Ich zog einen erschöpften Löwen aus einem Baum, doch als er auf mich zukam, wich der ganzen Safari das Blut aus dem Gesicht

Als der Löwe endlich aus dem morschen Baum fiel, wusste ich, dass ich vielleicht gerade meinen eigenen Tod herbeigeführt hatte.

Seit fast drei Tagen hallte sein Brüllen über die Savanne. Es war kein gewöhnliches Revierbrüllen. Es klang heiser, abgehackt und verzweifelt, als würde ein Tier gegen eine unsichtbare Wand kämpfen. Selbst im Dorf am Rand des Schutzgebiets hörten die Menschen es nachts durch die offenen Fenster.

Am dritten Nachmittag hielt unser Safariwagen an einer staubigen Wegbiegung. Der Geruch von trockenem Gras, heißem Metall und Tierkot lag in der Luft. Hinter einer Gruppe knorriger Akazien sahen wir den alten Baobab, dessen Stamm innen hohl war.

Und davor lag der Löwe.

Sein Vorderkörper steckte tief in der Öffnung fest. Die Schultern waren eingeklemmt, die Mähne voller Staub. An der rauen Rinde klebten dunkle Blutspuren. Bei jedem Atemzug bebte sein Brustkorb.

Unsere Führerin Nala sprang vom Wagen und hob sofort beide Hände.

— Niemand steigt aus. Dieses Tier ist erschöpft, aber nicht harmlos.

— Wenn wir ihn dort lassen, stirbt er, sagte ich.

— Und wenn du dich näherst, stirbst vielleicht du zuerst.

Ich hörte kaum noch auf ihre Worte. In meiner Brust hing der kleine Messingkompass meines verstorbenen Bruders, befestigt an einer abgewetzten Lederschnur. Er schlug bei jedem Schritt gegen mein Hemd. Mein Bruder hatte ihn mir vor zwölf Jahren gegeben und gesagt: „Wenn du nicht weißt, wohin du gehen sollst, geh dorthin, wo jemand Hilfe braucht.“

Damals hatte ich über den Satz gelacht.

Jetzt sah ich den Löwen an und konnte nicht wegsehen.

Mehrere Männer aus der Wildhüterstation kamen mit einem dicken Abschleppseil. Sie trugen lange Stangen und dicke Handschuhe, doch niemand wollte den Kopf des Tieres berühren. Der Löwe knurrte, zog an der Rinde und riss dabei neue Wunden in seine Flanken.

— Wir warten auf das Beruhigungsmittel, sagte einer der Wildhüter.

— Wie lange?

— Mindestens eine Stunde.

Das Brüllen brach plötzlich ab.

Stille legte sich über die Savanne.

Nala wurde blass.

— Er verliert das Bewusstsein.

Ich sprang aus dem Wagen.

— Michael, zurück! schrie sie.

Der Boden war heiß unter meinen Schuhen. Ich ging langsam, das Seil über den Unterarmen, während der Löwe nur noch schwer atmete. Seine gelben Augen folgten jeder meiner Bewegungen. Ich sah die Krallen, die sich tief in die Erde gruben.

— Ganz ruhig, sagte ich leise. Ich will dir nichts tun.

Natürlich verstand er meine Worte nicht. Aber vielleicht verstand er meine Stimme.

Zusammen mit zwei Wildhütern legte ich das Seil um seinen hinteren Körper. Beim ersten Zug riss der Löwe den Kopf zurück und brüllte so laut, dass mein Kompass gegen meine Brust schlug. Einer der Männer stolperte.

— Noch einmal! rief ich.

Wir zogen.

Die Rinde splitterte. Das Seil rutschte ab. Der Löwe schlug mit den Hinterpfoten, und Staub füllte meine Augen. Beim dritten Versuch knackte das Holz tief im Stamm.

Der Löwe schoss rückwärts aus der Öffnung, fiel schwer auf die Seite und riss dabei das Seil aus unseren Händen.

Alle wichen zurück.

Er stand auf.

Dann drehte er den Kopf zu mir und kam langsam näher. Seine Pfoten sanken in den Staub. Nala schrie etwas, doch ich hörte nur mein eigenes Herz.

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Der Löwe war noch drei Schritte entfernt, als er den Kopf senkte und die Lippen zurückzog. Ich blieb stehen, während seine schwere Pranke sich hob und direkt auf mich zukam…

TEIL 2

…seine Pranke traf nicht meine Kehle, sondern meine Brust.

Der Löwe stieß mich mit solcher Kraft zurück, dass ich auf den Rücken fiel. Mein Kopf schlug in den Staub, der Messingkompass riss an der Lederschnur und blieb zwischen den Grashalmen hängen.

Hinter mir schrien Menschen.

— Schießt nicht! rief Nala. Niemand schießt!

