TEIL 4 — Meine Schwiegermutter nahm meine Bankkarte für eine Reise, doch an der Rezeption verschwand ihr selbstgefälliges Lächeln

TEIL 4

—Wen hat sie genannt? fragte ich.

Die Antwort kam so leise, dass ich sie zunächst nicht verstand.

—Ihren Sohn Nikita.

Für einen Moment hörte ich nur das Rauschen in meinen Ohren.

Dann legte ich auf.

Dima sprang auf.

—Was hat meine Mutter gesagt?

—Dass Nikita von den Zahlungen wusste.

Sein Gesicht veränderte sich. Nicht vor Scham. Vor Angst.

—Das ist Unsinn.

—Dann sag es ihr selbst.

Mein Telefon klingelte erneut. Diesmal war es Tamara.

—Anna, hör mir zu, begann sie ohne Begrüßung. Du musst die Sache sofort zurücknehmen.

—Du hast Nikita hineingezogen.

—Ich habe nur die Wahrheit gesagt.

—Er wusste nichts.

—Er hat Dima doch einmal gefragt, warum du ständig über Geld sprichst.

—Er ist zwölf Jahre alt.

—Alt genug, um zu verstehen, dass du die Familie zerstörst.

Ich schloss die Augen. In der Küche stand Nikitas Tasse mit dem aufgemalten gelben Stern. Er hatte sie am Morgen vor der Schule auf den Tisch gestellt und mich gebeten, wieder zu lächeln.

—Hör gut zu, Tamara, sagte ich. Nie wieder benutzt du den Namen meines Sohnes, um mich zu erpressen.

—Du wirst ohne Dima niemand sein.

—Das werde ich herausfinden.

Ich beendete das Gespräch.

Dima ging im Raum auf und ab.

—Du verstehst nicht, was du anrichtest.

—Doch. Zum ersten Mal verstehe ich es.

—Meine Mutter muss zurück ins Sanatorium.

—Dann soll sie ihre Rechnung selbst bezahlen.

—Lera braucht Hilfe.

—Dann soll Lera Hilfe bekommen. Aber nicht mit gestohlenem Geld.

Er schlug mit der Hand gegen die Schranktür. Die Tasse mit dem gelben Stern wackelte.

Ich stellte mich davor.

—Nicht noch einen Schritt.

Am Nachmittag kam Frau Brandt vom Polizeirevier. Sie hatte eine kleine Mappe dabei und sprach ruhig, fast freundlich.

—Wir haben die Aufnahme aus dem Hausflur gesichert, sagte sie. Außerdem liegt uns die Aufnahme aus dem Sanatorium vor.

—Welche Aufnahme?

—Ihre Schwiegermutter hat dort mit Ihrem Mann telefoniert. Die Verwaltung hat das Gespräch dokumentiert, weil sie die Mitarbeiter bedroht hat.

Dima wurde starr.

Frau Brandt legte ein Gerät auf den Tisch.

Aus dem Lautsprecher erklang seine Stimme.

—Anna wird nichts unternehmen. Sie ist gerade aus dem Krankenhaus gekommen und hat keine Kraft. Wenn die Zahlung durchgeht, ist alles erledigt.

Eine zweite Stimme, Tamara.

—Und wenn sie fragt?

—Dann sage ich, es seien Familiengelder. Sie hat immer Angst, allein zu sein.

Die Aufnahme endete.

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Dima sah auf das Gerät, als hätte es gerade seinen eigenen Mund gezeigt.

—Ich habe das nicht so gemeint, flüsterte er.

—Aber du hast es gesagt, erwiderte ich.

Frau Brandt erklärte, dass gegen Tamara und Dima wegen unbefugter Verwendung meiner Karte und des versuchten Betrugs ermittelt werde. Ich musste keine Anzeige gegen meinen Mann erzwingen. Die Beweise waren bereits da.

Dima rief seinen Anwalt an.

—Du musst das klären, sagte er. Sofort.

Der Anwalt kam am Abend. Er roch nach Pfefferminz und legte seinen Aktenkoffer auf den Küchentisch.

—Ich kann versuchen, eine Einigung zu erreichen, sagte er. Aber Sie müssen die Zahlungen anerkennen und das Geld zurückgeben.

—Ich habe kein Geld, sagte Dima.

Der Anwalt sah ihn lange an.

—Dann haben Sie ein größeres Problem, als Sie mir erzählt haben.

Dima wandte sich mir zu.

—Anna, bitte. Wir können uns einigen.

—Worauf?

—Ich zahle es zurück.

—Mit welchem Geld?

Er schwieg.

Der Anwalt schloss seine Mappe.

—Ich vertrete Sie nicht weiter, wenn Sie mir weiterhin Informationen verschweigen.

Er ging.

Dima blieb in der Küche stehen. Zum ersten Mal seit unserer Hochzeit wirkte er nicht wütend, sondern klein.

Am nächsten Morgen packte ich eine Reisetasche. Nicht viel. Medikamente, zwei Pullover, Nikitas Schulhefte und die grüne Mappe.

—Du gehst? fragte Dima.

—Ja.

—Wohin?

—Zu meiner Schwester nach Leipzig. Danach suche ich mir eine eigene Wohnung.

—Und unsere Ehe?

Ich legte die Bankkarte auf den Tisch. Sie war wertlos geworden, sobald ich verstanden hatte, dass ich sie nicht mehr schützen musste, sondern mich selbst.

—Unsere Ehe ist nicht an dieser Karte zerbrochen.

—Woran dann?

—An jedem Mal, an dem du mich davon überzeugt hast, dass ich mich nicht auf meine eigene Wahrheit verlassen darf.

