TEIL 4 — Mein Mann erklärte unsere Einzimmerwohnung plötzlich für seine alleinige Sache und grinste noch, bis ich einen Schlüssel auf den Tisch legte

TEIL 4

Ich ging nicht hinter Ljuba her.

Noch nicht.

Im Flur stand mein Koffer, und auf dem Tisch lag der Schlüssel zu meiner neuen Wohnung. Beides sah klein aus. Beides fühlte sich schwer an.

Igor rief zuerst seinen Rechtsanwalt an.

„Komm sofort“, sagte er. „Sie hat irgendwelche Papiere.“

Eine Pause.

„Nein, ich habe nichts unterschrieben.“

Noch eine Pause.

Sein Gesicht veränderte sich.

„Was meinst du mit Beweisen?“

Er legte auf und rief erneut an. Diesmal nahm niemand ab.

Herr Keller sammelte seine Unterlagen ein.

„Ich empfehle Ihnen, heute nichts mehr zu unterschreiben.“

„Sie können nicht einfach gehen“, sagte Igor.

„Doch“, antwortete Herr Keller. „Das kann ich.“

Artjom stand neben dem Sofa. Zum ersten Mal sah er nicht aus wie jemand, der sich in der Wohnung eingerichtet hatte. Er sah aus wie jemand, der plötzlich begriff, dass ein Boden unter den Füßen nicht automatisch sein eigener war.

„Onkel“, sagte er, „was ist im roten Ordner?“

Igor sah ihn nicht an.

„Nichts, was dich betrifft.“

„Du hast gesagt, die Wohnung gehört uns.“

„Ich habe gesagt, ihr könnt bleiben.“

„Das ist nicht dasselbe.“

Danila schaltete seine kleine elektrische Zigarette aus. Das Gerät blinkte noch zweimal in seiner Hand.

„Wir ziehen aus“, sagte er.

Igor fuhr herum.

„Ihr bleibt hier.“

„Nein“, sagte Danila. „Nicht, wenn du sie dafür hinauswerfen wolltest.“

Ich nahm den Koffer.

Im Treppenhaus roch es nach gekochten Kartoffeln und feuchtem Stein. Tamara stand auf dem Absatz und hielt einen Korb mit Wäsche.

„Marina“, sagte sie leise, „soll ich dir helfen?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Ich schaffe es.“

Sie betrachtete meinen Schlüsselbund.

„Ist das die neue Wohnung?“

„Ja.“

„Dann ist es kein Weggehen“, sagte sie. „Dann ist es Ankommen.“

Diese Worte trafen mich unerwartet hart.

Am nächsten Morgen traf ich Ljuba in einem kleinen Café neben dem Bahnhof. Es war sieben Uhr, und die Scheiben waren vom Atem der Gäste beschlagen. Zwischen uns stand eine Tasse Kaffee, die sie nicht angerührt hatte.

„Der rote Ordner liegt in einem Schließfach bei der Sparkasse“, sagte sie.

„Warum hast du mir geschrieben?“

Sie strich über den Rand ihrer Tasse.

„Weil ich dachte, Igor hätte irgendwann genug Angst. Aber er hatte nur Angst davor, die Kontrolle zu verlieren.“

„Was ist im Ordner?“

„Kontoauszüge. Mahnungen. Ein Darlehen, das er vor zwei Jahren aufgenommen hat.“

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Ich wartete.

„Auf die Wohnung?“, fragte ich.

Ljuba nickte.

„Er hat sie belastet, ohne dir etwas zu sagen. Er wollte damit eine Werkstatt kaufen. Als das Geschäft scheiterte, nahm er einen zweiten Kredit auf. Deine Überweisungen hat er dafür verwendet, die Raten zu bezahlen.“

Der Löffel in meiner Hand blieb über der Untertasse stehen.

„Und warum sollten die Neffen einziehen?“

„Weil die Bank eine Prüfung angekündigt hatte. Er wollte zeigen, dass dort eine Familie lebt und die Wohnung nicht leer steht. Außerdem hoffte er, du würdest ausziehen und keine Fragen mehr stellen.“

Ich sah durch das beschlagene Fenster auf die Menschen, die zum Zug eilten.

„Du wusstest das alles?“

„Seit drei Monaten.“

„Und du hast trotzdem deine Söhne zu uns geschickt?“

Ljuba weinte nicht. Das machte es schlimmer.

„Ich dachte, wenn sie dort sind, zwingt ihn die Verantwortung, vernünftig zu werden.“

„Du hast mich zur Lösung eines Problems gemacht, das ihr beide verursacht habt.“

„Ja.“

Sie sagte es so leise, dass ich es fast nicht hörte.

„Es tut mir leid.“

Ich glaubte ihr. Aber Verzeihen war kein Grund, wieder zurückzugehen.

Später am selben Tag holte ich den roten Ordner aus dem Schließfach. Das Metall klappte mit einem trockenen Geräusch. Darin lagen Kontoauszüge, zwei Mahnungen und ein Schreiben der Bank mit einem Termin in zehn Tagen.

Außerdem lag dort ein Ausdruck einer Nachricht an Igor.

„Wenn Marina auszieht und ihre Zahlungen einstellt, können wir die Rate nicht mehr bedienen.“

Der Absender war nicht die Bank.

Es war Ljuba.

Ich setzte mich auf die Bank vor dem Schließfachraum. Meine Hände waren kalt, obwohl die Heizung unter dem Fenster brummte.

