
Als ich die Haustür unseres Hauses öffnete, lag der rote Koffer meiner Schwester mitten auf dem Treppenabsatz, und Kristina weinte hinter zwei Einkaufstaschen. Ich blieb stehen, weil ich sofort wusste, dass in den letzten zwei Stunden etwas geschehen war, das sich nicht mehr zurücknehmen ließ.
Oben im Büro hatte ich noch Verträge geprüft, als mein Telefon klingelte. Kristinas Stimme war so schrill gewesen, dass mehrere Kollegen zu mir herübergesehen hatten.
„Viktor, du musst sofort kommen! Anna hat mich rausgeworfen!“
„Beruhige dich. Was genau ist passiert?“
„Sie hat meine Sachen auf den Flur gestellt! Alles! Meine Kleidung, meine Bücher, sogar meine Zahnbürste. Die Nachbarn haben mich angesehen, als wäre ich obdachlos!“
Jetzt stand sie tatsächlich vor mir, mit verweinten Augen und einem zerknitterten Aufnahmehemd in der Hand. An ihrem Handgelenk baumelte das dünne silberne Armband, das unsere Mutter ihr zum neunzehnten Geburtstag geschenkt hatte.
„Sie hat gesagt, ich solle verschwinden“, flüsterte Kristina. „Zwei Tage vor meiner Prüfung. Ich habe ihr erklärt, dass du mein Bruder bist und dass dies auch dein Zuhause ist. Sie hat nur gelacht.“
In meiner Brust stieg die Wut auf, heiß und blind. Seit zwei Wochen wohnte Kristina bei uns, weil sie an der Universität in unserer Stadt ihre Aufnahmeprüfung machen wollte. Ich hatte Anna lange überreden müssen. „Nur bis zur Prüfung“, hatte ich versprochen. „Sie wird kaum auffallen.“
Ich hatte mich geirrt.
„Was hast du getan?“, fragte ich.
Kristina sah zu Boden.
„Nichts. Ich habe gelernt. Manchmal kamen Freunde vorbei, aber nur kurz. Und das Kleid, das sie erwähnt hat, war ein Unfall.“
„Welches Kleid?“
Bevor sie antworten konnte, öffnete sich die Wohnungstür. Anna stand dort, barfuß, mit einem feuchten Geschirrtuch über der Schulter. Ihr Gesicht war ruhig. Zu ruhig.
„Viktor“, sagte sie. „Du bist schnell gekommen.“
„Was soll das hier?“ Ich deutete auf die Taschen. „Du wirfst meine Schwester auf die Straße?“
Anna blickte an mir vorbei zu Kristina.
„Ich habe sie gebeten auszuziehen. Sie hat abgelehnt.“
„Sie ist neunzehn!“
„Und kein Kind.“
„Sie hat eine wichtige Prüfung!“
„Das weiß ich. Deshalb habe ich ihr gestern sogar eine Unterkunft herausgesucht.“
Kristina stieß ein empörtes Geräusch aus.
„Sie wollte mich von Anfang an loswerden. Für sie bin ich eine Belastung.“
Anna legte das Geschirrtuch auf die Kommode. Neben dem Teller lag mein Schlüsselbund. An ihm hing der kleine Messinganhänger in Form einer Straßenbahn, den Anna mir bei unserem Einzug geschenkt hatte. Ich hatte ihn immer für ein Zeichen unseres gemeinsamen Lebens gehalten.
„Viktor“, sagte Anna leise, „frag sie bitte, was heute Morgen passiert ist.“
„Ich habe dir doch alles erzählt“, rief Kristina.
„Nein“, antwortete Anna. „Du hast ihm nur den Teil erzählt, in dem du weinst.“
Ich spürte, wie mein Zorn ins Wanken geriet.
„Anna, du kannst nicht einfach—“
„Doch. In meiner Wohnung kann ich das.“
Das traf mich härter, als es sollte.
