Mein Mann drängte mich an den vereisten Abgrund, doch als er meinen Namen auf der Traueranzeige sah, verschwand sein Lächeln

Mein Mann meldete meinen Tod, während ich noch unter dem vereisten Bergvorsprung um mein ungeborenes Kind kämpfte.

Der Rand verschwand unter meinen Stiefeln, noch bevor ich begriff, was geschah. Ich riss die Arme hoch und schrie Andrijs Namen. Er hätte mich erreichen können. Seine Hand war kaum einen halben Meter von meiner entfernt.

Doch er griff nicht nach mir.

Er lächelte.

— Du und das Kind werdet nicht lange leiden, sagte er leise.

Dann stürzte ich.

Der Abgrund verschluckte mich nicht. Einige Meter tiefer prallte ich auf einen schmalen Felsvorsprung. Ein brennender Schmerz schoss durch meine Hüfte und meine Seite. Ich biss mir auf die Lippe, damit ich nicht erneut schrie, und legte beide Hände auf meinen gewölbten Bauch.

— Bitte, mein Kleiner. Bleib bei mir.

Der Wind peitschte Schnee unter meinen Mantel. Mein rechter Stiefel hing halb über dem Rand des Vorsprungs, und bei jedem Atemzug knackte irgendwo unter mir das Eis. Ich konnte kaum die Finger bewegen. Trotzdem spürte ich plötzlich eine kleine, entschlossene Bewegung unter meiner Hand.

Mein Sohn lebte.

Oben am Rand erschien Natalias Gesicht. Die Frau, die Andrij seine Assistentin nannte und die ihn seit Monaten zu jeder Tages- und Nachtzeit anrief. Eine rote Wollmütze klebte an ihrem Haar, und in ihrer Hand hielt sie sein schwarzes Telefon.

— Ist sie tot?, fragte sie.

Andrij lachte gedämpft.

— Für fünfzig Millionen sollte sie es besser sein.

Ich presste meine Hand auf den Mund. Der Geschmack von Blut und Schnee vermischte sich auf meiner Zunge.

In diesem Moment passten alle Kleinigkeiten zusammen: die angeblich romantische Reise, sein Drängen auf den abgelegenen Weg, seine Wut, als ich wegen des Wetters umkehren wollte, und die Lebensversicherung, deren Änderung er mich monatelang unterschreiben ließ.

Das war kein Streit gewesen.

Er hatte mich hierhergebracht, um mich zu töten.

— Wir müssen gehen, sagte Natalia nervös. Wenn jemand die Spuren sieht …

— Niemand kommt bei diesem Wetter hier herauf, antwortete Andrij. Morgen bin ich ein trauernder Ehemann.

— Und wenn sie noch lebt?

Oben wurde es still.

Andrij trat näher an die Kante. Kleine Eisstücke lösten sich unter seinen Schuhen und fielen neben mir in die Dunkelheit. Ich hielt den Atem an. Er sah nicht nach mir, sondern auf die Schneedecke, als würde er nur prüfen, ob sie seine Fußspuren bedeckte.

— Sie ist weg, sagte er schließlich. Ich habe es gesehen.

Dann gingen sie.

Sie riefen keine Hilfe. Sie suchten nicht. Sie ließen mich zurück wie einen Gegenstand, den man nicht mehr brauchte.

Fast zwei Stunden lang verlor ich immer wieder das Bewusstsein. Wenn die Dunkelheit kam, legte ich die Hand auf meinen Bauch und zählte meine Atemzüge.

Eins.

Zwei.

Drei.

Dann hörte ich ein fernes Dröhnen. Ein Lichtstrahl wanderte über den Schneehang. Rotorblätter zerrissen den Sturm.

Ein Bergretter seilte sich zu mir hinab, kniete sich in den Schnee und tastete nach meinem Puls.

— Bleiben Sie wach. Hören Sie mich?

Ich packte seine rote Rettungsjacke.

— Das war mein Mann.

Er erstarrte.

— Ihr Mann hat Sie gestoßen?

— Sagen Sie ihm nicht, dass ich lebe.

In diesem Moment knackte sein Funkgerät. Die Stimme der Leitstelle meldete, Andrij habe bereits den Tod seiner schwangeren Frau angezeigt. Nicht ihr Verschwinden. Ihren Tod.

Der Retter sah mich an. Seine Finger schlossen sich fester um den Sicherungsgurt, während über uns der Hubschrauber im Sturm schwankte. Dann zog er eine dünne, wasserdichte Mappe aus seiner Brusttasche und sagte: — Bevor wir Sie hochholen, muss ich etwas notieren. Ihr Mann hat gerade noch einmal angerufen, und diesmal hat er behauptet, er wisse genau, wann Ihre Beerdigung stattfinden wird. Er nannte sogar eine Uhrzeit …

TEIL 2

— Welche Uhrzeit?, fragte ich, während der Bergretter den Gurt um meine Brust schloss.

Der Schnee klebte an seinen Wimpern. Sein Name war Lukas Weber, wie ich später aus dem kleinen Schild auf seiner Jacke erfuhr. Er hielt die Mappe unter seinem Arm fest, damit der Wind die Seiten nicht davontrug.

— Sonntag, vierzehn Uhr, antwortete er. Auf dem Friedhof in Falkenried.

— Aber es gibt keine Leiche.

— Das weiß ich.

— Und trotzdem will er eine Beerdigung.

Lukas sah kurz zu meinem Bauch. Dann drückte er den Verschluss des Gurtes zu, bis das Metall hart gegen meine Rippen presste.

— Frau Elena Markovic, ich verspreche Ihnen, dass Ihr Mann Sie nicht erreichen wird. Aber ich muss wissen, ob Sie bei Bewusstsein bleiben können.

— Ich bleibe wach.

— Wie heißt Ihr Kind?

Ich schloss die Augen, weil mir die Tränen sofort gefroren.

— Emil. Wenn er ein Junge wird, soll er Emil heißen.

Unter meiner Hand bewegte sich mein Sohn erneut. Ein kleines Klopfen. Eine Antwort.

— Dann halten Sie für Emil durch, sagte Lukas. Der Hubschrauber kommt.

Als der Wind der Rotorblätter über den Vorsprung raste, legte sich ein metallischer Geschmack auf meine Zunge. Ich dachte an Andrijs Gesicht, als er gelächelt hatte. Nicht an den Mann, den ich geheiratet hatte, sondern an den Fremden, der meinen Tod bereits geplant hatte, bevor ich überhaupt gefallen war.

Im Hubschrauber legte die Notärztin eine Sauerstoffmaske auf mein Gesicht. Neben meiner Trage blinkte eine kleine grüne Kontrollleuchte, und irgendwo im Innenraum klapperte bei jeder Bewegung ein loser Karabinerhaken.

— Wehen?, fragte die Ärztin.

— Noch nicht. Aber mein Bein …

— Wir kümmern uns darum. Atmen Sie.

Das Funkgerät im Helm des Piloten rauschte.

— Leitstelle an Bergrettung. Der Ehemann ruft erneut an. Er fragt, ob die Leiche geborgen wurde.

Lukas nahm den Hörer.

— Sagen Sie ihm nichts über die Patientin.

— Er verlangt Auskunft. Er ist als nächster Angehöriger eingetragen.

Lukas sah mich an.

— Nicht mehr lange, sagte er und schaltete das Gerät leiser.

Im Krankenhaus wartete bereits ein Polizeibeamter. Er stand im grellen Flurlicht neben einer Plastikpalme und hielt einen nassen Notizblock in der Hand.

— Frau Markovic, Ihr Mann behauptet, Sie seien beim Wandern verschwunden. Er hat ausgesagt, Sie hätten sich allein von der Gruppe entfernt.

— Wir waren zu zweit.

— Er sagt, er sei gestürzt und habe Sie aus den Augen verloren.

Ich tastete nach Lukas’ Hand.

— Er hat nicht nach mir gesucht.

Der Beamte schrieb etwas auf.

— Können Sie das beweisen?

— Er hat meinen Tod gemeldet, bevor jemand mich gefunden hatte.

Für einen Moment hörte ich nur das Piepen des Monitors. Dann kam eine Krankenschwester mit einem durchsichtigen Behälter, in dem mein Ehering lag. Er war mir beim Aufprall vom Finger gerissen worden und hatte in einer Spalte des Felsens gesteckt.

Andrij hatte ihn nicht einmal vermisst.

Am nächsten Morgen um 7.20 Uhr brachte eine Beamtin eine Kopie des Einsatzprotokolls. Darin stand, dass Andrij um 16.43 Uhr den Tod seiner Frau gemeldet hatte. Der erste Suchtrupp war aber erst um 17.18 Uhr losgeschickt worden.

— Das ist nur ein Widerspruch, sagte die Beamtin. Noch kein Beweis für einen Mordversuch.

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— Dann geben Sie ihm Zeit, weitere Widersprüche zu sammeln.

Meine Stimme klang fremd, aber ruhig.

Um 9 Uhr kam eine Ärztin herein und sagte, Emil müsse wegen innerer Blutungen sofort per Kaiserschnitt geholt werden. Ich unterschrieb mit zitternder Hand. Bevor sie mich in den Operationssaal schoben, vibrierte das Telefon der Beamtin.

Sie las die Nachricht und wurde blass.

— Was ist passiert?

Sie hob den Blick.

— Ihr Mann hat gerade die Beerdigungsanzeige veröffentlicht. Mit Ihrem vollständigen Namen, Ihrem Foto und einem Satz, den nur Sie beide kennen konnten.

— Welcher Satz?

Die Beamtin drehte das Telefon um. Unter meinem Bild stand: „Sie ist endlich dort, wo niemand sie mehr retten kann.“

In diesem Augenblick wurde die Tür zum Operationssaal geöffnet. Ein Mann in einem dunklen Mantel wartete dahinter. Er stellte sich als Rechtsanwalt vor und hielt eine Mappe an die Brust.

— Frau Markovic, sagte er, bevor man Sie narkotisiert, müssen Sie entscheiden, ob wir Ihren Mann weiter glauben lassen, dass Sie tot sind. Denn in seiner Mappe befindet sich etwas, das heute noch über die fünfzig Millionen entscheiden könnte …

TEIL 3

— Was befindet sich in der Mappe?, fragte ich.

Der Rechtsanwalt schloss die Tür zum Operationssaal hinter sich. Sein Name war Thomas Reiter. Er sprach ruhig, aber seine Finger drückten so fest gegen den Lederrand der Mappe, dass die Knöchel weiß wurden.

— Eine Erklärung von Andrij, sagte er. Er hat sie gestern bei seiner Versicherung eingereicht. Darin steht, dass Sie seit Monaten suizidgefährdet gewesen seien und mehrfach angekündigt hätten, sich das Leben zu nehmen.

Ich starrte ihn an.

— Das ist gelogen.

— Ich weiß es noch nicht. Aber er hat zwei Zeugen genannt: Natalia Petrenko und einen Arzt, den Sie nie gesehen haben.

Hinter mir piepte der Monitor schneller. Die Ärztin wartete bereits mit dem Operationsteam.

— Frau Markovic, wir müssen anfangen.

Ich griff nach Thomas’ Ärmel.

— Nehmen Sie die Mappe. Und finden Sie heraus, was mein Mann wirklich vorbereitet hat.

— Dafür brauche ich Ihre Zustimmung, dass ich die Versicherungsgesellschaft informiere.

— Informieren Sie alle.

Dann schob man mich in den Operationssaal.

Als ich wieder aufwachte, war es 11.06 Uhr. Mein erster Gedanke galt nicht meinem Bein, nicht den Schmerzen und auch nicht Andrij.

— Emil?

Eine Krankenschwester lächelte unter ihrer Maske.

— Ihr Sohn lebt. Zwei Kilo und neunhundert Gramm. Er hat sofort geschrien.

Ich begann zu weinen. Nicht leise. Mein ganzer Körper bebte, und die Tränen liefen in meine Ohren.

— Darf ich ihn sehen?

— Gleich.

Thomas saß am Fenster. Auf seinem Schoß lag ein eingeschaltetes Tablet. Daneben lag der kleine Messinganhänger, den ich seit meiner ersten Schwangerschaft an meinem Schlüsselbund trug: ein winziger Berg mit einem eingravierten Stern.

— Woher haben Sie den?

— Er steckte an Ihrem Schlüssel, als man Sie geborgen hat. Ich dachte, Sie sollten etwas Vertrautes sehen.

Dann drehte er das Tablet zu mir.

— Lukas hat seine Funkaufzeichnung freigegeben. Hören Sie genau zu.

Aus dem Lautsprecher kam Andrijs Stimme. Klar. Ruhig. Fast gelangweilt.

„Meine Frau ist tot. Ich brauche keine Suche, sondern eine Bergung. Sorgen Sie dafür, dass die Versicherung keine Verzögerung verursacht.“

Danach hörte man die Stimme der Leitstelle: „Herr Markovic, wir haben noch keine Leiche gefunden.“

Andrij antwortete: „Sie werden keine finden, die noch etwas sagen kann.“

Im Zimmer wurde es still.

Ich sah zu Thomas.

— Das hat er selbst gesagt.

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— Ja. Und die Aufnahme ist mit Zeitstempel, Funkkennung und mehreren Zeugen gesichert.

Die Tür öffnete sich. Ein Polizist kam herein und legte einen zweiten Umschlag auf den Tisch.

— Wir haben das Fahrzeug Ihres Mannes durchsucht. Im Kofferraum fanden wir einen Kanister, ein zweites Paar Handschuhe und dieses Dokument.

Thomas nahm den Umschlag, öffnete ihn und las. Seine Miene veränderte sich.

— Was steht darin?, fragte ich.

Er sah mich an.

— Die Versicherung sollte nicht an Sie zahlen. Andrij hat bereits vor sechs Wochen eine unwiderrufliche Abtretung unterschrieben. Die fünfzig Millionen wären an eine Firma gegangen, die Natalia gehört.

Mein Magen zog sich zusammen.

— Er wollte mich töten und sie reich machen.

— Ja.

— Und wenn ich sterbe, bekommt mein Sohn nichts?

— Doch. Jetzt, da Sie leben, können wir das verhindern.

In diesem Moment klingelte Thomas’ Telefon. Er hörte schweigend zu, dann nahm er es vom Ohr und wurde kreidebleich.

— Wer war das?, fragte ich.

— Die Versicherung. Andrij hat soeben die Auszahlung verlangt.

— Aber er weiß nicht, dass ich lebe.

Thomas blickte auf den Umschlag.

— Nein. Und genau deshalb hat er gerade einen Termin zur Auszahlung bestätigt. Morgen früh um acht Uhr. Er wird dort erscheinen, um das Geld abzuholen.

Ich sah durch das Fenster auf den weißen Himmel. Mein Sohn lag wenige Zimmer weiter in einem Wärmebett. Andrij glaubte, mich begraben zu können, bevor jemand seine Lüge bemerkte.

Thomas beugte sich zu mir.

— Frau Markovic, wir können ihn noch heute festnehmen lassen. Aber wenn Sie wollen, dass er alles vor Zeugen sagt, müssen wir ihn glauben lassen, dass sein Plan funktioniert.

Ich dachte an seine Hand über dem Abgrund. An sein Lächeln.

— Lassen Sie ihn weiterreden, sagte ich.

Thomas nickte. Doch bevor er gehen konnte, erschien auf seinem Telefon eine neue Nachricht von Natalia. Nur ein einziger Satz war zu sehen: „Wenn sie gefunden wird, weiß er, dass ich ihn verraten habe.“

Unter dieser Nachricht stand eine zweite, noch ungelesene Mitteilung. Sie kam nicht von Natalia, sondern von Andrijs Mutter …

DAS FINALE

Als Andrij seine eigene Stimme hörte, wurde er kreidebleich…

Ich dachte, mein Überleben wäre das Ende seines Plans. Doch erst danach begann die Wahrheit, alles zu zerstören, worauf er gebaut hatte.

Im letzten Raum hörte er seine eigenen Worte.
„Sie werden keine finden, die noch etwas sagen kann.“
Da verstand er, dass seine Stimme ihn verraten hatte.

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