Hannah schloss die Tür zu Marks Arbeitszimmer, und in dem Moment wusste ich, dass dieser Abend nicht nur wegen Cassie unangenehm werden würde.
Draußen dröhnte die Musik durch die Wände. Irgendwo lachte jemand zu laut. Auf Marks Schreibtisch stand eine halbvolle Tasse mit einem roten Lippenstiftabdruck am Rand, während Hannah nervös an ihrem Armband zog.
– Was ist los? – fragte ich.
– Setz dich bitte.
– Das klingt nicht nach einer normalen Party-Unterhaltung.
Sie blieb stehen. Ihr Blick glitt zur Tür, als hätte sie Angst, dass Maya jeden Moment hereinkommen könnte.
– Maya hat mich vor einer Stunde angerufen, sagte Hannah. – Sie wollte wissen, ob Cassie wirklich deine Freundin ist.
Ich lehnte mich gegen den Schreibtisch. Das Holz drückte hart gegen meinen Rücken.
– Das geht sie nichts an.
– Das habe ich ihr auch gesagt. Aber sie war nicht nur neugierig, Evan. Sie war außer sich.
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog. Nicht aus Hoffnung. Diese hatte ich mir in den vergangenen drei Wochen mühsam abgewöhnt. Es war etwas anderes. Ein Warnsignal.
– Was genau hat sie gesagt?
Hannah presste die Lippen zusammen.
– Sie sagte, du würdest das nur tun, um sie eifersüchtig zu machen.
Ich musste beinahe lachen.
– Natürlich.
– Dann fragte sie, ob du Cassie schon vorher gekannt hast. Ob ihr miteinander schläft. Ob du allen erzählt hast, dass Maya dich abgewiesen hat.
– Und was hast du geantwortet?
– Dass ich keine Ahnung habe und es mich nichts angeht.
Im Flur polterte etwas. Jemand rief Marks Namen, dann wurde wieder gelacht. Die Party lief weiter, als wäre mein ganzes Leben nicht gerade in ein kleines Arbeitszimmer gedrängt worden.
Ich dachte an Mayas Nachricht. Du bist wirklich süß, aber ich sehe dich nicht als Freund. Ich hatte sie so oft gelesen, dass ich jeden Buchstaben auswendig kannte. Damals hatte ich mich klein gefühlt. Jetzt fühlte ich mich nur noch müde.
– Warum erzählst du mir das?
Hannah nahm ihr Telefon aus der Tasche. Das Display war von einem Sprung durchzogen, der wie ein dünner Blitz über den Bildschirm lief.
– Weil ich glaube, dass du wissen solltest, was wirklich passiert ist.
– Was wirklich passiert ist?
– Maya hat nicht einfach nur gesagt, dass sie keine Gefühle für dich hat.
Ich richtete mich auf.
– Hannah.
– Warte. Hör mir zu.
Sie wischte über den Bildschirm, öffnete einen Nachrichtenverlauf und scrollte langsam nach unten. Mehrmals blieb ihr Daumen stehen, als müsste sie sich überwinden.
– Sie hat mir in der Nacht nach eurem Gespräch geschrieben. Zuerst klang alles ganz normal. Aber dann kam diese Nachricht.
Ich sah auf den Bildschirm. Die Buchstaben verschwammen kurz vor meinen Augen.
– Was stand darin?
Hannah hob den Blick.
– Ich wollte gerade, dass du sie selbst liest. Aber bevor ich es dir zeige, musst du mir versprechen, dass du nicht sofort zu ihr gehst.
– Das kann ich nicht versprechen.
– Evan, bitte.
Draußen verstummte für einen Augenblick die Musik. Dann begann ein neues Lied. Hannah drehte das Telefon in meine Richtung und legte den Finger auf eine Datei, deren Name aus Datum und Uhrzeit bestand. Meine Hand bewegte sich bereits auf den Bildschirm zu, als sich vor der Tür ein Schatten zeigte und der Türgriff langsam nach unten gedrückt wurde…
TEIL 2
Der Türgriff bewegte sich weiter, und Hannah riss das Telefon an ihre Brust.
Die Tür ging auf. Maya stand davor.
Ihr Lächeln war zu schnell aufgesetzt, zu glatt, zu hell. In der Hand hielt sie ein Glas Weißwein, dessen Stiel sie so fest umklammerte, dass ihre Fingerknöchel weiß wurden.
– Da seid ihr ja, sagte sie. – Ich habe euch überall gesucht.
Hannah stellte sich zwischen uns.
– Warum?
