TEIL 4 — Mein Verlobter zerriss am Flughafen unsere Flitterwochen-Tickets, doch als ich eine einzige Anweisung gab, wurde sein Gesicht plötzlich kreidebleich

TEIL 4

„Wer hat unterschrieben?“, fragte ich.

Professor Wang antwortete nicht.

Er drehte sich um und ging, als wäre das Archiv sein Eigentum. Nanchu blieb zurück. Die weißen Lilien lagen auf dem Boden, eine Blüte war abgebrochen.

Lin Feng schloss die Tür hinter Wang ab.

„Ich rufe sofort die Staatsanwaltschaft an.“

„Und mein Vater?“

„Ihr Vater ist seit drei Jahren tot.“

„Ich weiß.“

„Dann müssen wir herausfinden, wer seine Vollmacht benutzt hat.“

Mein Telefon klingelte.

Die Vorsitzende des Stiftungsausschusses war am Apparat. Ihre Stimme zitterte.

„Frau Yang, die Mehrheit hat heute Nacht eine Notfallsitzung einberufen. Man will Sie als Vorsitzende absetzen.“

„Wer hat die Sitzung verlangt?“

„Ihr Cousin Yang Wei. Er behauptet, Sie hätten die Stiftung aus Eifersucht ruiniert.“

Nanchu hob den Kopf.

„Yang Wei ist seit gestern in Singapur“, sagte er.

Ich sah ihn an.

„Woher weißt du das?“

Er schwieg.

Das war seine Antwort.

Lin Feng schickte eine Kopie der Gegenanzeige an die Ermittler. Danach rief er drei Banken, zwei Archivare und den Sicherheitsdienst an. Jeder sprach schneller als der andere.

Konten waren eingefroren worden.

Mitarbeiter der Klinik löschten Dateien.

Ein unbekannter Mann hatte versucht, die Überwachungsspeicher des Krankenhauses zu entfernen.

Um drei Uhr morgens trafen zwei Ermittler im Archiv ein. Sie trugen nasse Mäntel und legten ihre Ausweise auf den Tisch.

„Frau Yang, wir müssen Sie zu den Überweisungen befragen.“

„Ich beantworte jede Frage.“

Nanchu sprang auf.

„Sie können sie nicht behandeln wie eine Verdächtige. Sie hat die Klinik finanziert!“

Die ältere Ermittlerin sah ihn an.

„Genau deshalb befragen wir sie.“

Er wandte sich an mich.

„Qingtang, sag ihnen, dass du das alles nur wegen unserer Trennung tust.“

„Das werde ich nicht sagen.“

„Du zerstörst gerade Leben.“

„Nein. Ich höre nur auf, deines zu tragen.“

Am nächsten Nachmittag saßen wir in einem kleinen Vorführraum der Polizeibehörde. Auf dem Tisch stand ein Lautsprecher. Ich kannte die Aufnahme bereits, aber Nanchu hatte sie noch nicht vollständig gehört.

Die Ermittlerin drückte auf eine Taste.

Seine eigene Stimme füllte den Raum.

„Morgen bekommst du wieder einen Anfall. Nur kurz, damit Qingtang das Geld freigibt.“

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Nanchu wurde starr.

Neben ihm saß Miao Miao. Ohne Make-up, ohne Seidenschal, ohne ihre übliche zarte Haltung. Sie presste beide Hände auf den Mund.

„Das hast du gesagt“, flüsterte sie.

„Nein.“

„Ich war dabei.“

„Die Aufnahme ist manipuliert.“

Die Ermittlerin schob ihm das Gutachten hin.

„Die Tonspur stammt von Ihrem Telefon. Ihre Stimme wurde von drei unabhängigen Stellen bestätigt.“

Nanchu hörte weiter zu.

„Wenn sie nicht zahlt, machen wir sie zur Schuldigen.“

Das war der Moment, in dem er sich selbst nicht mehr ausweichen konnte.

Er schloss die Augen.

„Ich wollte nur die Klinik retten.“

Miao Miao lachte plötzlich. Es war ein bitteres, erschöpftes Geräusch.

„Du wolltest die Klinik besitzen.“

„Wang hat mich gezwungen.“

„Du hast mich bezahlt, damit ich krank spiele.“

„Du hast das Geld genommen.“

„Weil du mir gedroht hast, die gefälschten Befunde zu veröffentlichen.“

Die Ermittlerin stand auf.

„Shen Nanchu, Miao Miao und Professor Wang, Sie werden wegen Betrugs, Urkundenfälschung und Veruntreuung vorläufig festgenommen.“

Nanchu sah mich an.

„Qingtang, bitte.“

Zum ersten Mal klang er nicht wütend.

Nur klein.

„Ich kann dir nicht helfen“, sagte ich.

„Du liebst mich doch.“

„Ich habe dich geliebt. Aber Liebe ist kein Rettungswagen, den du jedes Mal rufst, wenn du die Folgen deiner Entscheidungen siehst.“

Er wurde abgeführt. Miao Miao ging in die andere Richtung. Im Türrahmen blieb sie stehen.

„Es tut mir leid“, sagte sie.

Ich nickte.

Mehr musste ich ihr nicht geben.

Professor Wang wurde noch am selben Abend in seinem Haus festgenommen. Dort fanden die Ermittler die drei fehlenden Ordner, die Originale meiner Forschungsskizzen und Verträge mit Yang Wei.

Yang Wei hatte die gefälschte Vollmacht meines Vaters erstellt. Er hatte Wang geholfen, die Stiftung zu übernehmen, und Nanchu als öffentlichen Sündenbock benutzt. Als die Polizei ihn am Flughafen stellte, rief er mich siebenundzwanzig Mal an.

Ich ging nicht ran.

Wochen später erhielt ich die vollständige Aufnahme aus dem Klinikarchiv. Darauf war zu sehen, wie Wang Nanchu erklärte, er müsse mich heiraten, bevor ich die Bücher prüfen ließ.

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„Sie wird dir alles geben“, sagte Wang.

Nanchu antwortete: „Und wenn sie Nein sagt?“

„Dann machen wir sie zur Frau, die Menschen sterben lässt.“

Ich hörte die Sätze allein in meinem neuen Büro. Zum ersten Mal verstand ich, dass ich nicht nur betrogen worden war. Ich war jahrelang als Schutzschild benutzt worden.

Am selben Abend ging ich in die alte Wohnung zurück, in der Nanchu und ich zusammengelebt hatten.

Sein Schrank war leer.

Auf dem Regal stand nur noch ein gerahmtes Foto von unserer Verlobung. Ich nahm es heraus und legte es in eine Schachtel. Im Schlafzimmer war ein heller rechteckiger Fleck an der Wand, wo sein Bild gehangen hatte.

Die Wohnung war nicht traurig.

Sie war still.

Auf dem Tisch lag der Porzellankranich. Ein Flügel war während der Reise weiter gesprungen. Ich steckte ihn nicht weg. Ich befestigte ihn wieder an meinem neuen Koffer.

Drei Monate später eröffnete ich in Hangzhou ein kleines Labor für die Restaurierung historischer Metallarbeiten. Nicht im Namen meiner Familie. Nicht als Wiedergutmachung für Nanchu.

In meinem eigenen Namen.

Ich arbeitete morgens mit offenem Fenster. Nachmittags prüfte ich alte Gefäße unter einer warmen Lampe. Abends holte ich meine Nichte Anlan aus der Schule ab, weil ihre Mutter wieder im Krankenhaus Dienst hatte.

Eines Tages legte Anlan mir ein Bild auf den Tisch.

Darauf stand eine Frau vor einem Flugzeug. Neben ihr hing ein winziger Kranich, viel größer als die Frau selbst.

„Das bist du“, sagte Anlan.

„Warum fliege ich allein?“

Sie zuckte mit den Schultern.

„Weil du weißt, wohin du willst.“

Ich musste mich wegdrehen, damit sie meine Tränen nicht sah.

Im Dezember fiel der erste Schnee. Ich stand vor dem Labor und hörte, wie die Flocken auf das Blechdach klopften. Der Kranich stieß leise gegen den Koffergriff.

Dann kam die letzte Nachricht von Nanchu.

Er schrieb aus der Untersuchungshaft, sein Anwalt habe Einsicht in die Akten erhalten. Er behauptete, Wang habe ihn manipuliert. Er schrieb, er brauche nur ein Treffen, fünf Minuten, um alles zu erklären.

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Darunter stand: „Bitte erinnere dich daran, dass wir uns einmal geliebt haben.“

Ich las die Nachricht zweimal.

Dann antwortete ich: „Ich erinnere mich. Deshalb komme ich nicht.“

Ich blockierte seine Nummer.

Die Stiftung wurde unter neue Verwaltung gestellt. Die gestohlenen Forschungsergebnisse wurden mir zugesprochen. Das Geld floss zurück in echte Patientenversorgung, und die Klinik wurde später unter einem unabhängigen Träger weitergeführt. Niemand nannte mich mehr die Frau, die das Krankenhaus zerstört hatte.

Aber selbst wenn sie es getan hätten, wäre ich weitergegangen.

Anlan besuchte mich am Abend im Labor. Sie trug rote Gummistiefel und hielt den Kranich in beiden Händen.

„Er ist kaputt“, sagte sie.

„Ja.“

„Willst du einen neuen kaufen?“

Ich nahm ihn vorsichtig zurück und strich über den gesprungenen Flügel.

„Nein. Dieser hat mich nach Hause gebracht.“

Draußen begann es wieder zu schneien. Der Kranich schlug leise gegen den Verschluss meines Koffers.

Diesmal klang es nicht wie ein Abschied.

Es klang wie ein Schritt nach vorn.

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