TEIL 4
…Ich drückte das Telefon nicht sofort weg.
Die Stimme atmete schwer.
— Wer sind Sie?
— Jemand, der weiß, dass du ohne diese Vollmacht nicht handeln kannst.
— Dann schicken Sie sie mir.
— Nicht ich habe etwas zu schicken. Du hast es bereits unterschrieben.
Die Verbindung brach ab.
Für drei Sekunden hörte ich nur mein eigenes Atmen.
Dann sagte Maxim:
— Hast du eine Vollmacht unterschrieben?
Ich dachte an die vergangenen Monate. An die Termine beim Notar. An die Unterlagen, die Olena mir beim Abendessen hingelegt hatte. An ihre Stimme: „Nur Formalitäten für die Verwaltung, damit im Notfall alles geregelt ist.“
Ich hatte unterschrieben.
Aber nicht mit meinem üblichen Füller. Der lag damals in meinem Büro. Olena hatte mir einen schwarzen Kugelschreiber gegeben, dessen Mine ständig aussetzte.
Frau Kern griff nach ihrem Telefon.
— Ich vertrete Frau Markow nicht mehr.
Olena fuhr zu ihr herum.
— Was soll das heißen?
— Ich wusste nichts von einer heimlichen Medikamentengabe. Und ich wusste nicht, dass Sie mit Herrn Sergej Bilan eine Firma besitzen.
— Sie können mich jetzt nicht allein lassen!
— Doch. Genau das kann ich.
Sergej wurde von zwei Beamten aus dem Raum geführt. Er ging nicht leise.
— Du wirst das bereuen, Andrej! Ohne mich bekommst du das Haus nicht zurück!
Ich antwortete nicht.
Olena blieb an der Tür stehen.
— Bitte — sagte sie.
Es war das erste echte Bitte, das ich von ihr hörte.
— Nimm Mascha nicht weg von mir.
Ich sah zu meiner Tochter. Sie hatte beide Hände um die Marienkäfer-Haarspange geschlossen.
— Du hast selbst versucht, sie von mir wegzubringen.
— Ich hatte Angst.
— Ich auch.
— Ich wollte kein schlechter Mensch sein.
— Dann hättest du aufhören können.
Sie senkte den Kopf. Zum ersten Mal konnte sie nicht so tun, als hätte jemand anderes ihre Hände geführt.
Später, im Polizeigebäude, hörte ich die Aufnahmen noch einmal. Ein Ermittler saß mir gegenüber und spielte die Tonspur über Lautsprecher ab.
Olenas Stimme erklang im Raum.
— Zeig Papa, wie unmöglich du bist.
Danach hörte man Maschas Schluchzen.
Olena saß wenige Meter entfernt. Sie musste ihre eigenen Worte hören, ohne sie umzudeuten, ohne das Telefon auszuschalten und ohne mir vorzuwerfen, ich sei zu empfindlich.
Ihr Gesicht veränderte sich.
— Das habe ich gesagt — flüsterte sie.
Niemand antwortete.
— Ich habe das wirklich gesagt.
Der Ermittler stoppte die Aufnahme.
— Ja.
In dieser Nacht schlief Mascha bei Ludmilla. Ich saß in unserem Haus im Kinderzimmer und wartete auf den Gutachter, der die Räume sichern sollte.
Auf dem Schreibtisch lag Maschas Trinkbecher. Ein dünner, klebriger Saftfilm war am Rand getrocknet. Daneben lag ihr Malbuch, aufgeschlagen bei einem Bild von drei Menschen unter einer gelben Sonne.
Ein Mensch war sehr klein.
Der zweite hatte lange schwarze Haare.
Der dritte trug einen roten Punkt im Haar.
Ich wusste nicht, ob der Punkt die Marienkäfer-Spange darstellen sollte oder etwas anderes. Trotzdem musste ich weinen.
Olenas Sachen wurden am nächsten Morgen abgeholt. Zwei Koffer standen im Flur. Einer davon war mit dem grünen Schal umwickelt, den sie immer trug, wenn sie ausging. Ich hatte ihn ihr in unserem ersten gemeinsamen Winter gekauft.
Früher hätte ich versucht, ihn zu retten.
Jetzt legte ich ihn in eine Tasche und brachte ihn zur Tür.
Die Ermittlungen ergaben, dass Sergej über eine Gesellschaft tatsächlich Zugriff auf mehrere vorbereitete Unterlagen hatte. Olena hatte die Wohnung nicht sofort verlassen können, weil gegen sie wegen der Verabreichung des Wirkstoffs und der Fälschung von Angaben ein Verfahren eingeleitet wurde.
Die sogenannte Originalvollmacht lag nicht bei Sergej.
Sie lag im Safe der Bank, der auf unsere gemeinsame Verwaltung zugreifen konnte. Olena hatte versucht, damit eine vorläufige Verfügung über das Haus am Meer einzureichen. Der Antrag wurde gestoppt, bevor Geld bewegt werden konnte.