Der Löwe stand über mir. Sein Atem roch nach Blut und trockenem Fleisch. Eine einzelne Fliege krabbelte über seine vernarbte Nase. Ich sah jede Falte an seinem Maul und wartete darauf, dass sich die Zähne in meine Schulter senkten.

Doch er biss nicht.

Er drückte seine Pranke auf meinen Arm und blickte immer wieder zum Baum zurück.

— Michael, beweg dich nicht! rief einer der Wildhüter.

— Ich habe es verstanden, keuchte ich. Aber was will er?

Der Löwe hob den Kopf und stieß einen kurzen, rauen Laut aus. Dann wandte er sich halb ab, ging zwei Schritte zum Stamm und sah zurück.

Wieder zu mir.

Wieder zum Baum.

Nala kam langsam näher, eine Betäubungsspritze in der Hand.

— Bleib liegen, sagte sie. Vielleicht schützt er die Öffnung.

— Wovor?

Sie antwortete nicht.

Der Löwe setzte sich vor den Stamm. Er wirkte nicht wie ein Sieger. Seine Flanken bebten. Blut tropfte von einer aufgerissenen Stelle an der Hinterpfote. Dann legte er den Kopf auf den Boden und schloss die Augen.

Ein tiefes Wimmern drang aus dem hohlen Baum.

Zuerst dachte ich, es wäre der Wind.

Dann hörte ich es wieder.

Ein dünnes, kehliges Fiepen.

Ich drehte den Kopf zu Nala.

— Hast du das gehört?

Ihr Gesicht veränderte sich.

— Alle zurück. Sofort.

— Da ist etwas im Stamm.

— Ich weiß.

Die Männer zogen mich vorsichtig rückwärts. Der Löwe erhob sich nicht. Er sah mich nur an, als läge zwischen uns eine Vereinbarung, die ich noch nicht verstand.

Ein Wildhüter namens Elias kniete sich an die Rückseite des Baumes. Dort befand sich eine schmale, fast unsichtbare Spalte, die von außen mit trockenem Lehm bedeckt war. Er entfernte den Lehm mit einem Messer.

Wieder dieses Fiepen.

Diesmal lauter.

— Das ist ein Jungtier, sagte Elias.

In der Gruppe ging ein erschrockenes Murmeln um.

Nala schüttelte den Kopf.

— Unmöglich. Ein Jungtier wäre niemals drei Tage dort drinnen am Leben geblieben.

— Vielleicht war es nicht die ganze Zeit eingeschlossen, sagte ich.

Der Löwe gab einen tiefen Laut von sich. Nicht aggressiv. Eher wie eine Warnung.

Elias nahm eine kleine Kamera aus seiner Tasche und schob sie durch die Spalte. Auf dem Bildschirm erschien zunächst nur Dunkelheit. Dann bewegte sich etwas. Zwei glänzende Augen tauchten auf.

Eine winzige Löwin lag zwischen Wurzeln und trockenem Holz. Ihre Vorderpfote war in einer Metallschlinge gefangen.

Nala fluchte leise.

— Diese Schlinge ist illegal. Jemand hat sie dort angebracht.

Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog. Der Löwe war nicht in den Baum gekrochen, um Beute zu fangen. Er hatte versucht, sein Junges herauszuziehen.

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Elias holte eine Zange.

— Wir müssen den Stamm öffnen.

— Und der Vater? fragte ich.

Der Löwe stand inzwischen wieder. Sein Blick ruhte auf mir, nicht auf Elias.

— Er wird uns angreifen, sagte Nala.

— Dann lassen wir ihn nicht allein, erwiderte ich.

Ich hob meinen Kompass aus dem Staub und schloss die Finger darum. Die Lederschnur war gerissen. Das kleine Metallgehäuse war zerkratzt, aber die Nadel zitterte noch immer nach Norden.

Wir begannen, die Rinde aufzubrechen. Jeder Schlag ließ den Löwen knurren. Beim dritten Schlag sprang die Holzplatte nach außen, und das Jungtier schrie.

Der Löwe schnellte vor.

Nala riss die Spritze hoch. Elias erstarrte. Ich sprang zwischen beide und hob die Hände.

— Nein! Wartet!

Der Löwe war nur noch einen Atemzug entfernt, als plötzlich ein weiterer Knall über die Ebene hallte. Nicht Holz. Nicht ein Tier.

Ein Gewehrschuss.

Aus Richtung des Safariwegs.

Der Löwe fuhr herum. Am Rand der Akazien stand ein fremder Mann mit einem Gewehr und einem roten Tuch um den Hals. Er zielte nicht auf den Löwen, sondern direkt auf Elias, der die Schlinge in der Hand hielt.

— Legt das Jungtier zurück, rief der Fremde. Ihr habt keine Ahnung, in was ihr da hineingezogen wurdet…

TEIL 3

…der Fremde hob das Gewehr höher, doch Nala trat seitlich vor und zog ihre Signalpistole.

