TEIL 4 — Mein Mann erklärte die neue Wohnung sofort zu unserem Eigentum, doch als ich nur eine Frage stellte, verschwand sein Lächeln

TEIL 4

…die zweite Datei ließ Seifert nicht sofort abspielen.

Sie verschloss den Chip in einer kleinen Metallschublade und rief die Polizei, während Andreas im Flur auf und ab ging. Seine Schuhe klackten über die Steinfliesen. Immer schneller.

„Das ist ein Missverständnis“, sagte er.

Niemand antwortete.

„Marina, sag ihnen, dass wir verheiratet sind.“

„Wir sind verheiratet“, sagte ich.

„Dann kannst du mich nicht einfach vor die Tür setzen.“

„Doch. Wenn du mich aus meinem eigenen Leben drängen wolltest.“

Sein Telefon klingelte. Galina.

Andreas nahm ab.

„Mutter, was hast du gesagt?“

Er hörte zu. Sein Gesicht wurde erst rot, dann weiß.

„Du solltest meinen Namen nicht nennen.“

Seifert hob den Kopf. „Stellen Sie auf Lautsprecher.“

„Nein.“

„Herr Keller, wenn Sie die Unterhaltung beenden, verschlimmern Sie Ihre Lage.“

Andreas presste das Telefon ans Ohr.

Aus dem Lautsprecher drang Galinas heisere Stimme. „Du hast versprochen, dass sie nichts merkt. Du hast gesagt, die Wohnung würde uns allen gehören.“

Andreas schloss die Augen.

„Hör auf zu reden“, zischte er.

„Du hast die Vollmacht besorgt. Du hast Vera bezahlt. Du hast sogar gesagt, Marina sei dumm genug, dir zu glauben.“

Ich stand ganz still.

Nicht, weil ich nichts fühlte.

Sondern weil in mir etwas endgültig aufhörte, sich zu wehren.

Andreas legte auf, aber seine Worte waren bereits im Raum geblieben. Ich hörte sie noch einmal, jedes einzelne. Seine Stimme von früher, aufgenommen und zurückgegeben wie ein Spiegel.

„Ich bin nicht dumm“, sagte ich.

Er sah mich an.

„Nein“, sagte er. „Das habe ich nie wirklich gedacht.“

„Du hast es gesagt.“

„Ich war wütend.“

„Du warst überzeugt.“

Die Polizei kam kurz nach Mittag. Zwei Beamte standen im Empfangsraum, während Seifert ihnen die Urkunde und die Aufnahme übergab. Andreas unterschrieb die Bestätigung, dass er die Wohnung nicht mehr betreten durfte.

Er versuchte noch, den Stift fallen zu lassen.

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Der ältere Beamte hob ihn auf.

„Unterschreiben Sie.“

Andreas sah mich an. „Du wirst das bereuen.“

„Nein“, sagte ich. „Ich werde nur aufhören, es für dich zu bereuen.“

Am Abend fuhr ich allein zurück. Die Wohnung war still. Auf dem Küchentisch lag noch der Teller mit den alten Krümeln. Im Schlafzimmer fehlten bereits seine Hemden, aber im Schrank hing ein leerer Kleiderbügel, der leise gegen die Tür schlug.

In der Schublade fand ich ein Foto von uns am Meer. Andreas hatte es dort gelassen, vielleicht absichtlich, vielleicht aus Vergesslichkeit. Ich drehte es um und legte es mit der Bildseite nach unten.

Dann sah ich die leere Stelle an der Garderobe. Dort hatte sein Schlüsselbund gehangen.

Mein Messinganhänger lag daneben.

Ich nahm ihn in die Hand. Die kleine Straßenbahnmarke war an einer Seite zerkratzt, weil sie als Kind unter die Räder meines Spielzeugwagens geraten war. Mein Vater hatte gesagt, sie müsse nicht glänzen, um ihren Wert zu behalten.

Drei Wochen später begann ich in einem kleinen Planungsbüro am Fluss zu arbeiten. Morgens kaufte ich mir am Bahnhof ein Brötchen, mittags ging ich zu Fuß über die Brücke, abends stellte ich eine Lampe neben den Sessel und ließ Musik laufen, ohne darauf zu achten, ob jemand sie störte.

Die Scheidung war schwierig, aber nicht mehr geheimnisvoll. Die Nachrichten, die Aufnahme und die gefälschte Vollmacht lagen bei den Behörden. Galina musste sich wegen Betrugs verantworten. Vera sagte gegen sie und Andreas aus. Andreas verlor sein Wohnrecht und musste die Kosten des Verfahrens tragen.

Ich war bei keinem dieser Termine im Saal.

Ich wollte nicht, dass meine Freiheit davon abhing, wie hart jemand bestraft wurde.

Vier Monate später fiel der erste Schnee. Meine kleine Nichte Leni kam am Samstag zu Besuch und malte in der Küche ein Haus mit gelben Fenstern.

„Ist das dein Haus?“, fragte sie.

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„Ja.“

„Wer wohnt darin?“

„Ich.“

Sie malte eine zweite Figur daneben. „Und ich, wenn ich dich besuche.“

„Das wäre schön.“

Leni befestigte das Bild mit einem Magneten am Kühlschrank. Es war schief, und gerade deshalb sah die Küche zum ersten Mal wirklich nach mir aus.

Am selben Abend erhielt ich eine Nachricht von Andreas.

„Ich habe eine neue Wohnung gefunden. Wir könnten noch einmal reden. Deine Mutter hat alles zerstört, nicht ich. Bitte gib uns eine Chance.“

Ich las die Nachricht zweimal.

Dann schrieb ich: „Ich wünsche dir, dass du dein Leben ordnest. Aber ich komme nicht zurück.“

Er antwortete sofort.

„Du liebst mich doch noch.“

Ich legte das Telefon neben die Tasse und sah hinaus in den Schnee.

Früher hätte ich erklärt, getröstet und nach einem Weg gesucht, ihn vor den Folgen seiner Entscheidungen zu bewahren.

Jetzt löschte ich die Nachricht.

Nicht aus Wut.

Aus Ruhe.

Später nahm ich den Messinganhänger von der Garderobe und befestigte ihn an meinem neuen Schlüsselbund. Der Schlüssel zur Wohnung glitt hinein, schwer und warm von meiner Hand.

Ich schloss die Tür, löschte das Licht und hörte, wie der Anhänger leise gegen das Metall schlug.

Zum ersten Mal klang es nicht wie eine Warnung.

Es klang wie Heimkehr.

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