TEIL 4 — Auf der Geburtstagsfeier meiner Schwester hörte ich meinen Sohn anrufen – und als sie meinen Namen erwähnte, erstarrte ich

TEIL 4

…denn im selben Moment begann Viktors Telefon zu klingeln.

Er sah auf das Display und wurde noch blasser.

„Wer ist es?“, fragte ich.

Er drückte den Anruf weg.

Das Telefon klingelte sofort wieder.

Der Mann mit der Ledermappe blieb neben der Tür stehen. Er war kein Gerichtsvollzieher, wie ich zuerst gedacht hatte, sondern ein Mitarbeiter der Bank. Hinter ihm wartete eine Frau mit einem Notizblock.

„Herr Berger“, sagte er, „Sie sollten den Anruf annehmen.“

„Das geht Sie nichts an.“

„Doch. Es ist Ihr Anwalt.“

Viktor nahm schließlich ab.

„Ralf, du musst kommen“, sagte er hastig. „Sofort.“

Wir hörten die Antwort nicht, aber wir sahen, wie Viktors Gesicht sich veränderte.

„Was heißt, du legst das Mandat nieder?“

Er presste die Hand gegen sein Ohr.

„Du kannst mich jetzt nicht im Stich lassen.“

Eine lange Pause.

Dann sagte Viktor: „Ich habe dir vertraut.“

Er beendete das Gespräch und starrte auf das schwarze Telefon.

„Er kommt nicht“, sagte ich.

„Er darf das nicht tun.“

„Er darf entscheiden, wen er vertritt.“

Zum ersten Mal seit dreißig Jahren klang meine Stimme ruhig, obwohl in mir alles bebte.

Die Frau mit dem Notizblock erklärte, dass die Bank die Vollstreckung vorläufig aussetze, weil Andreas die Unterlagen und die Aufnahme eingereicht hatte. Die gefälschte Unterschrift werde geprüft. Das Geld sei noch auffindbar, ein Teil lag sogar auf einem gesonderten Konto.

Viktor stritt zunächst alles ab.

Dann spielte Ljusja die Aufnahme noch einmal ab.

Nicht im Badezimmer.

Wir gingen in den kleinen Nebenraum des Cafés, in dem die Geschenke standen. Auf einem Tisch lagen bunte Tüten, ein selbst gemaltes Bild und eine Schachtel mit Pralinen. Die Stimme aus dem Aufnahmegerät klang dort lauter als zuvor.

„Andreas, deine Mutter will keinen Kontakt mehr. Ruf hier nicht wieder an.“

Viktor hörte seine eigenen Worte.

Er sah auf den Boden.

„Ich war wütend“, sagte er.

„Du hast gelogen“, sagte ich.

„Ich hatte Angst.“

„Du hast unterschrieben.“

„Ich wollte das Geld zurückholen.“

„Du hast meinen Sohn von mir ferngehalten.“

Er setzte sich. Neben seinem Schuh lag eine zerknitterte Serviette mit einem gelben Sonnenaufdruck.

„Ich dachte, wenn Andreas kommt, nimmt er dir alles weg“, sagte er. „Die Wohnung, das Geld, deine Aufmerksamkeit. Du hast immer nur für ihn gelebt.“

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Ich verstand plötzlich, dass seine Angst nicht an diesem Abend begonnen hatte. Sie war älter als unsere Ehe, älter als das Darlehen. Aber Angst machte eine Lüge nicht kleiner.

„Du hättest mich fragen können“, sagte ich.

„Du hättest mir nicht geholfen.“

„Das weißt du nicht.“

„Doch.“

„Nein, Viktor. Du hast nicht gefragt, weil du die Antwort nicht ertragen hättest.“

Andreas kam am nächsten Morgen.

Ich wartete in meiner Wohnung auf ihn. Die Wanduhr im Flur ging drei Minuten nach, und ich konnte die ganze Zeit nur dieses Ticken hören. Als es klingelte, blieb ich zuerst stehen.

Dann öffnete ich.

Mein Sohn war dünner als auf dem letzten Foto. Er trug eine dunkle Jacke, unter deren Ärmel eine feste Schiene hervorsah. In der rechten Hand hielt er eine kleine Papiertüte.

„Ich habe Mohnkuchen mitgebracht“, sagte er.

Ich musste lachen und weinen zugleich.

„Du konntest noch nie nein zu Mohnkuchen sagen.“

„Das wusste ich noch.“

Wir standen lange im Türrahmen.

„Warum hast du mich nicht trotzdem angerufen?“, fragte ich.

„Ich habe angerufen. Papa ging ran.“

„Warum hast du nicht meine Nummer gewählt?“

„Ich hatte Angst, dass du wirklich nicht mit mir sprechen willst.“

Ich nahm seine Hand. Sie war kalt.

„Ich war stolz“, sagte ich. „Und ich habe Stolz mit Liebe verwechselt.“

Er sah mich an.

„Ich wollte nie perfekt sein, Mama.“

Dieser Satz traf mich tiefer als jede Anschuldigung.

