsprecher.

— Polizei. Bleiben Sie am Telefon.

Jacobs Augen weiteten sich.

— Du hast die Polizei gerufen?

— Ja.

— Anna, leg sofort auf.

— Nein.

Draußen auf der Straße heulten Sirenen auf. Marianne trat zum Fenster und sah hinunter. Jacob griff nach meinem Arm, doch ich wich zurück.

— Fass mich nicht an.

Er blieb stehen.

Die Polizisten fanden später die Kamera, die Aufnahmen und den Ordner. Außerdem entdeckten sie auf dem Speichergerät Videos von zwei früheren Frauen. Eine davon hatte Marianne schriftlich um Löschung gebeten. Ihre Nachricht war nie beantwortet worden.

Als die Beamten Jacob Handschellen anlegten, weinte er nicht. Er fragte nur immer wieder, ob ich ihn wirklich verlassen würde.

Ich antwortete nicht.

Doch während eine Beamtin meine Aussage aufnahm, klingelte mein Telefon erneut. Die Nummer war unbekannt. Eine ruhige Männerstimme sagte:

— Frau Keller, ich vertrete die Eigentümerin des Hauses, in dem die Aufnahmen gemacht wurden. Sie müssen sofort verstehen, dass diese Sache nicht nur Jacob und Marianne betrifft. Auf dem Gerät befindet sich eine Datei, die bisher niemand geöffnet hat.

— Welche Datei?

Am anderen Ende entstand eine Pause.

— Eine Datei über Sie. Und wenn sie stimmt, war Ihre Beziehung zu Jacob von Anfang an kein Zufall……

LETZTER TEIL

Dann hörte ich seine eigene Stimme aus dem Lautsprecher…

Ich dachte, die Wahrheit über Jacob bereits zu kennen. Doch was danach ans Licht kam, veränderte sogar die Vergangenheit meiner Mutter.

Als Jacob seine eigenen Worte hörte, wurde er ganz still.
„Du warst sicher, dass ich nie zuhören würde.“
Zum ersten Mal hatte er keine Erklärung mehr.

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