Der gefürchtete Hausherr beschuldigte mich des Diebstahls, doch als ich seinen Namen erwähnte, verschwand sein Lächeln

In dem Moment, als Matteo Valente mich des Diebstahls beschuldigte, hielt ich noch den roten Emaillelöffel in der Hand, mit dem ich nachts in seinem Ballsaal getanzt hatte.

Ich legte ihn langsam auf den Reinigungwagen und drehte mich zu ihm um. Der Löffel klapperte gegen eine Porzellantasse. Ein winziges Geräusch, aber in der riesigen Küche klang es wie ein Schuss.

Matteo stand im Türrahmen. Schwarzer Mantel, nasse Schultern, kein Tropfen Wasser im Gesicht. Er sah aus, als wäre er nicht durch den Regen gekommen, sondern hätte ihn befohlen.

— Du stiehlst aus meinem Haus, Elena.

— Nein.

— Ich habe Aufnahmen.

Mein Herz schlug einmal hart gegen meine Rippen. Dann noch einmal.

— Dann zeigen Sie sie mir.

Hinter ihm blieb Marco Reyes stehen, sein Sicherheitschef. Er hatte die Arme verschränkt und trug den Ausdruck eines Mannes, der das Ende einer Unterhaltung bereits kannte. In seiner rechten Hand glänzte ein silberner Ring mit einem schwarzen Stein. Ich hatte ihn in den letzten Tagen oft gesehen, immer dann, wenn Marco glaubte, niemand beobachte ihn.

Matteo kam einen Schritt näher.

— Warum warst du um Mitternacht in meinem verschlossenen Ballsaal?

— Er war nicht verschlossen.

— Du trugst mein Hemd.

Die Hitze stieg mir ins Gesicht. Nicht wegen des Hemdes. Wegen der Art, wie Marco mich ansah, als wäre ich bereits überführt.

— Ich hatte meine Kleidung mit Kaffee verschüttet.

— Und deshalb hast du getanzt?

— Ich dachte, ich wäre allein.

Zum ersten Mal veränderte sich Matteos Gesicht. Nur ein kaum sichtbares Zucken an seinem Kiefer. Ich wusste, dass die Kameras mich dort gezeigt hatten. Meine ausgestreckten Arme. Meine nackten Füße auf dem Parkett. Den roten Löffel wie ein Mikrofon an meinen Mund gedrückt.

Was sie nicht zeigen würden, war, warum ich dort gewesen war.

Am Nachmittag hatte ich im Arbeitszimmer eine Schublade offen gefunden. Nicht weit. Nur zwei Finger breit. Darin lag ein vergilbtes Foto, das halb unter einem Notizbuch hervorschaute. Ein junger Mann mit dunklem Haar stand neben Matteo vor einem alten Auto. Auf dem Handgelenk des Mannes war eine Armbanduhr mit gesprungenem Glas.

Ich kannte diese Uhr.

Meine Mutter hatte mir ihr Bild gezeigt, als ich zwölf war. Dazu hatte sie gesagt: „Dein Vater trug sie in der Nacht, in der er nicht zurückkam.“

Am selben Abend hatte ich die Uhr in Matteos Arbeitszimmer entdeckt.

Ich hatte sie nicht genommen, um sie zu stehlen. Ich hatte sie genommen, weil ich wissen musste, ob meine Mutter all die Jahre die Wahrheit gesagt hatte. Unter dem abgewetzten Lederband befand sich eine winzige Kerbe, die mein Vater selbst hineingeschnitten hatte. Drei kurze Linien, eine lange.

Als ich die Uhr in meiner Hand erkannte, war mir schwindlig geworden.

Doch am nächsten Morgen war sie verschwunden.

— Wo ist die Uhr? — fragte ich.

Marco hob eine Augenbraue.

— Welche Uhr?

— Die alte mit dem gesprungenen Glas.

Matteo sah kurz zu ihm. Dieser Blick dauerte weniger als eine Sekunde, aber ich bemerkte ihn.

— Du weißt erstaunlich viel über meine persönlichen Dinge, Elena.

— Ich weiß nur, was ich gesehen habe.

— Du hast sie genommen.

— Nein. Jemand hat sie genommen, nachdem ich sie gefunden hatte.

Marco lachte leise.

— Das wird ja immer interessanter.

Ich spürte, wie meine Finger sich um den Rand des Reinigungstuchs schlossen. Ich durfte jetzt nicht die Nerven verlieren. Nicht vor Matteo. Nicht vor Marco.

— In welchem Raum wurde die Uhr zuletzt gesehen? — fragte ich.

Matteos Augen wurden kalt.

— Du stellst hier die Fragen nicht.

— Dann lassen Sie mich gehen.

— Das habe ich nicht gesagt.

Er deutete auf die Tür zum Arbeitszimmer.

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— Du wirst mir erklären, was du dort gesucht hast.

Ich wusste, dass ich keine weitere Möglichkeit bekam. Nicht, wenn Marco neben ihm stand. Nicht, wenn die Kameras bereits jede meiner Bewegungen aufgezeichnet hatten.

Also ging ich hinein.

Auf Matteos Schreibtisch lag eine dünne schwarze Mappe. Daneben brannte eine einzelne grüne Lampe. Marco schloss die Tür hinter uns ab.

Matteo legte die Hand auf die Mappe und sah mich an.

— Bevor ich sie öffne, solltest du mir sagen, warum deine Mutter meinen Bruder Luca Moretti kannte…

TEIL 2

— Woher kennen Sie den Namen meiner Mutter? — fragte ich.

Matteo öffnete die schwarze Mappe nicht. Seine Hand blieb auf dem Deckel liegen, die Finger so still, dass sie beinahe nicht zu ihm gehörten.

— Ich kenne viele Namen, Elena.

— Den meiner Mutter kannten Sie nicht aus den Unterlagen der Vermittlungsagentur.

Marco trat näher an den Schreibtisch.

— Vielleicht sollten wir die Polizei rufen.

— Warum? — fragte ich. — Weil eine Haushaltshilfe ein Hemd getragen hat? Oder weil jemand Ihre Uhr gestohlen hat?

Sein Ring glitt über die Tischkante und erzeugte ein leises Kratzen. Ich konnte den Blick nicht davon lösen. Der schwarze Stein war an einer Seite abgeschabt. Genau dort, wo ich am Morgen zuvor eine Spur roter Farbe gesehen hatte.

Rote Farbe.

Vom Türrahmen des Arbeitszimmers. Ich hatte sie beim Putzen wegwischen wollen, aber Marco hatte mich ungewöhnlich scharf zurückgerufen.

Matteo bemerkte meinen Blick.

— Was ist?

— Nichts.

— Du lügst.

— Das sagen Sie, obwohl Sie selbst seit drei Tagen lügen.

Im Raum wurde es still.

Marco schob den Stuhl zurück.

— Das reicht.

— Nein — sagte Matteo.

Er hob die Hand. Marco blieb stehen.

Matteo öffnete die Mappe. Darin lagen Ausdrucke aus den Überwachungskameras. Bilder von mir im Ballsaal. Ich mit hochgekrempelten Ärmeln. Ich, wie ich mich drehte. Ich, wie ich über etwas auf dem Boden stolperte und lachen musste.

Unter dem letzten Bild lag ein weiterer Ausdruck.

Ich stand im Arbeitszimmer vor dem Schreibtisch. Meine Hand war über der offenen Schublade.

— Sie haben die Aufnahmen zusammengeschnitten — sagte ich.

— Das behauptest du einfach?

— Dieses Bild wurde um drei Uhr siebenundzwanzig aufgenommen. Zu dieser Zeit war ich im Waschraum im Westflügel. Die Wanduhr dort geht sechs Minuten vor. Ich weiß es, weil ich sie täglich stelle.

Marco wurde blass, kaum merklich.

Ich sah zu Matteo.

— Außerdem fehlt auf dem Ausdruck ein Schatten.

— Was?

— Die Lampe auf Ihrem Schreibtisch stand an. Mein Schatten müsste auf die Schublade fallen. Tut er aber nicht. Das Bild wurde aus zwei Aufnahmen zusammengesetzt.

Matteo nahm den Ausdruck hoch. Seine Augen glitten über jedes Detail.

Marco sagte schnell:

— Sie ist verzweifelt. Sie sucht eine Ausrede.

— Dann prüfen Sie die Originaldateien — sagte ich.

— Das ist bereits geschehen.

— Von wem?

Marco antwortete nicht.

Matteo sah zu ihm. Diesmal länger.

Plötzlich vibrierte mein Telefon in der Tasche. Eine unbekannte Nummer. Ich nahm nicht ab. Wenige Sekunden später kam eine Nachricht.

„Vertrau ihm nicht. Die Uhr ist nicht das Einzige, was verschwunden ist.“

Meine Kehle wurde trocken.

Matteo hatte die Nachricht ebenfalls gesehen.

— Gib mir das Telefon.

— Nein.

— Elena.

— Wenn Sie wirklich glauben, ich hätte etwas gestohlen, durchsuchen Sie mich. Aber rufen Sie nicht die Polizei, bevor Sie wissen, wer Ihre Kameras bedient.

Marco ging plötzlich auf mich zu. Seine Hand schloss sich um meinen Arm.

— Du überschätzt dich.

Der Druck seiner Finger tat weh. Ich roch sein starkes Rasierwasser und spürte, wie sich in mir die Angst mit einer alten, vertrauten Wut mischte. Meine Mutter hatte diese Angst gekannt. Sie hatte sie ihr ganzes Leben lang getragen.

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Matteo packte Marcos Handgelenk und zog ihn zurück.

— Fass sie nicht noch einmal an.

Marco starrte ihn an.

— Du verteidigst eine Diebin?

— Ich verteidige niemanden.

— Dann frag sie, warum sie den Namen Luca Moretti kennt.

Matteo wandte sich mir zu.

— Antworte.

Ich legte mein Telefon auf den Tisch. Dann griff ich unter meinen Pullover und zog eine kleine Plastikhülle hervor. Darin lag ein vergilbtes Bild meiner Mutter, ein gefalteter Brief und ein winziger Schlüssel.

Matteo erkannte das Foto, bevor ich es ihm reichte.

Sein Gesicht verlor jede Farbe.

— Woher hast du das?

— Von meiner Mutter. Vor ihrem Tod.

— Deine Mutter ist tot?

— Seit sieben Wochen.

Seine Finger zitterten, als er das Bild nahm. Auf der Rückseite standen vier Worte in verblasster Tinte: „Luca, komm nicht zurück.“

Marco flüsterte etwas, das ich nicht verstand.

Matteo hörte es trotzdem.

— Was hast du gesagt?

— Nichts.

— Du hast ihren Namen gekannt — sagte Matteo. — Du hast gewusst, dass sie existiert.

Marco wich zurück.

In diesem Augenblick klingelte im Flur das alte Telefon. Einmal. Zweimal. Dreimal.

Matteo ging nicht hin. Stattdessen nahm er den Brief und faltete ihn auf.

Noch bevor er die erste Zeile lesen konnte, hörten wir draußen einen dumpfen Schlag. Dann das Geräusch splitternden Glases. Und eine Männerstimme rief meinen Namen…

TEIL 3

Die Stimme kam aus dem Wintergarten.

Matteo zog eine Waffe aus dem Schulterholster, während Marco zum Seitenausgang lief. Ich blieb einen Moment wie festgenagelt stehen. Dann sah ich den kleinen Schlüssel in Matteos Hand.

— Der Schlüssel — sagte ich. — Er gehört zu einer Kassette.

— Zu welcher Kassette?

— Meine Mutter hat sie mir nie gezeigt. Sie sagte nur, ich solle sie finden, wenn jemand behauptet, mein Vater sei ein Verräter gewesen.

Im Wintergarten schlug der Wind gegen die Scheiben. Eine davon war gesprungen, aber niemand stand draußen. Auf dem Boden lag ein nasser Umschlag.

Matteo hob ihn auf.

Darauf stand in der Handschrift meiner Mutter: „Für Matteo, falls Elena jemals vor deiner Tür steht.“

Marco blieb mitten im Flur stehen.

— Das ist eine Falle — sagte er.

— Von einer toten Frau? — fragte ich.

Matteo öffnete den Umschlag. Darin lag kein Brief, sondern ein alter Schlüsselanhänger aus Messing. An ihm hing ein schmaler Schlüssel mit drei Kerben.

Ich berührte ihn.

— Das ist er.

Matteo sah mich an.

— Wo ist die Kassette?

— In Ihrem Haus.

Wir fanden sie hinter der losen Holzleiste unter dem großen Tisch im Ballsaal. Dort, wo ich nachts getanzt hatte, weil dieser Raum als einziger nicht nach Reinigungsmittel und Einsamkeit roch. Die Kassette war klein, aus dunklem Metall, und an der Seite klebte noch ein Stück rotes Wachs.

