TEIL 4 — Mein Mann setzte mich mit unserem Sohn vor die Tür, doch als seine Mutter anrief, verschwand ihre ruhige Stimme

TEIL 4

Juri hatte nicht aufgegeben. Er hatte nur den nächsten Schritt begonnen.

Ich rief sofort in der Kindertagesstätte an.

„Lassen Sie ihn nicht mit Mischa gehen“, sagte ich. „Er hat keine Vollmacht. Ich bin in zwanzig Minuten da.“

„Er sitzt noch im Büro der Leiterin“, antwortete die Erzieherin. „Er ist sehr laut.“

Dr. Markow nahm mir das Telefon aus der Hand.

„Bleiben Sie bei Olga. Ich fahre.“

„Nein“, sagte ich. „Ich fahre mit.“

Ich war nicht mehr die Frau, die am Vorabend auf einer nassen Wachstuchdecke gesessen und sich gefragt hatte, welche jüngere, schönere Frau mich ersetzt hatte.

Ich hatte immer noch Angst.

Aber ich ließ mich nicht mehr von ihr bewegen.

Als wir die Kindertagesstätte erreichten, stand Juri im Flur vor dem Büro. Seine Stimme schallte durch das Gebäude.

„Ich bin der Vater. Sie können mich nicht einfach abweisen.“

Die Leiterin hielt einen Ordner an die Brust.

„Ich kann und muss das, solange keine entsprechende Vereinbarung vorliegt.“

„Polina hat das Kind gegen mich aufgehetzt.“

Ich trat aus dem Treppenhaus.

„Nimm meinen Sohn nicht in den Mund, wenn du ihn seit Wochen wie ein Hindernis behandelst.“

Juri fuhr herum.

„Du hast mich vor allen bloßgestellt.“

„Du bist selbst gekommen.“

„Ich wollte nur mit Mischa sprechen.“

„Dann hättest du fragen können. Du wolltest ihn mitnehmen.“

Sein Gesicht veränderte sich. Nicht aus Scham, sondern aus Wut.

„Du wirst keinen Richter überzeugen. Du hast keine Wohnung, kein Einkommen und bist psychisch instabil.“

Olga kam hinter mir hervor.

„Noch ein Wort gegen sie, und ich höre die Aufnahme vor deinem Anwalt ab.“

Juri erstarrte.

Sein Anwalt, den er offenbar angerufen hatte, kam wenige Minuten später. Er nahm Juri beiseite und sprach leise mit ihm. Dann schüttelte er den Kopf.

„Ich vertrete Sie in dieser Sache nicht“, sagte er.

„Was soll das heißen?“

„Ich habe die Unterlagen gesehen. Und ich habe die Aufnahme gehört. Sie müssen sich selbst einen anderen Beistand suchen.“

Juri griff nach seinem Ärmel.

„Sie können mich nicht einfach fallen lassen.“

Der Anwalt zog seinen Arm zurück.

„Sie haben mir gestern erklärt, es gebe keine Drohungen, keine andere Frau und keine Streitigkeit über die Wohnung. Das war falsch. Ich werde nicht vor Gericht für eine Geschichte eintreten, die durch Beweise widerlegt ist.“

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Juri blieb im Flur stehen, während Kinder hinter den Türen lachten.

Dann kamen zwei Polizeibeamte.

Sie nahmen ihn nicht sofort fest. Sie stellten Fragen.

„Haben Sie Frau Sokolowa gedroht, ihr das Kind wegzunehmen?“

„Nein.“

Dr. Markow schaltete das Aufnahmegerät ein.

Jurys eigene Stimme erfüllte den Flur.

„Dann nehme ich ihr Mischa weg. Sie hat kein Geld und keine feste Arbeit.“

Juri sah zu dem Gerät.

„Das ist aus dem Zusammenhang gerissen.“

Die Polizistin sah ihn ruhig an.

„Welcher Teil daran ist unklar?“

Niemand antwortete.

Ich beobachtete, wie Juri seine eigenen Worte hörte. Zum ersten Mal konnte er sie nicht zurücknehmen, nicht umlenken und nicht mir zuschieben. Sie kamen aus dem kleinen schwarzen Gerät und lagen zwischen uns wie etwas Schweres.

„Du hast selbst gesagt, dass du mich brechen willst“, sagte ich.

Er sah mich an.

„Polina, ich war wütend.“

„Du hast geplant.“

„Ich liebe dich nicht mehr.“

„Das war nie das eigentliche Problem.“

Die Polizei nahm seine Personalien auf und untersagte ihm, Mischa ohne schriftliche Vereinbarung abzuholen. Wegen der Drohung wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Die Scheidung kam später, aber sie war nicht mehr die Waffe, mit der Juri mich einschüchtern konnte.

Am selben Abend ging ich allein durch das Schlafzimmer, das einmal unser gemeinsames gewesen war.

Juri hatte seine Kleidung mitgenommen. Auf der Fensterbank lag nur noch ein zerknittertes Foto von uns am Meer. Ich hob es auf, drehte es um und sah den hellen Abdruck, den der Bilderrahmen im Staub hinterlassen hatte.

