Ich stand neben dem winzigen Sarg meiner Schwester, als ihr Mann mit seiner Geliebten kam und seine Hand plötzlich zu zittern begann.
Es war kurz nach vier an einem regnerischen Novembernachmittag in der kleinen Friedhofskapelle von Lübeck. Der Geruch von nasser Wolle, Kerzenwachs und weißen Lilien lag schwer in der Luft. Vor mir stand der Sarg von Anna. Viel zu klein für einen Menschen. Viel zu groß für das, was alle darin vermuteten.
„Du musst dich verabschieden, Clara“, hatte der Bestatter leise gesagt.
Ich hatte meine Finger auf den polierten Deckel gelegt und dabei die abgerissene blaue Knopfnaht aus Annas Mantel in meiner Hand gespürt. Ich hatte sie am Morgen aus ihrer Wohnung mitgenommen, ohne zu wissen, warum. Vielleicht, weil dieser winzige Faden das Einzige war, was sich noch wirklich nach meiner Schwester anfühlte.
Anna war vor neun Tagen nach einer schweren Geburt gestorben. Ihr Mann Markus hatte behauptet, das Kind habe nur wenige Minuten gelebt. Er hatte sogar ein ärztliches Schreiben vorgelegt. Trotzdem hatte ich meine Schwester in den letzten Stunden nicht sehen dürfen. Nicht im Krankenhaus. Nicht im Leichenschauhaus. Nirgendwo.
„Markus entscheidet jetzt“, hatte meine Mutter gesagt.
Dieser Satz hatte sich in meinen Kopf gebohrt.
Dann flogen die Türen der Kapelle auf.
Markus trat herein, in einem schwarzen Mantel, der an den Schultern noch vom Regen glänzte. Neben ihm ging eine blonde Frau mit roten Lippen und einem grünen Ring am rechten Zeigefinger. Ich kannte sie. Julia. Annas Kollegin. Die Frau, deren Namen Anna in der letzten Woche vor ihrem Tod dreimal auf ihrem Telefon gesucht hatte.
„Was macht sie hier?“, fragte ich.
Markus blieb stehen.
„Clara, nicht heute.“
„Gerade heute. Wer ist diese Frau?“
Julia sah nicht mich an, sondern den kleinen Sarg. Ihr Gesicht verlor jede Farbe.
„Du hast gesagt, das Baby liegt darin“, flüsterte sie.
Markus packte sie am Arm. „Sei still.“
„Du hast gesagt, sie würden nichts merken.“
In der Kapelle wurde es so still, dass ich das Tropfen von Wasser auf dem Steinboden hörte. Ich trat näher. Markus’ Finger schlossen sich fester um Julias Arm, und der grüne Ring drückte sich in ihre Haut.
„Was soll das heißen?“, fragte ich.
„Sie ist hysterisch“, sagte Markus. „Julia war Anna gegenüber loyal. Sie trauert.“
„Warum weiß sie dann, was in diesem Sarg liegt?“
Er machte einen Schritt auf mich zu. Ich roch den kalten Rauch seiner Jacke und plötzlich auch Annas Lavendelparfüm daran.
„Du hast immer alles zerstört, Clara. Lass es diesmal bleiben.“
Ich wollte antworten, doch Julia riss sich los. Ihre Augen waren auf den Deckel gerichtet.
„Der Sarg ist leer“, sagte sie.
Markus schlug ihr die Hand vor den Mund. Im selben Moment erschien hinter der Seitentür ein Mann mit einem grauen, versiegelten Umschlag. Er sah mich an und hob langsam die Hand zum Verschluss. Dann sagte er meinen Namen und begann, den Umschlag zu öffnen…
TEIL 2
Der Mann mit dem grauen Umschlag war Dr. Falk, der Arzt, der Anna nach der Geburt behandelt hatte. Er stand um vier Uhr siebenundzwanzig in der Seitentür der Kapelle, während Markus Julia noch immer festhielt.
„Lassen Sie sie los“, sagte Dr. Falk.
Markus drehte sich zu ihm um. „Sie haben hier nichts verloren.“
„Doch. Ich habe etwas unterschrieben, das mich seit neun Tagen nicht schlafen lässt.“
Er reichte mir den Umschlag. Das Papier raschelte unter meinen zitternden Fingern. Darin lag keine Sterbeurkunde, sondern eine Kopie eines Überwachungsprotokolls und ein Foto aus dem Krankenhaus. Das Bild zeigte Anna, blass und erschöpft, aber mit offenen Augen. In ihren Händen hielt sie ein blaues Tuch.
Auf der Rückseite stand: Das Kind lebt.
Mein Atem blieb stehen.
„Das ist unmöglich“, sagte Markus.
„Sie haben mir gesagt, es sei tot“, flüsterte ich.
Dr. Falk sah mich an. „Ich habe es nicht gesagt. Markus hat es behauptet. Als ich den Raum betrat, war das Kind bereits verschwunden.“
Julia begann zu weinen. Ihre Wimperntusche lief über ihre Wangen, und der grüne Ring rutschte an ihrem Finger hin und her.
„Ich wusste nicht, dass Anna sterben würde“, sagte sie. „Ich wusste nur, dass Markus das Kind wegbringen wollte.“
„Wohin?“, fragte ich.
Sie presste beide Hände gegen den Mund.
Markus schlug mit der Faust gegen die Holzbank. Eine Kerze kippte um, und heißes Wachs lief über die schwarzen Rosenblätter.
„Sie lügt“, zischte er. „Sie will sich rächen, weil ich sie verlassen habe.“
„Du hast sie nicht verlassen“, sagte ich. „Du hast mit ihr Annas Wohnung betreten, während Anna im Krankenhaus lag.“
Er erstarrte.
Ich hatte am Vortag Annas alten Rechner aus dem Schrank geholt. Das Gerät war mit einem roten Wollfaden umwickelt gewesen, genau wie die Schachtel mit ihren Briefen. Darauf fand ich eine Aufnahme, die Anna drei Stunden vor der Geburt gemacht hatte. Ihre Stimme war schwach, aber deutlich.
„Wenn mir etwas passiert, vertraue Markus nicht. Er hat die Vaterschaft gefälscht. Und er weiß, wer unser Kind wirklich schützen kann.“
Hinter ihrer Stimme hörte man ein Geräusch. Drei kurze Schläge. Dann eine Männerstimme, die sagte: „Der Transport fährt um Mitternacht.“
„Warum hast du das nicht sofort der Polizei gegeben?“, fragte Dr. Falk.
„Weil ich dachte, Anna hätte Angst vor Markus“, sagte ich. „Ich wusste nicht, dass das Kind verschwunden war.“
Julia hob plötzlich den Kopf.
„Es gab noch jemanden“, sagte sie. „Eine Frau aus dem alten Hafenviertel. Anna wollte, dass sie das Baby versteckt, falls Markus ihr etwas antut.“
„Wie heißt sie?“, fragte ich.
Julia griff in ihre Handtasche und holte einen Schlüssel hervor. Daran hing ein kleiner Anhänger in Form eines Mondes.
„Anna hat mir den gegeben. Sie sagte, wenn sie stirbt, soll ich zu Haus Nummer siebzehn gehen.“
„Und warum hast du neun Tage gewartet?“
Julia sah zum Sarg.
„Weil Markus mir gedroht hat. Er sagte, wenn ich rede, zeigt er der Polizei die Aufnahmen aus meinem Zimmer.“
In diesem Augenblick vibrierte mein Telefon. Eine unbekannte Nummer hatte ein Bild geschickt. Darauf lag ein Baby in einem blauen Tuch, neben einer Uhr, deren Zeiger auf fünf Uhr zwölf standen.
Unter dem Bild stand nur ein Satz: Wenn Sie die Wahrheit wollen, kommen Sie allein. Und bringen Sie Annas Knopf mit…












