Ich ließ den Sohn eines mächtigen Funktionärs aus dem Saal führen, doch erst bei meiner Frage verstummte sein Lächeln

Als der Hausmeister den leblosen Körper unter den Fliederbüschen fand, ahnte noch niemand, dass dieser Fall meine Karriere und das Leben mehrerer mächtiger Familien zerstören würde.

Es war drei Uhr morgens im Juli 1962. Über Moskau lag eine drückende Hitze, und die Fenster der hohen Wohnhäuser standen offen. Ilja Prokofjewitsch, der Hausmeister der prestigereichen Hochhaussiedlung an der Sokolnitscheskaja-Uferstraße, trug seine kleine Blechlampe in der Hand, als er zwischen den Büschen etwas Weißes bemerkte.

Er blieb stehen.

— Das darf nicht wahr sein, murmelte er.

Die junge Frau lag halb im Staub, halb auf den zerbrochenen Zweigen. Ihr Nachthemd war zerrissen, das dunkle Haar klebte an ihrem Gesicht, und an ihrem linken Handgelenk zeichnete sich ein schmaler roter Abdruck ab. Ilja bekreuzigte sich, zog eine zerknitterte Zigarette aus der Tasche und konnte das Streichholz erst beim dritten Versuch entzünden.

— Zentrale? Hier ist ein Leichenfund. Schnell. Sehr schnell.

Vierzig Minuten später erschien Ermittler Grigorij Korsakow. Ich kannte ihn damals noch nicht, aber später erzählte er mir, dass er beim Anblick des Körpers sofort nach oben gesehen hatte. In einem Fenster im siebten Stock glühte eine Zigarette. Sie flackerte. Dann verschwand sie.

Am nächsten Morgen wurde ich in mein Büro im Bezirksgericht gerufen. Der Geruch von Kohlenstaub und nassem Papier hing in den Fluren. Auf meinem Schreibtisch lag eine Akte, zusammengehalten von einem verblichenen grünen Wollband. Ich wickelte es einmal um den Daumen, wie ich es immer tat, wenn ich mich konzentrieren musste.

— Woronina, sagte der Gerichtspräsident, dieser Fall ist politisch empfindlich.

— Ein totes Mädchen ist kein politisches Problem, antwortete ich. Es ist ein Verbrechen.

Er sah zur geschlossenen Tür.

— In Wohnung 47 wohnt Roman Tar­chow. Sein Vater leitet ein großes Maschinenwerk. Seine Mutter arbeitet im Stadtrat. Seien Sie vorsichtig.

— Das bin ich immer.

— Nein, Anna. Diesmal sollen Sie unsichtbar bleiben.

Das gelang mir nicht.

Am Nachmittag stand ich mit Korsakow vor der Wohnung Nummer 47. Eine schwere Eichentür, glänzender Messinggriff, dahinter der Geruch von Alkohol, Parfüm und abgestandenem Rauch. Roman Tar­chow öffnete erst nach dem dritten Klingeln. Er war zweiundzwanzig, trug ein zerknittertes Hemd und lächelte, als hätte man ihn bei einer belanglosen Unordnung gestört.

— Sie sind die Richterin? fragte er.

— Noch nicht zuständig für ein Urteil. Aber zuständig für die Untersuchungshaft.

Sein Lächeln wurde schmaler.

— Dann sollten Sie wissen, wer mein Vater ist.

— Das weiß ich.

— Und trotzdem stehen Sie hier?

— Gerade deshalb.

Hinter ihm schliefen drei Männer auf Sofa, Teppich und Sessel. Auf dem Tisch standen leere Flaschen, daneben ein silberner Aschenbecher mit einem eingravierten Familienwappen. Korsakow hob ihn mit einem Taschentuch an.

— Wer war gestern hier? fragte er.

— Freunde.

— Namen.

— Ich erinnere mich nicht an alle.

— An die Männer, die geblieben sind, schon? fragte Korsakow.

Roman sah mich an. Zum ersten Mal verschwand die Arroganz aus seinen Augen.

— Dmitri Chomjakow, Vitalij Sinizyn und Boris Awdejew.

— Und die Mädchen? fragte ich.

Er strich mit dem Daumen über den Messinggriff der Tür.

— Sie sind gegangen.

— Alle?

— Fast alle.

— Wer ist nicht gegangen?

Roman öffnete den Mund. In diesem Augenblick hörten wir hinter der Tür ein leises Geräusch. Ein Stuhl scharrte über den Parkettboden. Dann schob jemand von innen einen Umschlag unter die Tür, direkt vor meine schwarzen Schuhe.

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Korsakow bückte sich, doch ich hielt ihn zurück.

— Nicht anfassen.

Am Ende des Flurs blieb ein Fenster offen. Von draußen drang der ferne Klang einer Straßenbahn herauf. Roman wurde kreidebleich, während ich mich langsam nach dem Umschlag ausstreckte…

TEIL 2

Meine Finger waren nur noch wenige Zentimeter vom Umschlag entfernt, als Roman Tar­chow plötzlich gegen die Tür sprang und ihn mit dem Schuh zurückstieß.

— Das ist privates Eigentum!

— Dann erklären Sie mir, warum es unter Ihrer Tür liegt, sagte ich.

— Vielleicht hat ihn jemand absichtlich dort hingeschoben.

— Genau das vermute ich auch.

Korsakow packte Roman am Arm. Der Stoff seines Hemdes knirschte unter den Fingern.

— Hände weg von Beweismitteln.

Roman riss sich los und griff nach dem Telefon im Flur. Das schwarze Bakelitgerät wackelte auf seinem Tischchen.

— Vater? Ich brauche dich sofort.

Korsakow nahm ihm den Hörer aus der Hand.

— Sie brauchen einen Anwalt, keinen Vater.

Im Wohnzimmer wachten die drei Männer auf. Dmitri Chomjakow blinzelte, Vitalij Sinizyn richtete seine goldene Manschette, und Boris Awdejew suchte unter dem Sessel nach seinen Schuhen.

— Wir haben nichts getan, sagte Boris.

— Ich habe noch gar nicht gefragt, was Sie getan haben, antwortete ich.

Seine Hand blieb mitten in der Bewegung stehen.

Der Umschlag wurde im Präsidium geöffnet. Er war nicht grau, sondern aus dünnem, gelblichem Papier, an einer Ecke mit dunklem Wachs verschmiert. Darin lag ein Zettel, beschrieben mit zitternder Schrift.

„Wenn ihr mich findet, sucht im Musikzimmer. Nicht im siebten Stock. Die Tür neben dem roten Vorhang.“

Darunter stand nur ein Name: Lida.

Ich las die Zeilen zweimal. Meine Kehle wurde trocken.

— Wir haben kein Musikzimmer, sagte Roman.

— In Ihrer Wohnung schon, entgegnete Korsakow.

Er hatte bei der Durchsuchung einen Raum hinter einem schweren Vorhang entdeckt, den Roman als Abstellkammer bezeichnet hatte. Dort standen ein verstimmtes Klavier, ein zerbrochener Notenständer und ein roter Samtvorhang, dessen Saum mit frischen dunklen Flecken verschmutzt war.

Am selben Abend saß ich in meinem Büro. Die Lampe warf einen gelben Kreis auf die Akte, und aus dem Korridor drang das Klappern einer Schreibmaschine. Korsakow legte drei Aussagen vor mich.

— Drei Mädchen haben sich gemeldet, sagte er. Sie weigern sich, offiziell auszusagen.

— Warum?

— Weil man ihren Vätern gedroht hat. Einer verlor bereits seine Stelle.

Ich nahm die erste Aussage.