Der Kleiderschrank war halb leer.

Die Wohnung war nicht leer.

Sie gehörte mir nicht im Sinne eines Geschenks, wie Olga später erklärte. Aber sie war auch nie Juris persönliches Eigentum gewesen. Sie war der Ort, den ich mit aufgebaut hatte, und nun durfte ich dort bleiben, ohne um Erlaubnis zu bitten.

In der Küchenschublade fand ich die apfelförmige Haarspange aus rotem Emaille, die meine Mutter mir als Kind geschenkt hatte. Eine kleine Ecke war abgesplittert. Ich hatte sie vor dem Wegfahren nach Hause dort hineingelegt und vergessen.

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Ich schloss die Schublade.

Dann öffnete ich sie wieder.

Ich steckte die Spange in mein Haar.

Drei Monate später war die Scheidung abgeschlossen. Juri erhielt kein Wohnrecht und musste die Wohnung verlassen. Die Vereinbarung über Mischa sah feste Besuchszeiten vor, aber zunächst nutzte Juri sie kaum. Mal war er angeblich krank, mal musste er arbeiten, mal hatte er eine dringende Reise.

Mischa fragte irgendwann beim Frühstück:

„Kommt Papa heute?“

Ich stellte ihm ein Stück Apfel auf den Teller.

„Heute nicht.“

„Hat er mich nicht mehr lieb?“

Ich setzte mich neben ihn.

„Manchmal machen Erwachsene Dinge, die nichts mit der Liebe eines Kindes zu tun haben. Du bist nicht schuld.“

Er sah mich lange an.

„Bleibst du bei mir?“

„Immer.“

Er legte seine kleine Hand auf meine.

„Dann brauche ich heute keinen Papa.“

Dieser Satz tat mehr weh als jede Beschimpfung. Ich zog ihn an mich und roch den warmen Duft von Milch und Kinderseife in seinen Haaren.

Olga kam jeden Mittwoch zu uns. Anfangs entschuldigte sie sich ständig.

„Ich hätte früher mit dir reden müssen.“

„Ja“, sagte ich. „Aber du hast es getan, bevor es zu spät war.“

Sie brachte uns oft Suppe und setzte sich mit Mischa auf den Teppich. Der Junge baute aus Holzklötzen eine schiefe Stadt. In der Mitte stand ein rotes Haus.

„Das ist unser Haus“, erklärte er.

„Und wer wohnt darin?“, fragte Olga.

„Mama, ich und Oma.“

Er dachte nach.

„Die Menschen, die bleiben.“

Ich begann wieder zu arbeiten. Zuerst nur halbtags in einer kleinen Apotheke nahe der Straßenbahnhaltestelle. Ich lernte, morgens ohne Panik aufzuwachen, Rechnungen selbst zu bezahlen und Entscheidungen zu treffen, ohne vorher Juris Gesicht zu prüfen.

Im November fiel der erste Schnee.

Mischa presste die Nase an die Fensterscheibe und malte mit dem Finger einen Kreis in den Dampf.

„Mama, schau. Der Schnee bleibt liegen.“

„Ja.“

„So wie wir?“

Ich lächelte.

„So wie wir.“

An einem Dienstagabend kam eine Nachricht von Juri. Ich öffnete sie erst, nachdem Mischa eingeschlafen war.

„Ich habe alles verloren. Bitte lass uns noch einmal reden. Nur eine Stunde. Ich weiß jetzt, was du mir bedeutest.“

Ich las die Nachricht zweimal.

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Dann schrieb ich: „Ich wünsche dir, dass du Verantwortung für dein Leben übernimmst. Aber ich kehre nicht zurück. Bitte kontaktiere mich nur wegen Mischa und nur zu den vereinbarten Zeiten.“

Ich drückte auf Senden.

Kurz darauf rief er an.

Ich nahm nicht ab.

Das Telefon vibrierte so lange, bis der Bildschirm dunkel wurde.

Am nächsten Morgen lag ein Brief vor der Wohnungstür. Kein Umschlag mit Drohungen, keine Forderung, keine Erklärung. Nur Juris Handschrift auf meinem Namen.

Ich legte ihn ungeöffnet in eine Schublade. Nicht aus Angst. Ich wollte ihm nur nicht noch einmal meine Ruhe schenken.

Ein Jahr nach seiner ersten Forderung, ich solle verschwinden, stand ich mit Mischa am Küchenfenster. Auf dem Tisch dampfte Kakao. Neben dem Teller lag die rote Haarspange aus Emaille.

„Mama“, sagte Mischa, „du hast da etwas vergessen.“

„Was denn?“

Er nahm die Spange und reichte sie mir.

„Deine Krone.“

Ich steckte sie in mein Haar. Draußen fiel Schnee auf die stillen Balkone, und in der Wohnung roch es nach Zimt und frisch gewaschener Wäsche.

Diesmal war kein fremder Duft darin.

Nur unser Zuhause.

Und ich schloss die Tür von innen ab.

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