TEIL 4 — Ich öffnete die Tür zum Abschiedszimmer, und als der Hund plötzlich knurrte, wich selbst der erfahrene Arzt zurück

TEIL 4

…sagte Emil, und in diesem Augenblick klingelte sein Telefon.

Es war 00:31 Uhr.

Niemand bewegte sich.

Der Polizeibeamte nahm das Gerät vom Tisch und sah auf das Display. Dort stand eine unbekannte Nummer. Markus starrte darauf, als hätte er den Anrufer erwartet und zugleich gefürchtet.

— Gehen Sie nicht ran, — sagte er.

Ich tat es trotzdem.

— Hier ist Clara Berger.

Zuerst hörte ich nur Atemzüge.

Dann eine Männerstimme.

— Ist Emil bei Ihnen?

Emil richtete sich unter Schmerzen ein wenig auf.

— Jonas? — flüsterte er.

Am anderen Ende wurde es still.

— Papa?

Das Wort traf den Raum härter als jeder Schrei.

Emil schloss die Augen. Bruno hob den Kopf und begann leise zu wimmern.

— Wo bist du? — fragte ich.

— In einem Wagen vor dem Krankenhaus. Ich habe Markus’ Nachricht bekommen. Er schrieb, ich solle nicht kommen, wenn ich meinen Vater noch einmal sehen wolle.

Der Polizeibeamte nahm mir das Telefon ab.

— Bleiben Sie im Wagen. Wir kommen zu Ihnen.

— Wer sind Sie?

— Polizei. Und Sie sollten jetzt nicht wegfahren.

Markus stürzte vor.

— Nein! Sie dürfen ihn nicht hereinlassen!

Der Beamte packte ihn am Arm.

— Sie sind vorläufig festgenommen wegen des Verdachts auf versuchte schwere Körperverletzung und Nötigung.

— Das ist eine Lüge!

— Ihre Stimme ist auf der Aufnahme.

— Die Aufnahme beweist gar nichts!

Dr. Keller deutete auf die Ampulle.

— Das Labor wird beweisen, was darin war.

Markus wandte sich an mich.

— Sie haben keine Ahnung, was Sie zerstören.

— Doch, — sagte ich. — Ich glaube, zum ersten Mal weiß ich es genau.

Er wurde abgeführt.

Nicht dramatisch. Kein Geschrei im Flur, keine Kameras, keine Menschenmenge. Nur das leise Klicken der Handschellen und Brunos Krallen auf dem Linoleum.

Emils Rechtsanwalt, Herr Vogt, traf eine halbe Stunde später ein. Er war außer Atem, trug einen zerknitterten Mantel und hielt ein schmales Ledermäppchen in der Hand.

— Ich habe Markus gestern ausdrücklich gesagt, dass ich keine Vollmacht beglaubigen werde, — sagte er. — Er rief mich trotzdem an und behauptete, Emil sei nicht mehr entscheidungsfähig.

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— Wollte er Sie zu einer Unterschrift bringen? — fragte ich.

— Er wollte, dass ich bestätige, Emil habe ihm das Haus übertragen.

Herr Vogt öffnete das Mäppchen.

— Aber Ihr Onkel hat vor drei Wochen ein neues Testament verfasst.

Emil sah zu ihm.

— Sag es ihr.

— Das Haus geht nicht an Markus. Es wird verkauft. Der größte Teil des Geldes geht an das Hospiz und an den Tierschutzverein, der sich um Bruno kümmert. Für Ihren Sohn Jonas gibt es einen eigenen Anteil, sobald seine Identität bestätigt ist.

Jonas kam kurz darauf herein.

Er war größer, als ich erwartet hatte. Schmal, bärtig, mit denselben hellen Augen wie Emil. An seiner linken Hand trug er einen abgenutzten Ring aus Holz.

Emil sah ihn lange an.

— Du bist wirklich gekommen.

— Ich habe gewartet, dass du mich rufst.

— Ich dachte, du hasst mich.

— Ich war verletzt. Das ist nicht dasselbe.

Ich verstand nun die Wahrheit. Jonas war nach einem Streit verschwunden, nachdem Markus ihm eingeredet hatte, Emil wolle ihn nicht mehr sehen. Der Unfall, von dem alle gesprochen hatten, war kein tödlicher Unfall gewesen. Jonas hatte überlebt, war aber nach einer Kopfverletzung unter einem anderen Namen behandelt worden. Markus hatte ihn gefunden und jahrelang geschwiegen, weil er wusste, dass Emil seinen Sohn niemals enterben würde.

Die schrecklichste Lüge war nicht die Ampulle gewesen.

Es war die gestohlene Zeit.

Am Morgen kam die Untersuchung.

