TEIL 4 — Meine Schwiegermutter durchsuchte jeden Sonntag meine Wäsche, bis ich eine Grenze zog und ihr Lächeln plötzlich verschwand

TEIL 4

Es war der Name von Sergejs Vater, der seit acht Jahren tot war.

Am nächsten Morgen saß ich um 7.15 Uhr im Büro von Frau Keller und hielt einen Becher Kaffee, der längst kalt geworden war.

Sergej saß mir gegenüber. Er hatte in dieser Nacht nicht geschlafen. Unter seinen Augen lagen dunkle Schatten, und der helle Faden an seinem Arbeitsmantel hing noch immer am Ärmel.

– Sag mir, dass das nicht wahr ist, sagte er.

– Ich kann dir nur sagen, was in den Unterlagen steht.

Frau Keller legte die Grundbuchauskunft auf den Tisch.

– Die Wohnung wurde vor acht Jahren von Ihrem Vater gekauft, erklärte sie. Allerdings nicht für Ihren Mann und nicht für seine Mutter. Der Eigentümer war eine Gesellschaft, deren alleinige Gesellschafterin Marina ist.

Sergej hob den Kopf.

– Was?

Ich schob ihm das Dokument hin.

– Dein Vater hat die Wohnung mit einer Zahlung aus seiner Firma gekauft. Er wollte, dass sie mir gehört, falls Galina irgendwann versucht, dich oder mich finanziell unter Druck zu setzen.

– Warum hat er mir das nie gesagt?

– Weil er wusste, dass deine Mutter es dir sofort erzählt hätte.

Frau Keller öffnete einen weiteren Umschlag.

Darin lag ein handgeschriebener Brief von Sergejs Vater, Viktor Petrowitsch. Das Papier war an den Rändern wellig, als hätte es lange in einer Schublade gelegen.

„Marina“, stand dort, „du bist die Einzige, die Sergej manchmal dazu bringt, selbst zu denken. Wenn ich nicht mehr da bin, soll die Wohnung dir Sicherheit geben. Nicht ihm. Nicht Galina. Dir.“

Sergej las den Brief zweimal.

Dann legte er ihn hin.

– Du wusstest davon?

– Seit letzter Woche.

– Und du hast mir nichts gesagt?

– Ich wollte dir eine Chance geben, selbst zu fragen, warum deine Mutter meine Schubladen durchsuchte.

Er stand auf und ging zum Fenster. Draußen schob ein Lieferwagen langsam durch die nasse Straße. Auf seiner Heckscheibe klebte ein gelber Aufkleber, der sich an einer Ecke löste.

Mein Telefon klingelte.

Frau Keller nahm den Anruf auf Lautsprecher.

– Hier ist die Bank Petrow, sagte eine angespannte Männerstimme. Wir haben soeben einen weiteren Antrag erhalten. Diesmal mit der digitalen Zustimmung von Herrn Sergej Petrow.

Sergej drehte sich um.

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– Ich habe nichts bestätigt.

– Die Zustimmung wurde gestern um 23.48 Uhr von Ihrem Mobiltelefon aus erteilt.

Mir wurde kalt.

Zu dieser Zeit war Sergej neben mir im Büro gewesen. Sein Telefon hatte auf dem Tisch gelegen.

Frau Keller sah ihn an.

– Wer hatte Zugang zu Ihrem Gerät?

Sergej antwortete nicht.

Er wusste es.

Um 9.40 Uhr saßen wir im Polizeirevier. Eine Beamtin mit roten Haaren nahm unsere Aussagen auf. Galina hatte in der Zwischenzeit versucht, ihr eigenes Konto zu leeren und Viktor Malzew zu erreichen. Der Makler ging nicht ans Telefon.

– Er hat mich benutzt, sagte sie später, als sie im Vernehmungsraum saß.

– Sie haben meine Unterschrift gefälscht, sagte ich.

– Ich wollte nur Geld, bevor du alles bekommst.

– Ich sollte also für Ihren Plan haften?

Galina schlug mit der Faust auf den Tisch.

– Du hast dich in diese Familie gedrängt und meinen Sohn gegen mich aufgebracht!

Sergej saß neben der Wand und blickte auf den Boden.

Die Beamtin spielte die Aufnahme ab, in der Galina sagte: „Wenn sie die Vollmacht unterschreibt, ist alles geregelt.“

Ihre eigene Stimme hallte aus dem Lautsprecher.

Galina wurde still.

Sie hörte sich selbst zu, wie jemand, der zum ersten Mal die Wahrheit über eine Fremde erfährt.

– Das habe ich nicht so gemeint, flüsterte sie.

– Doch, sagte ich. Genau so haben Sie es gemeint.

Sergej schloss die Augen.

Als wir am Nachmittag nach Hause kamen, stand die Wohnungstür offen. Die Polizei hatte Galinas Schlüssel eingezogen, aber sie hatte offenbar noch einen zweiten besessen. In meinem Schlafzimmer war alles durcheinander. Schubladen standen offen, Kleidungsstücke lagen auf dem Boden, und auf dem Bett lag der schwarze Spitzen-BH.

Die Tarantel war verschwunden.

Ich fand sie schließlich im Wäschekorb. Ein Bein war abgebrochen.

