Der gefürchtete Hafenboss blutete vor meiner Wohnungstür, doch als ich ihn versteckte, verschwand sein spöttisches Lächeln

Um 2.17 Uhr lag der mächtigste Mann von Port Azure blutend auf meinem Küchenboden, während ich mit einer Hand den Notruf wählen wollte und mit der anderen seine Wunde zudrückte.

Der metallische Geruch von Blut hing in meiner kleinen Wohnung. Luca Morettis weißes Hemd war unter der Jacke fast schwarz, und jedes Mal, wenn er atmete, zuckte sein Gesicht. Ich hatte ihn nur aus der Hafenkneipe gekannt: immer im letzten Tisch, immer mit zwei schweigenden Männern im Hintergrund.

Jetzt war er allein.

– Du brauchst einen Krankenwagen, sagte ich.

Seine Finger schlossen sich um mein Handgelenk.

– Keine Polizei. Kein Krankenhaus.

– Du stirbst mir hier weg!

– Wenn du anrufst, sterbe ich nicht hier. Ich sterbe unterwegs.

Seine Pupillen waren ungewöhnlich weit. Jemand hatte ihn unter Drogen gesetzt, bevor man ihm das Messer unter die Rippen gerammt hatte. Ich hatte achtzehn Monate Krankenpflege gelernt, bevor die Krankheit meiner Mutter mich gezwungen hatte, alles aufzugeben. Meine Hände wussten noch, was zu tun war, auch wenn mein Kopf nur noch schrie.

Ich schnitt sein Hemd auf, presste Mull auf die Wunde und zwang ihn, kleine Schlucke Wasser zu trinken. Dabei fiel mir eine winzige schwarze Glasscherbe aus seinem Ärmel. Sie glitzerte auf meinen weißen Küchenfliesen wie ein Stück Nacht.

– Wer hat das getan?

Luca öffnete die Augen.

– Jemand, der meinen Schutzplan kennt.

– Das ist keine Antwort.

– Es ist die einzige, die dich am Leben hält.

Um 3.06 Uhr schleppte ich ihn auf mein ausziehbares Sofa. Seine Schuhe hinterließen dunkle Abdrücke auf dem abgetretenen Teppich. Meine Mutter hatte den Teppich gekauft, kurz bevor sie starb. Ich hatte ihn nie ersetzt, obwohl ich jeden Monat meine Rechnungen zu spät bezahlte.

Luca verlor zweimal das Bewusstsein. Beim zweiten Mal flüsterte er einen Namen.

– Elena.

Meine Mutter hieß Elena.

Ich erstarrte mit der Schere in der Hand.

– Woher kennst du diesen Namen?

Er antwortete nicht. Schweiß lief über seine Schläfe, und sein Atem wurde flach. Ich rieb seine Hände, legte ihm ein feuchtes Tuch auf die Stirn und hörte draußen einen Wagen langsam an unserem Haus vorbeifahren.

Dann blieb er stehen.

Ich löschte das Licht.

Im Treppenhaus knarrte eine Stufe. Eine zweite. Jemand blieb direkt vor meiner Wohnung stehen. Ich hielt den Atem an und spürte in meiner Tasche die kleine Messingmarke der alten Hafenfähre, die meine Mutter mir als Kind geschenkt hatte. Sie trug die eingravierte Zahl 47 und war mein einziger Gegenstand, den ich niemals verloren hatte.

Drei Minuten lang bewegte sich niemand.

Dann entfernten sich die Schritte.

Bei Tagesanbruch öffnete Luca die Augen. Sein Blick glitt über die blutigen Handtücher, meine überfälligen Mahnungen und die alte Decke auf seinem Körper.

– Du hast mich gerettet, sagte er heiser.

– Das bedeutet nicht, dass ich dir vertraue.

– Das solltest du auch nicht.

Er setzte sich auf. Sofort presste er die Hand gegen seine Rippen.

– Pack eine Tasche, Mara.

– Warum?