Maya sah an ihr vorbei zu mir.
– Ich wollte mit Evan reden.
– Dann redet draußen, sagte Hannah. – Nicht hier.
– Warum bist du so feindselig?
– Weil du gerade in ein Zimmer gekommen bist, in dem du nichts zu suchen hast.
Maya blinzelte. Für einen Moment fiel ihre freundliche Maske herunter. Darunter lag etwas Hartes, beinahe Wütendes.
– Evan, können wir bitte allein sprechen?
Ich dachte an Cassie, die irgendwo im Wohnzimmer stand und vermutlich gerade mit Mark über alte Spieleabende redete. Ich dachte an die vielen Male, in denen Maya meine Aufmerksamkeit gesucht hatte, sobald ich mich jemand anderem zuwandte. An ihre morgendlichen Nachrichten. An ihre Anrufe, wenn sie nachts nicht schlafen konnte. An ihre Hand auf meinem Arm, genau lange genug, um mir Hoffnung zu machen.
– Worum geht es?
– Um uns.
– Es gibt kein uns, Maya. Das hast du mir erklärt.
Ihr Gesicht zuckte.
– Ich habe gesagt, dass ich dich nicht als Partner sehe.
– Nein. Du hast gesagt, ich sei süß, aber kein Material für eine Beziehung.
Hannah senkte den Blick. Maya stellte ihr Glas auf den Türrahmen, doch es kippte beinahe um. Ein Tropfen lief über das Holz.
– Du bist verletzt, sagte Maya.
– Natürlich bin ich verletzt gewesen.
– Und deshalb schleppst du eine Frau hierher, um mich zu bestrafen?
– Cassie ist kein Gegenstand, den ich mitbringe, um dich zu bestrafen.
– Du kennst sie seit kaum einer Woche.
– Und trotzdem weiß sie, was sie von mir will.
Der Satz traf sie sichtbar. Ihr Mund öffnete sich, aber zunächst kam kein Ton heraus.
Hannah hielt noch immer das Telefon in der Hand.
– Maya, sagte sie ruhig, – du solltest jetzt aufhören.
– Du hast keine Ahnung, wovon du redest.
– Dann erklär es mir.
Maya sah auf das Gerät.
– Was hast du ihm gezeigt?
– Noch nichts.
– Hannah.
– Noch nichts, wiederholte Hannah. – Aber ich kann es jederzeit tun.
Maya wurde blass. Nicht wegen meiner Anwesenheit. Wegen dieser Datei.
Ich machte einen Schritt auf sie zu.
– Was ist darauf?
– Nichts, sagte Maya sofort.
Zu schnell.
– Dann kann ich es ja hören.
– Evan, das ist privat.
– Du hast meine Gefühle zu deinem privaten Besitz gemacht, solange es dir gepasst hat. Jetzt willst du plötzlich Grenzen?
Ihre Augen glänzten. Einen Moment lang erinnerte sie mich an die Frau aus dem Kaffeehaus, die sich Sorgen um meine Gefühle gemacht hatte. Dann vibrierte ihr Telefon.
Sie sah auf das Display und erstarrte.
Hannah nahm es ihr aus der Hand, bevor Maya reagieren konnte. Auf dem Bildschirm war eine neue Nachricht in unserer alten Freundesgruppe erschienen. Darunter standen bereits mehrere Antworten.
Mark: Was soll das bedeuten?
Maya riss Hannah das Telefon weg.
– Du hast das nicht getan.
– Ich habe gar nichts getan, sagte Hannah. – Die Nachricht kam von deinem Gerät.
Ich sah Maya an.
– Was hast du geschrieben?
Sie wich meinem Blick aus.
– Das ist nicht so, wie du denkst.
– Dann sag mir, wie es ist.
Im Wohnzimmer wurde es plötzlich stiller. Schritte näherten sich dem Arbeitszimmer. Cassies Stimme war darunter. Mark fragte, ob alles in Ordnung sei.
Maya schob das Telefon hinter ihren Rücken.
– Wenn du diese Aufnahme abspielst, zerstörst du unsere Freundschaft.
Ich spürte, wie sich meine Finger zu Fäusten schlossen.
– Nein, Maya. Die Aufnahme hat unsere Freundschaft nicht zerstört. Sie zeigt nur, wann sie eigentlich aufgehört hat zu existieren.
Hannah entsperrte ihr Telefon. Die Datei begann zu laden. Maya hob beide Hände, als könnte sie damit den Ton aufhalten.
Dann drückte Hannah auf das Dreieck in der Mitte des Bildschirms…
TEIL 3
Aus dem Telefon erklang Mayas Stimme.