Auf dem Regal im Wohnzimmer stand noch immer das Foto seines Klavierabschlusses. Der Rahmen war teuer gewesen, die Aufnahme sauber und glänzend. Daneben lag ein altes Heft mit seinen Kinderzeichnungen, die ich jahrelang nicht angesehen hatte.

Ich nahm das Foto heraus.

Hinter dem Rahmen war Staub. Ein heller rechteckiger Fleck zeigte, wo es gestanden hatte.

„Was machst du?“, fragte Andreas.

„Ich räume nicht dein Leben weg“, sagte ich. „Ich stelle es nur nicht mehr an die Stelle, an der ich mich selbst nicht sehen kann.“

Viktor zog drei Tage später aus.

Er nahm zwei Koffer, den Rasierapparat und die braune Aktentasche, in der die Verträge gelegen hatten. Die Wohnung wirkte danach größer, aber nicht leer. Im Flur blieb ein Haken frei, an dem sein Mantel gehangen hatte.

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Die Bank leitete die Unterlagen an die Ermittlungsbehörde weiter. Viktor musste die unterschlagenen Beträge zurückzahlen. Das Darlehen wurde aufgehoben, weil die Unterschrift gefälscht war. Später erfuhr ich, dass er eine Bewährungsstrafe erhielt und die Gerichtskosten tragen musste.

Ich freute mich nicht darüber.

Ich schlief nur wieder.

Vier Wochen nach Ljusjas Geburtstag saß ich mit Andreas und Miska in einer kleinen Bäckerei nahe dem Park. Miska hatte eine Tasse Kakao vor sich und malte mit einem stumpfen Bleistift einen roten Bus.

„Oma Nina“, sagte er, „kommst du nächsten Sonntag mit in den Park?“

Ich legte meine Hand auf den Tisch.

„Wenn du mich einlädst.“

„Du bist immer eingeladen.“

Andreas sah aus dem Fenster. Der erste Schnee fiel auf die parkenden Autos.

„Er fragt jeden Abend, ob du wiederkommst“, sagte er.

„Ich komme wieder.“

„Auch wenn ich nicht anrufe?“

Ich sah meinen Sohn an.

„Dann rufe ich an.“

In den nächsten Monaten veränderte sich mein Leben nicht plötzlich. Es veränderte sich in kleinen Dingen.

Ich ging zweimal in der Woche in die Bibliothek und half Kindern beim Lesen. Ich lernte, eine Suppe nur für mich zu kochen. Ich kaufte mir einen roten Schal, obwohl Viktor immer gesagt hatte, Rot mache mich blass.

Ljusja und ich tranken donnerstags Kaffee.

Manchmal schwiegen wir eine ganze Stunde.

Das war neu zwischen uns.

„Du warst immer neidisch auf mich“, sagte ich eines Tages.

Ljusja rührte Zucker in ihre Tasse.

„Ich war nicht neidisch. Ich dachte nur, du müsstest weniger beweisen.“

Ich sah sie an.

„Und ich dachte, du würdest nichts aus deinem Leben machen.“

„Hast du dich geirrt?“

„Ja.“

Sie lächelte nicht triumphierend. Sie legte nur ihre Hand auf meine.

Im Februar kam eine Nachricht von Viktor.

Er schrieb, er habe eine neue Wohnung gefunden. Er schrieb, er vermisse mich. Er schrieb, er habe Fehler gemacht und wolle noch einmal von vorn anfangen.

Am Ende stand: „Du bist doch meine Frau.“

Ich las die Nachricht zweimal.

Dann antwortete ich: „Ich war deine Frau. Jetzt bin ich Nina. Bitte respektiere das.“

Er rief an.

Ich ging nicht ran.

Er schrieb erneut.

Ich löschte die Nachricht nicht sofort. Ich legte das Telefon neben den Herd und ließ das Wasser für den Tee kochen.

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Andreas besuchte mich an diesem Abend mit Miska. Der Junge zog seine Mütze aus und schüttelte die Schneeflocken davon. Auf meinem Tisch lag noch immer der Ordner mit dem roten Gummiband.

Miska nahm ihn in die Hand.

„Was ist das?“

„Etwas, das mich nach Hause gebracht hat“, sagte ich.

Er verstand es nicht. Er legte den Ordner zurück und malte weiter. Auf seinem Blatt entstand ein Haus mit vier Fenstern, einer krummen Tür und einer viel zu großen Sonne.

Diesmal war ich auf dem Bild.

Nicht am Rand.

In der Mitte.

Später ging ich zum Fenster. Der Schnee bedeckte die Straße, die Autos und die Fußspuren vor dem Haus. In meiner Hand hielt ich das rote Gummiband, dessen ausgefranste Stelle noch immer sichtbar war.

Ich band damit die Zeichnung von Miska zusammen und legte sie in die Schublade, in der früher Viktors Verträge gelegen hatten.

Dann schloss ich die Schublade.

Zum ersten Mal fühlte sich das nicht wie Verlust an.

Es fühlte sich an wie Platz.

Und draußen fiel der Schnee ganz still auf mein neues Leben.

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