– Weil die Männer, die mich angegriffen haben, bis zum Morgen herausfinden werden, wer mich aufgenommen hat.

– Woher wussten sie überhaupt, dass ich hier wohne?

Luca sah zur Tür. Sein Gesicht wurde hart.

– Genau das müssen wir herausfinden.

In diesem Moment vibrierte sein Telefon unter dem Sofa. Auf dem Bildschirm erschien keine Nummer, nur eine Nachricht: WIR WISSEN, WO SIE IST.

Luca griff nach seinem Jackett und zog eine dünne schwarze Mappe hervor. Er legte sie auf meinen Tisch, während unten im Haus ein Schlüssel im Schloss gedreht wurde. Seine Hand schwebte über dem Verschluss der Mappe, und ich hörte, wie die Wohnungstür langsam nachgab…

TEIL 2

…Die Tür sprang auf, und ein Windstoß trieb den Geruch nach nassem Asphalt in den Flur. Luca riss mich hinter den Kühlschrank, während ein Schatten durch den Türspalt glitt.

Ich presste die Hand auf meinen Mund. In meiner Tasche drückte sich die Messingmarke mit der Zahl 47 gegen meine Finger. Sie war warm von meiner Haut.

– Polizei? flüsterte ich.

Luca schüttelte den Kopf.

– Zu leise. Zu vorsichtig.

Ein Schuh schob sich über meine Fußmatte. Darauf klebte roter Hafenlehm. Ich erkannte ihn sofort, weil ich jeden Abend denselben Boden aus der Kneipe wischte.

Der Fremde ging nicht ins Wohnzimmer. Er blieb stehen und sah die Blutspur, die von der Tür bis zum Sofa führte.

– Herr Moretti, sagte er ruhig. Wir wissen, dass Sie hier sind.

Luca beugte sich zu mir.

– Wenn er hereinkommt, rennst du durch die Hintertür.

– Und du?

– Ich komme nach.

– Du kannst kaum stehen.

– Dann mache ich ihm das Stehen ebenfalls schwer.

Der Mann im Flur lachte leise. Eine Sekunde später splitterte die kleine Scheibe neben der Tür. Ich schrie auf, doch Luca packte mich und zog mich in die Küche. Er nahm die gusseiserne Pfanne vom Herd und warf sie gegen den Sicherungskasten.

Die Wohnung versank in Dunkelheit.

Der Fremde fluchte. Ich hörte einen kurzen Kampf, das Knirschen eines Körpers gegen die Wand und Lucas gepresstes Stöhnen. Dann schlug etwas auf den Boden.

– Jetzt! rief Luca.

Wir liefen durch die Küche zur Hintertreppe. Meine nackten Füße rutschten auf den kalten Stufen, und Luca stützte sich schwer auf meine Schulter. Unten führte eine Tür in den Innenhof. Dahinter wartete ein alter Lieferwagen mit laufendem Motor.

Am Steuer saß eine Frau mit kurzem, silbernem Haar.

– Einsteigen, sagte sie.

– Wer sind Sie? fragte ich.

– Jemand, der lieber nicht erschossen wird. Los!

Luca sank auf den Beifahrersitz. Ich kletterte nach hinten und hielt den Verband fest, während der Wagen durch die engen Straßen des Hafens raste. Die Frau hieß Celia Voss und war früher Lucas Buchhalterin gewesen. Sie sprach nicht viel. Wenn sie sprach, hörte Luca zu.

Um 5.12 Uhr erreichten wir ein verlassenes Fährterminal. Das Gebäude roch nach Salz, Diesel und feuchtem Holz. Über unseren Köpfen schlug eine lose Metallplatte gegen den Mast.

– Hier findet uns niemand, sagte Celia.

– Jeder Ort wird gefunden, erwiderte Luca.

Er stellte die schwarze Mappe auf einen verrosteten Tisch. Seine Finger waren noch blutig. Ich bemerkte, dass die Klammer der Mappe aus demselben Messing bestand wie meine alte Fährmarke.

– Warum hast du meinen Namen gekannt? fragte ich.