Daneben lag ein Zettel.

„Du wirst ohne Sergej niemand sein.“

Ich zerknüllte ihn nicht. Frau Keller wollte ihn als Beweis behalten.

Sergej stand in der Tür.

– Ich wusste nicht, wie weit sie gehen würde.

– Du wusstest, dass sie in unsere Wohnung kam.

– Ich dachte, sie räumt auf.

– Du hast sie jedes Mal verteidigt.

Er schluckte.

– Kannst du mir verzeihen?

Ich sah auf das kaputte Spielzeug in meiner Hand.

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– Vielleicht irgendwann. Aber ich kann nicht mit dir weiterleben, wenn du deine Mutter nur dann erkennst, wenn sie dich ebenfalls verletzt.

Er setzte sich auf die Bettkante.

– Willst du, dass ich gehe?

– Ja.

Es war nur ein Wort.

Aber zum ersten Mal fühlte es sich nicht grausam an.

In den nächsten Tagen rief Sergej ständig an. Erst erklärte er mir, Galina sei krank. Dann behauptete er, Viktor Malzew habe alles eingefädelt. Danach versprach er, seine Mutter werde sich ändern.

Ich antwortete nur noch schriftlich.

Frau Keller ließ die Schlösser austauschen. Die Bank sperrte alle Anträge. Die Polizei fand auf Galinas Computer mehrere Entwürfe mit meiner nachgeahmten Unterschrift. In ihrem Kalender waren meine Arbeitszeiten, meine Arzttermine und sogar die Tage notiert, an denen Sergej nicht zu Hause war.

Die Ermittler fanden auch Nachrichten zwischen ihr und Viktor Malzew. Sie hatten geplant, die Wohnung zu beleihen, das Geld auf ein fremdes Konto zu überweisen und mich anschließend mit den Schulden zurückzulassen.

Sergej unterschrieb die Trennungsvereinbarung drei Wochen später.

Er versuchte nicht mehr, mich zu überreden.

Vielleicht war das sein erster ehrlicher Schritt.

Galina musste sich wegen des Betrugsversuchs verantworten. Viktor Malzew wurde ebenfalls angeklagt, nachdem man ihn am Bahnhof festgenommen hatte. Ich war bei keiner öffentlichen Verhandlung dabei. Ich wollte nicht, dass ihr Sturz zum Mittelpunkt meines Lebens wurde.

Es genügte, dass die Wohnung blieb, wo sie war.

Bei mir.

Sechs Wochen später strich ich das Badezimmer neu. Ich nahm ein warmes Weiß, nicht das kalte Grau, das Galina ausgesucht hatte. Die Regale blieben bewusst unordentlich. Meine Cremes standen nicht nach Größe sortiert. Die Handtücher hingen schief.

Und niemand kam, um sie zu korrigieren.

Ich begann, wieder von zu Hause aus zu arbeiten. Morgens öffnete ich das Fenster, hörte die Straßenbahn quietschen und stellte eine Tasse mit Zimtkaffee auf den Schreibtisch. Nachmittags ging ich in den Park hinter dem Rathaus. Ich gewöhnte mich daran, nicht bei jedem Schlüsselgeräusch zusammenzuzucken.

Sergej schrieb mir an einem kalten Dienstag im November.

„Ich habe eine Wohnung gefunden. Ich gehe zur Therapie. Ich weiß jetzt, dass ich dich im Stich gelassen habe. Bitte lass mich einmal mit dir reden.“

Ich las die Nachricht in der Küche. Auf dem Tisch lag ein Bild, das meine Nichte Anna gemalt hatte: ein Haus mit gelben Fenstern, einem roten Dach und einer Frau davor. Die Frau hatte viel zu große Hände.

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„Damit du alles festhalten kannst“, hatte Anna gesagt.

Ich schrieb Sergej zurück.

„Ich wünsche dir, dass du lernst, dich selbst zu tragen. Aber ich werde nicht mehr dein Schutzschild sein. Bitte respektiere meine Entscheidung.“

Danach löschte ich die Nachricht nicht sofort. Ich sah sie lange an und wartete auf Schuldgefühle.

Sie kamen nicht.

Im Dezember fiel der erste Schnee. Ich stand im Badezimmer und nahm Wäsche aus dem Trockner. Zwischen den Handtüchern lag der schwarze Spitzen-BH. Die Tarantel hatte ich inzwischen repariert. Das abgebrochene Bein klebte wieder, und wenn man auf den Bauch drückte, bewegten sich die anderen Beine noch immer ein wenig.

Ich legte das Spielzeug neben den Wäschekorb.

Nicht als Warnung.

Als Erinnerung daran, dass ich an jenem Abend nicht grausam geworden war. Ich hatte nur aufgehört, mich kleinzumachen.

Dann nahm ich den BH und hängte ihn auf den Wäscheständer. Durch das offene Fenster kam kalte Luft herein. Der Stoff bewegte sich ganz leicht, und die Plastikbeine der Tarantel warfen einen Schatten auf die weißen Fliesen.

Zum ersten Mal sah der Schatten nicht bedrohlich aus.

Er sah aus wie ein kleines Tier, das endlich wieder mir gehörte.

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