Die Ampulle enthielt ein starkes Beruhigungsmittel, das nicht für Emil verordnet war. Die Menge hätte ihn bei seinem Zustand in Lebensgefahr bringen können. Die Tonaufnahme stammte aus mehreren Nächten. Emil hatte das Gerät unter dem Nachttisch versteckt, nachdem Markus begonnen hatte, ihn zu besuchen.

Und Bruno hatte jedes Mal geknurrt, wenn Markus die Tasche öffnete.

Später, im kleinen Besprechungsraum der Station, hörte Markus seine eigenen Worte noch einmal.

Der Staatsanwalt spielte die Aufnahme ab.

„Wenn du morgen noch lebst, unterschreibst du. Wenn nicht, ist es auch erledigt.“

Markus saß mit gesenktem Kopf da.

— Das habe ich nicht so gemeint, — murmelte er.

Der Staatsanwalt sah ihn an.

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— Sie haben es gesagt.

— Ich war verzweifelt.

— Verzweiflung erklärt eine Tat. Sie löscht sie nicht aus.

Markus blickte zu mir.

— Sie hätten die Aufnahme löschen können.

— Ja.

— Dann wäre alles anders gekommen.

— Nein, — sagte ich. — Dann wäre nur die Wahrheit später gekommen.

Er erhielt später eine mehrjährige Haftstrafe. Nicht nur wegen der Ampulle, sondern auch wegen der Drohungen, der gefälschten Vollmacht und der jahrelangen Erpressung von Jonas. Das Haus wurde verkauft. Emils Wünsche wurden erfüllt.

Aber als ich an jenem Morgen in Zimmer 214 zurückkehrte, dachte ich nicht an Markus.

Ich dachte an den leeren Stuhl neben dem Bett.

Brunos rotes Halsband lag darauf.

Die kleine Messingpfeife hing still daran.

Emil war in derselben Nacht gestorben, kurz nachdem Jonas seine Hand genommen hatte. Ohne Angst. Ohne fremde Stimmen im Zimmer. Bruno lag bis zum letzten Atemzug an seiner Seite.

Ich blieb noch lange bei ihnen sitzen.

Drei Monate später besuchte ich Jonas in dem kleinen Haus am Stadtrand, das er mit dem Geld aus dem Testament renoviert hatte. Im Garten lag Bruno auf einer Decke und beobachtete die Vögel. Er war dünner geworden, aber seine Augen waren wach.

Jonas stellte zwei Tassen auf den Tisch.

— Er wartet immer noch auf meinen Vater, — sagte er.

— Vielleicht wartet er nicht auf ihn.

— Worauf dann?

Ich setzte mich neben den Hund.

— Vielleicht darauf, dass niemand mehr geht, ohne sich zu verabschieden.

Jonas lächelte traurig.

— Emil hat oft von Ihnen gesprochen.

— Was hat er gesagt?

— Dass Sie die einzige Person waren, die ihn nicht wie einen Sterbenden behandelt hat.

Ich sah auf meine Hände.

— Er war mehr als seine Krankheit.

— Das weiß ich jetzt.

Im Winter begann ich, an zwei Tagen in der Woche im Tierschutzverein zu helfen, den Emil unterstützt hatte. Bruno blieb bei Jonas. Jeden Morgen bekam er sein Futter in einer blauen Keramikschale, die Emil noch selbst ausgesucht hatte. Jeden Abend legte Jonas das rote Halsband auf die Fensterbank.

Eines Tages schickte Markus einen Brief aus der Haft.

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Er schrieb, er habe alles verloren. Er schrieb, er wolle sich entschuldigen. Er schrieb, er brauche jemanden, der ihm glaube, dass er kein schlechter Mensch sei.

Ich las den Brief zweimal.

Dann legte ich ihn in den Aktenordner und antwortete nicht.

Eine Woche später kam ein zweiter Brief.

Diesmal schrieb er nur einen Satz: „Haben Sie wenigstens manchmal an mich gedacht?“

Ich nahm ein Blatt Papier und schrieb zurück:

„Ja. Aber nicht, um Sie zu retten.“

Mehr schrieb ich nicht.

Im Frühjahr besuchte ich Jonas wieder. Auf dem Küchentisch lag eine Zeichnung. Ein alter Mann, ein Hund und ein junger Mann standen unter einem großen gelben Kreis.

— Die hat meine Tochter gemalt, — sagte Jonas. — Sie nennt es unser Zuhause.

Bruno kam langsam aus dem Flur. In seinem Maul trug er das alte rote Halsband.

Er legte es vor meine Füße.

Die Messingpfeife berührte den Boden und gab einen hellen, kaum hörbaren Ton von sich.

Ich hob sie auf und hielt sie in meiner Hand.

Zum ersten Mal klang sie nicht wie ein Ruf nach jemandem, der fort war.

Sie klang wie eine Antwort.

Und Bruno blieb.

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