TEIL 4 — Bei der Beerdigung meiner Tochter erklärte mein Schwiegersohn, seine drei Mädchen loswerden zu wollen – dann erlosch sein Lächeln

TEIL 4

„Schicken Sie alles an Frau Neumann“, sagte ich. „Sofort.“

„Das haben wir bereits getan.“

Die Verbindung endete.

Im Zimmer war es still. Nur die alte Heizung klopfte in kurzen Abständen gegen das Rohr.

Arthur griff nach seinem Telefon.

„Ich muss mit meinem Anwalt sprechen.“

„Das solltest du“, sagte Frau Neumann. „Aber nicht, um diese Kinder zurückzubekommen.“

Er wählte eine Nummer. Niemand nahm ab.

Er wählte noch einmal.

„Geh ran“, murmelte er. „Verdammt, geh ran.“

Nadine stand neben dem Fenster und weinte lautlos. Der Polizist nahm ihr die Speicherkarte ab, nachdem Frau Neumann die Dateien gesichert hatte.

Arthur sah mich an. „Charles, wir können das klären.“

„Nein.“

„Du zerstörst gerade meine Familie.“

Ich blickte zu den drei Mädchen. „Diese Familie hast du selbst verlassen.“

Sein Gesicht verhärtete sich.

„Rose hätte dich verachtet, wenn sie sehen könnte, wie du dich aufführst.“

„Rose hat dich in der Aufnahme gehört“, sagte Frau Neumann. „Du solltest vorsichtig sein, wessen Namen du noch benutzt.“

Wenig später traf Arthurs Anwalt ein. Er trug einen nassen Mantel und hielt eine Aktentasche so fest, als könnte sie ihn vor dem retten, was im Haus geschehen war.

Arthur zog ihn in den Flur.

„Sag ihnen, dass die Kinder zu mir gehören.“

Der Anwalt hörte sich die Aufnahme an. Dann die Aussage des Jugendamtes. Dann die Informationen über die Überweisungen.

„Arthur“, sagte er ruhig, „ich kann dich in dieser Sache nicht vertreten.“

„Du bist mein Anwalt!“

„Nicht mehr.“

„Du lässt mich nicht im Stich.“

Der Mann schloss seine Aktentasche. „Ich weigere mich, jemanden zu vertreten, der mich über die entscheidenden Tatsachen belogen hat.“

Arthur schlug mit der flachen Hand gegen die Wand. Im Kinderzimmer fiel ein gerahmtes Bild vom Regal. Das Glas zerbrach auf dem Boden.

Lucy zuckte zusammen.

Arthur sah zu ihr hinüber.

„Ihr habt mich verraten“, sagte er.

Ich stellte mich vor die Mädchen. „Nein. Sie haben die Wahrheit bewahrt.“

AUCH LESEN:  Meine Schwiegermutter verweigerte meiner Großmutter jede Hilfe und verlangte am nächsten Morgen wieder Geld von mir

Der Polizist nahm Arthur mit in den Flur. Die Fragen würden später kommen. Die Beschlagnahmung der Konten würde später kommen. Auch das Gericht würde später entscheiden, wo die Mädchen endgültig leben sollten.

Aber in dieser Nacht wusste niemand mehr, wem er glauben musste.

Nur Arthur hörte seine eigene Stimme noch einmal.

Frau Neumann spielte die Aufnahme im Wohnzimmer ab, diesmal über die Lautsprecher. Jeder Satz füllte den Raum.

„Wenn du stirbst, gehört alles mir.“

Arthur stand unter der Lampe und lauschte, wie seine eigene Stimme ihn entlarvte.

„Du verstehst nicht, was du tust“, sagte er.

„Doch“, antwortete Nadine. „Jetzt verstehen wir es alle.“

Er setzte sich auf den Rand des Sofas. Seine Hände zitterten. Zum ersten Mal seit Roses Beerdigung überprüfte er nicht sein Telefon.

Am nächsten Morgen blieb sein Anzug im Flur hängen. Die Ärmel waren leer, der Stoff roch nach kaltem Rauch. Auf dem Tisch lag die goldene Uhr, die er am Grab so oft betrachtet hatte.

Er kam nicht zurück, um die Mädchen zu holen.

Er kam zurück, um seine Sachen zu holen.

Eine Woche später wurde das Konto eingefroren. Die Ermittler fanden weitere Überweisungen, gefälschte Unterschriften und Nachrichten an Nadine, in denen Arthur schrieb, Rose werde „bald keine Schwierigkeiten mehr machen“.

Nadine sagte gegen ihn aus.

Sie gab die achtzehntausend Euro zurück, die noch auf ihrem Konto lagen, und zog in eine andere Stadt. Ich empfand keinen Triumph. Nur eine tiefe Müdigkeit.