— Legen Sie die Waffe nieder!

— Sie verstehen das nicht, brüllte der Mann. Dieses Tier darf nicht gefunden werden.

— Warum? fragte ich.

Der Löwe stand zwischen uns und dem Baum. Seine Mähne bewegte sich im heißen Wind. Hinter ihm lag das Jungtier, dessen Bein noch immer in der Metallschlinge steckte.

Der bewaffnete Mann lachte nervös.

— Weil es nicht hier sein dürfte.

Elias hatte inzwischen die Zange angesetzt. Mit einem metallischen Knacken sprang die Schlinge auf. Das Jungtier zog die Pfote zurück und kroch fiepend aus dem Stamm. Der Löwe machte einen Satz, blieb aber stehen, als Nala die Signalpistole auf den Himmel richtete.

— Ein Schritt näher, und ich rufe Verstärkung.

Der Mann senkte sein Gewehr keinen Zentimeter.

— Sie glauben, der Löwe sei aus Hunger dort hineingekrochen? Er war es, der die Schlinge ausgelöst hat. Das Jungtier wurde von Leuten hierhergebracht.

— Von wem? fragte ich.

Er sah mich an.

— Von der Verwaltung des Schutzgebiets.

Nala wurde kreidebleich.

— Das ist eine Lüge.

Elias schaltete die Kamera aus und hielt sie hoch.

— Dann erklären Sie uns, warum die Schlinge das Kennzeichen der privaten Fangtruppe trägt.

Der Fremde antwortete nicht.

Ich kniete mich langsam hin. Das Jungtier hatte sich an die Vorderpfote des Löwen gedrückt. Der große Kopf des Tieres senkte sich, und seine Zunge strich vorsichtig über die verletzte Stelle.

Da begriff ich die ganze Wahrheit.

Der Löwe war fast drei Tage lang nicht gefangen gewesen, weil er selbst in den Baum geraten war. Er hatte versucht, sein Junges aus der Schlinge zu befreien. Als das Holz zu eng wurde, war er stecken geblieben. Jedes Brüllen war ein Ruf an die Herde gewesen. Jeder Kratzer in der Rinde ein weiterer Versuch, zu seinem Kind zu gelangen.

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Und als er auf mich zuging, wollte er mich nicht töten.

Er hatte mich zurück zum Baum gedrängt.

— Er hat dich benutzt, um uns zu zeigen, wo das Jungtier liegt, sagte Nala leise.

Ich sah auf meinen Arm. Die Pranke hatte nur den Stoff meiner Jacke zerfetzt. Kein Zahn hatte meine Haut berührt.

Der bewaffnete Mann wich zurück.

— Sie werden alle ihren Arbeitsplatz verlieren, sagte er. Niemand glaubt einer Gruppe von Touristen.

Ich hob den kleinen Kompass hoch. Daran hing noch ein winziges Aufzeichnungsgerät, das ich vor der Reise an die Lederschnur befestigt hatte, weil ich die Stimmen meines Bruders darin gespeichert hatte. Es hatte den gesamten Streit aufgenommen.

Nala starrte mich an.

— Hast du das alles?

— Jeden Satz.

Der Mann wurde still.

In diesem Moment ertönte aus der Ferne das Heulen einer Sirene. Ein zweiter Safariwagen raste über den Weg. Hinter der Windschutzscheibe saßen zwei Ermittler der Naturschutzbehörde.

Der bewaffnete Mann ließ das Gewehr fallen.

Doch bevor jemand ihn erreichte, vibrierte Nalas Funkgerät.

Sie nahm ab, hörte zu und verlor jede Farbe im Gesicht.

— Was ist passiert? fragte ich.

Sie sah nicht den Mann an.

Sie sah mich an.

— Der Leiter der Station hat gerade versucht, alle Aufzeichnungen aus dem Überwachungssystem zu löschen. Und er behauptet, du hättest den Löwen absichtlich freigelassen, um eine gefährliche Panik zu verursachen.

Dann kam eine zweite Nachricht durch das Funkgerät.

Nala presste die Lippen zusammen.

— Er ist unterwegs hierher. Mit zwei bewaffneten Männern…

Der Löwe hob den Kopf.

Aus der Richtung der Station erklangen Motorengeräusche.

Und diesmal war das Geräusch nicht weit genug entfernt, um uns noch Zeit zu lassen…

LETZTER TEIL

Dann hörte Viktor seine eigenen Worte aus dem Lautsprecher…

Ich dachte, die Gefahr wäre vorbei, als der Löwe gerettet war. Doch die Wahrheit hinter der Schlinge machte alles noch viel schlimmer.

Im entscheidenden Moment hörte Viktor die Aufnahme.
„Dieses Tier darf nicht gefunden werden.“
Sein Gesicht verlor jede Farbe.

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