TEIL 4
Jemand kam die Treppe herauf, der offenbar nicht wusste, dass die Aufnahme bereits in unseren Händen war.
Die Tür öffnete sich, bevor jemand klingeln konnte.
Ein Mann in einem dunklen Mantel stand im Flur. In seiner Hand hielt er einen Aktenkoffer.
Dima sprang auf.
„Was machen Sie hier?“
Der Mann sah zuerst ihn, dann mich an.
„Ich soll die Unterlagen abholen.“
Mertens trat vor die Tür.
„Welche Unterlagen?“
Der Mann antwortete nicht.
In diesem Moment kamen zwei Polizeibeamte die Treppe herauf. Der ältere zeigte seinen Ausweis und bat alle, sitzen zu bleiben.
Dima verlor sofort seine laute Stimme.
„Das ist ein Missverständnis.“
„Dann können Sie es erklären“, sagte der Beamte.
„Meine Frau ist überfordert. Sie nimmt Medikamente und—“
„Ich nehme keine Medikamente“, unterbrach ich ihn.
„Das habe ich nicht so gemeint.“
„Doch“, sagte ich. „Genau so hast du es gemeint.“
Der Beamte bat mich um mein Telefon. Ich gab es ihm. Die Aufnahme lief noch einmal durch die Küche.
Walentina weinte nicht. Sie saß gerade da, die Hände auf ihrem Schoß, und starrte auf die Kaffeedose mit der Geranie.
Dima dagegen sah aus, als würde jemand langsam die Luft aus ihm herauslassen.
Als seine eigenen Worte erklangen, hob er den Kopf.
„Ich war verzweifelt“, sagte er.
Der Beamte sah ihn an.
„Das ist Ihre Stimme?“
Dima öffnete den Mund.
Kein Wort kam heraus.
Er hörte sich selbst sagen: „Dann nimmt er Nastja und zieht hier ein.“
Sein Gesicht veränderte sich. Zum ersten Mal verstand er, dass seine Worte nicht verschwinden würden, nur weil er sie bereute.
„Ich wollte das nicht“, flüsterte er.
„Aber du hast es gesagt“, antwortete ich.
Mertens legte die gefälschte Übertragung, die Kontoauszüge und den zweiten Umschlag auf den Tisch. Darin lagen Ausdrucke von Nachrichten zwischen Dima und dem Mann im dunklen Mantel. Es ging um den Verkauf der Wohnung, um eine Anzahlung und darum, wie man mich zum Auszug bringen wollte.
Sogar die bunten Zettel, die Walentina an meine Küchenschränke geklebt hatte, waren erwähnt. Sie sollten später als Beweis dienen, dass ich „unfähig sei, Ordnung zu halten“.
Ich dachte an die umgestellten Töpfe.
An den verschobenen Tisch.
An meine verschwundenen Vorhänge.
Sie hatten nicht nur meine Wohnung verändert. Sie hatten eine Geschichte über mich gebaut.
Und ich hatte geglaubt, ich müsse mich darin rechtfertigen.
Der zweite Beamte nahm Walentina den Schlüsselbund ab.
„Wem gehört dieser Schlüssel?“
Sie sah mich an.
„Meinem Sohn.“
„Er gehört den Eigentümern der Wohnung“, sagte Mertens. „Und eine Eigentümerin sitzt hier.“
Dima wurde aufgefordert, Nastja zu mir zu bringen. Meine Tochter lief sofort in meine Arme und klammerte sich an meinen Hals.
„Ich will nicht mehr zu Oma“, weinte sie.
„Du musst jetzt nirgendwohin“, sagte ich. „Du bist bei mir.“
Dima stand im Flur und hielt ihren rosa Rucksack. Er sah darauf, als wäre er etwas Schweres.
„Lena, wir können das reparieren.“
„Nein.“
„Bitte. Ich habe Schulden, aber ich liebe dich.“
„Liebe nimmt keine Unterschrift weg.“
Er setzte sich auf den Stuhl neben der Tür. Die Polizisten erklärten ihm, dass er die Wohnung nicht betreten dürfe, bis die Sache geprüft sei. Walentina musste ihre Aussage unterschreiben. Der Mann mit dem Aktenkoffer wurde ebenfalls befragt und verließ das Haus ohne seine Unterlagen.
Auf dem Rückweg saß Nastja neben mir im Bus. Sie hielt meine Hand so fest, dass ihre Finger weiß wurden.
„Mama, warum hat Oma meine Bilder umgehängt?“
„Weil sie dachte, sie müsse alles bestimmen.“
„Aber du bist doch die Mama.“
Ich schluckte.
„Ja.“
In unserer Wohnung standen drei große Taschen vor der Tür. Meine Sachen aus Walentinas Küche lagen darin: die Töpfe, die Teller, das Schneidebrett und die braunen Vorhänge, die sie mir zurückgegeben hatte, nachdem sie sich nicht mehr herausreden konnte.
Ich stellte die Taschen nicht in den Flur zurück.