Leise. Lächelnd. Völlig entspannt.
– Evan ist perfekt, solange er glaubt, dass irgendwann etwas aus uns werden könnte.
Im Flur verstummten die Schritte. Mark blieb in der offenen Tür stehen. Cassie stand hinter ihm, eine Hand an den Reißverschluss ihrer Lederjacke gelegt.
Die Aufnahme lief weiter.
– Ich weiß, dass es gemein klingt, sagte Maya. – Aber er ist immer da. Wenn ich jemanden brauche, wenn ich mich einsam fühle, wenn ich nachts nicht schlafen kann. Ich will ihn nur nicht als Freund.
Eine andere Frauenstimme fragte:
– Und wenn er jemand anderen kennenlernt?
Maya lachte kurz.
– Das wird er nicht. Nicht, solange ich ihm gerade genug Hoffnung gebe.
Niemand bewegte sich.
Ich hörte nur meinen eigenen Atem und das leise Summen der Lampe über Marks Schreibtisch. Auf dem Holz glänzte noch immer der Tropfen Wein, den Maya verschüttet hatte.
Die Aufnahme endete.
Maya sah mich an. Ihre Augen waren voller Tränen, aber ich konnte darin keine Reue erkennen. Nur Angst.
– Das war aus dem Zusammenhang gerissen.
– Welcher Zusammenhang macht diesen Satz besser? fragte ich.
– Ich war wütend.
– Du hast gelacht.
Sie drehte sich zu Hannah.
– Du hast mich aufgenommen?
– Du hast mir die Sprachnachricht selbst geschickt. Du wolltest, dass ich dir helfe, Evan an diesem Abend eifersüchtig zu machen.
Mark trat in den Raum.
– Was soll das heißen?
Maya fuhr herum.
– Mark, bitte misch dich nicht ein.
– Du hast mir gesagt, Evan sei besessen von dir.
– Das habe ich nie gesagt.
Mark hielt sein Telefon hoch.
– Doch. Vor einer Stunde in der Gruppe. Du hast geschrieben, er würde Cassie nur mitbringen, um dich zu verletzen. Du hast sogar gefragt, ob ich ihn nicht lieber wieder nach Hause schicken soll.
Mein Gesicht wurde heiß. Nicht vor Scham. Vor dem letzten Rest der Erniedrigung, den ich mir noch nicht eingestanden hatte.
Cassie trat neben mich.
– Hast du ihn deshalb zu dieser Party eingeladen? fragte sie Maya.
Maya schwieg.
– Antworte ihr, sagte ich.
– Ich wollte nur sehen, ob du noch Gefühle für mich hast.
Da war sie. Die Wahrheit, endlich ohne Verpackung.
Hannah schüttelte langsam den Kopf.
– Du hast ihm gesagt, er sei nicht beziehungsfähig für dich, aber du wolltest prüfen, ob er trotzdem auf dich wartet.
– Ich hatte Angst, ihn zu verlieren.
– Du hattest Angst, deine kostenlose Sicherheit zu verlieren, sagte Cassie.
Maya schlug die Hand vor den Mund. Mark bat alle, das Haus zu verlassen, und zum ersten Mal widersprach ihm niemand.
Ich nahm Cassies Hand. Ihre Finger waren warm und fest.
Maya sah auf unsere Hände.
– Evan, wir können darüber reden.
– Nein.
– Bitte. Du bedeutest mir etwas.
– Das war nie das Problem. Ich habe dir etwas bedeutet. Nur nicht genug, um ehrlich mit mir zu sein.
Ich wandte mich zur Tür. Hinter mir hörte ich, wie Maya leise weinte. Ich blieb nicht stehen.
In diesem Moment vibrierte jedoch mein Telefon. Eine neue Nachricht erschien, diesmal von einer unbekannten Nummer.
Ich öffnete sie.
Es war ein Foto von einem Umschlag auf meinem Küchentisch. Darunter stand: Du glaubst, du kennst die ganze Geschichte. Frag Evan, warum er mir seit Monaten Geld überweist.
Ich starrte auf das Bild. Maya war nicht die Einzige, die noch etwas vor mir verbarg…
Maya hörte ihre eigene Stimme – und verlor jede Kontrolle…
Ich dachte, die Zurückweisung wäre der schlimmste Teil gewesen. Doch im letzten Gespräch erfuhr ich, wie genau sie mich all die Monate festgehalten hatte.
„Ich höre nur auf, es allein zu tragen.“
Danach wurde es endlich still.
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