„In unserer Wohnung“, sagte ich.
Anna sah mich lange an.
„Dann sag mir, warum du seit zwei Wochen jede Nacht die Nachrichten auf deinem Telefon löschst.“
Kristina wurde plötzlich blass.
„Das hat damit nichts zu tun“, sagte sie hastig.
Anna ging zur Konsole, zog eine schmale schwarze Mappe darunter hervor und legte sie auf den Tisch. Ihre Hand blieb auf dem Verschluss liegen.
„Dann können wir es ja gemeinsam ansehen“, sagte sie.
Und während Kristina einen Schritt zurückwich, begann Anna, die Mappe zu öffnen…
TEIL 2
Annas Finger lösten den Metallverschluss, doch bevor sie die Mappe öffnen konnte, packte Kristina meinen Arm.
„Viktor, bitte. Nicht hier. Du weißt doch, wie sie ist. Sie verdreht alles.“
Ihr Griff war erstaunlich fest. Ich spürte ihre Fingernägel durch mein Hemd.
„Lass ihn los“, sagte Anna.
„Du hast mir nichts zu sagen!“
„In diesem Haus schon.“
Für einen Augenblick hörte ich nur das Summen des Kühlschranks und das dumpfe Dröhnen des Aufzugs im Schacht. Der Messinganhänger an meinem Schlüsselbund schabte über die Tischplatte, als ich meine Hand zurückzog.
„Was ist in der Mappe?“, fragte ich.
Anna sah mich an.
„Dinge, die du vor zwei Wochen hättest wissen müssen.“
„Warum hast du mir nichts gesagt?“
„Weil du jedes Gespräch mit Kristina beendest, sobald sie anfängt zu weinen.“
Kristina schüttelte den Kopf.
„Das ist gelogen.“
Anna schlug die Mappe auf. Oben lag ein Blatt mit dem Briefkopf einer privaten Bildungsberatung. Darunter mehrere ausgedruckte Nachrichten und eine Rechnung.
Ich nahm die Rechnung in die Hand.
„Was ist das?“
„Eine Anzahlung für eine Wohnung“, sagte Anna. „Auf Kristinas Namen. Bezahlt von unserem gemeinsamen Konto.“
Ich blickte zu meiner Schwester.
„Du hast eine Wohnung gemietet?“
„Nur vorübergehend. Ich wollte dich überraschen.“
„Mit siebzehntausend Euro?“
„Das war eine Kaution. Außerdem sind die Preise hier eben hoch.“
Anna lachte nicht. Ihre Augen blieben unbewegt.
„Die Wohnung existiert nicht.“
Kristina sprang auf.
„Natürlich existiert sie!“
„Dann erklär Viktor, warum die angegebene Hausverwaltung seit drei Jahren geschlossen ist.“
Kristina öffnete den Mund, aber kein Ton kam heraus.
Ich spürte Kälte in meinen Händen.
„Woher hast du diese Unterlagen?“
„Der Vermieter hat mich angerufen, weil er eine Anfrage zu seinem alten Gebäude bekommen hatte. Jemand hatte seine Unterschrift nachgemacht.“
„Das beweist gar nichts“, sagte Kristina schnell. „Vielleicht hat jemand meine Daten missbraucht.“
Anna schob mir ein zweites Blatt hin. Darauf stand eine Liste von Überweisungen. Neben jedem Betrag hatte jemand handschriftlich einen Zweck notiert: Prüfung, Unterkunft, Bücher, Reise.
„Ich habe diese Vermerke nicht geschrieben“, sagte ich.
„Ich auch nicht“, antwortete Anna.
Kristina starrte auf die Liste. Ihre Lippen zitterten.
