TEIL 4 — Mein Mann nannte mich vor seiner Familie eine Lügnerin, doch als seine Nichte plötzlich schwieg, verlor er jede Farbe

TEIL 4

Es geht um eine zweite Unterschrift …

Ich stand im Flur von Veras Haus, das Telefon am Ohr, während Dima mich beobachtete.

– Von wem? – fragte ich.

– Von seiner früheren Arbeitgeberin. Er soll vor drei Monaten eine Vollmacht gefälscht haben. Wir müssen mit Ihnen sprechen, weil Ihr Name als Zeugin auftaucht.

Dima machte eine Bewegung auf mich zu.

– Leg auf.

Ich drehte mich von ihm weg.

– Ich komme morgen früh zur Dienststelle.

– Natascha, leg auf!

Diesmal gehorchte ich ihm nicht.

Ich beendete das Gespräch und steckte das Telefon in meine Tasche. Meine Finger zitterten noch, aber nicht mehr vor Angst. Es war etwas anderes. Vielleicht die Erschöpfung, die kommt, wenn man eine Tür öffnet und dahinter nicht Dunkelheit, sondern die ganze Wahrheit findet.

Dima nahm sein eigenes Telefon heraus.

– Ich rufe meinen Anwalt an.

– Ruf ihn an.

– Du wirst das bereuen.

– Das hast du schon oft gesagt.

Er wählte. Wir hörten das Freizeichen. Dann meldete sich eine Männerstimme, die Dima mit seinem Vornamen begrüßte.

– Ich brauche dich sofort, – sagte Dima. – Es ist wegen des Kredits.

Er hörte zu.

Sein Gesicht veränderte sich.

– Nein, sie hat nichts unterschrieben. Das war nur eine Formalität.

Wieder Stille.

– Du kannst mich jetzt nicht hängen lassen.

Er wurde blasser.

– Aber du hast gesagt, die Sache sei sauber.

Dann nahm er das Telefon vom Ohr und starrte auf den Bildschirm.

– Er kommt nicht, – sagte er.

– Was hat er gesagt? – fragte ich.

Dima antwortete nicht.

Vera sah ihn an.

– Er hat gesagt, er vertritt keinen Mann, der ihm eine gefälschte Vollmacht vorgelegt hat.

Dima fuhr herum.

– Du hast abgehört?

– Nein. Du hast laut genug gesprochen.

Larissa setzte sich langsam. Ihre Hände lagen auf dem Tisch, direkt neben dem silbernen Haarclip ihrer Tochter.

– Dima, warum hast du das getan?

Er blickte sie an. Zum ersten Mal hatte er keine schnelle Erklärung bereit.

– Ich wollte nur aus den Schulden heraus.

– Mit Nataschas Ring?

– Ich wollte ihn zurückholen.

– Mit ihrer Unterschrift?

– Ich hätte alles bezahlt.

– Wann? – fragte ich.

Er sah zu mir.

– Wenn ich wieder Arbeit habe.

– Du hattest Arbeit. Du hattest mein Geld. Du hattest ein Zuhause.

– Du verstehst nicht, wie es ist, ständig zu verlieren.

Da öffnete Vera die Aufnahme noch einmal. Die Stimme aus dem Telefon erklang im Raum:

AUCH LESEN:  TEIL 4 — Meine schwangere Frau lag blutend auf dem Boden, doch als ich meine Mutter hinauswarf, verstummte plötzlich ihr ganzes Lächeln

– Wenn Natascha glaubt, Aline habe den Ring genommen, unterschreibt sie alles, nur damit Ruhe ist.

Dima hörte sich selbst.

Er hörte seine Kälte, seine Berechnung, die kurze Pause vor dem Wort Aline. Er hörte, wie sicher er gewesen war, dass ich mich beugen würde.

Sein Mund öffnete sich.

Kein Ton kam heraus.

Ich hatte diesen Moment erwartet. Ich dachte, er würde weinen oder um Vergebung bitten. Doch er setzte sich nur hin und starrte auf seine Hände.

– Mach es aus, – flüsterte er.

– Nein.

– Bitte.

– Du hast es gesagt. Jetzt hörst du es.

Ich spürte keinen Triumph. Nur Trauer. Eine schwere, stille Trauer um neun Jahre, die ich nicht zurückbekam.

Am nächsten Morgen tauschte der Schlosser den Zylinder aus. Es war kurz nach acht. Der neue Schlüssel war klein, matt und schwerer als der alte. Als der Mann die Schraube festzog, fiel ein dünner Metallspan auf die Fußmatte.

Dima stand mit einem Koffer im Treppenhaus.

– Du lässt mich wirklich nicht hinein?

– Nein.

– Wohin soll ich gehen?

Ich sah auf den Koffer. An seinem Griff hing noch der rote Stoffanhänger, den ich ihm vor Jahren auf einer Reise angenäht hatte, damit er sein Gepäck wiedererkannte.

– Das musst du selbst entscheiden.

– Natascha, wir können das regeln.

– Wir haben es geregelt.

Er legte die Hand auf die Türklinke. Der neue Zylinder klickte, aber die Tür blieb geschlossen.

– Du wirfst neun Jahre weg.

– Nein. Ich höre auf, sie allein zu tragen.

Er ging.

Nicht sofort.

Er blieb noch lange im Treppenhaus stehen, bis die Nachbarin ihre Wohnungstür öffnete und ihn ansah. Dann nahm er den Koffer und verschwand die Treppe hinunter.

Am selben Nachmittag fuhr ich zum Pfandhaus. Herr Keller hatte den Ring bis zur Klärung zurücklegen lassen. Die Besitzerin legte ihn auf ein weißes Tuch.

Der blaue Stein fing das Licht der Deckenlampe ein.

