TEIL 4 — Ich heiratete in der Pflegeeinrichtung einen reichen Witwer gegen den Willen seiner Kinder – doch nach der Beerdigung verlor sein Anwalt jede Farbe

TEIL 4

Sie kommt morgen früh nach Plowdiw — und sie hat eine Frage gestellt, die alles wieder verändern kann.

Die Nacht danach schlief ich nicht.

In meiner Suite brannte nur die kleine Lampe neben dem Fenster. Auf dem Tisch lag der beschädigte silberne Springer, den Dimitar mir am Tag unserer Hochzeit geschenkt hatte. Ich nahm ihn in die Hand, stellte ihn wieder ab und nahm ihn erneut.

Jedes Geräusch ließ mich zusammenfahren.

Um zwei Uhr rief Herr Petrow an.

— Die Kinder versuchen, die Konten zu sperren.

— Können sie das?

— Nicht endgültig. Aber sie verbreiten bereits die Behauptung, Sie hätten Dimitar beeinflusst.

— Was soll ich tun?

— Nichts unterschreiben. Niemanden allein empfangen. Und bitte öffnen Sie die Tür nur, wenn ich dabei bin.

Am Morgen standen drei Journalisten vor dem Eingang der Einrichtung. Einer hielt ein Mikrofon hoch, als ich zum Frühstück ging.

— Frau Iwanowa, haben Sie den alten Mann geheiratet, um an sein Geld zu kommen?

Ich blieb stehen.

— Ich habe ihn geheiratet, weil er Angst hatte, allein über sein eigenes Leben zu verlieren.

— Werden Sie sein Vermögen behalten?

— Das entscheidet nicht die Straße.

Ich ging weiter.

Im Speisesaal roch der Kaffee verbrannt. Meine Zimmernachbarin Jelena schob mir wortlos ein Stück Brot hin.

— Iss — sagte sie. — Reiche Leute sterben nicht anders als wir. Sie werden nur lauter beweint.

Ich musste zum ersten Mal seit Dimitars Tod lächeln.

Gegen zehn Uhr kamen die Ermittler erneut. Boris saß im Besprechungszimmer und telefonierte hektisch. Neben ihm stand ein Anwalt mit einer roten Krawatte, der aussah, als hätte er seit Tagen nicht geschlafen.

— Wir legen unser Mandat nieder — sagte der Mann plötzlich.

Boris fuhr herum.

— Was?

— Sie haben mir verschwiegen, dass es eine Tonaufnahme gibt.

— Sie können mich jetzt nicht verlassen!

— Ich kann sehr wohl.

Der Anwalt nahm seine Aktentasche und ging. Boris blieb mit der Hand auf dem Tisch zurück.

Herr Petrow legte die Aufnahme in ein kleines Abspielgerät. Die Tür wurde geschlossen. Auch Elena war da. Sie saß mit gesenktem Kopf, ihre Finger zerdrückten ein Papiertaschentuch.

Wieder erklang Boris’ Stimme.

„Wenn du nicht unterschreibst, landest du in der geschlossenen Abteilung. Deine neue Frau verliert alles, sobald du nicht mehr da bist.“

Boris hörte sich selbst.

Nicht aus seiner Erinnerung.

Von außen.

Sein Gesicht veränderte sich. Erst wurde er wütend, dann verwirrt, schließlich leer.

— Ich habe das nicht so gemeint — flüsterte er.

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— Aber du hast es gesagt — antwortete Elena.

Er sah sie an.

— Du wolltest doch auch, dass er unterschreibt.

— Ich wollte, dass du aufhörst.

— Du hast die Formulare besorgt!

Elena schloss die Augen.

In diesem Augenblick begriff ich, dass ihre Familie nicht an einem einzigen Tag zerbrochen war. Sie hatte schon lange Risse gehabt. Dimitar hatte sie nur nicht mehr mit seinem Schweigen zusammengehalten.

Am Nachmittag wurde Boris zur Vernehmung gebracht. Elena musste ebenfalls Fragen beantworten. Niemand legte ihnen Handschellen an. Niemand schrie.

Es war stiller als jede Strafe.

Die Ermittler beschlagnahmten die gefälschten Bescheinigungen, die Kontounterlagen und die Ledermappe. Dr. Markow wurde noch am selben Abend befragt. Er behauptete, nichts gewusst zu haben, bis Herr Petrow ihm eine Nachricht zeigte, in der Boris ihm die Höhe der Zahlung bestätigte.

Die Wahrheit hatte plötzlich viele Stimmen.

In meiner Suite öffnete ich unterdessen den Kleiderschrank.

Dimitars dunkelblauer Morgenmantel hing noch dort. In der Tasche fand ich einen Kassenzettel, zwei Pfefferminzbonbons und einen kleinen Schlüssel. Ich setzte mich auf den Rand des Bettes und hielt den Stoff an mein Gesicht.

Er roch nicht mehr nach ihm.

Das war der Moment, in dem ich wirklich verstand, dass er nicht zurückkommen würde.

Auf dem Schreibtisch stand ein Foto von uns unter der alten Eiche. Dimitar hielt darauf die Teetasse in der linken Hand und tat so, als würde er mich beim Schach besiegen. Ich stellte das Bild mit der Vorderseite zur Wand.

Nicht aus Zorn.

Weil ich es noch nicht ansehen konnte.

Am nächsten Morgen kam Nadja Petrowa.

Sie war ungefähr fünfzig, trug einen grünen Wollmantel und hielt eine abgewetzte Reisetasche fest, als könnte sie ihr sonst jemand wegnehmen. Ihre Augen waren Dimitars Augen.

Herr Petrow führte sie in meine Suite.

