Drei Söhne mächtiger Familien schlugen meine Tochter bewusstlos, doch als ich ihren Namen nannte, verschwand das Lächeln des Ermittlers

Der Arzt sagte mir, meine Tochter werde vielleicht nie wieder richtig kauen können, während drei junge Männer im Flur bereits über ihre Eltern lachten.

Es war Donnerstag, 23.47 Uhr, als ich im Aufnahmebereich des Universitätsklinikums stand und durch einen halb zugezogenen Vorhang auf Olena sah. Ihr Gesicht war geschwollen. Eine dünne Blutspur zog sich von ihrem Mundwinkel bis zum weißen Kissen. An ihrem linken Handgelenk klebte noch das orangefarbene Band der Notaufnahme.

— Mehrere Brüche im Kiefer — erklärte der Arzt leise. — Wir müssen sie operieren. Im Moment ist ihr Zustand stabil, aber sie wird lange nur flüssige Nahrung zu sich nehmen können.

Ich hörte jedes Wort.

Und gleichzeitig hörte ich gar nichts.

Olena war zwanzig Jahre alt, studierte im zweiten Jahr und rief mich sonst schon an, wenn ihr Wagen beim Anlassen ein fremdes Geräusch machte. Jetzt konnte sie nicht sprechen. Nicht einmal den Kopf richtig drehen.

Hinter der Tür stritten drei Stimmen.

— Mein Vater wird das in zehn Minuten erledigen.

— Deine Mutter kennt den Dekan. Die Polizei wird gar nichts aufnehmen.

— Ihr habt doch gesehen, dass sie zuerst geschrien hat.

Ich trat aus dem Behandlungsbereich und sah sie zum ersten Mal. Artjom Kowalenko trug ein Hemd, an dessen Ärmel ein goldener Manschettenknopf glänzte. Denys Schewtschuk hielt sich ein Tuch an die aufgeplatzte Lippe. Wladyslaw Bondarenko lehnte mit verschränkten Armen an der Wand und lächelte, als wäre das Ganze eine lästige Unterbrechung seines Abends.

Neben ihnen stand Ermittler Melnyk.

Zu ruhig.

— Sie sind der Vater? — fragte er.

— Andrej Sawtschuk.

Sein Blick blieb einen Moment zu lange auf meinem Gesicht liegen.

— Die Sache ist kompliziert. Es gab Alkohol, eine Auseinandersetzung und widersprüchliche Aussagen.

— Meine Tochter kann nicht sprechen.

— Deshalb sollten wir nichts überstürzen.

— Wen haben Sie bisher befragt?

Melnyk strich mit dem Daumen über den Rand seines Notizbuchs.

— Die drei jungen Männer. Einige Studenten. Wir warten, bis Ihre Tochter ansprechbar ist.

Hinter ihm knackte das Funkgerät.

— Kamera zwei und vier ohne Aufzeichnung — sagte eine leise Stimme. — Für den fraglichen Zeitraum ist nichts vorhanden.

Melnyk drehte sich halb weg, aber ich hatte es gehört.

Kameras fallen aus. Zeugen verschwinden. Und immer sind es zufällig die Kameras, die den einzigen Flur überwachen, auf dem drei einflussreiche Söhne eine Studentin fast zu Tode prügeln.

Ich hatte vierzehn Jahre lang in militärischen Ermittlungen gearbeitet. Die letzten fünf hatte ich eine Einheit geleitet, deren Name in keinem öffentlichen Register stand. Nach dem Tod meiner Frau hatte ich aufgehört. Olena war wichtiger gewesen als jede Dienststelle, jeder Auftrag und jede verschlossene Akte.

Ich hatte mir eingeredet, ich hätte das alte Leben hinter mir gelassen.

Dann fand ich in dem Beutel mit O lenas Sachen ihre zerrissene Kapuzenjacke. Im rechten Ärmel steckte eine zerknitterte Quittung aus einem Automaten am Universitätsbahnhof. Auf der Rückseite standen drei Namen, hastig und mit tiefen Druckspuren geschrieben:

Artjom Kowalenko.

Denys Schewtschuk.

Wladyslaw Bondarenko.

Meine Finger wurden kalt.

Ich ging zurück zu ihrem Bett. Die Infusion tropfte regelmäßig in ihre Hand. Neben dem Kissen lag ihr Telefon, dessen Glas in einem Spinnennetz aus Rissen zerbrochen war.

— Olena — flüsterte ich. — Hast du diese Namen aufgeschrieben?

