TEIL 4 — Mein Mann wies mich nach acht Monaten Ehe ab, doch als ich im roten Kleid auftauchte, verschwand sein Lächeln

TEIL 4

Viktor legte langsam auf. Für einen Moment hörte ich nur das Prasseln des Feuers und das leise Zittern meines eigenen Atems.

Dmitri griff nach seinem Telefon.

— Das ist eine Lüge.

— Dann erklären Sie, warum die Nachricht von Ihrer Nummer versendet wurde, sagte Viktor.

— Jemand hat mein Gerät benutzt.

— Wo ist Ihr Bruder? fragte Dmitri mich.

Ich hatte in diesem Augenblick das Gefühl, wieder sechzehn zu sein, mit Nazar unter einer dünnen Decke und dem Geräusch unseres betrunkenen Vaters hinter der Wohnungstür.

— Bei meiner Tante Irina, sagte ich. — Ich habe ihn vor zwei Stunden dorthin gebracht.

Dmitri erstarrte.

— Du hast ihn ohne meine Erlaubnis weggebracht?

— Nazar ist mein Bruder. Nicht dein Besitz.

Mein Telefon vibrierte. Tanja sah auf das Display und wurde blass.

— Deine Tante hat geschrieben. Nazar ist sicher. Aber jemand war vor dem Haus und hat nach ihm gefragt.

Andrej gab einem seiner Männer ein Zeichen.

— Fahren Sie sofort zu Irina. Nehmen Sie zwei Wagen.

— Du hast kein Recht, ihn zu schützen, sagte Dmitri.

— Vielleicht nicht, antwortete Andrej. — Aber ich habe den Wunsch dazu. Das ist mehr, als du ihm in acht Monaten gegeben hast.

Der Ermittler trat näher und legte Dmitri Handschellen an. Das Metall schnappte zu. Ich erwartete, dass ich Erleichterung spüren würde, vielleicht sogar Genugtuung.

Stattdessen war da nur Müdigkeit.

Dmitri sah auf seine gefesselten Hände.

— Alina, du weißt nicht, was du tust.

— Doch. Ich unterschreibe nichts mehr, was du mir vorlegst.

Er wurde in den Wagen gebracht. Noch bevor die Tür zufiel, klingelte sein Anwalt an. Der Mann erschien zwanzig Minuten später im Haus, mit nassem Mantel und einem Gesicht, das aussah wie zerknittertes Papier.

— Herr Sawtschuk verlangt, dass Sie die Aufnahme für ungültig erklären, sagte er zu Viktor.

— Das werde ich nicht tun.

— Er bezahlt Sie.

Viktor nahm seine Brille ab.

— Nicht genug, um meine Zulassung und mein Gewissen zu verlieren.

Der Anwalt sah mich an.

— Frau Sawtschuk, Sie sollten verstehen, dass Ihr Mann sehr mächtige Freunde hat.

— Dann wird er sie jetzt kennenlernen, ohne mich dazwischen.

Am nächsten Morgen wurde die Aufnahme in einem Besprechungsraum der Ermittlungsbehörde abgespielt. Ich saß an einem langen Tisch. Andrej saß mir gegenüber, Tanja neben mir, Viktor am Ende des Raumes. Durch die Lautsprecher drang zuerst das Knacken einer Tür.

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Dann hörte ich die Stimme meines Vaters.

— Die Schuld ist beglichen. Du hast meine Firmenanteile bekommen.

Dmitris Stimme antwortete:

— Das genügt mir nicht. Ihre Tochter wird meine Frau. Wenn sie das Vermögen ihrer Mutter erreicht, gehört es mir durch die Ehe.

— Sie weiß von nichts.

— Sie muss nichts wissen. Sie wird dankbar sein, dass ihr Bruder am Leben bleibt.

Ich hatte geglaubt, auf diese Worte vorbereitet zu sein.

Ich war es nicht.

Meine Hand rutschte vom Tisch. Der kleine Messingschlüssel in meiner Tasche drückte gegen meine Hüfte, hart und vertraut. Nazar hatte ihn mir an unserem ersten gemeinsamen Schultag gegeben und gesagt, ich solle immer auf seine wichtigen Dinge aufpassen.

Tanja legte ihre Hand über meine.

— Atme.

Ich nickte, obwohl meine Lunge sich wie zugeschnürt anfühlte.

Als die Aufnahme endete, herrschte Stille.

Dann sagte Viktor:

— Sie können die Ehe annullieren lassen. Das Treuhandvermögen bleibt unter Ihrer Kontrolle. Ihr Vater hat einer Aussage zugestimmt, und gegen Dmitri liegen mehrere Verfahren vor.

— Und Nazar?

— Er ist sicher. Der Mann vor dem Haus wurde gefasst. Er arbeitete für Dmitris Sicherheitsdienst und behauptet, nur Anweisungen befolgt zu haben.

Ich schloss die Augen.

Dmitri hatte nicht nur meine Ehe gespielt. Er hatte meine Angst gefüttert, bis ich sie für Liebe hielt.

In den folgenden Tagen rief er mich aus der Untersuchungshaft vierzehn Mal an. Ich ging kein einziges Mal ans Telefon.