Die junge Frau hieß Marina Belowa. Sie war neunzehn, arbeitete in einer Bäckerei und hatte am Abend der Feier Lida kennengelernt. In ihrer Schilderung kehrte ein Gegenstand immer wieder: ein kleiner Messinganhänger in Form einer Mohnkapsel, den Lida an einem Lederband um den Hals getragen hatte.

— Sie sagte, der Anhänger sei von ihrer Mutter, erklärte Marina. Dann kam Roman herein, und Lida hörte sofort auf zu lächeln.

— Was geschah danach?

Marina starrte auf ihre Hände.

— Sie brachten sie ins Musikzimmer.

— Wer?

— Roman zuerst. Die anderen folgten.

— Haben Sie gesehen, was dort geschah?

Sie hob den Kopf.

— Ich hörte es.

Das Ticken der Uhr an meiner Wand wurde plötzlich unerträglich laut.

In der Nacht rief mich der Gerichtspräsident zu sich. Sein Büro roch nach feuchtem Tabak. Auf dem Tisch lag ein Telefonhörer, obwohl niemand telefonierte.

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— Lassen Sie den Fall fallen, sagte er.

— Eine Tote und mehrere Zeuginnen sollen verschwinden?

— Sie verstehen die Lage nicht.

— Doch. Sehr gut.

— Tar­chows Vater hat Freunde.

— Das Mädchen hatte offenbar keine.

Er schlug mit der Faust auf den Tisch. Ein Glas sprang.

— Sie werden Ihre Stelle verlieren.

Ich wickelte das grüne Wollband fester um die Akte.

— Dann verliere ich sie.

Am nächsten Morgen kam Marina nicht zur Arbeit. Ihr Vermieter sagte, zwei Männer hätten sie in der Nacht abgeholt. Korsakow fand sie schließlich in einer kleinen Klinik am Stadtrand. Sie saß auf einem Metallbett, die Hände um eine Tasse geklammert.

— Lida ist nicht aus dem Fenster gefallen, flüsterte sie.

— Wer hat sie hinausgestoßen?

Marina öffnete den Mund, doch in diesem Moment sprang das Licht aus. Im Dunkeln hörten wir Schritte auf dem Flur, dann das Knacken einer Tür.

Eine Männerstimme sagte ganz ruhig:

— Wenn Sie weiterreden, wird die nächste Zeugin nicht einmal mehr gefunden werden…

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TEIL 3

Die Schritte entfernten sich, und erst als das Licht wieder aufflammte, bemerkte ich, dass Marina blutete. Eine schmale Schnittwunde zog sich über ihre Handfläche. Jemand hatte ihr im Dunkeln die Tasse aus der Hand geschlagen.

— Sie müssen sofort unter Schutz gestellt werden, sagte ich.

— Schutz? Marina lachte tonlos. Wer schützt mich vor Menschen, die sogar die Polizei anrufen können?

Am selben Nachmittag ließ ich Roman, Dmitri, Vitalij und Boris in den Vernehmungsraum bringen. Die Wände waren kahl, die Tischplatte voller Kratzer. In der Mitte lag der kleine Messinganhänger, den Korsakow aus dem Musikzimmer geborgen hatte.

Roman sah ihn und verlor jede Farbe.

— Woher haben Sie den? fragte er.

— Das wollte ich Sie fragen.

— Er gehört mir nicht.

— Marina sagte, Lida habe ihn getragen.

Dmitri begann zu schwitzen. Vitalij rieb sich nervös über den goldenen Manschettenknopf. Boris starrte auf den Boden.

Ich legte eine Tonbandspule auf den Tisch.

— Im Zimmer über Ihrer Wohnung lebt die Schauspielerin Sofja Andrejewna. Sie hörte in jener Nacht Schreie und ließ ihr Tonbandgerät laufen, weil sie glaubte, für ein Hörspiel Geräusche zu sammeln. Die Spule wurde gestern gefunden.

Roman sprang auf.

— Das ist illegal!

— Vielleicht. Aber es ist deutlich.

