TEIL 4
„Und das Geld ist verschwunden…“
Ich ging einen Schritt zurück und stieß mit der Hüfte gegen den Tisch.
„Wie viel Geld?“, fragte ich.
Die Frau von der Bank nannte eine Summe, die mir den Atem nahm. Es waren unsere Ersparnisse für die letzten zwei Jahre. Geld für Maschas Ausbildung, für Reparaturen und für den Rest unserer Wohnungskredite.
„Wohin wurde es überwiesen?“, fragte ich.
„Auf ein Konto, das auf den Namen Ihrer Schwägerin läuft.“
Galina hörte es und begann zu schreien. „Das stimmt nicht! Ich habe nichts bekommen!“
Olga fuhr zu ihr herum. „Du hast gesagt, es sei nur eine vorübergehende Hilfe!“
„Ich habe kein Geld gesehen!“
Artjom stand mitten im Zimmer. Zum ersten Mal sah er nicht aus wie ein überforderter Sohn, der zwischen seiner Mutter und seiner Ehefrau vermitteln wollte. Er sah aus wie jemand, dessen sorgfältig gebauter Ausweg plötzlich keine Tür mehr hatte.
„Artjom“, sagte ich, „wo ist das Geld?“
Er antwortete nicht.
Die Beamtin legte ihm die Handschellen nicht an. Noch nicht. Sie nahm nur seine Personalien auf und forderte ihn auf, am nächsten Morgen zur Vernehmung zu erscheinen. Gerade diese Ruhe machte die Situation unerträglich.
„Ich kann alles erklären“, sagte er.
„Dann erklär es.“
Er sah auf seine Mutter.
Olga schüttelte heftig den Kopf. „Sag nichts ohne Anwalt.“
„Deine Mutter hat recht“, sagte ich. „Zum ersten Mal heute.“
Am nächsten Morgen saß ich in einem kleinen Besprechungsraum der Bank. Vor mir lagen Kontoauszüge, Kopien und eine Vollmacht mit meiner gefälschten Unterschrift.
Mein Anwalt, Herr Reuter, blätterte langsam durch die Unterlagen.
„Ihr Mann hat versucht, die Überweisung als familiäres Darlehen darzustellen“, sagte er. „Aber die Nachrichten auf seinem Telefon sprechen dagegen.“
„Welche Nachrichten?“
Er schob mir Ausdrucke hin.
Artjom hatte Olga geschrieben: „Wenn Julia die Wohnung abgibt, merkt sie vielleicht nie, dass wir das Konto leer gemacht haben.“
Ich las den Satz dreimal.
Dann hörte ich seine Stimme.
Die Polizei hatte die Aufnahme aus Sinas Wohnung auf Lautsprecher abgespielt. Ich saß ihm gegenüber. Artjom hörte sich selbst sagen: „Sie wird schon nicht nachfragen.“
Seine Schultern sackten zusammen.
„Das bin nicht ich“, flüsterte er.
„Doch“, sagte ich. „Du bist es. Nur ohne die Ausreden, die du mir sonst erzählst.“
„Ich wollte, dass wir meiner Familie helfen.“
„Du hast meine Daten gestohlen, meine Unterschrift gefälscht und unser Geld überwiesen.“
„Ich hatte Angst.“
„Wovor?“
Er hob den Kopf. Seine Augen waren rot.
„Dass alle sehen, dass ich meiner Mutter nie widersprechen kann.“
Dieser Satz tat fast mehr weh als alles andere. Nicht, weil er eine Entschuldigung war. Sondern weil er die Wahrheit enthielt.
Am Nachmittag kam seine Anwältin zu mir nach Hause. Sie stellte ihre Aktentasche neben den Türrahmen und sprach mit gedämpfter Stimme.
„Herr Petrowa möchte eine außergerichtliche Einigung. Er würde die Vollmacht widerrufen und sich schriftlich verpflichten, das Geld zurückzuzahlen.“
„Und die Wohnung?“
„Er verzichtet auf jeden Anspruch.“
„Er hatte nie einen Anspruch.“
Die Anwältin senkte den Blick. „Er hofft, dass Sie die Anzeige zurücknehmen.“
Ich dachte an Mascha, die am Vorabend in ihrem Zimmer gesessen und ihre Schulsachen in eine Tasche gepackt hatte, weil sie Angst hatte, Galina würde wirklich bei uns einziehen.
„Nein“, sagte ich.
Die Anwältin schloss ihre Aktentasche.
„Dann kann ich ihn nicht weiter vertreten. Er hat mich gebeten, etwas zu verschweigen, das ich der Polizei mitteilen muss.“
„Was?“
„Er hat das Geld nicht an Galina überwiesen. Ein Teil ging an einen privaten Vermittler. Er wollte damit eine zweite Wohnung anmieten und seine Mutter und Schwester später dorthin bringen. Er plante offenbar, Sie vor vollendete Tatsachen zu stellen.“
Als sie gegangen war, blieb ich lange im Flur stehen.
Die Wohnung war still.
Auf dem Garderobenhaken hing noch Artjoms dunkelgrüner Schal. Auf dem Schuhregal lag ein einzelner Schlüssel. In Maschas Zimmer stand ein Karton mit alten Fotos, die sie aus Angst vor einem Umzug gepackt hatte.
Am nächsten Morgen fuhr ich mit ihr zur alten Wohnung meiner Tante. Die Polizei hatte sie versiegelt, aber Herr Berger wartete bereits vor dem Haus.
„Sie können heute hinein“, sagte er. „Die Ermittler sind fertig.“
Ich schloss die Tür auf. Der kleine Schlüssel mit der roten Wollkordel und der Holzperle lag schwer in meiner Hand.
Drinnen war alles staubig. Trotzdem fühlte ich zum ersten Mal keinen Verlust.
Mascha ging zum Fenster und sah auf die Dächer der Stadt.
„Mama“, sagte sie, „können wir hier wirklich wohnen?“
„Nicht sofort. Wir müssen renovieren.“
„Dann machen wir es schön.“
Ich lächelte. „Das machen wir.“
Drei Wochen später reichte ich die Scheidung ein.
Artjom rief jeden Abend an. Erst bat er mich um Verständnis. Dann um Zeit. Danach wurde er wütend und behauptete, ich würde eine Familie zerstören.
Ich beantwortete keinen dieser Anrufe.
Die Polizei fand schließlich den größten Teil des Geldes auf verschiedenen Konten. Galina musste aussagen. Sie behauptete, Olga habe ihr versprochen, die Wohnung legal zu übertragen. Olga wiederum sagte, Artjom habe alles allein geplant.
Ich glaubte keiner von beiden vollständig.
Aber ich musste es auch nicht mehr.
Die Ermittlungen führten zu einer Anklage wegen Betrugs, Urkundenfälschung und unbefugter Nutzung meiner persönlichen Daten. Das Gericht würde später entscheiden, was jeder zu verantworten hatte. Ich saß nicht im Zuschauerraum, um Genugtuung zu empfinden. Ich wollte nur, dass die Wahrheit nicht wieder von jemand Lauterem übertönt wurde.
Artjom gestand schließlich.
Nicht alles auf einmal. Erst die Kopie meines Ausweises. Dann den falschen Mietvertrag. Danach die Überweisung.
Er gab zu, dass Olga den Plan entworfen hatte und er ihn ausführte, weil er glaubte, ich würde aus Liebe zu ihm nachgeben.
„Du hast dich geirrt“, sagte ich ihm bei unserem letzten Gespräch im Beratungszimmer.
„Kannst du mir irgendwann verzeihen?“
Ich betrachtete seine Hände. Dieselben Hände hatten unsere Tochter hochgehoben, unsere erste Wohnung gestrichen und später meine Unterschrift nachgeahmt.
„Vielleicht“, sagte ich. „Aber Verzeihen bedeutet nicht, dass ich zurückkomme.“
Im Frühling zogen Mascha und ich in die Wohnung meiner Tante.
Wir strichen die Wände hellgelb. Mascha stellte ihre Bücher auf ein Regal neben das Fenster. Ich nahm eine Stelle in einem kleinen Übersetzungsbüro an und ging jeden Morgen zu Fuß durch die Altstadt.
An manchen Tagen kaufte ich auf dem Markt zwei Äpfel und frisches Brot. An anderen Tagen vergaß ich zu essen, weil ich bis spät arbeitete. Es war kein märchenhaftes neues Leben.
Es war meines.
Mascha zeichnete über den Küchentisch gebeugt ein Bild. Darauf war unser Haus mit schiefen Fenstern und einem roten Punkt über der Tür.
„Was ist das?“, fragte ich.
„Dein Schlüssel“, sagte sie. „Damit du immer weißt, wo du hingehörst.“
Ich steckte den Schlüssel mit der roten Kordel in meine Handfläche. Die kleine Holzperle war an einer Seite abgeschabt, weil ich sie in den letzten Monaten so oft berührt hatte.
Im Juni kam eine Nachricht von Artjom.
Er schrieb, er habe eine Arbeit gefunden. Er schrieb, er habe sich verändert. Er schrieb, seine Mutter gebe ihm die Schuld, Galina hasse ihn, und er wisse nun, dass nur ich ihn wirklich verstanden hätte.
Am Ende stand: „Lass uns noch einmal von vorn anfangen.“
Ich las die Nachricht in der Küche, während draußen warmer Regen gegen die Scheibe schlug.
Dann löschte ich sie.
Nicht aus Wut.
Aus Ruhe.
Später brachte ich Mascha ins Bett. Sie war fast sechzehn und tat so, als brauche sie keine Gute-Nacht-Umarmung mehr. Trotzdem ließ sie mich nicht los, als ich sie umarmte.
„Mama?“, murmelte sie.
„Ja?“
„Hast du Angst, dass wir wieder alles verlieren?“
Ich sah zum Flur. Dort hing der Schlüssel an einem kleinen Haken neben der Tür. Die rote Kordel bewegte sich leicht im Luftzug, und die Holzperle schlug ganz leise gegen die Wand.
„Nein“, sagte ich. „Nicht mehr.“
Am nächsten Morgen fiel der erste Schnee.
Er legte sich auf die Dächer der Altstadt, auf die Fensterbänke und auf den roten Faden meines Schlüssels.
Ich schloss die Tür ab und ging mit Mascha die Treppe hinunter.
Diesmal drehte ich mich nicht um.
Der Schlüssel blieb bei mir.
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