Ich nahm ihn nicht sofort.

– Möchten Sie ihn prüfen? – fragte sie.

Ich drehte das Ringstück um und sah die feine Kerbe an der Innenseite. Ich hatte sie selbst verursacht, als ich bei der Arbeit einen Metallhaken aus einer Maschine ziehen musste.

– Ja, – sagte ich. – Er gehört mir.

Als ich nach Hause kam, ging ich zuerst in die kleine Zimmerkammer. Unter der Plane stand meine Nähmaschine. Staub lag auf dem Tisch, und auf dem Fensterbrett klebte noch ein Stück rosa Klebeband von Alines altem Stundenplan.

AUCH LESEN:  Ich wollte eine kranke Mieterin wegen drei Monatsmieten hinauswerfen, doch als ich ihren Namen hörte, erstarrte ich im Flur

Ich zog die Plane herunter.

Der Stoff roch nach Baumwolle und Maschinenöl. Nach meinem Leben, das fünf Monate lang in eine Ecke geschoben worden war.

Am nächsten Tag holte ich die erste Kundin zurück. Sie brachte drei Hosen und einen Mantel mit gerissenem Ärmel.

– Ich dachte, Sie nehmen keine Aufträge mehr an, – sagte sie.

– Jetzt nehme ich wieder welche an.

Sie lächelte.

– Dann habe ich Glück gehabt.

Nein, dachte ich. Diesmal hatte ich Glück, weil ich mich selbst wiedergefunden hatte.

Die Ermittlungen dauerten Wochen. Die Bank erklärte den Kredit für ungültig, weil meine Unterschrift gefälscht worden war. Die Polizei nahm den Pfandschein, die Aufnahme und Veras Telefon an sich. Aline gab ihre Aussage ab. Sie weinte dabei, aber sie wich nicht mehr zurück.

Dima schrieb mir fast jeden Tag.

Zuerst waren es Vorwürfe.

Dann Entschuldigungen.

Dann Erinnerungen an unsere Hochzeit, an den Urlaub am See, an den Abend, an dem wir im Flur getanzt hatten, weil die Heizung ausgefallen war und es im Wohnzimmer zu kalt gewesen war.

Ich antwortete nicht.

Drei Monate später stand ich vor dem Amtsgericht. Dima musste dort eine Erklärung zu den gefälschten Unterlagen abgeben. Als wir uns im Flur sahen, war sein Bart länger geworden. Seine Jacke hing lose an ihm.

– Natascha, bitte, – sagte er.

– Ich habe dir nichts mehr zu sagen.

– Ich kann mich ändern.

– Dann tu es. Aber nicht für mich.

Er senkte den Blick.

Die Scheidung wurde einige Wochen später ausgesprochen. Es gab keinen großen Auftritt. Keine Genugtuung. Nur eine Richterin, einige nüchterne Sätze und meine Unterschrift unter einem Blatt Papier, das sich leichter anfühlte als erwartet.

Im Frühling mietete ich einen kleinen Laden in der Lindenstraße. Vorne stellte ich zwei Nähmaschinen auf, hinten standen Regale mit Stoffrollen. An die Wand hängte ich ein handgemaltes Schild: Änderungen, Reparaturen, Neuanfertigungen.

Aline kam samstags manchmal vorbei. Sie arbeitete inzwischen fest in einem Schönheitssalon und lernte, ihre Mutter nicht mehr für jede Entscheidung um Erlaubnis zu bitten.

Eines Tages brachte sie mir eine Tasse Kaffee und einen Umschlag.

– Für dich, – sagte sie.

Darin lag eine Zeichnung. Ein Haus mit gelben Fenstern, davor eine Frau in rotem Mantel. Auf ihrer Hand glitzerte ein winziger blauer Punkt.

– Das sollst du sein, – sagte Aline.

AUCH LESEN:  Meine Mutter stellte an unserem 21. Geburtstag drei Gedecke auf den Tisch, obwohl meine Schwester Nora seit zehn Jahren tot war – dann legte sie uns eine Schachtel mit ihrem Namen hin

– Warum bin ich allein?

Sie zuckte mit den Schultern.

– Du siehst nicht allein aus.

Ich steckte die Zeichnung hinter die Ladentheke.

Im November fiel der erste Schnee. Er blieb nicht liegen, aber die Dächer wurden weiß, und der ganze Hof wirkte für einen Moment still und neu.

Ich machte abends die Kasse, löschte das Licht und zog die Tür ab. In meiner Manteltasche lag der Ring. Ich trug ihn wieder, nicht bei jeder Arbeit, aber an Tagen, an denen ich mich daran erinnern wollte, wer ich gewesen war, bevor ich angefangen hatte, mich für andere kleiner zu machen.

An einem Dienstag kam die letzte Nachricht von Dima.

Er schrieb, er habe eine Wohnung gefunden. Er schrieb, er habe mit dem Spielen aufgehört. Er schrieb, er wolle mich einmal sehen, nur fünf Minuten, ohne Streit.

Darunter stand: Ich vermisse dich.

Ich las die Nachricht zweimal.

Dann schrieb ich zurück:

Ich wünsche dir, dass du lernst, mit deinen Entscheidungen zu leben. Aber mein Leben gehört jetzt mir. Komm nicht zurück.

Ich löschte die Nachricht nicht. Ich löschte nur seine Nummer.

Später schloss ich den Laden ab. Der neue Schlüssel lag warm in meiner Hand. Im Schaufenster spiegelte sich die Frau, die ich geworden war: müde, älter, aber aufrecht.

Ich zog den Ring aus der Tasche und steckte ihn an.

Der blaue Stein fing den letzten Streifen Abendlicht ein.

Diesmal nahm ihn mir niemand weg.

Missed the beginning?

← Read the story from part one

Rate article
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: