TEIL 4 — Mein Vater verschacherte mich wegen einer Spielschuld, doch als mein Bräutigam bei der Hochzeit schwieg, erstarrte plötzlich sein Anwalt

TEIL 4

…ich drückte das Telefon nicht sofort aus der Hand. Die Stimme am anderen Ende blieb ruhig, beinahe freundlich.

„Wer sind Sie?“, fragte ich.

„Jemand, der dir die Wahrheit geben kann.“

Baste rollte näher zu mir. „Leg auf.“

„Er weiß, dass du zuhörst“, sagte der Fremde. „Und er weiß auch, dass du deine Mutter nicht durch einen Unfall verloren hast.“

Meine Finger wurden taub.

„Sagen Sie mir Ihren Namen.“

„Mateo Salvatierra.“

Baste riss mir das Telefon aus der Hand und beendete das Gespräch.

Draußen heulten mehrere Fahrzeuge auf. Stimmen hallten über den Innenhof. Jemand schlug gegen das Haupttor.

„Was bedeutet dieser Name?“, fragte ich.

Baste antwortete nicht.

Emilio schloss die Geheimtür und zog den schweren Riegel vor. „Salvatierra besitzt inzwischen vierundvierzig Prozent der Montemayor-Gruppe. Wenn er die restlichen Anteile bekommt, kann er Sebastián absetzen.“

„Und mein Vater?“

„Hat ihm die Anteile verkauft“, sagte Baste. „Heute Morgen.“

Mein Magen verkrampfte sich. „Für wie viel?“

Emilio sah auf das Dokument. „Für genau fünfzig Millionen Pesos.“

Die Summe, wegen der mein Vater mich angeblich verkauft hatte, war nie eine Schuld gewesen. Sie war der Preis seines Verrats.

Baste nahm sein Telefon und wählte eine Nummer.

„Rufen Sie die Staatsanwaltschaft an“, sagte er. „Schicken Sie ihnen die Tonaufnahme, die Kontoauszüge und die Übertragungsverträge.“

„Sebastián“, warnte Emilio, „wenn wir das tun, wird Ihr Vater—“

„Rafael ist nicht mein Vater.“

Er legte auf.

Dann klingelte das Telefon erneut. Diesmal war es der Anwalt meines Vaters.

Emilio nahm ab, hörte schweigend zu und reichte Baste das Gerät.

„Herr Montemayor“, sagte eine nervöse Stimme, „mein Mandant möchte die Vereinbarung rückgängig machen.“

„Welche Vereinbarung?“

„Die Übertragung der Anteile.“

„Dann soll er seinen neuen Geschäftspartner fragen.“

„Er hat behauptet, er sei unter Druck gesetzt worden.“

Baste sah mich an. „Das war er nicht.“

„Wenn Sie die Unterlagen weitergeben, wird er verhaftet.“

„Das entscheidet nicht mein Gewissen.“

„Er ist schwer krank.“

„Krank zu sein macht einen Menschen nicht unschuldig.“

Baste beendete das Gespräch.

Eine Stunde später saß ich im kleinen Vorführraum des Anwesens. Die Staatsanwältin, zwei Ermittler und Emilio standen hinter mir. Auf der Leinwand erschien das Bild einer Überwachungskamera aus dem Spielklub meines Vaters.

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Ich sah Rafael, wie er die gefälschten Schuldscheine aus einer Schublade nahm. Ich sah ihn lachen. Neben ihm saß Mateo Salvatierra.

„Wenn die Hochzeit vorbei ist, gehört uns die Firma“, sagte mein Vater auf der Aufnahme.

Mateo fragte: „Und das Mädchen?“

„Sie wird tun, was ich sage.“

Ich hörte meine eigene Stimme im Kopf: Du hast mich nicht verkauft. Du hast mich benutzt.

Baste saß neben mir. Seine Hand lag auf der Armlehne, nur wenige Zentimeter von meiner entfernt.

„Du musst nicht bleiben“, sagte er.

„Ich weiß.“

„Dann bleib nicht meinetwegen.“

Ich legte meine Hand auf seine. Sie war groß, warm und zitterte leicht.

„Ich bleibe, weil ich nicht mehr weglaufen will.“

Die Ermittler nahmen die Unterlagen mit. Noch am selben Abend wurde Mateo Salvatierra am alten Hafen festgenommen, als er auf mich wartete. Mein Vater versuchte, über die Nordstraße zu fliehen. Er kam nicht weit.

Baste ging nicht zur Polizei, um seinen Triumph zu sehen. Er blieb im Wintergarten und starrte auf die Zitronenbäume.

Am nächsten Morgen bat er mich in sein Arbeitszimmer.