Matteo steckte den Schlüssel hinein.

Marco zog seine Waffe.

— Öffne sie nicht.

Matteo drehte sich langsam um.

— Warum?

— Weil du nicht weißt, was darin ist.

— Du aber offenbar schon.

Das Schloss sprang auf.

Darin lagen die alte Armbanduhr, drei Seiten aus einem Buchhaltungsbuch und ein Tonbandgerät. Meine Hände begannen zu zittern. Matteo nahm die Uhr heraus. Unter dem gesprungenen Glas waren die drei kurzen und eine lange Kerbe zu sehen.

Er sah mich an.

— Luca war dein Vater.

Ich nickte.

— Meine Mutter hat es mir vor ihrem Tod gesagt. Sie sagte, Sie hätten ihn nicht getötet. Aber sie sagte auch, dass Sie glaubten, er hätte Sie verraten.

Matteo setzte sich auf die Kante des Billardtisches. Zum ersten Mal sah er nicht wie der mächtigste Mann im Raum aus.

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— Luca hat mich nie verraten.

— Dann warum ist er verschwunden?

Er blickte auf Marco.

— Weil jemand dafür gesorgt hat, dass ich es glaubte.

Marco hob die Waffe höher.

— Matteo, hör mir zu.

— Du hast die Aufnahmen gefälscht — sagte Matteo. — Du hast die Uhr genommen. Du hast Elena in mein Haus gebracht.

— Ich habe sie nicht hierhergebracht.

— Aber du hast ihre Unterlagen verändert.

Marco schwieg.

Matteo legte das Tonbandgerät auf den Tisch und drückte den Knopf. Zuerst war nur Rauschen zu hören. Dann die Stimme eines jungen Luca.

„Wenn du das hörst, Matteo, weißt du, dass Marco Reyes mich verkauft hat. Er hat unseren Vater bestohlen und die Schuld mir gegeben. Ich habe Beweise. Wenn mir etwas passiert, suche in seinem roten Notizbuch.“

Marco wurde weiß.

Danach erklang die Stimme meiner Mutter. Leise. Atemlos.

„Luca lebt nicht mehr. Marco hat ihn in der Nacht abgeholt. Ich habe Elena versteckt, weil ich wusste, dass er auch nach ihr suchen würde.“

Ich griff nach der Tischkante. Die Welt schien unter meinen Füßen wegzukippen.

Matteo flüsterte:

— Deine Mutter hat mich zwanzig Jahre lang für einen Mörder gehalten.

— Sie hatte Angst.

— Und du?

— Ich hatte keine andere Wahl.

Plötzlich ging im ganzen Haus das Licht aus.

Aus dem Dunkel hörte ich Marco davonlaufen. Dann das Zuschlagen einer Tür. Matteo rief meinen Namen, aber seine Stimme kam bereits von weit her.

Auf dem Tonbandgerät leuchtete eine kleine rote Lampe. Darunter lag ein zweiter Zettel, den keiner von uns bemerkt hatte.

Ich hob ihn auf.

Darauf stand nur ein Satz: „Wenn Marco flieht, wird Matteo der Nächste sein.“

In diesem Moment vibrierte Matteos Telefon. Er nahm ab, hörte schweigend zu und ließ es sinken.

— Wer war es? — fragte ich.

Er sah zur dunklen Tür.

— Mein Anwalt. Marco hat heute Morgen die Firma verkauft.

Dann erschien auf dem Bildschirm des Telefons eine neue Nachricht. Ein Bild von einem brennenden Lagerhaus. Darunter stand: „Komm allein, Matteo. Oder Elena stirbt.“

Und plötzlich wusste ich, dass die Wahrheit über meinen Vater nur der Anfang gewesen war…

FINALE TEIL

Als Matteo die alte Aufnahme hörte, wurde er ganz still…

Ich dachte, die Wahrheit würde mich befreien. Aber sie zwang uns zuerst, alles zu verlieren, woran wir uns festgehalten hatten.
Was danach geschah, veränderte mein ganzes Leben.

In der letzten Szene hörte ich seine Stimme aus dem Lautsprecher:
„Du hast mich aufgenommen.“
Zum ersten Mal wirkte er nicht mächtig, sondern verloren.

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