Luca sah mich lange an.

– Weil deine Mutter nicht an einer natürlichen Krankheit gestorben ist.

Mir wurde kalt, obwohl im Raum stickige Sommerluft stand.

– Du lügst.

– Ich wünschte, ich würde es tun.

Celia öffnete einen Metallkasten und holte eine kleine Digitalkamera heraus.

– Das stammt aus dem Büro deines ehemaligen Sicherheitschefs, sagte sie. Enzo Rinaldi.

Ich kannte den Namen. Enzo war der Mann, der Luca zweimal im Monat in die Kneipe begleitet hatte. Der Mann mit der Narbe am Kinn, der mich einmal gefragt hatte, ob ich nachts allein nach Hause gehe.

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– Was ist auf der Kamera? fragte ich.

– Noch wissen wir es nicht, sagte Celia. Das Gerät ist verschlüsselt.

Luca zog aus seiner Jackentasche einen schmalen Schlüssel und legte ihn neben die Kamera.

– Deine Mutter hat ihn vor neunzehn Jahren versteckt.

– Woher hast du ihn?

– Von meinem Vater.

Sein Blick wurde leer.

Ich griff in meine Tasche und holte die Messingmarke hervor. Auf der Rückseite war plötzlich eine feine Kerbe zu sehen, die mir nie aufgefallen war. Luca nahm sie, drehte sie ins Licht und erstarrte.

– Nummer 47, sagte er. Das ist kein Fährzeichen. Das ist ein Schließfach.

Celia legte die Kamera in die Mappe.

– Wir müssen zuerst wissen, ob Mara den Schlüssel überhaupt besitzt.

Luca sah mich an.

– Mara, hat deine Mutter dir jemals gesagt, was sie vor ihrem Tod für mich aufbewahrt hat?

Ich dachte an ihre letzten Worte, an ihre zitternden Finger und an den Satz, den ich damals für wirres Fieber gehalten hatte: Wenn ein Moretti vor deiner Tür steht, gib ihm niemals die erste Wahrheit.

Ich öffnete den Mund.

Da klingelte das Telefon auf dem Tisch. Celia nahm ab, hörte drei Sekunden zu und wurde blass.

– Der Angreifer ist nicht geflohen, sagte sie. Er wurde absichtlich zurückgelassen.

– Warum? fragte ich.

Celia blickte auf die Kamera.

– Weil er eine Nachricht bei sich trug. Und sie lautet: Luca soll Mara selbst sagen, wer ihre Mutter wirklich war…

TEIL 3

…Ich nahm Celia das Telefon aus der Hand.

– Was stand auf der Nachricht?

Am anderen Ende sagte ein fremder Mann: – Fragen Sie ihn, warum Elena Vale in seinem Familienbuch als Verräterin geführt wurde.

Dann brach die Verbindung ab.

Im Fährterminal klapperte die Metallplatte über unseren Köpfen. Luca saß auf dem Tisch, bleich und erschöpft, während Celia die Kamera an ihren tragbaren Rechner anschloss. Das Gerät verlangte ein Kennwort.

Ich legte die Messingmarke auf die Tastatur.

– Sie hat mir immer gesagt, die Zahl 47 sei eine Glückszahl.

Celia tippte die Ziffern ein.

Der Bildschirm wurde schwarz. Dann begann eine Aufnahme zu laufen.

Meine Mutter erschien darauf, jünger als auf meinen letzten Fotos. Ihr Haar war zu einem festen Knoten gebunden, und unter ihrem linken Auge zitterte ein Muskel. Hinter ihr standen Regale mit Schiffsakten.

– Wenn Mara diese Aufnahme sieht, bin ich wahrscheinlich tot, sagte Elena.

Meine Knie gaben nach. Luca fing mich auf, doch ich schob seine Hand weg.

– Fass mich nicht an.

