
Als der Bestatter meinen angeblich toten Mann schminkte, bemerkte ich unter seinem Kinn eine Haut, die sich bewegte.
Ich hatte Oleg sieben Stunden lang angerufen, bevor die Polizei sich meldete. Es war kurz nach Mitternacht gewesen, und in unserer Küche tickte die Wanduhr so laut, dass ich jeden einzelnen Schlag zählen konnte.
„Frau Petrowa? Ihr Mann hatte einen Unfall“, sagte eine Männerstimme. „Sein Wagen wurde am Fluss gefunden.“
„Und Oleg?“
Am anderen Ende entstand eine Pause.
„Wir suchen noch.“
Am nächsten Morgen fanden sie eine Leiche flussabwärts. In den Taschen lagen Olegs Ausweis, seine Geldbörse, sein Ehering und ein Schlüsselbund mit dem kleinen roten Kunststofffisch, den unsere Tochter Anja ihm zum Geburtstag geschenkt hatte. Das Gesicht war angeblich durch den Unfall und das Wasser nicht mehr zu erkennen.
Trotzdem sagte der Ermittler, es gebe keinen Zweifel.
Ich hatte Zweifel.
Auf dem ersten Foto des Wagens zeigte die zerbrochene Windschutzscheibe nach innen. Auf dem zweiten lag das Glas sauber auf der Motorhaube. Ein Zeuge sprach von einem Unfall um halb neun, ein anderer behauptete, er habe Olegs Wagen erst kurz vor Mitternacht am Fluss gesehen. Im Bericht stand wiederum ein Zeitpunkt, zu dem die Leiche längst hätte gefunden worden sein müssen.
„Sie sind übermüdet“, sagte meine Schwiegermutter Vera am Nachmittag in unserem Wohnzimmer. Ihre Finger zerdrückten dabei ein Papiertaschentuch. „Du musst akzeptieren, dass Oleg tot ist.“
„Ich muss akzeptieren, was passiert ist. Nicht jede Version, die man mir vorlegt.“
Vera sah zu meinem Schwager Viktor. Er stand neben dem Bücherregal und strich immer wieder über seine silberne Manschette.
„Hör auf, die Familie zu quälen“, sagte er.
„Warum hast du Oleg am Unfallabend dreimal angerufen?“
Seine Hand blieb stehen.
„Geschäftliche Gründe.“
„Welche?“
„Das geht dich nichts an.“
Die Beerdigung wurde zwei Tage später angesetzt. Der Sarg sollte offen bleiben, weil Vera darauf bestand, Oleg ein letztes Mal sehen zu können. Ich wollte widersprechen, doch der Bestatter erklärte mir, die Verletzungen seien vollständig abgedeckt.
In der Trauerhalle roch es nach Lilien, Möbelpolitur und feuchter Wolle. Der Sarg stand mitten im Raum, umgeben von weißen Kränzen. Neben ihm befand sich ein schwarzer Plastikeimer, in dem die Floristin frisches Wasser für die Blumen aufbewahrte.
Ich ging langsam auf den Sarg zu.
Das Gesicht war bleich und glatt geschminkt. Zu glatt. Oleg hatte am Kinn eine kleine Narbe, die er sich als Kind beim Sturz vom Fahrrad zugezogen hatte. Der Mann im Sarg hatte dort eine gerade, makellose Fläche.
Seine Ohren standen anders ab.
Die Hände waren größer.
Ich beugte mich vor und berührte vorsichtig seine Wange. An meinen Fingerspitzen blieb ein dunkler Streifen zurück. Direkt unter dem Ohr löste sich eine hauchdünne Schicht, als wäre die Haut nur aufgeklebt.
„Halten Sie die Zeremonie an“, sagte ich.
Der Bestatter trat zu mir. „Frau Petrowa, bitte.“
„Das ist nicht mein Mann.“
Vera packte meinen Arm. „Marina, genug!“
Ich riss mich los und sah wieder in das starre Gesicht. In diesem Moment hörte ich ein kaum wahrnehmbares Knacken aus dem Sarg.
Dann noch eines.
Mein Herz schlug so heftig, dass mir die Sicht flimmerte. Ich drehte mich zum Eimer, griff mit beiden Händen nach dem kalten Metall und hob ihn hoch.
„Was tun Sie da?“, schrie der Bestatter.
Ich antwortete nicht.
Das Wasser traf das geschminkte Gesicht. Die Blumen im Eimer klatschten auf den Boden. Für eine Sekunde blieb alles still.
Dann riss der Mann im Sarg die Augen auf, holte röchelnd Luft und hob die Hand, als wollte er sich schützen. Aus seiner Kehle kam ein entsetzlicher Schrei, während sich die falsche Haut von seinem Gesicht löste und zu Boden glitt…
TEIL 2
Der Mann im Sarg schlug um sich, während die aufgeklebte Haut von seinem Gesicht rutschte. Darunter kam ein schmaleres, kantigeres Gesicht zum Vorschein, das keiner von uns kannte.
