
TEIL 4
Der nächste Schritt ihres Plans hatte längst begonnen.
Miriam nahm mir das Telefon aus der Hand und leitete das Bild sofort an die Polizei weiter.
„Nicht antworten“, sagte sie.
Artem rief erneut an.
Miriam nahm ab.
„Hier spricht Rechtsanwältin Keller. Herr Nowak, jedes weitere Betreten der Wohnung und jeder Kontaktversuch wird dokumentiert.“
„Geben Sie mir meine Frau.“
„Nein.“
„Sie mischen sich in eine Ehe ein.“
„Ich mische mich in eine Urkundenfälschung und eine Bedrohung ein.“
Am anderen Ende wurde es still.
Dann hörte ich Tamara schreien:
„Sie hat uns aufgenommen! Sie will uns alles wegnehmen!“
Miriam beendete das Gespräch.
Ich saß da und zitterte so stark, dass die Tasse vor mir klirrte. Nicht wegen der Angst um die Wohnung. Wegen des Satzes, den Artem gesagt hatte: dass er dafür sorgen werde, dass ich mein Kind nicht bekomme.
Miriam schob mir ein Glas Wasser zu.
„Sie haben jetzt zwei Möglichkeiten. Sie können in ein Frauenhaus gehen oder bei Ihrer Mutter bleiben, bis die Schutzanordnung erlassen ist.“
„Meine Mutter lebt in Rostock“, sagte ich. „Das sind fast dreihundert Kilometer.“
„Dann fahren wir heute.“
Ich dachte an das Kinderzimmer. An das weiße Bettchen. An den kleinen Fuchs, der im Mobile immer schief hing, weil eine seiner Pfoten schwerer war als die anderen.
„Ich möchte vorher noch etwas holen.“
Eine Stunde später standen wir mit zwei Polizeibeamten vor meiner Wohnung. Die Tür war nicht abgeschlossen.
Das Schloss hing schief.
Im Kinderzimmer lagen meine sorgfältig gefalteten Bodys auf dem Boden. Tamara hatte die Bilder von den Wänden genommen. Auf dem Wickeltisch standen bereits ihre Parfümflaschen, und im Bettchen lag eine dunkelrote Tagesdecke mit Fransen.
Ich blieb an der Tür stehen.
„Sie haben es wirklich getan“, flüsterte ich.
Ein Beamter fotografierte den Raum.
„Frau Nowak, bitte nichts anfassen.“
Ich nickte.
Im Wohnzimmer fanden sie Artem und Tamara nicht. Dafür lagen auf dem Tisch mehrere Rechnungen, ein Kreditvertrag und ein Schreiben einer Bank. Artem hatte einen hohen Kredit aufgenommen und als Sicherheit meine Wohnung angegeben. Die gefälschte Vollmacht sollte den fehlenden Eigentümer ersetzen.
Am Abend rief sein Anwalt Miriam an.
„Mein Mandant möchte eine einvernehmliche Lösung“, sagte er.
„Welche?“
„Frau Nowak soll die Anzeige zurückziehen und ihm den Zugang zur Wohnung erlauben.“
„Nein.“
„Sie ist hochschwanger. Ein Gerichtsverfahren wäre belastend.“
„Für Ihren Mandanten vielleicht.“
„Er ist der Vater des Kindes.“
„Das gibt ihm kein Recht, Straftaten zu begehen.“
Miriam legte auf.
Zwei Tage später kam mein Sohn zur Welt.
Es war kurz nach vier Uhr morgens, als der erste Schnee gegen das Fenster der Klinik flog. Ich lag erschöpft im Bett und hielt den kleinen Jungen an meine Brust. Er hatte eine winzige Falte zwischen den Augenbrauen und umklammerte meinen Finger mit erstaunlicher Kraft.
„Wie soll er heißen?“, fragte die Hebamme.
„Jonas“, sagte ich.
In diesem Moment wollte ich Artem anrufen. Nicht, weil ich ihm vergeben hatte. Weil ein Teil von mir noch immer glaubte, dass ein Mensch beim Anblick seines eigenen Kindes anders werden musste.
Dann erinnerte ich mich an seine Stimme aus der Aufnahme.
„Sie wird keine Wahl haben.“
Ich legte das Telefon weg.
Am nächsten Tag kam eine Ermittlerin in mein Zimmer. Sie war klein, trug eine grüne Wollmütze und hielt einen Ordner unter den Arm geklemmt.
„Frau Nowak, wir haben die Aufnahme ausgewertet. Außerdem gibt es Aufnahmen aus dem Hausflur.“
„Welche Aufnahmen?“
„Ihre Schwiegermutter hat am Tag vor der Wohnungsbesichtigung mehrere Kisten aus Ihrer Wohnung getragen. Darin waren persönliche Unterlagen, darunter Ihr Grundbuchauszug.“
Ich sah auf Jonas hinab.
