Mein Mann kam nicht vom Neujahrsempfang nach Hause, und als ich vor der fremden Tür stand, verschwand ihr Lächeln

Als Olga mir die Tür vor der Nase zuschlagen wollte, hörte ich hinter ihr etwas Schweres zu Boden fallen.

Es klirrte, dann folgte ein unterdrücktes Fluchen. Olga erstarrte. Ich sah an ihr vorbei in die dunkle Wohnung, während mein Herz so heftig schlug, dass mir die Fingerspitzen taub wurden.

– Wo ist Viktor? – fragte ich noch einmal.

– Ich habe keine Ahnung, von wem Sie reden.

– Sie arbeiten mit ihm zusammen. Man hat gesehen, wie Sie gestern mit ihm weggegangen sind.

Olgas Gesicht verlor jede Farbe. Nicht die verärgerte Farbe einer Frau, die früh am Morgen gestört wurde. Es war blanke Angst.

– Wer hat das gesagt?

– Das spielt keine Rolle. Mein Mann ist seit gestern verschwunden.

Sie sah kurz über meine Schulter zum Treppenhaus. Dann ließ sie die Hand vom Türrahmen sinken.

– Kommen Sie herein. Aber sprechen Sie leise.

Die Wohnung roch nach kaltem Kaffee und süßem Parfüm. Auf dem niedrigen Tisch standen zwei Gläser, eines umgekippt, das andere noch halb voll. Neben dem Sofa lag ein schwarzer Herrenschal. Ich erkannte ihn sofort. Viktor trug ihn am Nachmittag, als er unsere Tochter Lisa auf die Stirn geküsst und versprochen hatte, vor neun Uhr zurück zu sein.

Meine Knie wurden weich.

– Er war hier.

– Nein – sagte Olga hastig. – Er war nicht hier. Der Schal lag vor meiner Tür.

– Dann erzählen Sie mir endlich, was passiert ist.

Olga schloss die Tür und schob den Riegel vor. Ihre Finger zitterten so stark, dass der Schlüssel zweimal gegen das Schloss schlug.

– Viktor hat mich gestern gegen halb zehn angerufen. Er klang betrunken, aber ich glaube nicht, dass er betrunken war. Er sagte, ich solle eine Mappe für ihn aufbewahren.

– Welche Mappe?

– Eine rote. Mit einem silbernen Verschluss.

Der Satz traf mich seltsam. Viktor hatte zu Hause eine solche Mappe. Darin lagen die Unterlagen für den Kredit, den wir vor zwei Jahren für die Wohnung aufgenommen hatten. Ich hatte sie seit Monaten nicht gesehen.

– Warum sollte er sie zu Ihnen bringen?

Olga presste die Lippen zusammen.

– Weil er wusste, dass ich ihm nicht mehr helfen wollte.

Im Schlafzimmer begann ein Wecker zu piepen. Olga fuhr zusammen, ging aber nicht hin. Stattdessen zeigte sie auf einen Stuhl neben der Garderobe. Dort lag ein einzelner roter Kinderhandschuh mit einem aufgestickten Fuchs. Lisas Lieblingshandschuh. Ich hatte ihn am Abend zuvor an Viktors Mantel befestigt, damit er ihn auf dem Heimweg nicht verlor.

– Den hatte er bei sich – flüsterte Olga. – Und bevor Sie fragen: Nein, ich habe ihn nicht angerührt.

Ich hob den Handschuh auf. Er war feucht und roch nach nassem Asphalt. Plötzlich wusste ich, dass Viktor nicht einfach länger gefeiert hatte. Irgendetwas war passiert. Etwas, das er vor mir und vor Olga verbergen wollte.

– Wo ist die rote Mappe? – fragte ich.

Olga blickte zur kleinen Abstellkammer am Ende des Flurs.

– Dort. Aber Sie dürfen sie nicht öffnen.

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– Warum nicht?

– Weil Viktor gesagt hat, dass zuerst jemand kommen müsse. Jemand, der seinen Namen kennt und nicht vor ihm zurückweicht.

In diesem Moment vibrierte mein Telefon. Eine unbekannte Nummer. Ich nahm ab, doch niemand sprach. Nur ein gleichmäßiges Tropfen war zu hören.

Dann sagte eine Männerstimme ganz leise:

– Anna, wenn du die Mappe öffnest, siehst du, warum ich nicht nach Hause kommen konnte. Und danach wird niemand von uns mehr sicher sein…

TEIL 2

– Viktor? – Meine Stimme brach. – Wo bist du?

Am anderen Ende knackte es. Dann war die Verbindung tot.