„Du hast in meinem Arbeitszimmer meinen Computer benutzt“, sagte Anna. „Am Dienstag. Du hast behauptet, du müsstest deine Prüfungsunterlagen ausdrucken.“
„Ich habe nur gedruckt.“
„Und dich in das Bankkonto eingeloggt.“
„Nein!“
„Die Überwachungskamera im Flur zeigt, wie du danach den Umschlag mit den Zugangsdaten aus meiner Schublade nimmst.“
Mein Magen zog sich zusammen. Ich erinnerte mich an den Dienstag. Kristina war damals mit einem Lächeln aus Annas Arbeitszimmer gekommen und hatte gesagt, die Druckerpatrone sei leer.
„Warum hast du die Polizei nicht gerufen?“, fragte ich.
Anna strich mit dem Daumen über den Rand der Mappe.
„Weil ich zuerst sicher sein wollte. Und weil ich gehofft habe, dass du selbst erkennst, was passiert.“
„Was soll passiert sein?“, fuhr ich sie an. „Du redest, als hätte sie uns bestohlen.“
Anna schob ihr Telefon über den Tisch.
„Hör dir das an.“
Sie drückte auf die Wiedergabe. Zuerst hörte ich nur ein Knacken. Dann Kristinas Stimme, klar und selbstsicher, ganz anders als auf dem Treppenabsatz.
„Er wird zahlen. Er fühlt sich schuldig, weil er der große Bruder ist. Und wenn Anna sich einmischt, stelle ich mich als verletztes Mädchen dar.“
Mir wurde schwindelig.
Kristina riss das Telefon an sich, doch Anna war schneller.
„Das ist aus dem Flur“, sagte sie. „Du hast gestern Abend mit deinem Freund gesprochen.“
„Das ist aus dem Zusammenhang gerissen!“
„Dann erklär den Zusammenhang“, sagte Anna.
Kristina sah mich an. In ihren Augen war plötzlich keine Träne mehr.
„Viktor, du glaubst doch nicht wirklich, dass sie dich liebt. Sie wollte dich schon immer kontrollieren.“
Dieser Satz traf mich, weil ich ihn selbst seit Monaten verdrängt hatte.
Anna nahm einen weiteren Umschlag aus der Mappe. Er war cremefarben und trug keinen Absender.
„Den hat der Ermittler heute Morgen gebracht“, sagte sie. „Er wollte, dass wir ihn erst öffnen, wenn du da bist.“
In diesem Moment klingelte Annas Telefon. Sie blickte auf das Display und wurde zum ersten Mal an diesem Tag sichtbar blass.
„Wer ist das?“, fragte ich.
Anna nahm nicht ab. Das Klingeln verstummte. Sofort begann es erneut.
Dann las sie die Nachricht darunter und flüsterte: „Er weiß, dass wir die Aufnahmen haben…“
TEIL 3
„Wer weiß es?“, fragte ich.
Anna antwortete nicht. Sie nahm den cremefarbenen Umschlag und ging ins Wohnzimmer. Ich folgte ihr, während Kristina hinter uns her stolperte. Draußen peitschte Regen gegen die Fenster, und das Wasser zog dunkle Linien über das Glas.
„Anna, sag mir endlich, was los ist.“
Sie legte den Umschlag auf den Esstisch.
„Der Mann, an den Kristina das Geld überwiesen hat.“
Kristina blieb stehen.
„Ich kenne keinen solchen Mann.“
Anna sah sie direkt an.
„Sein Name ist Daniel Reuter. Er hat sich im Internet als Mitarbeiter der Universität ausgegeben und Kristina eine gefälschte Zulassungsbestätigung geschickt. Danach hat er sie überzeugt, dass sie für einen angeblichen Wohnheimplatz und zusätzliche Prüfungsgebühren Geld überweisen müsse.“
„Das ist nicht wahr!“, schrie Kristina.
„Dann öffne den Umschlag“, sagte Anna.
Ich nahm ihn. Das Papier fühlte sich trocken und rau unter meinen Fingern an. Darin lagen ein Bericht der Bank, eine Bestätigung der Universität und ein Ausdruck der Überwachungskamera.