Ich hätte wütend sein können.

Stattdessen fühlte ich mich müde.

Am Abend rief Igor dreizehnmal an. Beim vierzehnten Mal nahm ich ab.

„Du musst zurückkommen“, sagte er sofort. „Nur für ein Gespräch mit der Bank.“

„Nein.“

„Marina, wenn du jetzt nicht hilfst, verlieren wir alles.“

„Ihr verliert nicht alles. Du verlierst die Möglichkeit, mich dafür bezahlen zu lassen.“

„Ich liebe dich.“

Ich schloss die Augen.

„Liebe ist kein Schlüssel, den man nur dann benutzt, wenn man jemanden hinausdrängen will.“

Er atmete scharf ein.

„Du bist meine Frau.“

„Und trotzdem bin ich nicht dein Rettungsring.“

Am nächsten Tag trafen wir uns im Büro des Rechtsanwalts. Nicht, weil Igor es wollte, sondern weil die Bank nach meiner schriftlichen Forderung eine gemeinsame Klärung verlangte.

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Auf dem Tisch stand ein Aufnahmegerät.

Igors Anwalt drückte auf die Wiedergabe.

Dann erklang Igors eigene Stimme im Raum.

„Wenn sie auszieht, bleibt die Wohnung für uns. Sie wird schon nicht alles zurückfordern. Sie war immer zu weich.“

Niemand bewegte sich.

Seine Stimme klang aus dem kleinen Lautsprecher viel kälter, als ich sie in der Küche wahrgenommen hatte.

Igor hörte sich selbst an, wie man einen Fremden hört.

Als die Aufnahme endete, sagte er:

„So habe ich das nicht gemeint.“

Der Anwalt sah ihn an.

„Aber genau das haben Sie gesagt.“

Igor blickte zu mir.

„Marina, bitte.“

Ich schob ihm die Liste mit meinen Zahlungen hin.

„Ich verlange nur die Summe, die ich nachweislich eingebracht habe. Den Rest klärst du mit der Bank.“

„Das kann ich nicht zahlen.“

„Dann wird die Wohnung verkauft oder belastet. Aber nicht mehr mein Leben.“

Die Vereinbarung wurde drei Wochen später unterschrieben. Igor musste mir die Renovierungskosten in Raten zurückzahlen. Die Bank erhielt ihre Sicherheiten. Die Wohnung blieb sein Eigentum, aber nicht länger sein Versteck.

Artjom und Danila zogen in ein möbliertes Zimmer am anderen Ende der Stadt. Danila fand Arbeit in einer Autowerkstatt. Artjom begann eine Ausbildung zum Lagerlogistiker. Beide meldeten sich noch einmal bei mir.

„Es tut uns leid“, sagte Artjom vor meiner neuen Haustür.

„Ihr habt die Entscheidung eures Onkels nicht getroffen“, antwortete ich. „Aber ihr könnt entscheiden, was ihr daraus macht.“

Meine neue Wohnung war kleiner als die alte und trotzdem wirkte sie riesig. Sie hatte ein Fenster zum Innenhof, eine schmale Küche und einen Heizkörper, der nachts klopfte. Ich kaufte einen blauen Becher, eine Pflanze und ein Regal für meine Bücher.

Das Bügelbrett stellte ich direkt neben das Fenster.

Der Sonnenblumenbezug war an einer Ecke gerissen. Ich reparierte ihn nicht sofort. Ich ließ die Naht sichtbar, weil sie mich daran erinnerte, wie lange ich versucht hatte, alles ordentlich aussehen zu lassen.

Vier Monate später fiel der erste Schnee.

Ich saß mit meiner kleinen Tochter nicht, denn ich hatte keine Kinder. Stattdessen rief meine zwölfjährige Nichte Elisa an, die bei meiner Schwester lebte und mich jeden Mittwoch besuchte. Sie wollte wissen, ob ich wirklich allein wohnte.

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„Ja“, sagte ich.

„Ist es nicht traurig?“

Ich sah auf die Tasse in meiner Hand und auf das Bügelbrett am Fenster.

„Nein. Es ist ruhig.“

Elisa malte mir ein Bild. Darauf stand ein kleines gelbes Haus mit einem großen Fenster. Vor der Tür lag ein Schlüssel.

„Das bist du“, sagte sie.

„Warum ist das Haus gelb?“

„Weil du jetzt wieder Licht hast.“

Ich musste mich wegdrehen, damit sie meine Augen nicht sah.

Im sechsten Monat kam eine Nachricht von Igor.

„Ich habe verstanden, was ich verloren habe. Komm zurück. Wir können alles neu anfangen.“

Darunter stand ein Foto von der alten Wohnung. Auf dem Sofa lag eine zusammengerollte Matratze. Im Flur stand die schwarze Reisetasche mit dem abgerissenen Trageriemen.

Ich schrieb nur einen Satz zurück:

„Ich fange neu an, aber nicht dort, wo ich mich selbst verloren habe.“

Dann löschte ich seine Nummer.

Am selben Abend bügelte ich eine weiße Bluse. Das Eisen glitt über den Stoff, der Dampf stieg auf, und durch das Fenster fiel Schnee auf den Innenhof.

Das Bügelbrett mit dem Sonnenblumenbezug stand fest neben der Heizung.

Diesmal musste ich es nicht wegstellen.

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