Meine Mutter hatte mich gefesselt an einen Mann ausliefern lassen, dessen Name in Chicago nur hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen wurde.
Der Plastikverschluss schnitt in meine Handgelenke, während der schwarze Wagen durch den Regen glitt. Bei jeder Kurve pressten sich meine Rippen gegen die Tür. Ich schmeckte Blut und zwang mich, nicht zu weinen.
Neben mir saß ein breitschultriger Mann mit einer Narbe über dem Kinn.
– Wenn du klug bist, bleibst du still.
Ich lachte leise. Es klang beinahe fremd.
– Klug sein hat mir bisher nicht geholfen.
Er sah auf meine geschwollene Wange und schwieg danach.
Auf meinem Schoß lag noch immer der kleine Messinganhänger in Form eines Schlüssels, den mein Vater mir als Kind geschenkt hatte. Meine Mutter hatte ihn mir vor drei Tagen vom Hals gerissen, als sie mich schlug. Ich hatte ihn später unter dem Teppich gefunden und in meiner Faust versteckt. Das Metall war kalt, aber es erinnerte mich daran, dass ich einmal jemandem gehört hatte, der mich nicht als Ware betrachtet hatte.
Der Wagen hielt vor einem unscheinbaren Backsteingebäude. Regen trommelte auf das Dach, als würde jemand ungeduldig gegen einen Sarg klopfen.
Der Fahrer schnitt die Fesseln durch.
– Aussteigen.
Meine Beine zitterten, doch ich richtete mich auf.
– Wohin bringen Sie mich?
– Zu Marco DeLuca.
Der Name genügte. Beide Männer wurden still.
Jeder in Chicago kannte Marco DeLuca. Er besaß angeblich Restaurants, Lagerhäuser und Nachtklubs. In Wahrheit kontrollierte er Dinge, über die niemand in einer Steuererklärung sprach. Männer verschwanden, wenn sie ihn betrogen. Familien verloren Häuser, wenn sie seine Geduld prüften.
Und meine Mutter hatte mich direkt zu ihm geschickt.
Im Gebäude roch es nach poliertem Holz, Rauch und teurem Leder. Männer standen an den Wänden und beobachteten mich, ohne den Kopf zu bewegen. Ich wurde durch einen langen Flur geführt. Meine nassen Schuhe hinterließen dunkle Spuren auf dem glänzenden Boden.
Vor einer schweren Eichentür klopfte der Mann mit der Narbe zweimal.
– Herein, sagte eine ruhige Stimme.
Das Büro war warm. Ein Feuer knisterte im steinernen Kamin, und hinter den hohen Fenstern rann Chicago wie flüssiges Gold und Schwarz auseinander. Marco DeLuca saß hinter einem dunklen Schreibtisch. Er trug ein weißes Hemd, dessen Ärmel bis zu den Unterarmen hochgekrempelt waren. Kein Schmuck. Keine Waffe auf dem Tisch.
Das machte ihn gefährlicher.
Sein Blick glitt von meinem Gesicht zu meinen Händen, dann zu meiner Haltung.
– Wer ist sie?
– Jane Whitmore, sagte der Narbige. Ihre Mutter schickt sie.
Marco hob kaum merklich eine Augenbraue.
– Schickt?
– Sie meinte, Sie würden wissen, was mit ihr zu tun ist.
Ich wollte etwas sagen, doch mein Atem brach an einer scharfen Schmerzstelle ab. Marco bemerkte es sofort.
– Sie hat gebrochene Rippen?
– Nur eine kleine Verletzung, antwortete der Mann.
Marco stand auf. Langsam. Nicht wie jemand, der auf ein Opfer zuging, sondern wie jemand, der eine Entscheidung traf.
Er blieb vor mir stehen und sah auf den Messingschlüssel in meiner Faust.
– Jane, sagte er leise. Wer hat dir das angetan?
Ich dachte an meine Mutter, an ihre gepflegte Stimme und den Satz, den sie mir beim Abschließen der Kellertür zugeflüstert hatte: „Du wirst endlich nützlich sein.“
Dann legte Marco zwei Finger unter mein Kinn und drehte mein Gesicht ins Licht.
Sein Ausdruck veränderte sich.
– Luca, hol den Arzt. Und ruf sofort meinen Anwalt an.
Der Mann mit der Narbe erstarrte.
– Den Anwalt?
Marco sah nicht ihn an, sondern mich.
– Bevor jemand diese Frau noch einmal anfasst, will ich wissen, wer glaubt, sie kaufen zu können. Er zog eine schmale Aktenmappe aus der Schreibtischschublade und legte sie auf den Tisch. Dann streckte er die Hand danach aus…
TEIL 2
Dann streckte Marco die Hand danach aus, doch bevor seine Finger die Mappe berührten, flog die Bürotür auf.