Ihr Blick bewegte sich langsam zur Quittung.

Ich hielt ihre Hand.

— Haben sie dir das angetan?

Sie blinzelte einmal.

Ich beugte mich näher.

— Wolltest du jemanden schützen?

Ein zweites, langsames Blinzeln.

Dann hob sie die Finger und deutete auf ihr Telefon. Ich nahm es vorsichtig hoch. Der Bildschirm reagierte erst beim dritten Versuch. Eine Nachricht war nicht abgeschickt worden. Der Empfänger war eine Nummer, die ich nicht kannte.

Ich wollte sie öffnen, als draußen plötzlich schwere Schritte näher kamen. Melnyk erschien im Türrahmen, hinter ihm die drei jungen Männer. Artjom lächelte nicht mehr.

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— Herr Sawtschuk — sagte der Ermittler —, bevor Sie dieses Gerät weiter benutzen, müssen wir es sicherstellen.

— Warum?

— Beweissicherung.

— Seit wann beschlagnahmt die Polizei ein Telefon, bevor sie den Verletzten befragt?

Melnyks Kiefer spannte sich an. Im Flur blieb Wladyslaw stehen und sah auf meine Hand.

— Geben Sie es her — sagte er.

Ich sah wieder auf den gesprungenen Bildschirm. Eine ungelesene Nachricht blinkte darunter.

Und in diesem Augenblick griff Melnyk nach der Quittung in meiner anderen Hand…

TEIL 2

Melnyks Hand war nur noch wenige Zentimeter von der Quittung entfernt, als ich sie unter Ol ena s Decke schob.

— Sie bekommen die Quittung, sobald ein Staatsanwalt sie anfordert — sagte ich.

— Sie behindern eine Untersuchung.

— Nein. Ich verhindere, dass Beweismittel in einer Jackentasche verschwinden.

Im Flur wurde es still. Selbst das Summen der Neonröhre schien plötzlich lauter zu werden. Wladyslaw stieß sich von der Wand ab. Sein teurer Ledergürtel knarrte, als er einen Schritt auf mich zukam.

— Sie wissen nicht, mit wem Sie sich anlegen — sagte er.

— Doch. Ich sehe drei Männer, die Angst haben, dass eine Studentin wieder zu Bewusstsein kommt.

Denys ballte die Hände.

— Wir haben sie nicht angefasst, bevor sie uns angegriffen hat.

— Dann sollte es Ihnen ja nichts ausmachen, wenn man die Aufnahmen findet.

Artjoms Gesicht wurde rot.

— Es gibt keine Aufnahmen.

Er sagte es zu schnell.

Melnyk warf ihm einen scharfen Blick zu, doch ich bemerkte etwas anderes: Wladyslaw berührte mit zwei Fingern die Innenseite seines Handgelenks. Eine nervöse Bewegung. Immer wieder. Menschen tun das, wenn sie sich an einen eingeübten Satz erinnern.

23.59 Uhr.

Ich bat die Krankenschwester, bei Olena zu bleiben, und ging in das Treppenhaus. Dort roch es nach Desinfektionsmittel und nassem Beton. Ich rief Natalja Hryzenko an, die einzige Person aus meinem früheren Leben, die den Unterschied zwischen einem fehlenden Beweis und einem absichtlich verschwundenen Beweis kannte.

Sie nahm nach dem ersten Klingeln ab.

— Andrej?

— Meine Tochter wurde zusammengeschlagen. Drei Studenten. Ihre Kameras sind angeblich ausgefallen.

Am anderen Ende blieb es still.

— Wie heißt deine Tochter?

— Olena.

— Welche drei Studenten?

Ich nannte die Namen. Währenddessen beobachtete ich durch das kleine Fenster der Feuerschutztür, wie Melnyk mit jemandem telefonierte. Er stand mit dem Rücken zu den anderen, doch seine freie Hand zitterte.

Natalja atmete langsam aus.

— Andrej, war Olena dort zufällig?

— Das weiß ich noch nicht.

— Hast du ihr Telefon?

— Ja.

— Gibt es darauf eine Nachricht?

Ich schaute auf den rissigen Bildschirm. Die Nachricht war um 22.58 Uhr geschrieben worden. Der Text lautete: „Ich habe sie hinausgebracht. Sie ist in Sicherheit. Aber sie haben mein Gesicht gesehen.“

— Ja — sagte ich. — Eine nicht abgeschickte Nachricht.

Natalja sprach nun leiser.

— Andrej, war deine Tochter das erste Opfer?