Korsakow schaltete das Gerät ein. Zuerst hörte man Musik, dann ein dumpfes Schlagen. Eine Frauenstimme weinte. Eine zweite Stimme sagte: „Du glaubst wohl, dir kann niemand etwas anhaben.“ Danach Romans Stimme, unverkennbar, betrunken und kalt:

„Dein Vater wird dir nicht helfen. Niemand wird dir helfen.“

Im Raum begann Boris zu zittern.

— Schalten Sie das aus, flüsterte er.

— Warum? fragte ich.

— Weil ich dabei war.

Roman fuhr herum.

— Halt den Mund!

Boris presste beide Hände auf den Tisch.

— Sie war noch am Leben, als ihr Bruder kam. Roman sagte, sie müsse verschwinden. Wir sollten sie nur erschrecken.

— Du lügst! brüllte Roman.

Dmitri sank auf den Stuhl.

— Er hat sie geschlagen. Dann öffnete Lida das Fenster. Sie wollte fliehen.

— Und Sie haben sie aufgehalten? fragte ich.

Dmitri nickte. Tränen liefen über sein Gesicht.

— Ich habe ihre Hand losgelassen.

Für einige Sekunden hörte man nur das Surren des Tonbandgeräts. Ich spürte, wie sich meine Fingernägel in meine Handflächen bohrten.

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— Sie ist gefallen, sagte Roman plötzlich leise. Ich habe sie nicht gestoßen.

— Sie haben sie in ein Zimmer gesperrt, geschlagen, bedroht und am Fenster festgehalten, sagte ich. Das nennt man nicht Unfall.

In diesem Augenblick stürmte ein Mann in Uniform herein. Hinter ihm stand Romans Vater, Ljew Tar­chow, mit einem Gesicht, das aussah, als sei es aus Stein geschnitten.

— Die Vernehmung ist beendet, sagte der Uniformierte.

Ich stand auf.

— Das entscheiden nicht Sie.

— Doch, wenn der Befehl von oben kommt.

Korsakow zog einen gefalteten Haftbefehl aus seiner Mappe. Seine Finger zitterten nicht.

— Der Befehl kommt vom Oberstaatsanwalt.

Ljew Tar­chow starrte ihn an.

— Sie wissen nicht, mit wem Sie sich anlegen.

— Jetzt wissen wir es, sagte ich.

Roman wurde abgeführt. Im Flur rief er, sein Vater werde alle retten. Doch als die Tür hinter ihm zufiel, klingelte das Telefon auf meinem Tisch.

Ich nahm ab.

— Richterin Woronina? Eine fremde Männerstimme atmete schwer. Sie glauben, das Tonband sei die ganze Wahrheit. Fragen Sie nach Lidas Mutter. Und fragen Sie, warum ihr Name in keinem Melderegister steht.

Dann legte der Mann auf.

Korsakow sah mich an.

— Was bedeutet das?

Ich blickte auf den Messinganhänger. Auf seiner Rückseite war eine winzige Zahl eingeritzt: 214.

Noch bevor wir sie deuten konnten, klopfte es an der Tür. Ein Kurier trat ein und reichte mir eine Mappe.

Auf dem Umschlag stand: „Nur persönlich zu öffnen.“

Als ich das Siegel brach, erkannte ich unter der ersten Zeile den Namen, den niemand auszusprechen gewagt hatte: Lida war nicht die junge Frau, für die alle sie gehalten hatten. Und die Person, die sie in diese Wohnung gebracht hatte, wartete bereits vor meinem Haus…

DAS FINALE

Als ich die letzte Aufnahme hörte, wurde es plötzlich still…

Ich dachte, ich hätte die Wahrheit längst gefunden. Doch das Ende zeigte, wer all die Jahre hinter der verschlossenen Tür gestanden hatte.

Im letzten Kapitel sagte ich nur einen Satz:
„Ich werde Sie nicht retten.“
Und zum ersten Mal musste er allein mit seinen Entscheidungen leben.

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