„Nehmt ihn heraus!“, rief jemand.
Der Bestatter und Viktor zogen den Mann aus dem Sarg. Er fiel auf die Knie, würgte Wasser und Schminke aus und presste beide Hände gegen seine Kehle. Vera stand wie versteinert neben dem ersten Kranz. Eine Lilie lag auf ihrer schwarzen Stola.
„Wer ist das?“, fragte sie.
Der Fremde antwortete nicht. Er starrte nur zur Tür.
Dort stand plötzlich ein Polizeibeamter mit gezogener Waffe.
„Niemand verlässt den Raum“, sagte er. „Alle bleiben, wo sie sind.“
Ich konnte kaum atmen. Der falsche Tote hustete, und jedes Husten fuhr mir durch den Körper. Nicht, weil ich ihn kannte. Sondern weil er Olegs dunkle Armbanduhr trug.
„Wo ist mein Mann?“, fragte ich.
Der Mann hob den Blick. Seine Augen waren grau und erschöpft.
„Wenn ich es sage, bringen sie ihn um.“
Viktor ging einen Schritt auf ihn zu. „Du hast keine Ahnung, wovon du redest.“
„Ich habe ihn gesehen“, flüsterte der Fremde. „Im Lagerhaus am Ostkai.“
Vera begann zu weinen. Doch sie weinte nicht wie eine Mutter, die gerade erfahren hatte, dass ihr Sohn vielleicht lebte. Sie weinte, als hätte jemand eine Rechnung auf den Tisch gelegt, die sie nicht bezahlen konnte.
Der Polizist nahm dem Fremden Handschellen ab, die an dessen Gürtel befestigt waren, und führte ihn in einen Nebenraum. Dann wandte er sich mir zu.
„Frau Petrowa, ich bin Hauptkommissar Jonas Keller. Wir haben den Unfallbericht zurückgehalten, weil wir eine Fälschung vermuteten.“
„Warum haben Sie mich dann zur Beerdigung gehen lassen?“
„Weil jemand unbedingt wollte, dass Sie diesen Mann für Oleg halten.“
Im Nebenraum roch es nach Desinfektionsmittel. Der Fremde saß auf einem Klappstuhl und hielt ein zerrissenes Stück Stoff in der Faust. Darauf war ein Teil von Olegs rotem Kunststofffisch zu sehen.
„Wie heißen Sie?“, fragte Keller.
„Sergej Malzew.“
„Was haben Sie mit Oleg zu tun?“
Sergej sah mich an. „Er hat mich bezahlt, damit ich seine Identität bestätige.“
„Dann lebt er?“
„Ja.“
Das Wort traf mich härter als der Anblick des fremden Körpers.
Oleg lebte.
Keller legte einen versiegelten Beweisbeutel auf den Tisch. Darin lag ein kleines Aufnahmegerät mit einem gesprungenen Gehäuse.
„Wir fanden es im Handschuhfach seines Wagens“, sagte er. „Es wurde vor dem Unfall eingeschaltet.“
„Warum spielen Sie es nicht ab?“
„Weil darauf nicht nur Ihr Mann zu hören ist.“
Hinter der Tür wurden Stimmen laut. Viktor verlangte seinen Anwalt, Vera schluchzte, und der Bestatter erklärte jemandem, dass er für nichts verantwortlich sei.
Keller drückte auf die Wiedergabetaste.
Zuerst hörte ich Wasser, das gegen Metall schlug. Dann Olegs Stimme, leise und angespannt.
„Wenn Marina die Leiche erkennt, ist alles vorbei.“
Eine zweite Stimme antwortete. Ich kannte sie.
Keller stoppte die Aufnahme, bevor der nächste Satz erklang, und sah mich an.
„Frau Petrowa, bevor wir weitermachen, müssen Sie mir sagen, ob Sie diese Stimme ebenfalls erkennen.“
Ich hörte meinen eigenen Atem. Hinter der Tür verstummte plötzlich jedes Geräusch.
„Spielen Sie weiter“, sagte ich.
Keller legte den Finger auf die Taste, doch in diesem Augenblick vibrierte sein Telefon. Er blickte auf das Display, und sein Gesicht veränderte sich.
„Was ist passiert?“, fragte ich.
Er stand auf.
„Die Überwachungskamera am Ostkai hat gerade eine Bewegung registriert.“
„Oleg?“
Keller nahm den Mantel vom Haken.
„Vielleicht. Aber jemand hat dort soeben Ihre Tochter hingebracht…“
TEIL 3
„Was haben Sie gesagt?“
Ich sprang auf, so schnell, dass der Klappstuhl hinter mir umkippte. Der gesprungene Rekorder rutschte über den Tisch, und Sergej griff danach.