Olga hatte jedes Wort gehört. Sie stand mitten im Flur, den roten Kinderhandschuh an die Brust gedrückt, als könnte er sie schützen.

– Das war er – sagte sie.

– Du hast gesagt, er sei nicht hier gewesen.

– War er auch nicht. Aber ich weiß, woher er angerufen hat.

Wir gingen in die Küche. Es war kurz nach sieben Uhr morgens, draußen hing Nebel zwischen den Häusern. Auf der Fensterbank stand eine vertrocknete Weihnachtssterne, und darunter blinkte die Anzeige einer alten Mikrowelle. 07:14.

– Viktor hat gestern Abend gegen zehn Uhr bei mir geklingelt – sagte Olga. – Er war völlig durchnässt. Nicht vom Schnee. Vom Regen, obwohl es kaum geregnet hat.

– Was hat er gesagt?

– Dass du ihn niemals finden dürftest.

Ich starrte sie an.

– Warum sollte mein Mann so etwas sagen?

Olga wich meinem Blick aus.

– Weil er Angst hatte.

– Vor wem?

Sie strich mit dem Daumen über eine eingerissene Stelle am Handschuh.

– Vor einem Mann namens Ralf Brenner. Dem Finanzleiter eurer Firma.

Der Name sagte mir etwas. Viktor hatte ihn in den vergangenen Monaten oft erwähnt, immer mit einem verächtlichen Lächeln. Brenner sei unfähig, Brenner verstehe nichts von Zahlen, Brenner suche nur jemanden, dem er die Schuld geben könne.

– Was hat Brenner mit meinem Mann zu tun?

– Alles.

Olga öffnete die Abstellkammer. Zwischen Staubsauger, Kisten und einem zusammengeklappten Wäscheständer stand eine rote Mappe mit silbernem Verschluss. Darauf klebte ein winziger Aufkleber in Form eines Sterns.

Ich kannte ihn. Lisa hatte ihn vor Weihnachten auf Viktors Kalender geklebt.

Meine Hand schwebte über dem Verschluss.

– Er sagte, ich solle sie erst öffnen, wenn du da bist – flüsterte Olga.

– Warum hast du mich dann gerufen?

– Weil ich heute Nacht eine Nachricht bekommen habe.

Sie nahm ihr Telefon vom Küchentisch und zeigte mir den Bildschirm. Die Nachricht bestand aus einem einzigen Bild: unserem Haus. Aufgenommen von der gegenüberliegenden Straßenseite. Darunter stand: „Wenn Anna die Mappe findet, ist Lisa als Nächste dran.“

Mir wurde kalt. Nicht wie in der Nacht, als ich vor Sorge auf dem Stuhl gesessen hatte. Diese Kälte kam von innen und nahm mir den Atem.

– Wir müssen zur Polizei.

Olga schüttelte den Kopf.

– Noch nicht.

– Du hast gerade gedroht bekommen!

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– Und du hast ein Kind. Wenn wir jetzt handeln, ohne zu wissen, was in dieser Mappe ist, treiben wir Viktor vielleicht genau dorthin, wo er uns haben will.

– Du glaubst immer noch, dass er uns schützen will?

Olga hob die Augen. Darin lag etwas, das ich nicht erwartet hatte: Scham.

– Nein. Ich glaube, dass er seit Monaten versucht, sich selbst zu retten.

Sie erzählte mir, dass Viktor im Herbst begonnen hatte, Firmenkonten über mehrere Zwischenhändler zu leeren. Zunächst habe sie es für einen Auftrag gehalten. Dann seien Rechnungen aufgetaucht, die nie existiert hatten. Olga hatte ihn darauf angesprochen und gedroht, alles dem Geschäftsführer zu sagen.

– Gestern wollte er, dass ich eine Aussage unterschreibe – sagte sie. – Eine falsche. Darin sollte stehen, dass du Zugang zu seinen Arbeitsdateien hattest.

Ich lachte einmal. Es klang fremd und bitter.

– Er wollte mich zur Schuldigen machen.

– Ja.

Ein Wagen hielt unten vor dem Haus. Türen schlugen. Wir sahen uns an.

Jemand stieg die Treppe hinauf.

Olga griff nach der roten Mappe. Ich nahm Lisas Handschuh und schloss meine Finger darum. Drei Schritte. Zwei. Dann blieb der Fremde vor der Tür stehen und schob langsam einen Schlüssel ins Schloss…

TEIL 3

Der Schlüssel drehte sich, bevor Olga überhaupt reagieren konnte.

– Zurück! – rief sie.

Die Tür sprang auf. Ein breitschultriger Mann in einem dunklen Mantel trat ein. Ich erkannte ihn von den Bildern auf Viktors Firmenfeiern: Ralf Brenner, der Finanzleiter. In seiner Hand hielt er keinen Schlüsselbund, sondern ein schmales Aufnahmegerät.

– Die Mappe – sagte er.

Olga stellte sich vor den Schrank.

– Verschwinden Sie.

– Das hätte Viktor auch sagen sollen, bevor er die Zahlen verändert hat.

Ich trat neben Olga.

– Wo ist mein Mann?

Brenner sah mich lange an. Dann lächelte er ohne Wärme.

– Ihr Mann ist genau dort, wo er sein wollte: außerhalb jeder Verantwortung.

– Das ist keine Antwort.

– Nein. Aber die Mappe enthält eine.

Olga nahm den silbernen Verschluss ab. Das leise Klicken war lauter als jedes Geräusch in der Wohnung. Darin lagen Kontoauszüge, Ausdrucke von Nachrichten und ein kleiner Speicherchip in einer durchsichtigen Hülle.

Meine Hände begannen zu zittern.

Brenner griff danach, doch Olga war schneller. Sie nahm den Chip und schob ihn in das Aufnahmegerät.

Viktors Stimme erklang.

„Anna wird nichts bemerken. Wenn doch, sage ich, sie habe die Unterlagen genommen. Sie kennt die Zugangsdaten. Und Olga wird bestätigen, dass Anna mich unter Druck gesetzt hat.“

Für einige Sekunden bewegte sich niemand.

Dann folgte auf der Aufnahme Olgas Stimme. Sie klang jünger, erschöpft, aber deutlich.

„Ich unterschreibe keine Lüge.“

Viktor antwortete: „Dann verschwindest du eben mit mir.“

Olga schloss die Augen. Ihr Gesicht zerfiel.

Die Aufnahme ging weiter. Viktor erklärte, dass er fast einhundertfünfzigtausend Euro aus der Firma genommen hatte. Er wollte in der Nacht mit einem gefälschten Pass über die Grenze fahren. Die rote Mappe sollte später so aussehen, als hätte ich sie aus dem gemeinsamen Arbeitszimmer gestohlen.

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– Er wollte fliehen – sagte ich.

Brenner nickte.

– Und er wollte Sie als Schutzschild benutzen.

– Warum haben Sie ihn nicht aufgehalten?

– Weil ich ihn gesucht habe. Er hat die letzten Überweisungen über mein Konto laufen lassen. Ich wollte beweisen, dass er mich ebenfalls hineingezogen hat.

Olga blickte auf den Lautsprecher.

– Wo ist er jetzt?

Brenner zog einen Ausdruck aus der Mappe. Darauf stand die Nummer eines Parkhauses am Güterbahnhof.

– Die Polizei hat dort heute Nacht sein Auto gefunden. Leer. Im Wagen lag sein Telefon.

Ich dachte an seine Stimme. An das Tropfen im Hintergrund. An die Drohung, niemand von uns werde sicher sein.

– Er hat mich angerufen.

Brenner nahm sein eigenes Telefon heraus.

– Dann hat er gewollt, dass Sie Angst bekommen. Vielleicht wollte er Sie zum Verschwinden bringen, bevor die Polizei ihn findet.

In diesem Augenblick klingelte Olgas Telefon. Eine neue Nachricht erschien. Kein Bild diesmal. Nur ein Satz:

„Anna soll um neun Uhr allein zum alten Wasserwerk kommen. Sonst erfährt Lisa, was ihr Vater wirklich getan hat.“

Meine Tochter war zu Hause. Sicher, hoffte ich. Doch dann sah ich durch das Fenster auf die Straße.

Vor unserem Haus stand ein Lieferwagen mit laufendem Motor.

Brenner nahm mir das Telefon aus der Hand.

– Gehen Sie nicht dorthin – sagte er.

– Dann geht er zu meiner Tochter.

Brenner sah auf die Nachricht, und zum ersten Mal verschwand auch aus seinem Gesicht jede Farbe.

– Anna, das ist nicht Viktor. Die Nummer gehört einem Mann, der gestern Nacht im Parkhaus bei ihm war. Und wenn ich recht habe, wartet dort nicht nur eine Drohung auf Sie…

DAS FINALE

Dann hörte Viktor seine eigenen Worte wieder…

Ich dachte, die Wahrheit würde alles beenden. Doch sie öffnete erst die Tür zu dem, was danach kam.

Dann hörte ich seine Stimme aus dem Lautsprecher.
„Du hast mich nicht geschützt. Du hast mich ausgewählt.“
Seine Hand sank langsam von der Scheibe.

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