— Frau Iwanowa — sagte sie —, hat mein Vater Ihnen erzählt, dass er eine Tochter hatte?

— Nein.

Sie atmete langsam aus.

— Er wusste nicht, ob ich noch lebe.

— Warum?

Nadja öffnete ihre Tasche und holte ein vergilbtes Foto heraus. Darauf stand eine junge Frau vor einem Bahnhof. Neben ihr ein kleiner Junge mit einer Schirmmütze.

— Meine Mutter sagte mir immer, Dimitar habe uns verlassen. Sie starb vor sechs Jahren. Danach fand ich Briefe, die nie abgeschickt worden waren.

Herr Petrow legte ein Dokument auf den Tisch.

— Dimitar hat vor drei Monaten einen Privatdetektiv beauftragt. Die Briefe waren echt. Ihre Mutter hatte sie vor ihm versteckt.

Nadja sah auf das Foto.

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— Warum hat er mir nicht selbst geschrieben?

Ich antwortete, obwohl die Frage nicht an mich gerichtet war.

— Vielleicht hatte er Angst, dass Sie ihm nicht glauben.

— Und Sie haben ihm geglaubt?

— Nicht sofort. Aber ich habe gesehen, wie er jeden Abend auf einen Anruf wartete, der nie kam.

Nadja weinte nicht. Sie strich nur über den Rand des Fotos.

— Ich bin nicht gekommen, um etwas zu erben.

— Das hat Dimitar gewusst — sagte Herr Petrow. — In seinem letzten Zusatz hat er festgelegt, dass ein Teil des Geldes für ein Treffen mit Ihnen verwendet werden soll, falls Sie gefunden werden.

Nadja hob den Blick.

— Dann hat er mich gesucht.

— Ja.

Sie wandte sich mir zu.

— Darf ich bei Ihnen bleiben, bis alles geklärt ist?

Ich sah auf den silbernen Springer.

— Wenn Sie möchten.

Sie blieb.

Die Ermittlungen dauerten fünf Monate. Boris wurde wegen Betrugs und Urkundenfälschung angeklagt. Elena erhielt eine Bewährungsstrafe, weil sie die Vollmacht vorbereitet, aber die Überweisung selbst nicht unterschrieben hatte. Dr. Markow verlor seine Zulassung und musste das Geld zurückzahlen.

Das Gericht bestätigte Dimitars Testament und mein Wohnrecht.

Ich ging nicht zu jedem Verhandlungstag. Manche Dinge musste ich nicht mit eigenen Augen sehen, um sie zu verstehen.

Boris schrieb mir zweimal aus seinem vorübergehenden Wohnort.

Beim ersten Mal verlangte er, ich solle die Aussage ändern.

Beim zweiten Mal schrieb er: „Wir sind schließlich Familie.“

Ich antwortete nicht.

Ein halbes Jahr nach Dimitars Tod zog Nadja in eine kleine Wohnung in der Nähe der Einrichtung. Jeden Sonntag kam sie zum Tee. Sie konnte sich lange nicht entscheiden, ob sie Milch hineingeben wollte, weil ihr Vater behauptet hatte, guter Tee brauche keine Milch.

— Er hat über Kleinigkeiten gestritten — sagte sie einmal.

— Über Kleinigkeiten konnte er besonders leidenschaftlich sein.

Wir lachten beide.

Ich begann, im Leseraum der Einrichtung zu arbeiten. Zweimal in der Woche las ich anderen Bewohnern aus Büchern vor. Einige brachten ihre eigenen Geschichten mit. Andere nur ihre Stille.

Jelena bekam ein Zimmer mit einem Fenster zum Garten. Die Einrichtung verwendete einen Teil des Geldes für einen neuen Aufzug, einen hellen Aufenthaltsraum und eine kleine Bibliothek. Über dem Eingang hing nun ein Schild mit Dimitars Namen.

Ich wollte zuerst nicht, dass man ihn dort anbrachte.

Dann dachte ich an seine Worte: Nicht jede verlorene Partie bedeutet das Ende.

Im ersten Schnee des Jahres saß ich unter der alten Eiche. Der Schachtisch war repariert worden. Nadja stellte zwei Tassen Jasmintee auf das Brett.

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— Dein Springer — sagte sie.

Ich sah auf meine Hand. Der silberne Gegenstand war an den Kanten stumpf geworden. Die Kerbe an seinem Ohr war noch da.

— Er hat ihn mir gegeben, damit ich mich erinnere.

— Woran?

Ich stellte den Springer auf das Brett.

— Dass man nicht jeden Menschen retten kann. Aber man kann neben ihm sitzen, solange er noch spielt.

Nadja setzte sich mir gegenüber.

— Und was machst du jetzt?

Ich blickte durch die kahlen Äste zum hellen Himmel.

— Ich spiele weiter.

Am Abend lag eine neue Nachricht auf meinem Telefon. Sie kam von Boris.

„Mara, bitte komm. Ich möchte mich entschuldigen. Nur zehn Minuten.“

Ich las sie zweimal.

Dann löschte ich sie.

Nicht, weil ich ihn hasste.

Sondern weil sein Leben nicht länger meine Aufgabe war.

Im Frühling stellte ich Dimitars Foto wieder auf den Schreibtisch. Diesmal mit der Vorderseite nach vorn. Daneben legte ich den silbernen Springer. Das Morgenlicht fiel durch das Fenster und glitt über die Kerbe an seinem Ohr.

Draußen lachten zwei Bewohner im Garten. Eine Tasse klirrte. Irgendwo spielte jemand leise Jazz.

Ich berührte den Springer ein letztes Mal und zog die Hand zurück.

Die Partie war vorbei.

Aber ich war noch da.

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