Diese Frage traf mich härter als jede Nachricht aus dem Krankenhaus.

— Was meinst du?

— In den vergangenen drei Wochen wurden zwei Studentinnen vom Gelände verwiesen. Beide behaupteten, sie seien bedroht worden. Beide zogen ihre Aussagen zurück. Eine von ihnen ist seit gestern nicht mehr erreichbar.

Ich schloss die Augen. Hinter meiner Stirn öffnete sich eine alte Schublade: Namen, Zeitpunkte, Verbindungen. Dinge, die ich jahrelang nicht hatte sehen wollen.

— Warum weißt du davon?

— Weil ich gestern eine verschlüsselte Meldung bekommen habe. Jemand aus der Universität versucht, Hilfe zu bekommen. Darin stand, dass eine Gruppe von Studenten Mädchen erpresst und Aufnahmen von ihnen verteilt.

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— Warum hast du mir nichts gesagt?

— Weil ich nicht wusste, ob ich dir damit Olena in Gefahr bringe.

In diesem Moment ging die Tür zum Treppenhaus auf. Melnyk stand dort.

— Das Gespräch ist beendet — sagte er.

— Sie haben gelauscht?

— Ich habe nur sichergestellt, dass keine unbefugten Informationen nach außen gelangen.

Natalja hörte ihn offenbar über die Leitung.

— Andrej, geh nicht allein zurück in das Zimmer — sagte sie.

Melnyk legte den Kopf schief.

— Frau Hryzenko ist seit Jahren nicht mehr im aktiven Dienst. Ihre Einschätzungen sind wertlos.

— Dann haben Sie sicher nichts dagegen, wenn sie sie schriftlich abgibt.

Sein Blick glitt zu meinem Telefon.

— Geben Sie das Gerät heraus.

— Nein.

Seine Stimme wurde hart.

— Herr Sawtschuk, ich kann die Herausgabe anordnen.

— Dann tun Sie es offiziell.

Für einen Moment sagte niemand etwas. Dann vibrierte mein Telefon erneut. Nicht Natalja. Eine unbekannte Nummer.

Ich nahm ab.

Eine junge Frau flüsterte:

— Herr Sawtschuk, Ihre Tochter hat nicht nur mich gerettet. Sie hat etwas aufbewahrt. Wenn Sie wissen wollen, warum Ihre Tochter heute sterben sollte, müssen Sie um Mitternacht zum alten Archiv unter der Universitätsbibliothek kommen. Aber kommen Sie allein. Und vertrauen Sie niemandem, der behauptet, die Kameras seien zufällig ausgefallen…

Die Verbindung brach ab.

TEIL 3

Die Verbindung brach ab, bevor ich nach ihrem Namen fragen konnte.

Um 00.07 Uhr stand ich noch immer im Treppenhaus des Krankenhauses. Der Betonboden war feucht, und aus der Lüftung kam ein kalter Luftzug, der mir unter den Hemdkragen kroch. Melnyk wartete vor der Tür. Er wusste, dass ich irgendwohin wollte.

— Sie bleiben hier — sagte er.

— Meine Tochter liegt hinter dieser Tür.

— Genau deshalb sollten Sie keine Alleingänge unternehmen.

— Dann begleiten Sie mich.

Er lächelte ohne Wärme.

— Wohin?

Ich sah ihn an.

Er wusste es bereits.

Natalja meldete sich wieder. Diesmal über eine sichere Verbindung, die sie früher für besonders empfindliche Ermittlungen benutzt hatte.

— Geh nicht ins Archiv — sagte sie. — Ich habe versucht, die Universität zu überprüfen. Der Zugang ist seit Monaten gesperrt.

— Dann ist es der richtige Ort.

— Andrej, hör mir zu. Ich habe die Namen der beiden früheren Studentinnen gefunden. Eine heißt Mira Lewtschenko. Die andere ist Sofija Baran. Beide hatten denselben Betreuer: Professor Taras Bilenko.

— Und die drei Männer?

— In allen drei Fällen tauchen sie als Begleiter auf. Außerdem wurden die Sicherheitsaufnahmen nicht gelöscht. Sie wurden überschrieben, und zwar von einem Zugang, der zum Verwaltungsnetz gehört.

Die Tür zu O lenas Zimmer öffnete sich. Ein Pfleger trat heraus und nickte mir zu.

— Ihre Tochter ist wach.

Ich ging hinein. Olena hatte die Augen offen. Die Medikamente hatten ihre Pupillen groß gemacht, aber ihr Blick war klarer als zuvor. Ich setzte mich neben sie und zeigte ihr das Telefon.

— Wer hat dir geschrieben?

Sie konnte nicht sprechen. Ihre Lippen waren bandagiert. Stattdessen nahm sie einen Stift und schrieb auf den Block neben ihrem Bett: „Mira.“

— Hast du Mira aus dem Gebäude gebracht?

Sie nickte.

— Was haben die drei von ihr gewollt?

Olena schrieb langsam. Ihre Hand zitterte so stark, dass der Stift zweimal über das Papier rutschte.

„Sie hatten ein Video. Sie wollten, dass sie unterschreibt.“

— Was für ein Video?

„Nicht von ihr. Von anderen.“

Mein Magen zog sich zusammen.

— Hast du es gesehen?

Sie schrieb drei Wörter: „Im Archiv. Ordner 17.“

In diesem Augenblick erklangen Schritte auf dem Flur. Wladyslaw erschien im Türrahmen, diesmal ohne seine beiden Freunde. Er hatte eine kleine Schramme an der Wange und hielt einen Schlüsselbund in der Hand.

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— Sie machen einen Fehler — sagte er.

— Geh.

— Ihre Tochter hat Dinge gestohlen, die ihr nicht gehören.

— Sie wurde fast getötet.

— Das war eine Auseinandersetzung.

Olena hob mühsam den Stift und schrieb auf den Block: „Er war nicht dabei.“

Wladyslaws Augen verengten sich.

— Sie kann sich nicht erinnern.

Ich stand auf.

— Sie erinnert sich offenbar gut genug.

Natalja sprach noch immer über mein Telefon.

— Andrej, die Nachricht kam aus einem verschlüsselten Universitätskonto. Ich habe die Absenderkennung zurückverfolgt. Sie gehört Professor Bilenko.

Wladyslaw trat einen Schritt zurück.

— Sie sollten sich um Ihre Tochter kümmern, Herr Sawtschuk.

— Das tue ich. Deshalb werde ich jetzt herausfinden, wen ihr drei schützen wollt.

Um 00.26 Uhr kam eine Staatsanwältin namens Irena Kowal in das Zimmer. Natalja hatte sie über einen alten Kontakt erreicht. Sie war klein, trug einen dunkelgrünen Mantel und legte einen versiegelten Umschlag auf den Tisch.

— Das ist der offizielle Sicherstellungsbeschluss für das Telefon und die Kleidung — sagte sie zu Melnyk, der inzwischen zurückgekehrt war. — Und außerdem die Genehmigung, die Verwaltungsserver der Universität zu sichern.

Melnyks Gesicht verlor jede Farbe.

— Das können Sie nicht tun.

— Ich habe es bereits getan.

Irena öffnete den Umschlag. Darin lag ein Ausdruck der Zugangsdaten, die Natalja gefunden hatte.

— Der Server wurde um 22.41 Uhr von einem Konto gelöscht, das auf Ihren Namen registriert ist, Ermittler Melnyk.

Niemand bewegte sich.

Melnyk starrte auf das Papier.

— Das ist unmöglich.

— Dann wird es Ihnen leichtfallen, es zu erklären.

Olena griff nach meiner Hand. Ihre Fingernägel waren blass, ihre Finger eisig.

Irena wandte sich an mich.

— Herr Sawtschuk, im Archiv liegt vermutlich der Beweis für eine organisierte Erpressung. Aber wir haben noch etwas gefunden. Eine Tonaufnahme, die heute Abend automatisch an einen externen Speicher gesendet wurde.

— Was ist darauf?

Sie sah zu Melnyk.

— Ihre Tochter hat sie selbst aufgenommen.

Melnyk machte einen Schritt zur Tür.

In diesem Moment begann auf meinem Telefon eine Audiodatei abzuspielen. Erst war nur ein dumpfes Scharren zu hören. Dann eine Stimme.

Meine Tochter.

Und danach sagte ein Mann einen Satz, den keiner von uns je vergessen würde…

LETZTER TEIL

Dann hörte er seine eigene Stimme aus dem Lautsprecher…

Ich dachte, die Wahrheit würde alles beenden. Doch danach begann erst der Kampf um unser neues Leben.

Das Ende hat mich selbst überrascht.

Als seine eigene Drohung erklang, wurde es im Zimmer still.
„Sie haben mein altes Leben zerstört.“
Zum ersten Mal musste niemand mehr für ihn schweigen.

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