Auf dem Bild saß Kristina an meinem Schreibtisch. Neben ihr lag mein Telefon. Auf dem Bildschirm war das gemeinsame Konto geöffnet.
„Das kann gefälscht sein“, sagte sie.
Anna schob das nächste Blatt zu mir.
„Die Universität bestätigt schriftlich, dass Kristina nicht zugelassen wurde und die Prüfung erst übermorgen stattfindet. Der angebliche Mitarbeiter arbeitet dort nicht. Und die Bank hat festgestellt, dass mehrere Überweisungen an dasselbe Konto gingen.“
Ich sah meine Schwester an.
„Wie viel?“
Kristina presste die Arme an den Körper.
„Nicht viel.“
„Wie viel, Kristina?“
„Zweiundzwanzigtausend.“
Meine Knie wurden weich. Genau diese Summe hatte ich in den vergangenen zwei Wochen überwiesen.
„Du hast mich angelogen.“
„Ich wollte dir nur helfen!“
„Du hast gesagt, du brauchst Geld für Bücher und die Unterkunft.“
„Ich hatte Angst!“
„Wovor?“
Da brach ihre Stimme.
„Dass ich durchfalle. Dass Mama wieder sagt, ich sei zu dumm. Daniel hat gesagt, er könne alles regeln. Er hat versprochen, dass ich den Platz bekomme.“
Anna sah auf das Foto.
„Und deshalb hast du meine Zugangsdaten genommen?“
Kristina schwieg.
„Deshalb hast du meine Karte benutzt?“
„Ich wollte es zurückzahlen.“
„Mit welchem Geld?“
Sie hob den Kopf. Ihr Gesicht war nass, aber diesmal weinte sie wirklich.
„Viktor, bitte. Du bist mein Bruder.“
Dieser Satz hatte mich mein ganzes Leben lang gelenkt. Jetzt klang er wie eine Hand, die sich um meinen Hals schloss.
In diesem Augenblick wurde die Wohnungstür aufgerissen. Ein Mann in dunkler Regenjacke stand im Flur. Neben ihm eine Frau mit einem Ausweis an einem blauen Band.
„Herr Berger?“, fragte die Frau.
„Ja.“
„Ich bin Kriminalhauptkommissarin Seidel. Wir müssen mit Ihnen über das Konto und die gefälschten Unterlagen sprechen.“
Kristina wich zurück.
„Sie haben gesagt, Sie würden nicht kommen.“
Der Mann hinter der Beamtin erstarrte.
„Kristina“, sagte er heiser. „Du solltest den Mund halten.“
Die Kommissarin griff nach seinem Arm.
„Daniel Reuter, Sie sind vorläufig festgenommen.“
Er leistete keinen Widerstand. Er starrte nur Kristina an.
Ich hörte das Klicken der Handschellen, doch in meinem Kopf war alles still.
Anna nahm ihr Telefon und zeigte mir die Nachricht, die sie erhalten hatte. Sie stammte von einer unbekannten Nummer.
„Wenn Kristina redet, verliert Viktor nicht nur Geld. Dann erfährt er, warum seine Ehefrau so leicht an die Kontounterlagen kam.“
Ich sah Anna an.
„Was bedeutet das?“
Sie schloss kurz die Augen.
„Dass Daniel nicht allein gearbeitet hat.“
Dann vibrierte mein eigenes Telefon. Eine neue Nachricht erschien auf dem Bildschirm. Absender war meine Mutter…
Dann hörte ich meine eigene Stimme aus dem Lautsprecher…
Ich dachte, der schlimmste Verrat sei bereits ans Licht gekommen. Doch erst danach verstand ich, welchen Anteil ich selbst daran hatte.
„Wenn Anna sie hinauswirft, stelle ich mich gegen meine Frau.“
Zum ersten Mal konnte ich mir selbst nicht ausweichen.
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