Ich trug sie nach draußen.
Es war kurz nach sechs, und über den Mülltonnen hing der Geruch von nassem Karton. Die braunen Vorhänge legte ich obenauf. Nicht aus Wut. Ich wollte sie einfach nicht mehr in meinem Haus sehen.
Dann nahm ich die Geranie aus der Kaffeedose und stellte sie ans Fenster.
Am nächsten Morgen rief Dimas Anwalt an.
„Ihr Mann möchte eine einvernehmliche Lösung“, sagte er.
„Welche?“
„Er würde auf den Verkauf verzichten, wenn Sie die Anzeige zurückziehen und ihm erlauben, Nastja jedes Wochenende zu sehen.“
„Das entscheidet nicht er allein.“
„Frau Berger, Sie sollten an die Familie denken.“
Ich sah auf den kleinen roten Stift, den Nastja unter dem Schrank gefunden hatte.
„Das tue ich“, sagte ich. „Deshalb ziehe ich nichts zurück.“
Eine Woche später bekam ich von der Bank die schriftliche Bestätigung, dass die Übertragung unwirksam war. Die Ermittlungen gegen Dima und Walentina liefen weiter. Ich musste oft Fragen beantworten, Formulare unterschreiben und in Räumen warten, in denen die Heizung zu warm und das Licht zu kalt war.
Es fühlte sich nicht wie ein Sieg an.
Es fühlte sich an wie Aufräumen nach einem Sturm.
Drei Monate später zog Dima aus der gemeinsamen Wohnung aus. Er hinterließ seinen Fernseher, zwei Tassen und ein Foto von uns aus dem ersten Jahr unserer Ehe. Auf dem Foto lächelte er, als wäre er ein Mann, dem man vertrauen konnte.
Ich stellte es nicht weg.
Ich legte es in einen Umschlag und schrieb darauf: „Nicht vergessen, aber auch nicht zurück.“
Walentina schrieb mir noch zweimal. Beim ersten Mal beschuldigte sie mich. Beim zweiten Mal bat sie um ein Treffen.
Ich ging nicht hin.
Am zweiten Februar lag eine Nachricht von Dima auf meinem Telefon.
„Ich habe alles verstanden. Bitte lass mich nach Hause kommen. Nur für eine Stunde.“
Ich las sie, während draußen der erste Schnee fiel.
Nastja saß am Tisch und malte ein neues Haus. Dieses hatte Fenster, einen Balkon und eine rote Tür.
„Wer wohnt dort?“, fragte ich.
„Wir“, sagte sie. „Und niemand nimmt unsere Sachen.“
Ich antwortete Dima erst, nachdem ich Nastja ins Bett gebracht hatte.
„Du darfst deine Tochter sehen, wenn es für sie sicher ist. Aber du kommst nicht zurück in unser Zuhause.“
Dann löschte ich die Nachricht nicht. Ich legte sie zu den anderen Beweisen.
Meine Arbeit in der Apotheke blieb anstrengend. Ich öffnete morgens die Rollläden, sortierte Blutdrucktabletten und schrieb den Kunden die Einnahmezeiten auf kleine Karten. Aber wenn ich abends nach Hause kam, stand der Wasserkocher wieder am Fenster.
Das Handtuch hing am Haken.
Der Tisch stand dort, wo ich ihn hingestellt hatte.
Und die Geranie bekam endlich genug Licht.
Monate später besuchte uns meine Mutter aus Toljatti. Sie brachte keine Geschenke mit, sondern setzte sich einfach in die Küche und strich über die gelben Streifen des Isolierbands an der Kaffeedose.
„Die hält noch“, sagte sie.
„Wir auch“, antwortete ich.
Nastja klebte am selben Abend einen Stern auf die Dose. Er war schief, viel zu groß und fiel am nächsten Morgen wieder ab.
Ich klebte ihn nicht zurück.
Ich stellte die Dose auf die Fensterbank, genau dorthin, wo sie immer gestanden hatte.
Nicht alles, was zerbrochen war, musste wieder werden wie früher.
Manches durfte einfach aufhören, weh zu tun.
Am ersten Sonntag im März kochte ich Suppe. Kein fremder Schlüssel drehte sich im Schloss. Niemand verschob die Teller. Niemand erklärte mir, wie ich mein eigenes Kind schützen musste.
Nastja kam mit ihrem Bild aus dem Wohnzimmer.
„Mama, schau. Das Haus hat jetzt eine Tür.“
„Und wer hat den Schlüssel?“
Sie dachte kurz nach und drückte mir den roten Stift in die Hand.
„Du.“
Draußen begann es wieder zu schneien. Kleine Flocken landeten auf der Fensterbank und schmolzen neben der rostigen Kaffeedose.
Ich nahm die Geranie vorsichtig hoch. Unter dem gelben Isolierband war die Dose noch immer verbeult. Aber sie hielt.
Ich stellte sie ins Licht.
Diesmal blieb alles an seinem Platz.
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