Eine Frau mit rotem Mantel trat ein. Ihr schwarzes Haar war streng zurückgebunden, und in ihrer Hand hielt sie ein Telefon.
– Herr DeLuca, der Anruf Ihrer Mutter ist noch immer in der Leitung, sagte sie.
Meine Mutter.
Mein Magen zog sich zusammen.
Marco nahm das Telefon nicht sofort. Er sah mich an, dann auf die Mappe.
– Stell es auf laut.
Charlotte Whitmores Stimme erfüllte den Raum. Sanft. Gepflegt. Als würde sie nicht über meine Schmerzen sprechen, sondern über eine Tischreservierung.
– Marco, ich hoffe, meine Tochter ist sicher angekommen.
Ich biss mir auf die Lippe.
– Du hast sie mir geschickt, erwiderte Marco. Nicht sicher. Gefesselt.
Am anderen Ende entstand eine kurze Pause.
– Jane ist schwierig. Sie neigt zu Ausbrüchen. Ich wollte nur verhindern, dass sie sich selbst etwas antut.
Meine Finger schlossen sich um den Messingschlüssel. Die Kanten bohrten sich in meine Haut.
– Du hast mir eine verletzte Frau gebracht und erwartest, dass ich dir glaube? fragte Marco.
– Ich erwarte, dass du die Angelegenheit diskret behandelst. Dafür bist du bekannt.
In meinem Kopf tauchte das Wohnzimmer meiner Mutter auf. Der cremefarbene Teppich. Die Kristalllampe. Charlotte, wie sie Papiere auf den Tisch legte und mir sagte, ich solle unterschreiben, weil es nur um eine medizinische Vollmacht gehe.
Ich hatte nicht unterschrieben.
Daraufhin hatte sie mich geschlagen.
– Ich habe nichts getan, sagte ich plötzlich.
Alle Blicke richteten sich auf mich.
– Was meinst du? fragte Marco.
– Ich habe mich nicht selbst verletzt. Ich habe keine Ausbrüche. Meine Mutter wollte, dass ich in dieses Haus komme.
Charlotte lachte am Telefon.
– Hörst du das? Genau davon rede ich.
Marco nahm das Telefon in die Hand.
– Charlotte, wie viel ist Jane dir wert?
Das Lachen verstummte.
Für einen Moment hörte ich nur Regen gegen die Scheiben.
– Was für eine Frage ist das?
– Eine einfache.
– Sie ist meine Tochter.
– Das war nicht meine Frage.
Die Frau im roten Mantel legte eine Decke um meine Schultern. Der Stoff roch nach Zedernholz. Ich merkte erst jetzt, dass ich am ganzen Körper zitterte.
Charlotte wurde kälter.
– Pass auf, Marco. Jane ist nicht so unschuldig, wie sie aussieht. Wenn du sie behältst, übernimmst du ein Problem, das dir niemand bezahlen wird.
– Du hast bereits bezahlt, sagte Marco.
Er legte auf.
Niemand bewegte sich.
Dann öffnete er die Aktenmappe. Darin lagen Kopien von Überweisungen, eine Versicherungspolice und ein Foto von mir, aufgenommen vor dem Haus meiner Mutter. Auf der Rückseite stand ein Datum, das erst zwei Tage zurücklag.
– Woher haben Sie das? fragte ich.
– Ich habe seit Wochen jemanden beobachtet, der versucht, mich in eine Falle zu locken.
– Meine Mutter?
– Vielleicht. Aber sie ist nicht allein.
Die Tür öffnete sich erneut. Ein älterer Mann mit silbernem Haar kam herein. Er trug einen nassen Mantel und hielt ein Aufnahmegerät in der Hand.
– Marco, sagte er, wir haben etwas gefunden. Nicht in Charlottes Haus. In Janes Zimmer.
Mein Herz blieb stehen.
– Was? fragte ich.
Der Mann sah mich an, als müsste er entscheiden, ob die Wahrheit mich retten oder zerstören würde.
– Einen Brief. Und eine Tonaufnahme.
Marco legte die Hand auf die Mappe.
– Spiel sie ab.
Das Gerät klickte. Zuerst hörte man nur ein Knacken, dann Schritte auf einem Holzboden. Charlottes Stimme erklang, diesmal ohne jede Wärme.
„Wenn sie bei DeLuca ist, wird sie nicht mehr lange leben. Und wenn doch, sorge dafür, dass sie nichts von der zweiten Police erfährt.“
Ich hörte meinen eigenen Atem nicht mehr.
Marco blickte zum Fenster.
– Zweite Police? fragte ich.
Der ältere Mann schob einen Umschlag über den Tisch.
– Es gibt noch etwas. Der Begünstigte ist nicht Charlotte Whitmore.
Marco sah auf das Siegel. Dann griff er nach dem Umschlag, während draußen irgendwo Reifen quietschten und mehrere Wagen gleichzeitig vor dem Gebäude hielten…
TEIL 3
…und mehrere Wagen gleichzeitig vor dem Gebäude hielten.