„Sie wollte die Beweise verschwinden lassen.“
„Ja. Und Ihr Ehemann hat versucht, die Bank noch am selben Tag zu täuschen.“
Später hörte Artem seine eigenen Worte in einem Vernehmungsraum. Die Ermittlerin spielte die Aufnahme ab, ohne ihn zu unterbrechen.
Zuerst saß er mit verschränkten Armen da.
„Das ist aus dem Zusammenhang gerissen“, sagte er.
Die Stimme aus dem Lautsprecher sagte: „Sobald die Vollmacht eingetragen ist, haben wir die Kontrolle.“
Artem wurde blass.
„Das klingt nicht wie ich.“
Die Ermittlerin sah ihn ruhig an.
„Aber es ist Ihre Stimme.“
„Ich war wütend.“
„Sie haben geplant, Ihre schwangere Ehefrau für psychisch krank erklären zu lassen.“
„Meine Mutter hat mich unter Druck gesetzt.“
„Und wer hat die Unterschrift gefälscht?“
Artem schwieg.
Zum ersten Mal hörte er sich selbst von außen. Zum ersten Mal konnte er sich nicht hinter einem Schulterzucken verstecken.
Tamara behauptete unterdessen, sie habe nur helfen wollen.
„Ich wollte das Kind versorgen“, sagte sie.
„Warum haben Sie dann das Kinderzimmer ausgeräumt?“, fragte die Ermittlerin.
Tamara fand keine Antwort.
Ihre Wohnung war längst verkauft. Das Geld war fast vollständig in Tamaras neue Möbel und in Artems Schulden geflossen. Sie hatten geglaubt, meine Eigentumsunterlagen würden ihnen die Tür öffnen.
Sie hatten nicht damit gerechnet, dass ich Kopien bei Miriam hinterlegt hatte.
Sie hatten nicht damit gerechnet, dass ich ihre Stimmen bewahren würde.
Und sie hatten vor allem nicht damit gerechnet, dass ich mich wehren würde.
Drei Wochen später erhielt ich die Nachricht, dass gegen Artem und Tamara wegen Urkundenfälschung, Betrugsversuchs und Bedrohung ermittelt wurde. Artem durfte die gemeinsame Wohnung nicht betreten. Tamara musste bei ihrer Schwester unterkommen.
Ich nahm keine Genugtuung daraus.
Ich war nur müde.
Im Frühjahr zog ich mit Jonas in eine kleine Wohnung in Rostock. Die Wände waren noch kahl, und der Boden knarrte bei jedem Schritt. Aber niemand legte dort seine Schlüssel auf den Wickeltisch und erklärte mir, wem mein Zuhause gehörte.
Ich begann, halbtags für eine Buchhandlung zu arbeiten. Morgens trank ich Tee aus einer gelben Tasse, während Jonas auf seiner Decke lag und nach dem Licht an der Zimmerdecke griff.
An den Kühlschrank klebte ich seine erste Zeichnung. Sie zeigte drei krumme Figuren, eine große, eine kleine und eine winzige mit einem Kreis als Kopf.
„Wer ist das?“, fragte ich.
Jonas war noch zu klein, um zu antworten. Er lachte nur.
„Das sind wir“, sagte ich.
Im November fiel der erste Schnee. Ich stand am Fenster und befestigte den alten Fuchs aus dem Mobile über Jonas’ Bett. Eine Pfote hing noch immer schief nach unten.
Da kam eine Nachricht von Artem.
„Ich habe verstanden, was ich getan habe. Bitte lass mich Jonas sehen. Ich werde mich ändern. Wir können eine Familie sein.“
Ich las die Nachricht zweimal.
Dann schrieb ich zurück: „Jonas braucht keinen Vater, der seine Mutter bedroht. Wenn du ihn sehen möchtest, wende dich an das Jugendamt und halte dich an jede Auflage.“
Ich wartete.
Seine Antwort kam nach wenigen Minuten.
„Du bist herzlos.“
Ich löschte die Nachricht.
Nicht, weil sie mich nicht mehr verletzte. Sondern weil sie mich nicht mehr lenkte.
Am Abend badete ich Jonas. Er spritzte Wasser über den Rand der kleinen Wanne, und ich musste lachen. Danach wickelte ich ihn in das Handtuch mit dem gelben Entenkopf. Es war an einer Ecke schon dünn geworden, aber ich brachte es nicht über mich, es wegzuwerfen.
Ich legte meinen Sohn ins Bett und zog die Spieluhr auf. Der kleine Fuchs drehte sich langsam im Kreis. Seine schiefe Pfote berührte die Schnur, und ein leises Klappern erfüllte das Zimmer.
Jonas schloss die Augen.
Ich setzte mich neben ihn und legte meine Hand auf seine winzige Brust.
Diesmal gehörte das Zimmer wirklich uns.
Der Fuchs drehte sich weiter.
Und ich blieb.
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