TEIL 4
…um 15.07 Uhr klingelte es erneut.
Diesmal stand nicht der Käufer vor der Tür, sondern zwei Polizisten und eine Mitarbeiterin des Jugendamtes. Der Wind trieb feinen Regen durch den Hausflur, und an den Sohlen der Beamten klebten dunkle Blätter.
Igor hatte versucht, sich im Badezimmer einzuschließen.
Tamara hatte behauptet, ich sei verwirrt und brauche Ruhe.
Beide Sätze standen später in der Niederschrift.
Herr Baumann blieb neben mir, während die Beamtin ruhig Fragen stellte.
— Frau Berger, möchten Sie, dass Ihr Mann die Wohnung verlässt?
Ich sah zu Igor.
Er stand im Türrahmen. Sein Hemd war zerknittert, und an seinem Hals pulsierte eine Ader.
— Olga, denk nach — sagte er. — Wenn du mich jetzt hinauswirfst, gibt es kein Zurück.
— Genau das brauche ich.
Seine Lippen öffneten sich.
Kein Wort kam heraus.
Tamara begann zu weinen.
— Nach allem, was ich für euch getan habe!
— Sie haben mein Kinderzimmer genommen — sagte ich. — Und Sie haben geholfen, mich für unfähig zu erklären.
— Ich wollte nur bei meinem Enkel sein.
— Dann hätten Sie fragen können.
Die Beamtin bat Igor, seine Sachen zu packen. Er griff nach seinem Telefon, doch Baumann stellte sich ihm in den Weg.
— Das bleibt zunächst hier.
— Sie können mir mein Eigentum nicht wegnehmen!
— Ich kann verhindern, dass Sie weitere Nachrichten löschen.
Igor sah mich an, als wäre ich diejenige, die ihn verraten hatte.
Dann kam der Käufer.
Er hieß Herr Krüger, trug einen schwarzen Wollmantel und hielt einen ledernen Aktenkoffer in der Hand. Er blieb im Flur stehen, weil zwei Polizisten den Eingang versperrten.
— Ich habe einen gültigen Vorvertrag — sagte er.
Baumann antwortete:
— Sie haben einen Vertrag mit einer Person, die dazu nicht bevollmächtigt war.
— Aber Herr Reiter hat mir die Unterlagen gezeigt.
Ich drehte mich zu Igor.
— Du hast ihm gesagt, du dürftest über die Wohnung verfügen?
Igor schwieg.
Herr Krüger öffnete seinen Koffer. Darin lag eine Mappe mit Kopien, ein Zahlungsbeleg und ein Schlüssel.
Mein Schlüssel.
Der kleine Messingschlüssel mit dem roten Lackpunkt, den ich seit dem Einzug an einem ledernen Anhänger trug. Igor hatte ihn angeblich verloren. In Wahrheit hatte er ihn dem Käufer gegeben.
Da verstand ich, wie weit sein Plan ging.
Am Abend saß Igor in einem Vernehmungsraum der Polizeiwache. Ich war nicht dabei. Später hörte er die Aufnahme über Lautsprecher, zusammen mit seinem Rechtsanwalt und einem Ermittler.
Seine eigene Stimme füllte den Raum.
„Wenn die Wohnung verkauft ist, merkt Olga erst etwas, wenn alles erledigt ist.“
Igor senkte den Kopf.
— Das klingt nicht wie ich.
Der Ermittler schob ihm das Protokoll hin.
— Sie haben es selbst gesagt.
— Ich war unter Druck.
Sein Anwalt schloss die Mappe.
— Sie haben mich angelogen. Ich werde Sie in dieser Sache nicht weiter vertreten.
Am nächsten Morgen wurde die gefälschte Erklärung beschlagnahmt. Der Verkauf wurde gestoppt. Tamara musste die Wohnung verlassen, nachdem die Polizei ihre Sachen in den Flur gestellt hatte.
Das Zimmer blieb leer.
Nur das Eisenbett stand noch dort.
Ich ließ es abholen und stellte Maxims weißes Himmelbett wieder auf. Unter dem Bett fand ich eine kleine Holzlokomotive, die meine Großmutter für mich gebaut hatte. Ich hatte sie vor Jahren in einer Schachtel aufbewahrt und nun vergessen.
Ich legte sie auf das Fensterbrett.
Dann rief Igor an.
— Olga, bitte. Wir können das reparieren.
— Nein.
— Ich habe einen Fehler gemacht.
— Du hast viele Entscheidungen getroffen.
— Ich liebe dich.
Ich schloss die Augen.
— Liebe zwingt niemanden, sein Zuhause und sein Kind zu verlieren.
— Du willst mich bestrafen.
— Nein. Ich höre nur auf, dich vor den Folgen zu retten.
Ich legte auf.
Drei Wochen später unterschrieb ich den Mietvertrag für eine kleine Wohnung in Freiburg. Sie war nicht groß. Die Küche hatte gelbe Fliesen, und im Schlafzimmer knarrte der Boden an einer Stelle. Aber jedes Geräusch gehörte mir.
Ich begann, halbtags in einer Buchhandlung zu arbeiten. Morgens stellte ich Rechnungen aus, mittags wickelte ich Maxim zwischen Romanen und Kalendern, und abends ging ich mit ihm am Fluss entlang.
Er lernte zuerst nicht „Mama“, sondern „Licht“.
Er zeigte auf die Lampe über dem Wickeltisch und lachte.
Ich lachte mit.
Im fünften Monat kam der erste Schnee. Maxim war inzwischen groß genug, um am Fenster zu stehen. Ich hielt seine Hand, während draußen die Dächer weiß wurden.
— Siehst du das? — fragte ich.
Er drückte seine Stirn an die Scheibe.
— Weiß.
— Ja. Ganz weiß.
Auf dem Fensterbrett stand die kleine Holzlokomotive meiner Großmutter. Daneben lag der rote Lackpunkt vom alten Schlüsselanhänger. Ich hatte den Anhänger nicht weggeworfen. Nicht, weil ich an die alte Wohnung zurückwollte, sondern weil ich mich daran erinnern wollte, dass ich einmal geglaubt hatte, ein Schlüssel könne Sicherheit bedeuten.
Sicherheit war etwas anderes.
Sie war Maxim, der neben mir atmete.
Sie war die Tür, die ich selbst abschloss.
Sie war ein Sonntagmorgen ohne Angst vor Schritten im Flur.
Im Dezember kam eine letzte Nachricht von Igor. Er schrieb, er habe sich verändert. Er wolle Maxim sehen. Er wolle „wenigstens als Familie“ mit uns sprechen.
Ich las die Nachricht dreimal.
Dann schrieb ich zurück:
— Du kannst deinen Sohn sehen, wenn es rechtlich geregelt und für ihn sicher ist. Aber in mein Leben kommst du nicht zurück.
Ich drückte auf Senden und legte das Telefon neben die Holzlokomotive.
Draußen fiel weiter Schnee.
Maxim schlief bereits. Eine Hand lag auf seiner Decke, genau dort, wo früher der kleine rote Lackpunkt am Schlüsselanhänger geglänzt hatte.
Ich löschte das Licht und schloss die Tür.
Diesmal von innen.
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