
TEIL 4
Ich riss die Tür auf, noch bevor die Krankenschwester den Satz beendet hatte.
Andrij stand am Ende des Flurs. Marina war neben ihm.
Sie trug einen cremefarbenen Mantel, hielt eine Ledermappe an die Brust gedrückt und sah aus, als wäre sie zu einer Besprechung gekommen. Nicht in eine Kinderklinik. Zu einer Besprechung.
— Bleib stehen, sagte Katja.
Andrij drehte sich um.
— Ich will nur zu meinem Sohn.
— Dann geh allein, sagte ich. — Warum braucht Marina eine Vollmacht?
Marina wurde blass.
— Ich wusste nicht, was er vorhatte.
— Du hast die Aufnahme gemacht.
Sie schloss die Finger um den Griff ihrer Mappe.
— Ich habe sie gemacht, weil ich Angst bekam.
Andrij fuhr zu ihr herum.
— Du hast versprochen, dass du schweigst.
— Ich habe versprochen, dass ich nicht lüge.
Sein Gesicht veränderte sich. Zum ersten Mal sah ich nicht den Mann, der seit Jahren jede Diskussion gewann, indem er lauter wurde. Ich sah einen Menschen, der merkte, dass seine eigene Geschichte ihm entglitt.
Sein Telefon klingelte.
Er nahm ab.
— Herr Hrytsenko, sagte eine Männerstimme, und selbst aus der Entfernung hörte ich die Kälte darin. — Ich vertrete Sie nicht mehr. Nach Einsicht in die Unterlagen besteht ein unauflösbarer Interessenkonflikt. Außerdem sollten Sie auf keinen Fall weitere Dokumente unterschreiben.
Andrij presste die Lippen zusammen.
— Sie können mich nicht einfach fallen lassen.
— Doch. Das kann ich.
Die Verbindung endete.
Andrij sah mich an.
— Olena, wir können das klären.
— Nein.
— Du zerstörst meine Firma.
— Deine Firma war schon zerstört. Du hast nur versucht, mich darunter zu begraben.
Ein Sicherheitsmitarbeiter kam aus dem Aufzug. Hinter ihm folgte eine Polizistin, die Katja offenbar gerufen hatte, während ich mit der Klinik telefonierte.
— Herr Hrytsenko, Sie kommen bitte mit, sagte sie. — Es geht um den Verdacht auf Urkundenfälschung, unbefugte Zugriffe auf medizinische Unterlagen und Veruntreuung gemeinsamer Gelder.
Andrij lachte kurz. Es klang trocken und fremd.
— Wegen eines Familienkrachs?
Katja hob die Mappe.
— Wegen deiner Unterschrift. Ein Gutachter hat sie bereits mit deinen alten Firmenunterlagen verglichen.
Marina trat zur Seite.
— Ich habe der Polizei alles übergeben, sagte sie. — Auch die Überweisungen.
Andrij sah sie an, als hätte sie ihn körperlich geschlagen.
— Du bist nichts ohne mich.
Marina zitterte, aber sie blieb stehen.
— Das hast du immer gesagt.
Die Polizistin führte ihn weg.
Ich sah ihm nicht nach.
Hinter der Tür der Intensivstation wartete Maxim.
Als ich zu ihm durfte, bewegten sich seine Augen sofort zu meiner Hand. Ich legte die gelbe Kordel mit der Holzlokomotive neben sein Kissen.
— Papa war hier? fragte er schwach.
Ich setzte mich zu ihm.
— Er war im Krankenhaus.
— Hat er mich gesehen?
Ich strich ihm über die Stirn.
— Nicht heute. Aber ich bin hier.
Er schloss die Augen. Seine Finger legten sich um meinen Zeigefinger.
Am Nachmittag bekam Andrij Besuch in einem kleinen Befragungsraum der Polizeiwache. Katja hatte darauf bestanden, dass ich nicht dabei sein musste. Trotzdem bat die Beamtin mich später, die Aufnahme anzuhören, weil eine Aussage von mir fehlte.
Ich saß in einem Raum mit weißen Wänden und einem Tisch, auf dem ein Aufnahmegerät stand. Andrijs Stimme kam aus dem Lautsprecher.
— Wenn Olena heute Nacht unterschreibt, ist die Wohnung praktisch nicht mehr ihr Problem.
Ich hörte meinen eigenen Namen aus seinem Mund.
Dann seine Worte über Maxim.
Wenn der Junge es nicht schafft?
Ich hatte diesen Satz bereits in der Klinik gehört. Aber diesmal kam er aus Lautsprechern. Ohne sein Gesicht. Ohne seine Hände. Ohne die Möglichkeit, mir einzureden, ich hätte ihn falsch verstanden.
Ich legte die Hand auf den Tisch.
— Möchten Sie eine Pause? fragte die Beamtin.
— Nein.
Die Aufnahme lief weiter.
Zum ersten Mal begriff ich, dass ich nicht um meine Ehe trauerte. Ich trauerte um die Jahre, in denen ich Andrij vor sich selbst geschützt hatte.
Zwei Tage später wurde Maxim von der Intensivstation auf die Kinderstation verlegt. Er war schwach, aber er verlangte nach Apfelmus und beschwerte sich über die Farbe der Krankenhausvorhänge. Ich weinte im Bad, weil eine Beschwerde über Vorhänge plötzlich wie ein Wunder klang.
Andrijs Anwältin schickte mir noch am selben Abend eine Nachricht. Sie erklärte, dass die Firma Insolvenz anmelden müsse und dass Andrij die Wohnung nicht betreten dürfe. Ich antwortete nicht.
Eine Woche später nahm die Polizei seinen Firmenwagen mit. Marina sagte gegen ihn aus und musste ebenfalls vor Gericht erscheinen, weil sie an den Geldtransfers beteiligt gewesen war. Ich verspürte keine Genugtuung.
Nur Müdigkeit.
Der Richter bestätigte die einstweilige Verfügung. Andrij durfte Maxim zunächst nur unter Aufsicht sehen. Beim ersten Termin saß er in einem Raum mit bunten Bauklötzen und bemühte sich, freundlich auszusehen.
— Ich habe dir ein Geschenk gebracht.
Maxim sah auf das Paket.
— Warum warst du nicht da, als ich krank war?
Andrij erstarrte.
— Ich wusste nicht, dass du so krank bist.
— Mama hat gesagt, sie hat es dir geschrieben.
Keiner sagte etwas.
Maxim schob das Paket zurück.
— Ich möchte lieber mit Mama nach Hause.
Andrij senkte den Kopf.
Ich ging mit Maxim hinaus. Vor dem Gebäude roch die Luft nach nassem Asphalt. Er hielt meine Hand, obwohl er dafür eigentlich schon zu groß war.
Drei Monate später lebten wir in einer kleinen Wohnung in einer anderen Stadt. Das Wohnzimmer hatte nur ein Fenster, aber morgens fiel Licht auf den Küchentisch. Ich begann wieder in der Kinderbibliothek zu arbeiten, vier Stunden am Tag. Nachmittags holte ich Maxim ab, und wir gingen meistens zu Fuß nach Hause.
Er musste noch oft zur Kontrolle. Bei jedem Arztbesuch wurde er nervös, doch er rieb nicht mehr an seinem Armband. Die kleine Holzlokomotive war inzwischen glatt geworden, weil seine Finger sie so oft berührt hatten.
An einem Samstag malte Maxim ein Bild. Darauf standen wir beide vor einem Haus mit gelber Tür. Über dem Dach schwebte eine Lokomotive.
— Das ist unser neues Zuhause, erklärte er.
— Fährt es auch?
— Nein. Diesmal bleibt es stehen.
Ich küsste ihn auf den Kopf.
Im November fiel der erste Schnee. Ich stellte eine Tasse Kakao vor Maxim, während er am Fenster saß und die Flocken zählte. Mein Telefon vibrierte auf der Arbeitsplatte.
Eine Nachricht von Andrij.
Ich habe alles verloren. Bitte lass mich Maxim sehen. Ich kann mich ändern. Wir waren doch eine Familie.
Darunter lag ein Foto von ihm. Er stand vor unserem alten Haus, ohne Mantel, mit eingefallenem Gesicht.
Ich las die Nachricht zweimal.
Dann löschte ich sie.
Eine Stunde später kam eine zweite.
Nur ein letztes Gespräch. Für ihn.
Ich schrieb: Maxim braucht keinen Vater, der erst nach dem Ende seiner Lügen auftaucht. Für Besuche gibt es feste Regeln. Für unsere Ehe gibt es keine Rückkehr.
Ich schaltete das Telefon aus.
— Wer war es? fragte Maxim.
— Jemand aus früher.
— Kommt er wieder?
Ich sah auf das Bild an der Fensterscheibe. Unser Spiegelbild stand darin: er im Schlafanzug, ich mit Mehl an den Händen, zwischen uns die kleine gelbe Kordel.
— Nicht in unser Leben, sagte ich.
Maxim nickte und legte seine Hand auf die Holzlokomotive.
Draußen fiel der Schnee lautlos auf die Straße.
Die Lokomotive blieb bei uns.
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