TEIL 4 — Ich floh nachts mit meiner kleinen Tochter aus dem Haus, doch als mein Mann mich Monate später fand, verlor er plötzlich die Fassung

TEIL 4

Miriam legte auf und schob den Rechner langsam zur Seite.

– Er hat behauptet, Sie hätten ihn mitgenommen, sagte sie. Angeblich seien Sie bewaffnet und wollten ihn töten.

Für einen Moment hörte ich nur die Heizung. Das Klappern klang wie kleine Schläge gegen Metall.

– Er versucht, die Geschichte umzudrehen, sagte ich.

– Ja. Aber diesmal hat er nicht mit uns gerechnet.

Der Polizist vor dem Fenster sprach in sein Funkgerät. Draußen stand Sergej mit erhobenen Händen zwischen zwei Beamten. Er sah nicht mehr groß und unbesiegbar aus. Sein Mantel war offen, sein Haar nass, und auf seiner Wange klebte ein Streifen getrocknetes Blut.

– Er hat sich selbst verletzt, sagte Frau Berger. Beim Einschlagen der Scheibe.

Sergej hatte tatsächlich mit der Faust gegen die Eingangstür geschlagen. Die Scheibe war gesprungen, aber nicht zerbrochen.

– Ich will meine Frau sehen! – rief er.

Der Polizist antwortete laut:

– Sie gehen jetzt mit uns.

– Sie lügt! Sie hat mein Kind entführt!

Ich stand hinter Miriam und hielt Anna fest. Meine Tochter schlief, ihr Gesicht an meiner Schulter. Der rote Handschuh mit dem gelben Faden lugte unter der Decke hervor.

Sergej sah ihn und schlug plötzlich gegen die Scheibe.

– Anna gehört zu mir!

Ich zuckte zurück.

Miriam stellte sich vor mich.

– Nicht mehr heute, sagte sie.

Zum ersten Mal sprach jemand diesen Satz für mich aus.

Sergej wurde abgeführt. Noch am selben Abend rief sein Anwalt bei Miriam an. Er verlangte, dass ich Anna sofort herausgab, und drohte mit einer Anzeige.

– Ohne die Aufnahmen hätten wir ein Problem, sagte Miriam. Mit ihnen haben wir eine Grundlage.

– Und wenn er trotzdem kommt?

– Dann öffnen Sie niemandem die Tür. Nicht ihm. Nicht seinen Freunden. Niemandem.

Am nächsten Morgen musste Sergej seine eigenen Worte anhören.

Die Polizei spielte in einem kleinen Vernehmungsraum seine Sprachnachricht ab. Ich saß hinter einer Glasscheibe. Neben mir Miriam. Auf der anderen Seite saß Sergej mit seinem Anwalt.

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– Du glaubst wohl, du kannst dich verstecken, sagte seine eigene Stimme aus dem Lautsprecher. Du gehörst mir.

Sergej senkte den Kopf.

Die Aufnahme lief weiter.

– Niemand hat gesehen, was passiert ist. Sie wird sagen, ich hätte sie geschlagen. Aber ohne Zeugen ist das nur ihr Wort gegen meines.

Der Raum blieb still.

Der Anwalt sah ihn an.

– Haben Sie das gesagt?

Sergej schluckte.

– Das war aus dem Zusammenhang gerissen.

– Aus welchem Zusammenhang? – fragte der Ermittler.

Sergej antwortete nicht.

Der Anwalt nahm seine Brille ab und rieb sich die Augen.

– Sie hätten mir davon erzählen müssen.

– Sie müssen mich verteidigen!

– Ich kann Sie nicht verteidigen, wenn Sie mich belügen.

Sergej sprang auf.

– Sie sind nutzlos!

Der Ermittler drückte einen Knopf. Auf dem Bildschirm erschien das Video von Frau Novaks Stallkamera. Man sah Sergej, wie er mich über den Hof verfolgte. Man sah den Metallbecher. Man sah den Kanister.

Sein Gesicht wurde grau.

– Das ist nicht möglich, flüsterte er.

Der Ermittler lehnte sich zurück.

– Doch. Es ist Ihre eigene Gestalt. Ihr eigenes Haus. Ihre eigene Nacht.

Sergej setzte sich wieder hin. Er sah auf den Bildschirm, als würde er dort einen Fremden betrachten.

Die vorläufige Schutzanordnung wurde noch am selben Tag erlassen. Sergej durfte sich mir und Anna nicht nähern. Die Staatsanwaltschaft leitete ein Verfahren wegen Körperverletzung, Bedrohung und Nachstellung ein.

Ich wartete nicht auf eine Entschuldigung.

Die kam ohnehin nicht.

Am Abend räumte Sergejs Bruder seine Sachen aus unserem Haus. Er rief Miriam an und behauptete, ich solle wenigstens seine Werkzeugkiste zurückgeben.

– Die Kiste ist nicht das Problem, sagte Miriam.

– Er braucht seine Arbeitssachen.

– Dann soll er sie über einen Gerichtsvollzieher abholen lassen.

Im Haus blieb ein leerer Raum zurück. Das Kinderbett stand noch an der Wand. Auf dem Boden lag Annas zweiter Handschuh, den ich damals nicht gefunden hatte. Ich nahm ihn auf und setzte mich auf die Matratze.

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Vier Jahre meines Lebens passten in zwei Taschen.

Wochen später zog ich mit Anna in eine kleine Wohnung in der Stadt. Die Küche war schmal, die Fenster zogen, und über dem Herd blätterte die Farbe ab. Trotzdem schlief ich in der ersten Nacht durch.

Es war das erste Mal seit Jahren.

Ich begann in einer Bäckerei zu arbeiten. Morgens um fünf roch die Wohnung nach Hefe und warmem Brot. Anna saß am Fenster und malte mit Wachsmalstiften Häuser. Eines Tages zeichnete sie zwei Figuren unter einem gelben Dach.

– Wer ist das? – fragte ich.

– Du und ich, sagte sie. Hier ist es sicher.

Ich musste mich auf den Stuhl setzen.

Im Frühling lernte ich, mit einer kleinen Nähmaschine zu arbeiten. Ich nähte Kinderhandschuhe und Mützen für den Markt. Den roten Handschuh mit dem gelben Faden bewahrte ich in einer Schublade auf. Nicht, weil ich mich an die Angst klammern wollte, sondern weil er mich daran erinnerte, dass ich damals trotz allem weitergegangen war.

Drei Monate später kam der Brief vom Gericht. Sergej war schuldig gesprochen worden. Er erhielt eine Haftstrafe auf Bewährung, musste an einem Gewaltschutzprogramm teilnehmen und durfte sich uns zwei Jahre lang nicht nähern. Wenn er gegen die Auflagen verstieß, würde die Bewährung widerrufen.

Ich empfand keine Freude.

Nur Ruhe.

Ein halbes Jahr nach meiner Flucht klingelte mein Telefon. Eine unbekannte Nummer.

Ich nahm nicht ab.

Kurz darauf kam eine Nachricht.

„Ich weiß jetzt, dass ich vieles falsch gemacht habe. Anna braucht ihren Vater. Gib uns noch eine Chance.“

Ich las die Worte zweimal. Dann löschte ich die Nachricht.

Am nächsten Morgen schrieb er erneut.

„Du warst meine Frau. Du kannst nicht einfach alles vergessen.“

Ich antwortete nur einmal.

„Ich vergesse es nicht. Aber ich komme nicht zurück.“

Danach blockierte ich die Nummer.

Draußen fiel der erste Schnee. Anna stand im Flur und versuchte, ihre Stiefel anzuziehen. Einer war am falschen Fuß.

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– Mama, schau mal!

Ich kniete mich vor sie und wechselte die Stiefel. Aus der Schublade nahm ich den roten Handschuh. Der gelbe Faden war inzwischen locker, also nähte ich ihn fest.

Anna streckte mir ihre Hand entgegen.

– Der ist warm.

– Ja, sagte ich. Sehr warm.

Wir gingen hinaus. Die Stadt war laut, fremd und voller Menschen, die nichts von unserer Geschichte wussten. Zum ersten Mal störte mich das nicht.

Ich musste niemandem mehr erklären, warum ich gegangen war.

Ich musste niemanden überzeugen, dass ich gerettet werden durfte.

Anna hielt meine Hand, während der Schnee auf den roten Handschuh fiel.

Und ich ging weiter, ohne mich umzudrehen.

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