Ich hatte Angst, dass Mascha alles verlieren würde.
Aber sie verlor nur die Menschen, die sie verlieren musste.
Drei Wochen später fand die erste Anhörung statt. Das Gericht ordnete an, dass Olena keinen unbeaufsichtigten Kontakt zu Mascha haben durfte. Sergej durfte sich weder dem Haus noch der Schule nähern.
Olena saß mir gegenüber, blasser als früher. Ihre Hände lagen auf dem Tisch.
— Kannst du dem Richter sagen, dass ich eine gute Mutter war? — fragte sie in der Pause.
— Du warst nicht ihre Mutter.
Sie zuckte zurück.
— Ich habe sie geliebt.
— Liebe macht ein Kind nicht krank, damit andere dir glauben.
Sie weinte. Ich empfand keine Genugtuung. Nur Müdigkeit.
Das Gericht bestätigte später, dass Maschas Haus unangetastet blieb. Die Verwaltung wurde auf eine unabhängige Stelle übertragen. Die Konten wurden gesperrt, bis alle Unterlagen geprüft waren. Sergej musste sich wegen Betrugs und Gefährdung eines Kindes verantworten. Olena legte ein umfassendes Geständnis ab, nachdem ihre Nachrichten, die Aufnahmen und die Laborergebnisse zusammengeführt worden waren.
Ich besuchte sie nicht im Gefängnis.
Nicht, weil ich sie hasste.
Sondern weil Mascha endlich lernen musste, dass ein Nein auch dann gilt, wenn jemand weint.
Zwei Monate später zogen Mascha und ich in eine kleinere Wohnung in einer anderen Stadt. Sie lag im dritten Stock über einer Bäckerei. Jeden Morgen roch der Hausflur nach warmem Brot.
Ich nahm meine Arbeit als Bauingenieur wieder auf, zunächst nur halbtags. Nachmittags holte ich Mascha aus der Schule ab. Wir gingen zu Fuß am Fluss entlang, und sie erzählte mir jeden Tag eine Sache, die sie in der Pause gesehen hatte.
Am Anfang trank sie nur Wasser aus durchsichtigen Gläsern.
Nach einigen Wochen bat sie selbst um Apfelsaft.
— Du kannst ihn probieren — sagte ich.
— Du musst nicht daneben sitzen?
— Ich sitze trotzdem daneben.
Sie lächelte.
— Das ist erlaubt.
Ihre Hände zitterten nicht mehr.
Im Dezember fiel der erste Schnee. Mascha malte am Küchentisch ein neues Bild. Darauf waren wieder drei Menschen, aber diesmal standen sie vor einem Haus mit blauen Fenstern. Über der Tür hing ein kleiner roter Punkt.
— Das ist kein Punkt — erklärte sie. — Das ist die Spange. Sie passt auf uns auf.
Ich legte die rote Marienkäfer-Haarspange neben ihr Blatt.
Sie hatte an einer Seite einen kleinen Kratzer, den ich nie hatte reparieren lassen. Mascha strich mit dem Finger darüber.
— Papa, glaubst du, Mama wird irgendwann aufhören, böse zu sein?
Ich brauchte lange für die Antwort.
— Das weiß ich nicht. Aber wir müssen nicht mehr auf ihre Wut warten.
Sie nickte und malte weiter.
Im Frühjahr kam die letzte Nachricht von Olena. Sie schrieb, sie habe eine Therapie begonnen. Sie schrieb, dass sie mich vermisse. Sie schrieb, sie wolle nur fünf Minuten mit mir sprechen, ohne Anwälte, ohne Polizei, ohne andere Menschen.
Am Ende stand: „Bitte gib uns noch eine Chance.“
Ich las die Nachricht zweimal.
Dann antwortete ich:
„Ich wünsche dir, dass du Verantwortung übernimmst. Aber ich komme nicht zurück. Mascha und ich brauchen ein Leben, in dem wir keine Angst vor deinem nächsten Schritt haben.“
Ich löschte die Nachricht nicht.
Ich bewahrte sie auf, falls ich später vergessen sollte, wie schwer dieser Satz gewesen war.
Am nächsten Morgen steckte Mascha die Haarspange in ihr eigenes Haar. Sie betrachtete sich im Spiegel und drehte den Kopf zur Seite.
— Sie hält noch?
— Sie hält.
— Dann gehen wir los.
Draußen lag auf den Dächern der letzte Schnee. Die Stadt war still, aber nicht leer. Aus der Bäckerei stieg Wärme in den Morgen, und Mascha nahm meine Hand, ohne sich festzuklammern.
Ich schloss die Tür hinter uns.
Der rote Marienkäfer glänzte in ihrem Haar.
Diesmal musste er niemanden warnen.
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