Die Männer an den Wänden zogen ihre Waffen. Marco nahm den Umschlag nicht an sich, sondern schob ihn mir entgegen.
– Du entscheidest, ob du ihn öffnest.
Meine Hand war so kalt, dass ich das Papier kaum spürte. Der Messingschlüssel lag noch immer in meiner anderen Faust. Ich dachte an die Kellertür, an meine Mutter vor drei Tagen und an ihre ruhige Stimme: „Du wirst endlich nützlich sein.“
Dann riss ich das Siegel auf.
Im Umschlag lag eine beglaubigte Versicherungspolice. Zwei Millionen Dollar. Versicherte Person: Jane Whitmore. Abschlussdatum: sechs Monate zuvor. Begünstigter: Charlotte Whitmore.
Darunter lag eine zweite Police.
Fünf Millionen Dollar.
Begünstigter: Marco DeLuca.
Ich hob den Kopf.
– Das ist unmöglich.
Der ältere Mann schüttelte den Kopf.
– Die Unterschrift wurde mit einer gefälschten Vollmacht eingereicht. Ihre Mutter wollte, dass Herr DeLuca als angeblicher Auftraggeber erscheint. Wenn Sie sterben, sollte es aussehen, als hätte er Sie beseitigt.
Marco nahm die Aufnahme aus dem Gerät und ließ sie erneut laufen. Charlottes Stimme schnitt durch den Raum.
„Er wird sich nicht um sie kümmern. Männer wie DeLuca sehen eine verletzte Frau und denken nur an Besitz. Sobald sie tot ist, bekommt er Ärger, ich bekomme das Geld, und niemand wird Jane vermissen.“
Meine Knie gaben nach. Die Frau im roten Mantel fing mich auf.
– Sie wusste, dass ich sterben sollte, flüsterte ich.
– Ja, sagte Marco. Und sie wollte, dass ich dafür verantwortlich bin.
Das Telefon auf dem Tisch klingelte. Ein unbekannter Anrufer. Marco stellte auf laut.
– Herr DeLuca, sagte eine männliche Stimme, wenn Jane Whitmore heute Nacht nicht verschwindet, wird Ihre Schwester Elena sterben.
Marco wurde vollkommen still.
– Wo ist sie?
– Sie haben zehn Minuten.
Die Verbindung endete.
Ich sah ihn an. Zum ersten Mal wirkte er nicht wie der gefährlichste Mann im Raum, sondern wie jemand, dem gerade der Boden unter den Füßen weggezogen worden war.
– Ihre Schwester ist entführt worden? fragte ich.
– Seit heute Nachmittag.
– Und jetzt wollen sie, dass Sie mich ausliefern.
– Ja.
– Werden Sie es tun?
Marco sah auf meine verletzten Hände. Dann auf die Aufnahme. Schließlich nahm er den Messingschlüssel aus meiner geöffneten Faust und legte ihn vorsichtig auf den Tisch.
– Nein.
Er wandte sich an seine Männer.
– Niemand verlässt das Gebäude. Sichert die Zufahrten. Findet Elena.
Der Mann mit der Narbe trat näher.
– Und was machen wir mit Jane?
Marco antwortete ohne zu zögern.
– Sie bleibt unter meinem Schutz.
In diesem Augenblick öffnete die Frau im roten Mantel ihren Laptop. Auf dem Bildschirm erschien ein Bild von meiner Mutter, wie sie vor einer Bank stand. Neben ihr wartete ein Mann, den ich kannte.
Mein Stiefvater Daniel.
Er war seit acht Jahren tot.
Oder das hatte Charlotte behauptet.
– Das Bild wurde vor drei Stunden aufgenommen, sagte die Frau. Und es gibt noch mehr.
Marco beugte sich über den Bildschirm.
Auf dem nächsten Bild saß Daniel in einem Wagen. Neben ihm lag eine Reisetasche. In seiner Hand hielt er einen Schlüssel, der meinem verblüffend ähnlich sah.
Mein Atem stockte.
– Er lebt, sagte ich.
Marco sah mich an.
– Dann ist deine Mutter nicht die Einzige, die seit Jahren gelogen hat.
In diesem Moment begann das Telefon erneut zu klingeln. Diesmal erschien Charlottes Name auf dem Bildschirm. Marco nahm ab, und sie sagte nur einen Satz:
– Wenn du die Wahrheit über deinen Vater hören willst, komm allein zum alten Bahnhof. Jane bleibt hier nicht am Leben…
Als Marco seine eigene Stimme hörte, wurde es still…
Ich dachte, die Wahrheit würde mich befreien. Aber sie zwang auch ihn, sich selbst anzusehen.
Was danach geschah, veränderte unser beider Leben.
„Ich brauche keinen Retter.“
Und zum ersten Mal glaubte ich mir selbst.
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