Auf dem Bildschirm fuhr meine Mutter fort: – Luca Moretti ist nicht der Mann, für den ihn die Stadt hält. Sein Vater Vittorio und Enzo Rinaldi schmuggeln seit Jahren Waffen über Pier 47. Ich habe die Zahlungen kopiert. Als ich sie melden wollte, bedrohte Vittorio meine Familie.

Luca starrte auf die Aufnahme.

– Das kann nicht sein.

– Doch, sagte Celia leise. Hör weiter.

Elena legte ein Bündel Papiere vor die Kamera.

– Luca weiß nichts davon. Er war damals siebzehn. Wenn er später behauptet, ich hätte ihn verraten, glaubt ihm nicht. Er wurde gezwungen, meine Mutter und mich für den Verlust einer Lieferung verantwortlich zu machen. Ich habe den Beweis in der Fährenmarke versteckt. Der Schlüssel liegt in der Wohnung von Vittorio, hinter dem Bild mit dem roten Leuchtturm.

Meine Stimme versagte.

– Du hast meine Mutter gekannt, sagte ich zu Luca.

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Er antwortete erst nach mehreren Atemzügen.

– Ich war in sie verliebt.

Celia schloss die Augen. Ich lachte einmal, kurz und hart.

– Du warst in meine Mutter verliebt, und sie starb, während du in deiner Villa gelebt hast?

– Ich dachte, sie hätte uns alle verkauft.

– Du hast ihr geglaubt, dass sie eine Verräterin war.

– Mein Vater zeigte mir Beweise. Gefälschte Beweise, wie ich jetzt weiß.

Die Aufnahme endete nicht. Elena trat näher an die Kamera.

– Wenn Luca vor Mara erscheint, bedeutet das, dass Enzo ihn ebenfalls beseitigen will. Vertraue niemandem aus seinem Sicherheitskreis. Nicht einmal dem Mann, der behauptet, dich schützen zu wollen.

Das Bild fror ein.

Im selben Augenblick begann Celias Rechner zu klingeln. Eine Datei wurde automatisch übertragen. Darauf war ein aktuelles Foto: Luca im Fährterminal, ich neben ihm, die Messingmarke in meiner Hand.

Darunter stand: DU HAST DIE AUFNAHME GESEHEN. JETZT KOMMT DIE ZWEITE WAHRHEIT.

Ein zweites Fenster öffnete sich. Eine Stimme ertönte, verzerrt, aber weiblich.

– Luca, wenn du Mara retten willst, komm allein zum alten Zollhaus. Bring die Marke mit. Und komm vor sechs Uhr, sonst erfährt sie, wer ihren Vater getötet hat.

Luca sprang auf, obwohl die Wunde sofort wieder blutete.

– Du bleibst hier, sagte er.

– Nein.

– Mara, das ist kein Ort für dich.

– Meine Mutter, mein Vater und mein ganzes Leben hängen an dieser Marke. Ich komme mit.

Celia griff nach Lucas Arm.

– Du kannst nicht kämpfen.

Er sah zur Uhr. Es war 5.34 Uhr.

– Dann müssen wir schneller sein als die, die es können.

Draußen heulten in der Ferne mehrere Motoren auf. Luca nahm die Messingmarke vom Tisch, doch bevor seine Finger sie erreichten, vibrierte das Telefon erneut.

Auf dem Display erschien ein Name, den ich seit meiner Kindheit nicht mehr gehört hatte.

Mein Vater.

Die Verbindung wurde hergestellt, und eine Männerstimme sagte nur: – Mara, wenn Luca neben dir steht, geh sofort weg von ihm. Er hat dir nie erzählt, wer in jener Nacht am Steuer saß…

DAS ENDE

Dann hörte Luca seine eigene Stimme aus dem Lautsprecher…

Ich glaubte, die Wahrheit würde alles zerstören. Stattdessen zwang sie jeden von uns, endlich die richtige Tür zu öffnen.
Doch was danach geschah, traf Luca härter als jede Drohung.

Im Verhörraum hörte Luca endlich seine eigene Stimme.
„Du hast die Wahrheit nicht gesucht.“
Zum ersten Mal widersprach er mir nicht.

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