„Sie dürfen nicht dorthin“, sagte Keller.
„Meine Tochter ist dort!“
„Genau deshalb dürfen Sie nicht unbewaffnet los.“
Im Flur stand Viktor plötzlich vor uns. Sein Gesicht war kalkweiß, die silberne Manschette halb aus dem Hemd gerissen.
„Wo ist Anja?“, fragte er.
Keller sah ihn scharf an. „Das wollten wir Sie gerade fragen.“
Viktor öffnete den Mund, aber kein Wort kam heraus. Vera wich gegen die Wand zurück. Auf dem Boden klebten noch nasse Lilienblätter.
„Spielen Sie die Aufnahme ab“, sagte ich. „Jetzt.“
Keller setzte den Rekorder erneut in Gang.
Olegs Stimme erklang aus dem kleinen Lautsprecher.
„Wenn Marina die Leiche erkennt, ist alles vorbei.“
Dann sagte die zweite Stimme: „Sie wird nichts erkennen. Die Schminke hält bis zur Beerdigung.“
Ich schloss die Augen.
Es war Viktor.
Nicht ähnlich. Nicht möglicherweise. Seine Stimme, sein langsames Ausatmen zwischen den Sätzen, sogar das leichte Knacken am Ende des Wortes war unverkennbar.
„Was wolltest du von Oleg?“, fragte ich.
Viktor starrte auf den Rekorder. „Das ist manipuliert.“
„Dann erklär die nächste Stelle“, sagte Keller.
Die Aufnahme lief weiter.
„Du unterschreibst den Verkauf“, sagte Viktor. „Oder Anja verschwindet zuerst. Danach deine Frau.“
Ein Stuhl scharrte. Oleg fluchte.
„Du hast versprochen, dass Marina nichts passiert.“
„Ich verspreche nur, was ich brauche.“
Mir wurde kalt, obwohl im Raum die Heizung dröhnte. Oleg hatte mich also nicht verlassen. Er hatte versucht, mich zu schützen, indem er sich in eine andere Identität flüchtete. Doch warum hatte er mich sieben Stunden lang nicht angerufen? Warum hatte er eine falsche Leiche zugelassen?
Die Antwort kam mit seiner eigenen Stimme.
„Ich bringe den Datenträger heute Nacht zum Ostkai. Danach bekommt Marina die Unterlagen. Wenn mir etwas passiert, geht alles an Keller.“
Keller sah zu mir. „Der Datenträger enthält die Buchhaltung von Viktors Bauunternehmen. Schmiergeldzahlungen, gefälschte Rechnungen und Überweisungen auf ausländische Konten.“
„Oleg war Buchhalter bei Viktor“, sagte Sergej. „Er wollte aussteigen. Viktor ließ ihn im Lagerhaus festhalten.“
Viktor trat zurück. „Er hat mich bestohlen!“
„Er hat Beweise gesichert“, erwiderte Keller.
Am Ostkai fanden wir Anja in einem Lieferwagen, gefesselt, aber unverletzt. Oleg lag im Büro des Lagerhauses auf dem Boden. Er war am Kopf verletzt, lebte jedoch.
Als er mich sah, begann er zu weinen.
„Es tut mir leid“, sagte er. „Ich wollte dich da heraushalten.“
Ich kniete neben ihm. „Du hast mich glauben lassen, dass du tot bist.“
„Ich hatte keine Wahl.“
„Doch. Du hättest mir vertrauen können.“
Hinter uns wurde Viktor festgenommen. Vera sagte nichts. Sie hielt nur den roten Kunststofffisch in der Hand, den die Polizei aus Sergejs Tasche genommen hatte.
Keller wollte Oleg ins Krankenhaus bringen. Bevor die Sanitäter ihn auf die Trage hoben, erhielt mein Telefon eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.
Ich öffnete sie.
Es war ein Foto von unserem Haus. Anjas Zimmer war von außen aufgenommen worden. Darunter stand: „Der erste Beweis ist gerettet. Der zweite liegt bei dir, Marina. Wenn du ihn an die Polizei gibst, stirbt jemand, den du liebst.“
Oleg las die Nachricht über meine Schulter.
Sein Gesicht verlor jede Farbe.
Und dann sagte er einen Namen, den ich seit fünfzehn Jahren nicht mehr gehört hatte…
Als Oleg seine eigene Stimme hörte, wurde es still…
Ich glaubte, die Wahrheit würde mich retten. Doch sie öffnete erst die Tür zu einer viel größeren Gefahr.
Was danach geschah, veränderte unser aller Leben.
„Ich habe dich nie geliebt, solange du unbequem warst.“
Oleg senkte den Kopf.
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