„Du bist frei“, sagte er. „Die Ehe kann annulliert werden. Ich werde dir nichts wegnehmen.“

„Und wenn ich nicht gehen will?“

Er sah mich an. „Dann bleibst du aus eigenem Willen.“

„Ich möchte aus eigenem Willen bleiben.“

„Klara, ich habe dich geprüft, belogen und in ein Haus gebracht, in dem du niemandem vertrauen konntest.“

„Ja.“

„Du solltest mich dafür hassen.“

„Vielleicht muss ich lernen, beides zu tun“, sagte ich. „Ihre Fehler zu sehen und trotzdem zu erkennen, dass Sie mich geschützt haben.“

Er senkte den Blick.

Zum ersten Mal wirkte er nicht wie ein mächtiger Mann, sondern wie jemand, der nicht wusste, ob er Vergebung verdient hatte.

Drei Tage später hörte ich die Aufnahme meines Vaters noch einmal. Diesmal saß Baste neben mir. Seine eigene Stimme aus dem Telefon klang hart: „Wenn sie die Aufnahme hört, stirbt zuerst ihr Vater.“

Baste schloss die Augen.

„Ich habe das gesagt“, murmelte er.

„Ja.“

„Ich dachte, Angst sei die einzige Sprache, die dein Vater versteht.“

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„Vielleicht war sie das.“

„Aber du hättest sie nie hören dürfen.“

Ich sah auf die rote Kontrollleuchte des Tonbandgeräts. „Jetzt weiß ich wenigstens, wer Sie waren, bevor Sie aufgehört haben, sich zu verstecken.“

Eine Woche später wurde das Gästezimmer meines Vaters geräumt. Es war leer bis auf eine alte Reisetasche und ein Foto meiner Mutter. Auf dem Bild trug sie ein helles Kleid und lächelte in die Sonne.

Ich nahm das Foto nicht mit.

Ich ließ es auf dem Fensterbrett stehen.

Daneben lag mein Messingarmband. Die winzige Sonne war an der Kante verbogen, weil sie gegen den Tisch geschlagen hatte. Ich hatte es reparieren lassen, aber die kleine Delle war geblieben.

Sie sollte bleiben.

Im folgenden Monat begann Baste eine intensive Behandlung. Jeden Morgen stand er für zehn Sekunden zwischen den Bäumen im Wintergarten. Zuerst brauchte er beide Hände am Geländer. Später nur noch eine.

Ich half ihm nicht, solange er mich nicht darum bat.

Das war seine Entscheidung.

Und meine.

Wir führten kein Märchenleben. Er war noch immer stur. Ich war noch immer misstrauisch. Manchmal stritten wir über Geld, Geheimnisse und die Frage, ob er seinen Rollstuhl nur benutzen sollte, wenn er ihn wirklich brauchte.

Aber wir stritten mit offenen Türen.

Drei Monate später kam der erste Schnee. San Aurelio war an diesem Morgen still. Ich saß mit Baste in der Küche, während unser kleiner Sohn Daniel auf dem Boden ein Bild malte. Er war nicht unser leibliches Kind; wir hatten ihn aus dem Kinderheim aufgenommen, nachdem seine Mutter gestorben war. Baste hatte lange Angst gehabt, ein guter Vater könne er nicht sein.

Daniel schob das Bild über den Tisch.

Darauf waren drei Menschen unter einem gelben Kreis: ein großer Mann, eine Frau mit einem schmalen Armband und ein kleiner Junge.

„Das bist du“, sagte Daniel zu Baste. „Und das ist Mama. Wir haben ein Haus, in dem keiner schreit.“

Baste legte den Pinsel beiseite.

„Das ist ein gutes Haus“, sagte er.

„Warum weinst du?“, fragte Daniel.

Baste wischte sich über die Wange. „Weil ich es endlich gefunden habe.“

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Ein halbes Jahr später kam eine Nachricht von einer unbekannten Nummer. Mein Vater schrieb aus der Klinik. Er bat mich um Geld, um Vergebung und um einen Besuch.

Baste legte das Telefon nicht an sich. Er schob es mir hin.

„Du entscheidest.“

Ich las die Nachricht zweimal.

Dann schrieb ich: „Ich wünsche Ihnen, dass Sie gesund werden. Aber ich komme nicht zurück in Ihr Leben.“

Ich drückte auf Senden.

Es war kein Sieg.

Es war nur das erste Mal, dass seine Not nicht mehr meine Aufgabe wurde.

Am Abend hing ich das Messingarmband an den Haken neben der Küchentür. Daniel hatte einen kleinen Papierstern daran befestigt. Wenn jemand hereinkam, stieß der Stern gegen das Metall und machte ein helles, klares Geräusch.

Baste stand im Türrahmen. Ohne Rollstuhl.

Er hielt sich noch am Stock fest, aber er stand.

„Klara“, sagte er, „kommst du zum Essen?“

Ich sah auf das Armband, auf den Papierstern und auf den Mann, der nicht länger so tun musste, als sei er hilflos.

„Ja“, sagte ich. „Ich komme.“

Der Papierstern klingelte.

Diesmal klang es wie Freiheit.

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