Drei Tage später nahm die Polizei Tamara die Karte ab. Sie hatte sie noch immer in ihrer Handtasche. In einer kleinen Innentasche fand man außerdem den Kassenzettel des Sanatoriums, sorgfältig gefaltet, als wäre der Urlaub nur deshalb gescheitert, weil ich zu spät davon erfahren hatte.

Lera meldete sich bei mir nicht. Später erfuhr ich, dass sie das Sanatorium tatsächlich verlassen hatte und zu einer Beratungsstelle gegangen war. Dort bekam sie endlich Hilfe, die nicht auf Kosten anderer erzwungen wurde.

Dima musste die unrechtmäßigen Zahlungen zurückerstatten. Die Summe war größer, als ich gedacht hatte. Er verkaufte sein Motorrad und zog vorübergehend zu seiner Mutter. Gegen beide wurde ermittelt, doch ich verfolgte die Nachrichten nicht mehr jeden Tag.

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Ich wollte nicht länger um ihr Leben kreisen.

Eine Woche später hörte ich das Gespräch, das ich am meisten gefürchtet hatte.

Nikita saß bei mir im neuen kleinen Zimmer meiner Schwester. Draußen fuhr eine Straßenbahn vorbei.

—Hat Papa dich wirklich belogen? fragte er.

Ich setzte mich neben ihn.

—Ja. Aber das war nicht deine Schuld.

—Ich dachte, Familien halten zusammen.

—Das tun sie. Aber Zusammenhalten bedeutet nicht, dass einer alles nimmt und die anderen schweigen.

Er betrachtete das Tuch mit den roten Hirschen, das neben meinem Telefon lag.

—Hat es dich beschützt?

Ich lächelte zum ersten Mal ehrlich.

—Es hat mich daran erinnert, wen ich beschützen muss.

—Mich?

—Uns beide. Und mich selbst.

Zwei Monate später fand ich eine Arbeit in einer kleinen Buchhandlung. Morgens öffnete ich die Fenster, stellte die Kasse an und schrieb die Bestellungen mit einem grünen Bleistift auf. Nachmittags holte ich Nikita von der Schule ab. Wir gingen zu Fuß nach Hause, auch wenn es regnete.

Ich kaufte mir keinen teuren Mantel. Noch nicht.

Aber ich kaufte einen warmen roten Schal, weil Nikita sagte, Rot sehe nach Mut aus.

Die Scheidung wurde im Frühjahr ausgesprochen. Dima erschien nicht. Sein Anwalt schickte nur die unterschriebenen Unterlagen.

Am selben Abend kam eine Nachricht von ihm.

Ich habe alles verstanden. Bitte komm zurück. Wir können noch einmal anfangen.

Darunter stand ein zweiter Satz.

Meine Mutter meint, du solltest wenigstens die Anzeige zurücknehmen.

Ich las die Nachricht zweimal.

Dann löschte ich sie.

Nicht aus Wut.

Aus Ruhe.

Einige Wochen später stand Dima plötzlich vor der Buchhandlung. Er war dünner geworden. In seiner Hand hielt er eine Papiertüte.

—Ich habe dir etwas mitgebracht, sagte er.

—Das möchte ich nicht.

—Es ist nur dein alter Mantel. Er war noch bei meiner Mutter.

—Behalte ihn.

Er blickte durch das Fenster auf Nikita, der im hinteren Raum ein Bild malte.

—Darf ich mit ihm sprechen?

—Nicht heute.

—Anna, ich habe Fehler gemacht.

—Du hast Entscheidungen getroffen.

Er senkte den Kopf.

—Ich liebe dich.

Ich glaubte ihm sogar. Das war das Schwerste.

—Liebe reicht nicht, Dima.

—Was dann?

—Vertrauen. Und Verantwortung.

Er nickte, als hätte ich ihm eine Rechnung gegeben, die er nicht bezahlen konnte.

—Wirst du mich irgendwann zurücknehmen?

Ich sah auf seine Hände. Früher hatte ich geglaubt, diese Hände könnten mich schützen. Jetzt wusste ich, dass niemand mich retten würde, wenn ich mich selbst immer wieder preisgab.

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—Nein, sagte ich.

Er schloss kurz die Augen.

—Warum bist du so ruhig?

—Weil ich nicht mehr versuche, dich vor den Folgen deiner Entscheidungen zu bewahren.

Er ging.

Im Winter fiel der erste Schnee, als Nikita und ich die Buchhandlung abschlossen. Er hatte inzwischen einen eigenen Schlüssel und trug ihn an einem roten Band um den Hals.

Auf dem Heimweg blieb er vor einem Schaufenster stehen.

—Mama, schau.

Dort lag eine neue Geldbörse, dunkelgrün, mit einem kleinen aufgenähten Hirsch.

Ich musste lachen.

—Die sieht aus wie dein Tuch.

—Dann musst du sie kaufen.

—Vielleicht.

Zu Hause legte ich die zerknitterte Kinderquittung mit den roten Hirschen in die neue Geldbörse. Nicht als Erinnerung an den Diebstahl.

Als Erinnerung an den Moment, in dem ich begriff, dass meine Ersparnisse nicht das Wertvollste waren, das ich gerettet hatte.

Draußen tanzte Schnee im Licht der Straßenlaterne. Nikita schlief bereits. Auf dem Küchentisch dampfte Tee, und zum ersten Mal seit langer Zeit hörte ich in meiner Wohnung kein fremdes Husten, keine wütenden Stimmen und keine Schüsse aus dem Fernseher.

Nur die stille Heizung.

Nur meinen eigenen Atem.

Ich strich über den kleinen Hirsch auf dem Tuch.

Dann schloss ich die Geldbörse.

Diesmal gehörte mein Leben wirklich mir.

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