Beim fünfzehnten Anruf meldete sich sein Anwalt.

— Er möchte Sie sehen. Nur zehn Minuten.

— Nein.

— Er will sich entschuldigen.

— Dann soll er mit der Wand sprechen. Die hat ihm lange genug zugehört.

Eine Woche später musste Dmitri seine eigenen Worte vor dem Ermittlungsrichter hören. Die Aufnahme wurde öffentlich im Verfahren abgespielt. Seine Stimme klang aus den Lautsprechern ruhig, beinahe gelangweilt.

„Sie muss nichts wissen.“

Dmitri saß neben seinem Anwalt und hob den Kopf.

Er hörte sich selbst.

Zum ersten Mal konnte er nicht aus dem Raum gehen, nicht das Gespräch beenden, nicht jemanden einschüchtern. Er saß nur da und hörte dem Mann zu, für den er sich gehalten hatte.

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Als der Satz wiederholt wurde, schloss er die Augen.

Sein Anwalt beugte sich zu ihm.

— Sagen Sie nichts mehr, Dmitri.

— Ich habe es gesagt, flüsterte er.

— Ja.

— Ich habe das wirklich gesagt.

— Ja.

Seine Hand begann zu zittern.

Ich sah nicht weg. Nicht, weil ich ihn bestrafen wollte, sondern weil ich acht Monate lang weggesehen hatte.

Drei Wochen später stand ich allein in unserem alten Schlafzimmer. Die Schränke waren fast leer. Auf dem Boden lag nur noch der Kleiderbügel aus hellem Holz, an dem das rote Kleid gehangen hatte. Der goldene Verschluss lag daneben und fing das kalte Morgenlicht ein.

Ich hob ihn auf.

Das Kleid hatte ich nicht mitgenommen. Ich hatte es bei der Reinigung abgeben lassen und anschließend Tanja geschenkt, die behauptete, sie brauche dringend etwas, das sie anmutiger aussehen ließ.

In meinem Zimmer war plötzlich so viel Platz, dass ich zuerst nicht wusste, wohin mit meinen Händen.

Ich nahm den letzten Koffer und ging.

Mein Vater unterschrieb eine Aussage gegen Dmitri. Er bat mich um Vergebung. Ich konnte sie ihm nicht sofort geben. Aber ich ließ ihn nicht mehr bestimmen, ob ich atmen durfte.

Nazar blieb bei Irina, bis ich eine kleine Wohnung in Lichtenhafen gefunden hatte. Zwei Zimmer, eine schiefe Küche, ein Balkon mit Blick auf die Straßenbahn. Die Heizung klopfte nachts, und im Flur roch es nach Waschmittel.

Es war das schönste Geräusch der Welt.

Zwei Monate später begann ich in einer Beratungsstelle für verschuldete Familien zu arbeiten. Ich sortierte Unterlagen, erklärte Frauen ihre Rechte und sagte ihnen immer wieder:

— Eine Vereinbarung ist kein Schicksal.

Nazar zeichnete an meinem Küchentisch. Er malte Häuser mit großen Fenstern und Türen, die offen standen. An einem Samstag legte er mir ein Bild hin.

— Das bist du, sagte er.

— Warum habe ich so große Hände?

— Damit du niemanden mehr brauchst, der dir die Tür aufmacht.

Ich musste lachen. Dann weinte ich. Diesmal schämte ich mich nicht dafür.

Der erste Schnee fiel im Dezember. Ich stand auf dem Balkon, hielt eine Tasse Tee und beobachtete, wie die Flocken auf den Geländern liegen blieben. Tanja rief aus der Küche:

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— Alina, dein Telefon.

Auf dem Bildschirm stand Dmitris Name.

Ich nahm nicht ab.

Kurz darauf kam eine Nachricht.

„Ich habe alles verloren. Du bist die Einzige, die mir noch helfen kann. Komm zurück. Ich werde anders sein.“

Darunter erschien eine zweite Nachricht.

„Bitte. Nur einmal mit mir reden.“

Ich las beide und löschte sie.

Tanja kam auf den Balkon.

— Hast du nichts zu sagen?

Ich sah auf den Schnee.

— Doch. Aber nicht zu ihm.

Am nächsten Morgen schickte sein Anwalt die letzten persönlichen Sachen aus dem Landhaus. Zwischen Büchern und alten Rechnungen lag das rote Kleid, sorgfältig gefaltet. Der Samt war noch immer tiefrot. Der goldene Verschluss war wieder angenäht worden.

Ich hing das Kleid nicht in einen Schrank, damit es dort auf seine nächste Erlaubnis wartete.

Ich trug es an diesem Abend zum ersten Mal in meine eigene Wohnung.

Nazar sah von seiner Zeichnung auf.

— Gehst du aus?

— Nein, sagte ich. — Ich bleibe.

Draußen fuhr die Straßenbahn durch den Schnee. Ihr Licht glitt über die Fensterscheibe und blieb auf dem goldenen Verschluss liegen.

Ich schloss die Tür ab.

Diesmal von innen.

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