Bei der ersten Anhörung saß Arthur allein hinter seinem Anwalt. Er trug keinen makellosen Anzug mehr, sondern einen grauen Pullover, dessen Kragen schief stand.

Der Richter fragte ihn, ob er die Mädchen weiterhin als seine Töchter anerkenne.

Arthur sah zu Lucy, Rachel und April.

„Natürlich“, sagte er.

Lucy hielt Roses Foto auf dem Schoß. „Dann hättest du uns nicht weggeben wollen.“

Arthur öffnete den Mund.

Es kam kein Wort.

AUCH LESEN:  Mein Mann wollte mich aus meiner eigenen Wohnung werfen, damit seine Mutter einziehen konnte – doch als der Schlosser mit einem versiegelten Umschlag kam, wurde sein Gesicht aschgrau

Das Gericht übertrug mir zunächst die Vormundschaft. Später wurde sie dauerhaft. Arthur durfte die Mädchen nur unter Aufsicht sehen, doch nach zwei Besuchen erschien er nicht mehr. In einem Brief behauptete er, die Kinder brauchten Abstand.

Ich wusste, was das bedeutete.

Er wollte nicht sehen, was seine Entscheidungen aus ihnen gemacht hatten.

Drei Monate vergingen.

Wir zogen in meine kleine Wohnung am Stadtrand von Bremen. Es gab nicht genug Zimmer, also schliefen die Mädchen zunächst gemeinsam im größten Raum. Lucy stellte Roses Foto auf die Fensterbank. Rachel klebte Sterne an die Decke. April nahm jeden Abend meinen alten Messingschlüssel und legte ihn neben ihren Teller.

„Warum machst du das?“, fragte ich eines Morgens.

Sie zuckte mit den Schultern. „Damit du nicht vergisst, dass du uns gefunden hast.“

Ich musste mich abwenden, damit sie meine Tränen nicht sah.

Lucy begann wieder zu lesen. Rachel meldete sich in der Schule zum Schwimmkurs an. April malte jeden Sonntag vier Figuren unter eine gelbe Sonne.

„Das bist du“, erklärte sie und zeigte auf die größte Figur.

„Und wer ist das?“

„Mama. Sie passt von oben auf.“

An einem kalten Dezembermorgen fiel der erste Schnee. Ich stand in der Küche und machte Kakao, während draußen die Straßenlaternen helle Kreise auf den weißen Gehweg zeichneten.

Mein Telefon vibrierte.

Eine Nachricht von Arthur.

Ich habe Fehler gemacht. Lass mich die Mädchen sehen. Nur einmal. Ich kann ein besserer Vater sein.

Darunter stand eine zweite Nachricht.

Rose hätte gewollt, dass wir uns versöhnen.

Ich legte das Telefon auf den Tisch.

Lucy sah mich an. „Was schreibt er?“

„Er möchte zurückkommen.“

„Willst du das?“

Ich dachte an den Friedhof. An Aprils Hand in meiner. An Arthurs saubere Schuhe im nassen Lehm. An die Stimme meiner Tochter, die selbst nach ihrem Tod noch versucht hatte, ihre Kinder zu schützen.

„Nein“, sagte ich. „Aber ich wünsche ihm, dass er eines Tages versteht, was er verloren hat.“

AUCH LESEN:  Ich brachte eine verletzte Schlange heim, doch als sie in der Nacht an die Kellertür kroch, verstummte plötzlich das ganze Dorf

„Und was antwortest du?“

Ich nahm das Telefon wieder auf und schrieb nur einen Satz: Die Tür zu unserem Leben bleibt geschlossen. Bitte respektiere das.

Dann löschte ich seine Nummer.

Am Abend legte April den kleinen Schlüssel erneut auf den Tisch. Der rote Stoffstreifen daran war inzwischen ausgefranst. Ich strich mit dem Daumen darüber und erinnerte mich an Rose, wie sie ihn mir als Kind auf einem Jahrmarkt gegeben hatte.

„Damit du immer nach Hause findest“, hatte sie gesagt.

Damals hatte ich gelacht.

Jetzt wusste ich, dass manche Dinge nicht Türen öffnen.

Manche zeigen nur, welche Türen man nie wieder schließen darf.

Draußen begann der Schnee dichter zu fallen. Im Kinderzimmer lachten Lucy und Rachel, während April ihr neues Bild an die Wand hängte.

Auf dem Bild standen vier Menschen unter einer gelben Sonne.

Und ganz unten hatte sie geschrieben: Wir sind zu Hause.

Missed the beginning?

← Read the story from part one

Rate article
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: